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DER RUF DER WÜSTE . . .
VON GÖTTINNEN UND EMANZEN
(oder: Freiheit wessen wovon wozu?)
![[Emanze]](emanzeflag.jpg)
". . . seems it's always been the same:
getting paid for being lain, guess
that's the name of the game . . ."
"Das Schreiben und das Lesen macht Mädchen widerlich -
der Mann, für mich erlesen, er liest einmal für mich!"
![[er liest einmal für mich...]](mannliest.jpg)
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EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE
Nein, liebe Leser, Dikigoros wird Euch hier nicht von echten Wüsten berichten, jedenfalls nicht von solchen, die er oder andere bereist hätten - es gibt andere Kapitel seiner "Reisen durch die Vergangenheit", in denen er über solche Wüsten schreibt, wie z.B. die Sonora, die Namib, die Atacama oder die Gobi. Aber "wüst" heißt ja ursprünglich "leer", und das kann nicht nur eine Landschaft sein, sondern "Leere" kann auch einen Geisteszustand beschreiben - nicht umsonst kennt unsere Sprache das Wort "sinnentleert". A propos: Was hat Dikigoros da bloß wieder für [un]sinnige, böse, chauvinistische Zitate ausgegraben? Nun, liebe Leser[innen], das zweite stammt von Schillers heute fast vergessenem Landsmann und Zeitgenossen Christian Friedrich Daniel Schubart (das war der Dichter des kurz vor Ausbruch der Französischen Revolution verfaßten und noch in Dikigoros' Kindheitstagen sehr populären Gedichts von der Forelle - welches übrigens das Thema mit dieser Reise durch die Vergangenheit gemeinsam hat, wenn man es genau und auch zwischen den Zeilen liest), der es einem jungen Mädchen in den Mund legte; das erste ist rund zwei Jahrhunderte jünger und steht in einem Song von Elton John ("Sweet Painted Lady" - den vollständigen Text, versehen mit einer Anmerkung von Dikigoros, gibt es hier) auf seiner wohl besten LP, "Goodbye Yellow Brick Road", aus der Dikigoros immer wieder gerne zitiert. Schließlich war es die Lieblings-Platte seiner Ex-Freundin Dagi, von der diese Reise hauptsächlich handeln soll. Dagis Mutter hatte mit solchen Sprüchen - abgesehen davon, daß sie kein Englisch konnte (zum Glück, sonst hätte sie sich bestimmt über sexistische Reklame wie diese oder diese furchtbar aufgeregt) - ganz und gar nichts am Hut. Vielmehr hatte sie, wie viele Nachkriegs-Mütter, die es gut mit ihren Töchtern meinten, und die sich noch erinnerten, welche Rolle die Nazis den Frauen zugedacht hatten, immer gesagt: "Kind, du sollst mal nicht als Heimchen am Herd enden und dich mit Kochtöpfen und Babywindeln herum ärgern müssen. Du sollst es mal besser haben als ich, etwas Vernünftiges lernen, damit du dereinst auf eigenen Beinen stehen kannst und nicht von einem Mann abhängig bist, bei dem du um Haushaltsgeld betteln mußt. Geh' zur Schule und lern' fleißig." Und die Schularbeiten kontrollierte sie täglich, und wehe, das Töchterchen brachte etwa schlechte Noten nach Hause!
Dagis Mutter hatte in vielem Recht (außer in Sachen Haushaltsgeld, das verwaltete - wie in fast allen Hausfrauen-Ehen ihrer Generation - sie selber und teilte ihrem Ehemann nur ein knapp bemessenes Taschengeld zu; aber das betrachtete sie als selbstverständlich): Während die Geld verdienenden Männer am frühen Abend - Samstags sogar schon am frühen Nachmittag! - nach Hause kamen, die Beine auf den Tisch legten und den Feierabend genossen - und den freien Sonntag sowieso -, fingt dann für die geplagte Hausfrau die Arbeit erst richtig an: Wenn der Mann nicht gerade eine so gute Stellung hatte, daß er über eine ausreichend lange Mittagspause und ein ausreichend hohes Gehalt verfügte, um "auswärts", d.h. in einem Lokal, essen zu gehen (aber davon konnte Dagis Vater nur träumen), mußte sie ihm morgens die Stullen fürs Mittagessen fertig machen (Schnell-Imbisse und Pommes-Buden gab es noch nicht, und Werks-Kantinen waren noch die Ausnahme), und abends mußte sie etwas Ordentliches kochen. Es gab noch keine Tiefkühlkost aus dem Supermarkt, geschweige denn Mikrowellen, um sie in ein paar Minuten aufzuwärmen, und Konserven waren unverhältnismäßig teuer. Ihr Mann hätte ihr auch etwas anderes erzählt, wenn sie es gewagt hätte, ihm so einen Fraß vorzusetzen; und wenn er "Dr. Oetker" hörte, assoziierte er damit vielleicht seinen Zahnarzt, aber bestimmt keinen Kuchen - der mußte selbst-gebacken sein, und selbst war nicht der Mann, sondern die Hausfrau!) Zum Glück war bereits der Gas-Herd erfunden, und fließend Wasser im Haus und Strom aus der Steckdose gab es auch schon. Dagis Großmutter hatte das Wasser noch aus einem Brunnen im Garten gepumpt, der im Sommer schon mal ausgetrocknet und im Winter schon mal zugefroren war; und für den Küchenherd und den Ofen - Zentralheizung gab es noch nicht, geschweige denn eine mit Heiz-Öl betriebene - mußte sie Kohlen aus dem Keller schleppen; Leute, die keine Kohle hatten - auch im übertragenen Sinn - mußten statt dessen in den Wald gehen, Holz hacken und es nach Hause schleppen, das war noch anstrengender. Oder halt frieren - in der Generation waren noch Menschen erfroren. Und die Hühner hatte sie noch eigenhändig groß gezogen, geschlachtet und gerupft. Wenn sie dann abends noch Muße hatte, vielleicht ein paar Zeilen zu lesen - meist in der Hausbibel - mußte sie eine Kerze anzünden, denn elektrisches Licht und Glühbirnen gab es noch nicht, jedenfalls nicht für "Normalverbraucher".
Aber auch Dagis Mutter, hatte für den anschließenden Abwasch noch keine Geschirrspül-Maschine, ebenso wenig wie für die Wäsche eine Wasch-Maschine oder einen Wäsche-Trockner - sie benutzte einen Bottich und ein "Waschbrett" - beide waren immerhin schon aus Metall. Hinterher mußte sie noch bügeln - natürlich gab es auch noch keine elektrischen Bügel-Eisen, sondern nur große, schwere Ungetüme, die mit heißen Kohlen gefüllt wurden. Und es gab viel mehr zu waschen und zu bügeln als eine Generation später, denn die Wegwerf-Windeln (welch eine Verschwendung!) waren noch nicht erfunden, ebenso wenig die permanente Bügelfalte, geschweige denn der Schlabber-Look, d.h. Hosen ohne Bügelfalten, in denen ein ordentlicher Angestellter oder Beamter nicht auf der Arbeitsstelle erscheinen durfte. Und wenn die Wohnung nicht ordentlich geputzt und aufgeräumt war (natürlich noch ohne elektrischen Staub-Sauger - wofür gab es Eimer, Putzlappen, Besen und Teppichklopfer oder Bohnerwachs?), fragte der Ehemann - der sich im Büro doch sicher einen schönen Tag mit Zeitung lesen, Kaffee trinken und Kollegen-Tratsch gemacht hatte - allen Ernstes: "Was hast du bloß den ganzen Tag getrieben?"
Dabei hatte Dagis Mutter noch Glück: Erstens bekam nicht jede Frau ihrer Generation überhaupt einen Mann zum Heiraten ab (junge Männer, d.h. solche unter 30, waren nach dem Krieg knapp, besonders halbwegs unversehrte - und einen "alten Knacker" wollte sie nicht), zweitens hatte er eine feste Arbeit (na ja, besonders gut bezahlt war sie nicht, etwas schneller befördert werden könnte er auch, aber immer noch besser als arbeitslos), und drittens machte er keinen Ärger, wie so viele andere Männer: Er trieb sich nicht mit anderen Frauen herum, er ging nicht mit anderen Männern in die Kneipe, er trank nicht (oder so gut wie nicht: unter der Woche gar nicht, und die 0,7-Liter-Bierflasche, damals noch wieder verschließbar mit Bügel und Gummi, hielt bei ihm ein ganzes Wochenende, die Kiste mit 20 Flaschen folglich fast ein halbes Jahr), er rauchte nicht (auch sie hatte es sich abgewöhnt, als die Kinder kamen und für solche Dinge kein Geld mehr übrig war), er schlug sie nicht, er schälte abends die Kartoffeln und putzte am Wochenende die Schuhe... Aber aus alledem schloß Dagis Mutter nur, daß es anderen Frauen noch schlechter ginge als ihr selber, und davor wollte sie ihre Tochter bewahren. Nein, sie sollte ihr auch nicht bei der Küchenarbeit helfen - am Ende würde sie noch lernen, einen Haushalt zu führen und sich dann doch in den sicheren Hafen flüchten, der für Mädchen ihrer Generation die Ehe noch war. Sie sollte nicht kochen und backen, sondern verdammt nochmal ihr Abitur machen und studieren, auch wenn's schwer fiel, basta.
Dagi hört auf ihre Mutter, und so wird sie fast ungewollt zu einem Bestandteil jener Frauen-Bewegung, die "Emanzipation" - ein Begriff, von dem ihre Mutter noch nie gehört hatte; zu ihrer Zeit sagte man "Suffragetten", vom englischen Wort für Wahlrecht, aber das ist ja inzwischen kein Thema mehr - auf ihre Fahnen (und z.T. sogar auf ihre Kaffee-Tassen :-) geschrieben hat. Eigentlich sind beide Begriffe falsch, oder zumindest ungenau: Das lateinische Wort "Emanzipation" bedeutet "mündig" werden im weitesten Sinne, z.B. wenn der Sohn volljährig und damit aus der Vormundschaft des Vaters entlassen wurde (die Tochter wurde das streng genommen nie, sie konnte allenfalls verkauft oder verstoßen werden - oder verheiratet; dann ging sie von der Vormundschaft des Vaters direkt in die des Ehemannes über, schließlich hieß das ganze ja nicht "Efrauzipation", ebenso wenig wie die Geschichte auf Englisch "Herstory" heißt, sondern vielmehr "History"; daran sollte sich auch nichts ändern, als zum ersten Mal eine Frau Vorsitzende der Tories und als solche sogar Premier-Ministerin wurde :-) Das englische Wort grenzt das Anliegen wie gesagt viel zu eng auf das Wahlrecht ein. Als Dagi jung war, d.h. in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, sagte man in den USA, dem weltweit führenden Lande der Frauenbewegung, richtiger "womens' lib[eration]", d.h. "Freiheit [oder Befreiung] der Frauen" - und danach hat Dikigoros auch den zweiten Untertitel dieser Reise durch die Vergangenheit gewählt und seine Eingangsfrage gestellt: Wozu das alles? Aber diese Frage kann man, pardon frau sicher nur individuell beantworten.
Dagi studiert, schafft mit Ach und Krach ihr Examen, macht ein Praktikum in Australien, stellt fest, daß es dort viel schöner ist als zu Hause unter Mutters Fuchtel (ja, auch deren Herrschaft über Haushalt und Kinder - und Familien-Budget - sollte mit der "Emanzipation" verloren gehen, aber das konnten die ach so "unterdrückten" Frauen damals noch nicht absehen) und sucht sich einen Job möglichst weit weg von daheim - in Berlin. Das ist damals noch fast Ausland, eine Insel inmitten der DDR. Eine Besonderheit dieser Insel ist es, daß es keine "Sperr-Stunde" gibt, d.h. die Kneipen und Lokale bleiben jeden Tag und jede Nacht rund um die Uhr geöffnet. In einer dieser Kneipen lernt Dagi Frankenstein kennen, einen halben Kollegen, dessen einziges Hobby (außer Saufen und Rauchen, aber das sind ja fast schon Pflicht-Übungen für einen Vertreter, jedenfalls kein echtes Hobby) Reisen nach Afrika sind. Er erzählt und erzählt: vom unberührten Urwald, von Löwen, Tigern und Elefanten... Die meisten dieser Reisen bezahlt sein Arbeitgeber, denn er ist ein tüchtiger Mitarbeiter - es ist nicht jedermanns Sache, den Kunden in den meist weniger gut betuchten Ländern der Dritten Welt noch deutsche Waren zu verkaufen, die eigentlich im Vergleich mit Konkurrenz-Produkten z.B. aus Fernost, die gerade auf den Markt zu drängen beginnen, viel zu teuer sind. Da soll er ruhig mal ein, zwei Wochen im Anschluß an eine anstrengende Geschäftsreise auf Foto-Safari gehen und sich entspannen, wenn es ihm denn Spaß macht... Vielen Leuten würde das keinen Spaß machen - besonders wohl behüteten Frauen nicht -, aber Dagi ist fasziniert. Gewiß, Frankenstein (der nicht umsonst so genannt wird - eigentlich heißt er nur Frank) ist kein schöner Mann, sieht noch älter aus, als er eh schon ist, und was er nicht im Kopf hat (d.h. im Kopf hat er durchaus genug, hat immerhin BWL studiert, aber der Rumpf ist halt einen Kopf zu klein geraten ) gleicht er durch seinen Bauch-Umfang wieder aus.
Immerhin, mit dem kann frau mal in aller Ruhe ein Bier trinken gehen, ohne daß er schon am ersten Abend mit ihr ins Bett will, wie all diese anderen Kerle, vor denen Dagis Mutter sie immer gewarnt hat: Männer wollen nur das eine, und das ständig... Dagi läßt die Reihe ihrer Verflossenen Revue passieren: Da war Schlumpfi, der Sohn des Bürgermeisters, klein, dumm, häßlich. Aber das störte sie gar nicht - im Gegenteil, solche Männer sind wenigstens nett, können sich nichts heraus nehmen gegenüber dem schwachen Geschlecht, müssen froh sein, wenn frau überhaupt mal mit ihnen ausgeht. Immerhin hatte er Humor, feste politische Grundsätze und das richtige Parteibuch, um später mal für ein paar Jahre seinen Vater zu beerben. Aber um Frau Bürgermeister zu spielen fehlte Dagi der Humor. Oder Baron Mickey Mouse, so genannt, weil er seine Doktor-Arbeit über besagte Zeichentrick-Figur geschrieben hatte (er war Germanist). Er war auch sonst ein ziemlicher Kindskopf, trotz seines vorgerückten Alters. Dagi gesteht sich selbstkritisch ein, daß sie auf ältere, minder bemittelte Schlappschwänze steht, die sind einfach pflegeleichter als so ein junger Hans-Dampf-in-allen-Gassen... Eine Ausnahme war mal dabei, "Hermann der Cherusker", so genannt, weil er groß, blond und blauäugig war wie sie selber. Aber als er ihr dann einen Heiratsantrag machte, ging ihr das denn doch zu weit. Er hatte ja sooo viele Nachteile: Erstens war er Jurist, und das sind meist unverträgliche Menschen (sie muß es wissen, denn sie hat selber auch Jura studiert und arbeitet jetzt als Vertreterin für Rechtsschutz-Versicherungen). Zweitens angehender Rechtsanwalt, und er wollte sich in einem kleinen Kaff niederlassen - das hatte sie lange genug gehabt; sie wollte endlich mal die Welt sehen, eine Weltstadt, wie Berlin! Und drittens und entscheidend: Dagi mochte seine Mutter nicht, so eine dominante Hausdrachin, der ihre mangelhaften hausfraulichen Fähigkeiten nicht entgangen waren und die sie das spüren ließ. Also machte sie Schluß mit Hermann, in aller Freundschaft - alle paar Jahre sehen sie sich noch und erzählen einander, wie es ihnen ergangen ist.
(...)
Fortsetzung folgt.