Man reibt sich die Augen: Yasar Kemal hat mit diesem Buch die
gemeinsame griechisch-türkische (Vertreibungs-)Geschichte in einem
wundervollen, schwebend leicht fabulierten Roman teilweise enttabuisiert.
Das ganze Buch liest sich wie ein Märchen, in dem es gelegentlich nicht
nur sehr realistisch zugeht, sondern das um einen harten historischen Kern
gewoben ist.
Der 78-jährige, in Südanatolien geborene Poet gehört
zu den angesehensten Romanciers seines Landes, zu den Vertretern einer
neuen socially committed literature, der mit Mustafa Kemal Atatürk
entstandenen laizistischen Kultur der modernen Türkei. Mehr als ein
Dutzend seiner Romane sind ins Deutsche übersetzt worden, unter anderen
die jeweils dreibändige Anatolische und die Memed-Trilogie. Die jetzt
vorliegende "Ameiseninsel" ist vielleicht sein wichtigstes, weil indirekt
sehr politisches Buch. Den Kern dieses märchenhaften Romans bildet eine
der ersten großen ethnischen Säuberungen in Europa Anfang des letzten
Jahrhunderts.
Die Türkei gehörte als Verbündeter von Deutschland
und Österreich-Ungarn zu den Verlierern des Ersten Weltkrieges. Bereits in
den Balkankriegen 1912/13 hatte sie alle ihre europäischen Gebiete mit
Ausnahme von Istanbul und Adrianopel verloren. 1917 gingen dann auch
Palästina, Syrien und Irak an die Briten verloren. Der kranke Mann am
Bosporus lag in den letzten Zügen.
Griechenland suchte mit seinem
Kleinasienfeldzug von 1919 unter Elefterios Venizelos auch ein Stück von
dem Kuchen abzubekommen, doch wurden die griechischen Truppen von Atatürk
1920/21 vollständig vom anatolischen Festland vertrieben. In einem Vertrag
zwischen beiden Regierungen wurde ein "Bevölkerungsaustausch", faktisch
eine Vertreibung der noch immer großen Minderheiten - der Griechen in der
Türkei und der Türken in Griechenland - beschlossen, jeweils einige
hunderttausend Menschen.
Hier setzt der Roman an und ein. Eine
kleine (fiktive?) Insel, 12-14 Ruderstunden vor der türkischen Ägäisküste
(zu suchen vielleicht in der Nähe der griechischen Insel Chios), seit
Jahrhunderten von einigen hundert Griechen, türkischen Staatsbürgern,
bewohnt, muss geräumt werden. Die recht wohlhabenden Bewohner, Fischer und
Bauern, sollen nach Griechenland ausgesiedelt werden. Nun lesen wir bei
Kemal das gänzlich Unerwartete: Die Griechen stehen verständnislos und
verzweifelt vor ihrer Ausweisung und verzögern sie bis zur letzten Minute.
Sie können sich überhaupt keine andere Heimat als die auf ihrer Insel
vorstellen.
Das war zu erwarten. Aber sie werden darin von ihren
türkischen Mitbürgern, Nachbarn und Freunden ohne Einschränkung
unterstützt. Kein nationalistischer Hass, keine Gewalt, keine Plünderungen
des von den Griechen zurückgelassenen Hab und Gutes, im Gegenteil: man
weint bis zur Abfahrt der Schiffe gemeinsam über die auch von den Türken
als große Ungerechtigkeit empfundene Ausweisung.
Eher am Rande
erfährt man an einigen Beispielen, dass auch die aus Griechenland
"repatriierten" Türken nicht wussten, was sie in der Türkei sollen. Auch
sie kannten nur eine Heimat: Griechenland. Und nirgendwo platte
Schuldzuweisungen oder vordergründige Rechtfertigungen. Beide
Bevölkerungsgruppen, vor allem die türkischen Griechen, sind übrigens in
ihren neuen Heimatländern mit Feindseligkeit, Verfolgung und nicht enden
wollenden Benachteiligungen empfangen worden. Die Wiederbesiedlung der
"Ameiseninsel" gelingt übrigens erst gegen Ende des Romans, und auch das
nur in schwachen Ansätzen. Hauptfigur ist dabei kein "richtiger" Türke,
sondern ein Tscherkesse, ein Brigant der letzten Kriegswirren, der sich
vor den Rächern seiner Bluttaten verstecken muss, die er als Offizier in
türkischen Diensten begangen hat.
Farben und Formen
Das alles erzählt Kemal in einer Sprache, die in einem
unaufhörlichen Farben- und Formenrausch schwelgt. Das gilt für die
Landschafts- und Naturschilderungen ebenso wie für die grauenhaften
Schlachtenbilder, die den Leser in Blut, stinkenden Toten und vom Himmel
regnenden Körperteilen fast ertrinken lassen. Insofern hat Kemal einen
eindrucksvollen Anti-Kriegsroman geschrieben. Doch der Dichter hat auch
sonst Mut. Da lesen wir von "verschlagenen Osmanen", vom "Mord an den
Armeniern" und bemerken fast Bewunderung für den poetischen Fluss der
kurdischen Sprache.
Man kann Kemals Roman als poetische
Aufarbeitung eines Teils der jüngsten türkischen Geschichte verstehen.
Dabei streckt er den Griechen die Hand zur Aussöhnung hin, denn das den -
in der Türkei seit Jahrhunderten bis 1923/24 ansässigen - Hellenen
geschehene Unrecht wird mit viel Empathie geschildert. Es ist zu hoffen,
dass in Griechenland viele Leser diese Hand bemerken - und sie vielleicht
ergreifen.
In Cornelius Bischoff hat der Autor nicht bloß einen
glänzenden Übersetzer, sondern einen kongenialen Nachdichter gefunden.
Yasar Kemal: Die Ameiseninsel. Roman. Unionsverlag, Zürich 2001; 361 S., 39,- DM
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