Wilhelm II v. Hohenzollern
(27.01.1859 - 04.06.1941)
![[Wilhelm II - Gemälde von Artur v. Ferraris]](wilhelm2pelz.jpg)
Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros
- 1859
- 27. Januar: Friedrich Wilhelm Albert Viktor v. Hohenzollern wird als erstes Kind der Princess Royal of England, Victoria, in Berlin geboren. Deren Ehemann, Friedrich Wilhelm v. Hohenzollern, Kronprinz des Königreichs Preußen (der spätere Deutsche Kaiser Friedrich III), erkennt die Vaterschaft an. Das Kind wird auf seinen Namen getauft, ferner auf die Namen
der Großeltern mütterlicherseits (Albert und Victoria von Saxen-Coburg-Gotha).
- Bei der Geburt wird infolge eines ärztlichen Kunstfehlers Wilhelms linker Arm beschädigt; er bleibt - allen "martialischen" Auftritten zum Trotz - sein Lebtag militärdienst-untauglich; er kann nicht einmal ohne fremde Hilfe ein Pferd besteigen. (Gleichwohl wird er bereits an seinem 10. Geburtstag zum Leutnant ernannt und danach regelmäßig weiter befördert - an seinem 29. Geburtstag wird er Generalmajor.)
- 1864-71
- Der preußische Ministerpräsident und - seit 1867 - Kanzler des "Norddeutschen Bundes"
Otto v. Bismarck
schafft mit "Eisen und Blut" (fälschlich auch als "Blut und Eisen" zitiert), d.h. durch eine Reihe von Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich das "[Klein-]Deutsche Reich", das von Anfang an mit einer Reihe schwer wiegender Hypotheken belastet ist: zum einen beinhaltet es polnisch, dänisch und französisch gesinnte Minderheiten; zum anderen schließt es Deutsch-Österreich, Böhmen und Mähren - Kernlande des 1866 zerschlagenen Deutschen Bundes - aus.
- 1874-1877
- Wilhelm - der bis dahin Privatunterricht erhalten hat - besucht die letzten drei Klassen des Gymnasiums in Kassel-Wilhelmshöhe.
![[Gemälde von Angeli]](wilhelmbyangeli.jpg)
- 1877
- Wilhelm schreibt sich für ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Bonn ein. Da er nicht wirklich studieren kann (die Professoren dürfen ihn nicht prüfen; statt eines Abschlusses verleiht ihm später die Universität Berlin einen Dr. iur. h.c.), verbringt er seine Studentenzeit meist auf Kneipen des Corps "Borussia". Die - sonst
obligatorischen - Fecht-Mensuren werden ihm dagegen erlassen.
![[Wilhelm als Corps-Student]](wilhelmbynoster.jpg)
- 1881
- Wilhelm heiratet die Prinzessin
Victoria Auguste v. Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg. Aus der Ehe gehen binnen zehn Jahren sechs Söhne und eine Tochter hervor.

- ab 1884
- Wilhelm wird unter Bismarck im Auswärtigen Amt beschäftigt. Auf einigen kurzen Missionen in Rußland gewinnt er den Eindruck, daß dessen Verhältnis zum Reich seit dem Berliner Kongreß von 1878 nachhaltig zerrüttet sei. (Bismarck hatte sich nach dem russisch-türkischen Krieg als "ehrlicher Makler" aufgespielt, de facto jedoch die Interessen
Österreich-Ungarns
und Großbritanniens vertreten und den Tsaren gezwungen, auf seine im Frieden von San Stefano verbrieften Gewinne - Unabhängigkeit Bulgariens, freie Passage durch Bosporus und Dardanellen - zu verzichten.)
- 1888 ("Dreikaiserjahr")
- 9. März: Kaiser Wilhelm I stirbt.
- 15. Juni: Kaiser Friedrich III stirbt.
- Wilhelm wird unter dem Namen "Wilhelm II" Deutscher Kaiser und König von Preußen.
- Der 27. Januar wird als
"Kaisers Geburtstag"
- neben dem "Sedanstag" (nach dem Ort einer Schlacht im deutsch-französischen Krieg am 1./2. September 1870) - Nationalfeiertag.
- 1889
- Wilhelm wohnt der Hochzeit seiner Schwester mit dem griechischen Kronprinzen in Athen bei. Er nutzt diese Gelegenheit zu einem Abstecher nach Konstantinopel, wo er Sultan Abdül Ħamid II besucht. Bismarck - der zuvor nicht informiert war und jenen Besuch als Provokation Rußlands empfindet - kritisiert ihn daraufhin scharf.
- 1890
- 18. März: Wilhelm verlangt - vor allem aus innenpolitischen Gründen - den Rücktritt Bismarcks als Reichskanzler, den dieser am folgenden Tag einreicht.
![[Des Deutschen Reiches Steuermann]](wilhelmsteuermann.jpg)
- Nachdem "der Lotse von Bord gegangen" ist, ergreift Wilhelm persönlich das Steuer des Staatsschiffes, das er auf einen flexibleren "neuen Kurs" bringen will. Dieser erweist sich jedoch zunehmend als Zickzackkurs: Wilhelm schwankt zwischen dem Versuch, sich mit den "germanischen" Mächten Großbritannien und USA gegen Frankreich und Rußland zu verbünden und dem Versuch, zusammen mit Frankreich und Rußland einen "Kontinentalblock" gegen die Überseemächte zu bilden. Er verkennt dabei einige grundlegenden Konstanten in der Außenpolitik jener Länder: Weder Großbritannien noch die USA sind bereit, eine weitere
Industrie- und Handelsmacht neben sich zu dulden; ihre früheren Sympathien galten ausdrücklich nur "poor little Germany", das ihnen keine Konkurrenz auf den Weltmärkten machte. Frankreich ist nicht für eine Aussöhnung, geschweige denn für ein Bündnis zu gewinnen ohne Rückgabe Elsaß-Lothringens, das es im 17. Jahrhundert erobert und mit einer brutalen Besatzungspolitik - besonders im 19. Jahrhundert - zwangsgallisiert hat und seitdem als integralen Bestandteil der "grande nation" betrachtet. Rußland ist nicht zu gewinnen, ohne seine Bosporos-Ambitionen und seinen Wunsch nach "Schutzherrschaft" über die slawischen
Völker in Südosteuropa zu befriedigen. Dies würde aber voraussetzen, die maroden Reiche der Osmanen und der Habsburger als Verbündete [auseinander] fallen zu lassen. Dazu war schon Bismarck nicht bereit; Wilhelm ist es erst recht nicht - wiewohl es im Rückblick wohl eine sinnvolle Alternative gewesen wäre, die auch den Weg zur Wiedervereinigung des erst seit 1866 geteilten Deutschlands unter Aufgabe der ohnehin meist wertlosen ungarischen und südslawischen Gebiete der k.u.k.-Monarchie geebnet hätte. Wilhelm gibt sich der Illusion hin, daß der "britische Löwe" und der "russische Bär" immer verfeindet sein müßten; das Potential der U.S.A. unterschätzt er gewaltig. Am Ende seiner verhängnisvollen Schaukelpolitik wird die fast vollständige Isolierung des Reiches stehen. (Ein Historiker schreibt zum 100. Jahrestag seiner Thronbesteigung, daß er es "durch eine forsche, kraftmeierische, ungeschickte Politik des 'Schafes im Wolfspelz' zuwege brachte, daß sich der Kreis der Feinde gegen die Mitte Europas fest zusammen schloß".)
- August: Wilhelm besucht in Sankt Peterburg den russischen Tsaren Aleksandr III; trotz guten persönlichen Einvernehmens wird der - im März ausgelaufene - "Rückversicherungsvertrag" zwischen dem Deutschen Reich und Rußland nicht erneuert.
- 1892-94
- Die Generalstäbe Rußlands und Frankreichs schließen im August 1892 eine gegen Deutschland gerichtete Militär-Konvention, die nach Beginn des "Zollkriegs" zwischen Deutschland und Rußland (Juli 1893 - März 1894) im Januar 1894 ratifiziert wird.
- 1895
- Gleichwohl stellt sich das Deutsche Reich nach dem japanisch-chinesischen Krieg mit Frankreich und Rußland auf Chinas Seite und macht sich damit auch Japan zum Feind, das gezwungen wird, im Frieden von Shimonoseki auf den größten Teil seiner Eroberungen zu verzichten.
- Der Kanal zwischen Ostsee und Nordsee wird fertig gestellt und nach Kaiser Wilhelm benannt. Er ist von Anfang an zu klein dimensioniert, um der Kriegsmarine eine strategische Verschiebung großer Schlachtschiffe zu ermöglichen und wird nur zivil genutzt. Gleichwohl nimmt die Auslandspresse dies zum Anlaß, Wilhelm zu unterstellen, nach der Herrschaft über ganz Europa zu streben.

- 1896
- Januar: Wilhelm gratuliert Paulus Krüger, dem Präsidenten der Burenrepublik Südafrika, zur Abwehr eines englischen Überfalls ("Krügerdepesche").
- Damit ist auch das Verhältnis zu England nachhaltig gestört; die britische Presse hetzt wochenlang gegen Deutschland und seinen Kaiser.
- (Zur Ausrottung der deutschen Kultur im Baltikum durch gewaltsame Russifizierung und zur Enteignung und Vertreibung deutsch-jüdischer Kaufleute aus Moskau äußert sich Wilhelm dagegen nicht.)
- Symptomatisch für die Schaukelpolitik Wilhelms wird auch sein Verhalten gegenüber dem
Osmanischen Reich:
Als der Sultan einen Aufstand der - von Rußland aufgehetzten - christlichen Armenier niederschlagen läßt, kündigt Wilhelm dem "elenden Schurken" die Freundschaft. [Später gibt die alliierte Greuelpropaganda - die bis heute anhält - Wilhelm die Mitschuld am "Völkermord" der Türken an den Armeniern.]
- 1898
- März: Wilhelm läßt sich durch den Staatssekretär im Reichsmarineamt
Alfred Tirpitz
von der Notwendigkeit einer Flottenaufrüstung als Instrument deutscher Kolonialpolitik überzeugen. Diese belastet nicht
nur das Staatsbudget (und das ohnehin schon angespannte Verhältnis zu Großbritannien), sondern ist auch militärisch verfehlt, da Wilhelm gegen den Rat kompetenter Fachleute den Schwerpunkt auf den Bau von Schlachtschiffen legt statt auf den leichter, schneller Kreuzer.
- November: Wilhelm söhnt sich mit Abdül Ħamid aus und unternimmt eine "Pilgerreise" nach Jerusalem, wo er die evangelische "Erlöserkirche" einweiht. [Damals waren die Türken in religiösen Dingen noch tolerant; christliche Kirchen waren noch nicht verboten.] Wilhelm erklärt sich zum "Schutzherrn" und "guten Freund" aller Mohammedaner auf der Welt, setzt sich
aber auch für die Pläne des Zionisten
Theodor Herzl
ein, in Palästina einen autonomen jüdischen Staat zu errichten.

- 1900
- Bei der Verabschiedung der zur Niederschlagung des
"Boxeraufstands"
in China ausrückenden Truppen hält Wilhelm eine
Rede,
in der er seine Soldaten darauf hinweist, daß sie einem grausamen Feind gegenüber stehen werden, der kein Pardon gibt und keine Gefangenen macht. (Dieser - zutreffende - Satz wird ihm später von seinen Gegnern im Mund herum gedreht und als Imperativ ausgelegt, unter Auslassung des Nachsatzes, daß seine Soldaten sich demgegenüber als gute Christen korrekt und in "Manneszucht" verhalten sollen. Dieser Geschichtsklitterung wird bis heute Vorschub geleistet, u.a. auf der halboffiziellen
Webseite der BRD.)

- 1905
- 31. März: Wilhelm besucht demonstrativ die marokkanische Stadt Tanger, um gegen den französischen Versuch zu protestieren, Marokko unter Ausschaltung der Interessen aller anderer Staaten zu seiner Kolonie zu machen. (Frankreich hatte sich bereits den größten Teil Nordwest-Afrikas unter den Nagel gerissen; deutsche Kaufleute hatten in Marokko erhebliche
Investitionen getätigt, deren Enteignung durch Frankreich drohte.) Die daraus entstehenden diplomatischen Verwicklungen werden später als "erste Marokkokrise" bezeichnet. Gegen den Rat des Generalstabs läßt Wilhelm die Gelegenheit zu einem Präventivkrieg gegen Frankreich und Rußland vorüber gehen, der damals besonders aussichtsreich ist, da sich Rußland im Krieg
gegen das mit Großbritannien verbündete Japan befindet und nach schweren militärischen Niederlagen auch durch einen kommunistischen Aufstand im Inneren geschwächt ist, während Italien und Rumänien (noch) im Lager der Mittelmächte stehen.
![[Wilhelm II und Nikolaj II]](willynicky.jpg)
- Juli: Statt dessen reist Wilhelm ins finnische Björkö, um mit Tsar Nikolaj II "von Vetter zu Vetter" einen Bündnisvertrag zu schließen, in der naïven Hoffnung, daß sich auch Frankreich dem anschließen würde. (Der Vertrag wird von der Duma nicht ratifiziert und erweist sich somit als wertlos; Frankreich wäre ohnehin nicht beigetreten.)
- Wie später unter
Hitler
wird Deutschland das Bestreben seines Staatsoberhaupts, inmitten zum Krieg entschlossener Feinde um jeden Preis den Frieden
zu bewahren, zum Verhängnis.
- 1906
- Januar-April: Auf der Konferenz von Algeciras setzt Deutschland auf friedlichem Wege seine Position gegen die anderen Großmächte - einschließlich der USA, die sich unter Präsident
Theodore Roosevelt
erstmals offen in die europäische Politik einmischen, aber noch nicht kriegsbereit sind - durch: Marokko bleibt vorerst unabhängig und neutral.
![[Wilhelm II und T. Roosevelt]](teddywilh.jpg)
- Wilhelm und seine Frau feiern Silberhochzeit.

- 1907
- Eine Artikelserie
Maximilian Hardens
diskreditiert das persönliche Umfeld Wilhelms, vor allem seinen Berater, den schwulen Fürsten
Philipp zu Eulenburg. (Homosexualität ist damals in Deutschland und allen anderen zivilisierten Staaten der Welt noch strafbar.)
- 1908
- August: Wilhelm begnadigt Wilhelm Voigt, den
"Hauptmann von Köpenick".
- 28. Oktober: Das britische Boulevard-Blatt
The Daily Telegraph veröffentlicht ein angebliches "Interview" mit Wilhelm über die Ziele deutscher Außenpolitik, bei dem es sich in Wahrheit um - verkürzt und verzerrt dargestellte - private Äußerungen Wilhelms gegenüber einem gewissen Start Wortley aus dem Jahre 1907 handelt. Die Hetze in der Auslandspresse gegen Wilhelm und das Deutsche Reich nimmt derartige Ausmaße an, daß die veröffentlichte Meinung und alle im Reichstag vertretenen Parteien einen Maulkorb für den Kaiser und eine
verfassungsrechtliche Einschränkung seiner monarchischen Kompetenzen fordern. Wilhelm denkt zunächst an Abdankung, gibt dann aber nach und läßt bald darauf seinen Reichskanzler v. Bülow als Sündenbock fallen.
- Oktober/November: In der "Bosnien-Krise" läßt Wilhelm - wiederum entgegen dem Rat der Generalstäbe des Deutschen Reichs und Österreich-Ungarns - eine erneute Gelegenheit zum Präventivkrieg gegen Frankreich und Rußland (denen sich unmittelbar darauf auch Italien heimlich anschließt) verstreichen.
- 1911
- Juli: Nach einem neuerlichen französischen Überfall auf Marokko - unter Besetzung der Städte Rabat, Fez und Agadir - läßt Wilhelm das kleine Kanonenboot "Panther", das sich gerade auf der Rückfahrt von Kamerun nach Deutschland befindet, Agadir anlaufen und einige von den Franzosen bedrohte deutsche Kaufleute aufnehmen. (S.M.S. "Panther" hat zwei alte Kanonen und eine Besatzung von 120 Mann; Frankreich hat dagegen mehrere große Schlachtschiffe und ca. 100.000 Mann in Marokko im Einsatz.)
![[S.M.S. Panther]](smspanther.jpg)
- In der ausländischen - vor allem der britischen - Presse wird dieser
"Panthersprung nach Agadir" auf Initiative des Kriegstreibers
David Lloyd George
zu einer Demonstration des deutschen Militarismus und einer übermäßigen Gier nach Kolonien aufgebauscht.
- November: Die so genannte "zweite Marokkokrise" wird beigelegt, wobei vor allem Frankreichs Gier nach weiteren Kolonien befriedigt wird: Es erhält den größten Teil Marokkos (der Rest fällt an Spanien), Italien darf Libyen besetzen, Großbritannien Cypern und Ägypten annektieren, während Deutschland sich mit einem wertlosen Streifen Urwalds an der Grenze
zwischen Kamerun und Französisch-Kongo benügt.

- 1912
- Heinrich Claß, Vorsitzender des "Alldeutschen Verbands" und Herausgeber der "Deutschen Zeitung", der sich als Sprachrohr der "nationalen Opposition im alten Reich" versteht, veröffentlicht unter dem Pseudonym Daniel Frymann "Wenn ich der Kaiser wär' - politische Wahrheiten und Notwendigkeiten". Darin kritisiert er Wilhelms lasche Haltung in den "Marokkokrisen", fordert eine Abkehr von der "kleindeutschen" Politik Bismarcks und eine Rückkehr zum Deutschen Bund von 1866, d.h. die Wiederherstellung von "Alldeutschland" unter Einschluß Deutsch-Österreichs und Deutsch-Böhmens, unter dem Schlagwort "Ein Volk, ein Reich".
![[Heinrich Claß]](class201.jpg)
- (Die Herrscher der damaligen Reiche denken nicht in völkischen, sondern in streng dynastischen Kategorien - der europäische Hochadel ist über alle Volks- und Staatsgrenzen hinaus untereinander versippt. Erst sein Sturz am Ende des Ersten Weltkriegs wird dem "Nationalismus" Bahn brechen; die National-Sozialisten werden die Bezeichnung "Alldeutschland" durch "Großdeutschland" ersetzen und das Schlagwort zu "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" erweitern.)
- 1913
- Bei den Feiern zum 25-jährigen Regierungsjubiläum legt Wilhelm in seiner Thronrede vor allem Wert auf die Feststellung, daß er Deutschland 25 Jahre Frieden bewahrt habe und dies auch weiterhin tun wolle. Er ignoriert den Spruch
Friedrich Schillers
aus dem Drama über seinen Namensvetter Tell: "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt."

- 1914
- 6./7. Juli: Wilhelm versichert Österreich-Ungarn nach der Ermordung des Thronfolgers
Franz Ferdinand
durch serbische Nationalisten seiner uneingeschränkten Bündnisstreue für den Fall kriegerischer Auseinandersetzungen.

- Da Rußland gegenüber Serbien sowie Frankreich und England gegenüber Rußland ein gleiches tun, eskaliert die Auseinandersetzung drei Wochen später zum
Ersten Weltkrieg,
den Deutschland nun unter wesentlich ungünstigeren diplomatischen, militärischen und wirtschaftlichen Bedingungen führen muß als dies 1905 noch der Fall gewesen wäre.
![[Flottenrüstung]](flottenruestung.jpg)
- (England und Rußland haben 1907 eine "Entente cordiale" geschlossen und damit die Einkreisung Deutschlands vollendet. Das russische Heer und die englische Flotte sind seit 1905 verdoppelt worden, ebenso die Kapazität der US-amerikanischen Rüstungsindustrie, die von Kriegsbeginn an den Entente-Mächten - und nur diesen - uneingeschränkt zur Verfügung steht. Die russische Artillerie - 1905 noch auf dem technischen Stand des Krimkriegs* - ist nach der Niederlage gegen Japan von Grund auf modernisiert worden. Kurz vor Kriegsausbruch ist auch der strategisch wichtige
Panama-Kanal
fertig geworden, der eine kurzfristige Verschiebung von Kriegsschiffen zwischen Atlantik und Pazifik ermöglicht und ebenfalls nur den Entente-Mächten zur Verfügung steht. Obwohl Frankreich 20 Millionen Einwohner weniger hat als Deutschland, hat es sein Heer binnen weniger Jahre auf die gleiche Mannschaftsstärke gebracht wie das deutsche. Das Deutsche Reich hat dagegen kaum nachgerüstet; es besitzt weder die notwendigen Rohstoffe noch die notwendigen Geld- und Lebensmittel-Reserven, um einen längeren Krieg erfolgreich durchstehen zu können. Seine Verbündeten sind erheblich geschwächt: die Türkei und Bulgarien durch die verlorenen Balkankriege 1912/13, Österreich-Ungarn durch die "panslawistische" Wühlarbeit unter seinen Minderheiten; insbesondere die tschechischen Truppen sind von Anfang an völlig unzuverlässig, aber auch die meisten ungarischen Einheiten
sind allenfalls in der Etappe verwendbar. Die vermeintlichen Bundesgenossen Italien und Rumänien sind insgeheim längst der Entente beigetreten, ebenso Japan, die stärkste Militärmacht Asiens. Der Krieg ist damit von Anfang an so gut wie aussichtslos.)
![[Europa 1914 - Karikatur von Walter Trier. Man beachte die Darstellung Serbiens als Schwein]](europa1914bytrier.jpg)
- 4. August: In einer viel beachteten Rede im Reichstag ruft Wilhelm zu nationaler Solidarität und Geschlossenheit auf mit dem bald zum geflügelten Wort werdenden Satz: "Ich kenne keine Parteien [mehr], ich kenne nur [noch] Deutsche!" Daraufhin werden die notwendigen Kriegskredite einstimmig - auch von der SPD-Fraktion - bewilligt.

- Wilhelm ist formell Oberbefehlshaber der deutschen Streitkräfte. Als solcher setzt er sich persönlich für die Einhaltung der Regeln der Haager Landkriegsordnung, insbesondere für den Schutz der Kunst- und Kulturdenkmäler sowie der Zivilbevölkerung der Feindmächte einschließlich ihres Privatbesitzes ein.

- Gleichwohl wird Wilhelm von der Greuelpropaganda der
Entente-Mächte
- denen solche Überlegungen völlig fremd sind - als blutrünstiger Baby-Schlächter verunglimpft. Für die Franzosen ist er "das erste von 20 Millionen deutschen Schweinen, die geschlachtet werden müssen".
- Wilhelm reagiert darauf mit dem Satz: "Dieser Krieg ist ein Kampf zwischen zwei Weltanschauungen: Sitte, Recht, Treu und Glauben, wahre Humanität, Wahrheit und echte Freiheit gegen Mannonsdienst, Geldmacht, Genuß, Landgier, Lüge, Verrat, Trug und Meuechelmord."
- 1916
- 30. Mai/1. Juni: Die Seeschlacht im Skågerrak zeigt, daß Wilhelms Flottenpolitik gänzlich verfehlt war; die Sprengung des britischen Blockaderings mißlingt. Wilhelm gibt sich gleichwohl der Illusion eines "Sieges über die englische Flotte" hin.
- 29. August: Nach der Berufung
Paul v. Hindenburgs und
Erich Ludendorffs in die 3.
Oberste Heeresleitung
(OHL) verliert Wilhelm zunehmend Einfluß auf die Kriegsführung.
![[Die 3. OHL]](ohl3.jpg)
- 1918
- 9. November: Nach dem militärischen Zusammenbruch und der Kapitulation der Verbündeten (Bulgarien, Osmanisches Reich, Österreich-Ungarn), Meutereien in der kaiserlichen Flotte und der Forderung der Obersten Heeresleitung nach einem sofortigen Waffenstillstand verkündet Reichskanzler Prinz
Max von Baden eigenmächtig Wilhelms
Abdankung.
Dies ist das Ende der Monarchie in Deutschland. (Auch die Habsburger werden gestürzt; die k.u.k.-Monarchie bricht auseinander; die Deutsch-Österreicher votieren für einen Anschluß an das Deutsche Reich.)
- 10. November: Wilhelm flieht in die Niederlande (zunächst nach Amerongen).
- Die niederländische Regierung gestattet Wilhelm den Aufenthalt unter der Bedingung, daß er auf jegliche politische Betätigung verzichtet. Wilhelm bleibt allerdings mit zahlreichen Politikern und Militärs in Kontakt.
- 28. November: Wilhelm dankt offiziell ab; in Deutschland - wo man ihm vielfach die Schuld an der Kriegsniederlage gibt und ihm seine Flucht als "Desertion" auslegt - wird das mit Spott und Hohn quittiert.
![[herrlichen Zeiten entgegen]](wilhelm1919kgrs.jpg)
- 1919
- 28. Juni: Am 5. Jahrestags des Attentats von Sarajewo unterzeichnen Vertreter der Weimarer Republik den Diktat-"Frieden" von Versailles, mit dem sie u.a. die Alleinschuld des Deutschen Reichs, vertreten durch Kaiser Wilhelm II, am Ausbruch des Ersten Weltkriegs anerkennen und auf die Wiedervereinigung mit den österreichischen Ländern verzichten.
- Wilhelm kauft als Privatmann das Haus Doorn in der niederländischen Provinz Utrecht.
![[Haus Doorn]](hausdoorn.jpg)
- 1920
- Die Regierung der Niederlande lehnt es ab, Wilhelm an die Siegermächte auszuliefern, die ihm einen medienwirksamen Scheinprozeß machen und ihn hinterher als "Kriegsverbrecher" aufhängen wollen ("make him a fair trial and hang him").
![[Wilhelm 1920 in Doorn. Ausschnitt aus einem Foto mit seiner Frau Auguste Viktoria und seinem Enkel Karl Franz Joseph]](wilhelm2alt.jpg)
- 1921
- 11. April: Victoria Auguste stirbt; ihr Leichnam wird nach Potsdam überführt. Reichspräsident
Friedrich Ebert
(SPD) verweigert Wilhelm die Einreiseerlaubnis - wohl auch zu seinem eigenen Schutz, denn er steht noch immer auf den
Fahndungslisten der alliierten Besatzer.

- 5. November: Wilhelm heiratet in zweiter Ehe Hermine v. Reuß (ältere Linie), verwitwete Prinzeß Schönaich-Carolath.
- 1922
- Im Köhler-Verlag erscheinen Wilhelms Memoiren unter dem Titel "Ereignisse und Gestalten aus den
Jahren 1878-1918", die er dem Gedächtnis seiner verstorbenen ersten Frau widmet. Sie
offenbaren, daß Wilhelm die meisten Gestalten jener Zeit falsch eingeschätzt und die
entscheidenden Ereignisse nicht einmal als solche wahr genommen hat.
![[SPD-Plakat 1926]](keinenpfennig1926.jpg)
- 1926
- Der Köhler-Verlag veröffentlicht einen weiteren Memoirenband Wilhelms unter dem Titel "Aus meinem Leben 1859-1888".
- Juni: Eine sozialistische Einheitsfront aus SPD und KPD scheitert mit einem Volksbegehren ("Den Fürsten keinen Pfennig!") zur entschädigungslosen Enteignung der deutschen Fürsten. (Wilhelm wäre nicht betroffen gewesen, da seine Schlösser bereits zuvor - gegen eine kleine Entschädigung - enteignet wurden.)
- Oktober: Der Chef des Heeresamtes, Generaloberst
Hans v. Seeckt,
muß seinen Abschied nehmen, nachdem er einen Sohn Wilhelms als Gast an einem Manöver der Reichswehr hat teilnehmen lassen. (Seeckt geht später als Militärberater nach China.)
- 1932
- Wilhelm empfängt den neuen Reichstagspräsidenten
Hermann Göring
in Haus Doorn. In völliger Verkennung der politischen Ziele der National-Sozialisten erhofft er sich von diesen die Wiedereinführung der Monarchie in Deutschland. (Einer seiner Söhne ist höherer SA-Führer.)
- 1938/39
- Dem Reichskanzler (seit 1933) Hitler gelingt die Wiedervereinigung des Kleindeutschen Reichs mit Deutsch-Österreich, Böhmen und Mähren zum "Großdeutschen Reich"; damit sind die Fehler der Bismarck'schen und Wilhelminischen Außenpolitik - scheinbar - korrigiert.
- 1939
- 3. September: Frankreich und Großbritannien erklären dem Deutschen Reich den Krieg, der sich bald zum Zweiten Weltkrieg ausweitet, auf den Deutschland - wie schon 1914 auf den Ersten Weltkrieg - völlig unzureichend vorbereitet ist.

- 1940
- Mai: Wilhelm gratuliert Hitler telegrafisch zur Einnahme von Paris.
- 1941
- 4. Juni: Wilhelm stirbt in Doorn und wird in einem kleinen Mausoleum im Park Doorn mit militärischen Ehren beigesetzt. Das Miterleben der neuerlichen Kriegsniederlage Deutschlands bleibt ihm erspart.
![[Mausoleum in Doorn]](doornmausoleum.jpg)
* * * * *
- 1945
- Das Deutsche Reich und Preußen werden von den alliierten Besatzern für aufgelöst erklärt.
- Das Haus Doorn wird von den Niederlanden als "Feindvermögen" enteignet; in seinen Räumen wird ein Museum eingerichtet.
- 1959
- 27. Januar: Wilhelms 100. Geburtstags darf in Deutschland nicht gedacht werden, weder in der DDR noch in der BRD, wo der 17. Juni zum "Nationalfeiertag" erklärt worden ist, nach dem Anfangstag des gescheiterten Aufstands gegen die vom SED-Regime erhöhten Arbeitsnormen im Jahre 1953.
- 1967
- Sigurd v. Ilsemann, der letzte Flügeladjutant Wilhelms, veröffentlicht einen Zusammenschnitt seiner Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 1918-1923 unter dem Titel "Der Kaiser in Holland".
- seit 1989/90
- Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem "Wiedervereinigung Deutschlands" genannten Zusammenschluß von BRD und DDR gelangt Wilhelm vor allem in Brandenburg wieder zu unerwarteter Popularität. Fast jährlich erscheinen neue Biografien über ihn - oder alte werden wieder neu aufgelegt -, u.a. von Chamier (Erstauflage 1938), Rall, v. Krockow, Sombart, Clark und Mommsen.

- 1991
- Eine Medaille auf Wilhelms 50. Todestag erscheint.

- 1993-2008
- Der Brite John C. G. Roehl verfaßt eine Wilhelm-Biografie in 3 Bänden; auf über 4.000 Seiten trägt er unkritisch Klatsch und Tratsch zusammen und entwirft daraus ein extrem negatives Bild des "Hunnenkaisers". Es ist die umfangreichste Biographie eines Herrschers nicht nur des 20. Jahrhunderts, sondern der Geschichte überhaupt.
- 1995
- Eine Medaille auf den 100. Jahrestag der Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Kanals (inzwischen "Nord-Ostsee-Kanal" genannt) erscheint.

- 1999
- 27. Januar: Von mitteldeutschen Monarchisten wird erstmals seit 1918
"Kaisers Geburtstag"
wieder öffentlich gefeiert.
- 2000
- Die Regierung der Niederlande verfügt aus Haß auf die "Moffen [Deutschen]" die Schließung des Museums Haus Doorn "wegen fehlender Finanzmittel"; dies, obwohl - oder gerade weil - sich das Museum nicht nur bei deutschen Touristen zunehmend großer Beliebtheit erfreut und seine Kosten durch Eintrittsgelder ohne weiteres gedeckt werden können.
- 2001
- Das europäische Parlament verfügt, daß das Museum Haus Doorn als europäisches Kulturerbe zu erhalten sei und sagt sich für die Kosten der Weiterführung stark. Dies führt in den Niederlanden zu starker Europa-Verdrossenheit und ist einer der Gründe für das Scheitern des EU-Referendums im Jahre 2005.
- 2003
- Wilhelm wird bei einer vom Staatssender ZDF veranstalteten Umfrage nach dem "besten Deutschen" als eines von nur sieben "gekrönten Häuptern" unter die ersten 200 gewählt - er belegt Platz 130. [Vor ihm liegen
König Friedrich II von Preußen (42.),
Kaiserin Elizabeth von Österreich (80.),
Kaiser Friedrich II von Hohenstaufen (94.) und Kaiser Otto I (115.), hinter ihm Kaiser Friedrich I Barbarossa (135.) und König Ludwig II von Bayern (139.).]
- 2004
- August: In Europa wird des 70. Jahrestages des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs gedacht. In regierungsamtlichen Kreisen - insbesondere der BRD - gilt weiterhin das Verdikt des Versailler "Friedens"-Diktats, daß Wilhelm der Alleinschuldige war. Seine Thronrede vom 4. August 1914 darf unter keinen Umständen erwähnt werden, da sie in so peinlichem Gegensatz zur bundesrepublikanischen Wirklichkeit steht, auf die inzwischen der umgekehrte Satz zutrifft: "Ich kenne keine Deutschen mehr, ich kenne nur noch Parteien!"

- 2005
- 27. Januar: Von einer politisch unkorrekten Minderheit wird Wilhelms Geburtstag erneut öffentlich gefeiert.

- 1. November: Auf Antrag von Australien, Israel, Kanada, Rußland und USA erklärt die UN-Vollversammlung völlig überraschend den 27. Januar** zum weltweiten Gedenktag und fordert alle Mitgliedsländer auf, denselben würdig auszugestalten.

*Nachzulesen z.B. in den Memoiren des letzten prä-sowjetischen Kriegsministers, Fëdor Stepun.
**Entgegen weit verbreiteten Gerüchten handelt es sich dabei nicht um das Datum der "Befreiung von Auschwitz durch die ruhmreiche Rote Armee". Die Sowjet-Truppen eroberten Auschwitz schon am 25. Januar 1945, und zu "befreien" gab es dort auch nichts, da die von Auschwitz aus verwalteten Lager längst geräumt worden waren.
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