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Griechen und Türken weinten gemeinsam

Eine ebenso ungewöhnliche wie versöhnende Geschichte aus der Ägäis

von Johannes L. Kuppe (Das Parlament 41-42/2001)

Man reibt sich die Augen: Yasar Kemal hat mit diesem Buch die gemeinsame griechisch-türkische (Vertreibungs-)Geschichte in einem wundervollen, schwebend leicht fabulierten Roman teilweise enttabuisiert. Das ganze Buch liest sich wie ein Märchen, in dem es gelegentlich nicht nur sehr realistisch zugeht, sondern das um einen harten historischen Kern gewoben ist.

Der 78-jährige, in Südanatolien geborene Poet gehört zu den angesehensten Romanciers seines Landes, zu den Vertretern einer neuen socially committed literature, der mit Mustafa Kemal Atatürk entstandenen laizistischen Kultur der modernen Türkei. Mehr als ein Dutzend seiner Romane sind ins Deutsche übersetzt worden, unter anderen die jeweils dreibändige Anatolische und die Memed-Trilogie. Die jetzt vorliegende "Ameiseninsel" ist vielleicht sein wichtigstes, weil indirekt sehr politisches Buch. Den Kern dieses märchenhaften Romans bildet eine der ersten großen ethnischen Säuberungen in Europa Anfang des letzten Jahrhunderts.

Die Türkei gehörte als Verbündeter von Deutschland und Österreich-Ungarn zu den Verlierern des Ersten Weltkrieges. Bereits in den Balkankriegen 1912/13 hatte sie alle ihre europäischen Gebiete mit Ausnahme von Istanbul und Adrianopel verloren. 1917 gingen dann auch Palästina, Syrien und Irak an die Briten verloren. Der kranke Mann am Bosporus lag in den letzten Zügen.

Griechenland suchte mit seinem Kleinasienfeldzug von 1919 unter Elefterios Venizelos auch ein Stück von dem Kuchen abzubekommen, doch wurden die griechischen Truppen von Atatürk 1920/21 vollständig vom anatolischen Festland vertrieben. In einem Vertrag zwischen beiden Regierungen wurde ein "Bevölkerungsaustausch", faktisch eine Vertreibung der noch immer großen Minderheiten - der Griechen in der Türkei und der Türken in Griechenland - beschlossen, jeweils einige hunderttausend Menschen.

Hier setzt der Roman an und ein. Eine kleine (fiktive?) Insel, 12-14 Ruderstunden vor der türkischen Ägäisküste (zu suchen vielleicht in der Nähe der griechischen Insel Chios), seit Jahrhunderten von einigen hundert Griechen, türkischen Staatsbürgern, bewohnt, muss geräumt werden. Die recht wohlhabenden Bewohner, Fischer und Bauern, sollen nach Griechenland ausgesiedelt werden. Nun lesen wir bei Kemal das gänzlich Unerwartete: Die Griechen stehen verständnislos und verzweifelt vor ihrer Ausweisung und verzögern sie bis zur letzten Minute. Sie können sich überhaupt keine andere Heimat als die auf ihrer Insel vorstellen.

Das war zu erwarten. Aber sie werden darin von ihren türkischen Mitbürgern, Nachbarn und Freunden ohne Einschränkung unterstützt. Kein nationalistischer Hass, keine Gewalt, keine Plünderungen des von den Griechen zurückgelassenen Hab und Gutes, im Gegenteil: man weint bis zur Abfahrt der Schiffe gemeinsam über die auch von den Türken als große Ungerechtigkeit empfundene Ausweisung.

Eher am Rande erfährt man an einigen Beispielen, dass auch die aus Griechenland "repatriierten" Türken nicht wussten, was sie in der Türkei sollen. Auch sie kannten nur eine Heimat: Griechenland. Und nirgendwo platte Schuldzuweisungen oder vordergründige Rechtfertigungen. Beide Bevölkerungsgruppen, vor allem die türkischen Griechen, sind übrigens in ihren neuen Heimatländern mit Feindseligkeit, Verfolgung und nicht enden wollenden Benachteiligungen empfangen worden. Die Wiederbesiedlung der "Ameiseninsel" gelingt übrigens erst gegen Ende des Romans, und auch das nur in schwachen Ansätzen. Hauptfigur ist dabei kein "richtiger" Türke, sondern ein Tscherkesse, ein Brigant der letzten Kriegswirren, der sich vor den Rächern seiner Bluttaten verstecken muss, die er als Offizier in türkischen Diensten begangen hat.

Farben und Formen

Das alles erzählt Kemal in einer Sprache, die in einem unaufhörlichen Farben- und Formenrausch schwelgt. Das gilt für die Landschafts- und Naturschilderungen ebenso wie für die grauenhaften Schlachtenbilder, die den Leser in Blut, stinkenden Toten und vom Himmel regnenden Körperteilen fast ertrinken lassen. Insofern hat Kemal einen eindrucksvollen Anti-Kriegsroman geschrieben. Doch der Dichter hat auch sonst Mut. Da lesen wir von "verschlagenen Osmanen", vom "Mord an den Armeniern" und bemerken fast Bewunderung für den poetischen Fluss der kurdischen Sprache.

Man kann Kemals Roman als poetische Aufarbeitung eines Teils der jüngsten türkischen Geschichte verstehen. Dabei streckt er den Griechen die Hand zur Aussöhnung hin, denn das den - in der Türkei seit Jahrhunderten bis 1923/24 ansässigen - Hellenen geschehene Unrecht wird mit viel Empathie geschildert. Es ist zu hoffen, dass in Griechenland viele Leser diese Hand bemerken - und sie vielleicht ergreifen.

In Cornelius Bischoff hat der Autor nicht bloß einen glänzenden Übersetzer, sondern einen kongenialen Nachdichter gefunden.

Yasar Kemal: Die Ameiseninsel. Roman. Unionsverlag, Zürich 2001; 361 S., 39,- DM

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