Die Schamfristen sind vorbei. Nur 13 Jahre nach dem Ende der zweiten
Diktatur in Ostdeutschland und gut ein Vierteljahrhundert nach dem
mörderischen Terror linker Kommandos in Westdeutschland legt sich ein
Schleier über das geschichtliche Bild. Dick wird die Vaseline auf die
Objektive aufgetragen, zur Weichzeichnung jener harten Realitäten, die
offenbar gern vergessen werden sollen. Deutschland glättet seine
Vergangenheit, in einem großen Schwung wird die doppelte totalitäre
Erfahrung entsorgt.
Zum einen wird die DDR in flachen TV-Aufbereitungen zu einer Art " Am
laufenden Band" schrulliger Produkte und anachronistischer Sprüche
umgedeutet. Moderatoren recken die Faust und zitieren die Kampfparolen der
Staatspartei von einst, umrahmt von Emblemen der damaligen
Wirtschaftskraft. Nein, es ist in keiner Sekunde ein schlechtes Gewissen
darüber zu verspüren, dass man das totalitäre Wesen dieses Systems
ausblendet. Dabei lügt, wer lustige Filmchen über VEB-Waschmittel sendet,
ohne die große "Firma" MfS auch nur zu nennen. Es ist eine Lüge durch
Weglassen. Die Frage nach der Erinnerung an ein System, das Tausende
verfolgte, einsperrte, zersetzte, tötete, ist legitim: Könnten wir uns
eine "Deutsches Reich"-Revue vorstellen, mit den besten Bildern vom
Autobahnbau, frohen Erinnerungen vom KdF-Dampfer und dem Stolz über die
heimische Bakelit-Produktion?
Allzu schnell werden diese medialen Entgleisungen als
"Selbstvergewisserung" oder auch nur "Ostalgie" verniedlicht. Dabei sind
sie mehr. Mit ihnen ist die Geschichtsinterpretation der damals
Herrschenden und damals Sympathisierenden endlich im Massenprogramm
angekommen. Pünktlich zu dem Zeitpunkt, da die Debatte um die Schuld an 40
Jahren kommunistischer Diktatur endlich auch Westdeutschland zu erreichen
scheint, schenkt das Fernsehen die Exkulpation am Samstagabend. Kurz bevor
die Aktenlage den Blick auf Hunderte, vielleicht Tausende mittlerer und
kleinerer westdeutscher Mitarbeiter am großen Weltprojekt Kommunismus
freigibt, heißt es: Vergesst den staatlichen Terror, den ideologischen
Furor, Schwamm über alle Verbogenen, Gebrochenen und Getöteten. Das kleine
Glück des Alltags möge das dunkle Bild der geschichtlichen Aufarbeitung
überstrahlen.
Diese Bewegung verschränkt sich mit einer zweiten Aktion. Es ist die
Loslösung der linkextremistischen Gewalt der siebziger und achtziger Jahre
aus dem konkreten historischen Kontext. Hier herrscht die isolierte
Betrachtung unter dem Brennglas, als seien die ganzen kumpelhaften und
irgendwie Robin-Hood-haften Gestalten der Straßenkämpfe und Terrorangriffe
ein kleiner Ameisenstamm, der sich in einem Marmeladenglas ein wenig
austobt.
Sicher, keiner mag heute noch einmal daran erinnert werden, wie man
Kampagnen vorantrieb, die in östlichen Think Tanks entworfen wurde. Wer
von den heute Regierenden will hören, als was er die USA im "Heißen
Herbst" 1982, als Westeuropa angeblich nur knapp dem Nato-Atomtod entging,
beschimpfte? Und, bitte: War die "klammheimliche Freude", die einer mal so
unvorsichtigerweise herausschrieb aus seinem Herzen und so die Mördergrube
darin sichtbar werden ließ, wirklich nur ein Einzelfall?
Die besondere Effizienz dieser Geschichtsklitterung, die auf breiter
Front passiert und die Begriffe und Perspektiven der nächsten Jahrzehnte
festlegen will, liegt darin, dass sie von einem großen Teil der Täter und
Mitläufer von einst betrieben wird, die heute in den entsprechenden
Positionen sind. So fließt dann auch schnell Staatsknete in
RAF-Ausstellungen, deren angeblich förderungswürdiges, aber auch
peinliches Konzept man dann geheim hält.
Jene Köpfe von einst wollen dies heute nicht mehr hören. Sie haben sich zumeist gelöst von den menschenverachtenden Gedanken- und Tatmustern, haben sich angepasst, sind längst Teil jenes Systems, das sie früher bekämpften. Oder ist das System nicht auch Teil ihrer Agenda geworden? Dass es heute kein MfS und keine RAF mehr gibt, ist kein Grund, nicht nach dem "Warum?" in ihrer Geschichte zu fragen. Vielleicht empfindet ja auch irgendeiner von damals so etwas wie Scham.