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Weichzeichner der Geschichte

Weichzeichner der Geschichte

von Guido Heinen (Die Welt, 30. August 2003)

Die Schamfristen sind vorbei. Nur 13 Jahre nach dem Ende der zweiten Diktatur in Ostdeutschland und gut ein Vierteljahrhundert nach dem mörderischen Terror linker Kommandos in Westdeutschland legt sich ein Schleier über das geschichtliche Bild. Dick wird die Vaseline auf die Objektive aufgetragen, zur Weichzeichnung jener harten Realitäten, die offenbar gern vergessen werden sollen. Deutschland glättet seine Vergangenheit, in einem großen Schwung wird die doppelte totalitäre Erfahrung entsorgt.

Zum einen wird die DDR in flachen TV-Aufbereitungen zu einer Art " Am laufenden Band" schrulliger Produkte und anachronistischer Sprüche umgedeutet. Moderatoren recken die Faust und zitieren die Kampfparolen der Staatspartei von einst, umrahmt von Emblemen der damaligen Wirtschaftskraft. Nein, es ist in keiner Sekunde ein schlechtes Gewissen darüber zu verspüren, dass man das totalitäre Wesen dieses Systems ausblendet. Dabei lügt, wer lustige Filmchen über VEB-Waschmittel sendet, ohne die große "Firma" MfS auch nur zu nennen. Es ist eine Lüge durch Weglassen. Die Frage nach der Erinnerung an ein System, das Tausende verfolgte, einsperrte, zersetzte, tötete, ist legitim: Könnten wir uns eine "Deutsches Reich"-Revue vorstellen, mit den besten Bildern vom Autobahnbau, frohen Erinnerungen vom KdF-Dampfer und dem Stolz über die heimische Bakelit-Produktion?

Allzu schnell werden diese medialen Entgleisungen als "Selbstvergewisserung" oder auch nur "Ostalgie" verniedlicht. Dabei sind sie mehr. Mit ihnen ist die Geschichtsinterpretation der damals Herrschenden und damals Sympathisierenden endlich im Massenprogramm angekommen. Pünktlich zu dem Zeitpunkt, da die Debatte um die Schuld an 40 Jahren kommunistischer Diktatur endlich auch Westdeutschland zu erreichen scheint, schenkt das Fernsehen die Exkulpation am Samstagabend. Kurz bevor die Aktenlage den Blick auf Hunderte, vielleicht Tausende mittlerer und kleinerer westdeutscher Mitarbeiter am großen Weltprojekt Kommunismus freigibt, heißt es: Vergesst den staatlichen Terror, den ideologischen Furor, Schwamm über alle Verbogenen, Gebrochenen und Getöteten. Das kleine Glück des Alltags möge das dunkle Bild der geschichtlichen Aufarbeitung überstrahlen.

Diese Bewegung verschränkt sich mit einer zweiten Aktion. Es ist die Loslösung der linkextremistischen Gewalt der siebziger und achtziger Jahre aus dem konkreten historischen Kontext. Hier herrscht die isolierte Betrachtung unter dem Brennglas, als seien die ganzen kumpelhaften und irgendwie Robin-Hood-haften Gestalten der Straßenkämpfe und Terrorangriffe ein kleiner Ameisenstamm, der sich in einem Marmeladenglas ein wenig austobt.

Sicher, keiner mag heute noch einmal daran erinnert werden, wie man Kampagnen vorantrieb, die in östlichen Think Tanks entworfen wurde. Wer von den heute Regierenden will hören, als was er die USA im "Heißen Herbst" 1982, als Westeuropa angeblich nur knapp dem Nato-Atomtod entging, beschimpfte? Und, bitte: War die "klammheimliche Freude", die einer mal so unvorsichtigerweise herausschrieb aus seinem Herzen und so die Mördergrube darin sichtbar werden ließ, wirklich nur ein Einzelfall?

Die besondere Effizienz dieser Geschichtsklitterung, die auf breiter Front passiert und die Begriffe und Perspektiven der nächsten Jahrzehnte festlegen will, liegt darin, dass sie von einem großen Teil der Täter und Mitläufer von einst betrieben wird, die heute in den entsprechenden Positionen sind. So fließt dann auch schnell Staatsknete in RAF-Ausstellungen, deren angeblich förderungswürdiges, aber auch peinliches Konzept man dann geheim hält.

Jene Köpfe von einst wollen dies heute nicht mehr hören. Sie haben sich zumeist gelöst von den menschenverachtenden Gedanken- und Tatmustern, haben sich angepasst, sind längst Teil jenes Systems, das sie früher bekämpften. Oder ist das System nicht auch Teil ihrer Agenda geworden? Dass es heute kein MfS und keine RAF mehr gibt, ist kein Grund, nicht nach dem "Warum?" in ihrer Geschichte zu fragen. Vielleicht empfindet ja auch irgendeiner von damals so etwas wie Scham.