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LIEBER ROT ALS TOT . . .
TARZANS ERSTE REISE
zu den Dominikanern von Walberberg
oder: Christentum und Sozialismus
![[Dominikanerkloster Walberberg]](walberberg.jpg)
EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE
Im Oktober 2004 las Dikigoros die Zeitungsnotiz: "Dominikaner haben aus wirtschaftlichen Gründen beschlossen, ihre Tagungsstätte im Kloster Walberberg zum 31. Dezember 2005 zu schließen". Beschlossen zu schließen - tolles Deutsch. Da beschloß auch Dikigoros spontan, die so oft geäußerte Neugier seiner Leserinnen und Leser zu befriedigen und endlich einen Bericht über seine erste Reise ins Web zu setzen, auch auf die Gefahr hin, daß so manche[r] enttäuscht sein würde. Die Sommerferien bei der Oma väterlicherseits an der Ostsee, einen Aufenthalt als Kind in einem Sanatorium im Schwarzwald - an dem sich nur die Betreiber sanierten, während er selber kränker heim kehrte als er hin gefahren war -, eine langweilige Woche in einem Schul-Landheim in der Eifel und ein paar Wochen bei Gastfamilien zum Zwecke des Fremdsprachen-Erlernens zählt Dikigoros nicht in die Kategorie "Reisen", wenngleich letztere ihn erstmals ins Ausland führten. Zum Ausland wiederum zählt er nicht Österreich und den Wienerwald (den echten, nicht den Hähnchen-Grill :-), wo seine Oma mütterlicherseits wohnte, die er nur zweimal im Leben gesehen hat, als er noch ganz jung war, und sie schon uralt - nur mit Mühe und langwierigem Papierkrieg hatte sein Vater erreicht, daß er zu ihrem 80. Geburtstag zwei Tage vor Beginn der Ferien vom Volksschul-Unterricht frei gestellt wurde - wo er doch eh schon so oft fehlte, wegen seiner ständigen Krankheiten. Ein paar Wochen später starb die Oma; aber das konnte der gestrenge Herr Rektor ja nicht wissen, und wenn er es gewußt hätte, wäre es ihm sicher egal gewesen - Vorschrift ist Vorschrift, und die interne Dienstanweisung lautete nun mal, solche Fälle besonders streng zu prüfen, in denen bei Freistellung vom Unterricht die Ferien "ohne stichhaltigen Grund verlängert" worden wären. Aber in letzter Instanz erbarmte sich der zuständige Sachbearbeiter des RP. (Das war damals noch die Abkürzung für "Regierungs-Präsident" - als ob der irgend etwas persönlich getan hätte, außer vielleicht mal die Hand aufhalten -; erst Jahrzehnte später sollte man die Schulaufsichts-Behörde in "Regierungs-Präsidium" umbenennen, so daß nun nicht mehr jeder kleine Obersekretär mit "Hochverehrter Herr Regierungspräsident" angeredet bzw. -geschrieben werden mußte, womöglich noch mit "unterthänigst" als Grußformel.)
So war das damals - aber was sollte man schon erwarten von so einem dummen, sturen Schulleiter, wie sie damals katholischen Volksschulen vorstanden? (Anderen Konfessions-Schulen auch; und Dikigoros will damit nicht sagen, daß die späteren, nicht-konfessionellen Grundschulen und ihre Leiter[innen] etwa besser gewesen wären.) Und was soll man groß erwarten von einer "ersten Reise", die von der Schule organisiert wird? Zumal das gar nicht die erste Reise sein sollte, sondern nur eine Art Trostpflaster. Eigentlich war alles ganz anders geplant: Die Oberprima, nein, die drei Oberprimen des alt-ehrwürdigen (mehr alt als ehrwürdigen :-) Gymnasiums, das Dikigoros - den sie damals noch "Tarzan" nannten - besuchte, sollten ihre Abiturfahrt eigentlich ganz woanders hin machen: Nach Athen und Rom. Ja, und, denn die knapp 50 Schüler (Schülerinnen gab es damals am Knaben-Gymnasium noch nicht), die von den 120 neun Jahre zuvor in Sexta Eingeschulten "durchgekommen" waren (tatsächlich waren es insgesamt weniger als 20; der Rest bestand aus "sitzen Gebliebenen" der höheren Klassen - so hart wurde damals noch "gesiebt"), durften frei wählen zwischen Skylla und Charybdis, d.h. zwischen einer gerade ausgebrochenen Cholera-Epidemie in Italien und der Grabesstille eines Militär-Regimes in Griechenland. Tarzan besaß die Frechheit, den Herrn Direktor darauf anzusprechen und zu fragen: "Wir besuchen doch überwiegend den neusprachlichen Zweig; könnten wir nicht lieber nach Paris oder London fahren?" - "Das könnte Ihnen so passen," meinte der nur, "die Abiturfahrten an dieser Lehranstalt sind schon immer nach Athen gegangen, mit einer fakultativen Exkursion nach Delphi, oder nach Rom, mit einer fakultativen Exkursion nach Pompeii, und das wird auch künftig so bleiben, basta." - "Ma come basta?" versetzte Tarzan (der wußte, daß dem Direx seine Fremdsprachen-Kenntnisse imponierten), "von denen, die Alt-Griechisch gelernt haben, kann in Athen niemand auch nur 'guten Tag' sagen, das heißt nämlich nicht mehr 'chairete' (hätte Tarzan damals schon gewußt, daß Đelfí nicht "Dällvieh" ausgesprochen wird, wie sein Direx das tat, hätte er ihm auch das unter die Nase gerieben); und der einzige, der hier Italienisch spricht, bin ich, und das habe ich nicht im Latein-Unterricht gelernt." (Tarzan war Preisträger des Schüler-Wettbewerbs Italienisch, hauptsächlich mangels ernsthafter Konkurrenz - aber letzteres wußte sein Direx ja nicht.) Doch diesmal biß er auf Granit: "Wenn es Ihnen nicht paßt, können Sie ja hier bleiben; ich werde persönlich Ersatz-Unterricht für die daheim Gebliebenen organisieren," erwiderte der Direktor kühl, und damit war die Diskussion beendet. Knapp die Hälfte der Schüler blieb zu Hause; nicht wenige Eltern - auch Tarzans - waren froh, dafür einen anderen Grund zu haben als den, daß das Geld nicht reichte. (Die Elternpflegschafts-Vorsitzende, Frau v. O., hatte durchgesetzt, daß die jungen Herren Gymnasiasten und angehenden Abiturienten nicht etwa in irgend einer popeligen Jugendherberge nächtigten, sondern standesgemäß in einem von ihr persönlich ausgesuchten "guten Hotel" mit Halbpension, und Zuschüsse gab es nicht.) Über 90% der Nichtfahrer brachten Entschuldigungen bei, daß sie plötzlich erkrankt seien und daher dem wertvollen Ersatz-Unterricht nicht folgen könnten. Tarzan und seine drei besten Freunde, Fidi, Ecki und Strello, gingen hin, schon um den Direx zu ärgern; nach zwei Tagen schickte er sie nach Hause. Die anderen kamen nach zehn Tagen gesund und munter wieder heim, berichteten stolz von unheimlichen Sauforgien und lachten herzhaft über die "Schlappschwänze", die nicht mit gekommen waren.
So kam Dikigoros also um seine erste Reise. Aber zum Glück stand schon bald die nächste an: Statt 10 Tage in den Süden 5 Tage ins Vorgebirge, nach Bornheim. "Walberberg" hieß das Dominikaner-Kloster, in welchem die katholischen Oberprimaner des bewußten Gymnasiums (das einst aus einer kirchlichen Lehranstalt hervor gegangen war) traditionell eine Woche mit "Exerzitien" verbrachten. Nein, natürlich war das keine Pflicht mehr, und natürlich stand diese Reise inzwischen auch Nicht-Katholiken offen. Aber so richtig Lust hatte eigentlich keiner, und so drehten sich die Diskussionen sowohl zuhause als auch in der Schule eher um gute und weniger gute Ausreden. "Du kannst Dich doch nicht schon wieder ausschließen," meinte Tarzans Vater, "wie ständen wir denn dann da? Schließlich bin ich Beamter." [Tarzans Vater hat seinen Beruf ein Leben lang nur als "Beamter" angegeben, während manche seiner Kollegen mit jeder Beförderung stolz ihren neuen Dienstgrad zur Schau stellten - es gab welche, die sich jedes Mal neue Tür- und Klingelschilder und neues Briefpapier machen ließen - und auch gleich an die Bundespost schrieben (die Telekom gab es noch nicht), damit ihr Telefonbuch-Eintrag entsprechend geändert wurde. Aber Tarzans Eltern betrachteten es schon als Luxus, daß sie jetzt überhaupt ein privates Telefon hatten; seine Schwester Helli hatte so lange gequengelt, bis sie diese Investition - die sie für ebenso teuer wie überflüssig hielten - endlich vorgenommen hatten. Daß es bei den Beamten überhaupt so etwas wie Laufbahngruppen, Dienstgrade und Altersstufen gab, hatte Tarzan erst in Quinta erfahren, als sein Mitschüler Simon eines Morgens beim Unterrichtsbeginn aufstand und mit von Stolz geschwellter Brust zur Klassenlehrerin sagte: "Mein Vater ist zum Oberamtsrat befördert worden. Bitte ändern Sie das in Ihren Unterlagen." Da machte sich Tarzan schlau und sah zum ersten Mal, welch weiten Weg sein eigener Vater noch vor sich hatte - dessen Ziel er erst kurz vor der Pensionierung erreichen sollte.] - "Das kostet nur 20.- DM plus 2x 1,50 für die Fahrkarten", ergänzte Tarzans Mutter (nach Bornheim konnte man mit der so genannten Vorgebirgsbahn fahren), "dafür kann ich dich hier nicht eine Woche durchfüttern. Sieh nur zu, daß du bei den Mahlzeiten tüchtig zulangst."
Auf dem Schulhof wurden ernstere Argumente ausgetauscht: "Wir brauchen die Bischofs-Fraktion," meinte Ecki nüchtern, "sonst macht uns der Marquis im Abi fertig, alle wie wir da sind." Der Marquis, das war ihr Mathe- und Chemie-Lehrer, seines Zeichens dienstältester Studiendirektor und stellvertretender Schulleiter, Lehrbeauftragter an der örtlichen Universität und Mitglied der Prüfungs-Kommission für das Staatsexamen - und deren Maßstäbe legte er auch bei seinen Oberschülern an: "Sehr gut" war sowieso nur er selber; für ein "gut" mußte man mindestens den Leistungsstand des akademischen "Vorsemesters" aufweisen (und das tat keiner), ein "befriedigend" bekam vielleicht der Klassenprimus (um diesen Status rangen Fidi und Strello erbittert), alle anderen konnten froh sein, wenn sie nicht "mangelhaft" oder "ungenügend" bekamen. Nun war es ja schlimm genug, wenn ihnen so der Abitur-Durchschnitt versaut wurde (der "numerus clausus" war gerade eingeführt worden), aber schlimmstenfalls drohte selbst solchen Kandidaten, die in allen anderen Fächern gut waren, mit jenen beiden Fächern das Durchrasseln beim Abi. Längst hatten sich die weniger Naïven von der Vorstellung frei gemacht, daß es in den naturwissenschaftlichen Fächern "objektiver" zugehen müsse als etwa beim deutschen Aufsatz; in mindestens einem der beiden Fächer drohte jedem von ihnen die mündliche Prüfung. "Ob es nicht klüger wäre, die eine Woche in Pauken zu investieren statt in solche albernen Spielereien im Kloster?" fragte Fidi. "Im Gegenteil," meinte Strello, dessen Vater Lehrer an der örtlichen Realschule war, "wenn wir wirklich ins Mündliche müssen, sitzen dort noch andere Leute, und deren Stimme kann den Ausschlag geben, nicht in den Fächern Mathe oder Chemie, aber in Sachen Abi bestanden oder nicht bestanden. Ihr wißt, daß sowohl Religion als auch Philosophie als wissenschaftliche Fächer gelten. Gegen die Bischöfe fällt keiner durch." Die "Bischöfe", das waren vier Studiendirektoren - drei katholische und ein evangelischer -, von denen zwei geweihte Priester waren (einer sogar durch einen kurzen Aufenthalt im KZ zum "Widerstands-Kämpfer" geadelt), der dritte ein hohes Tier in der christlich-jüdischen Vereinigung, und der vierte ein ebensolches in der EKD; an besagtem Gymnasium fungierten sie zugleich als Lehrer für Philosophie. "Also, ich habe seit Jahresbeginn meine Bemühungen, dem Mathe-Unterricht zu folgen, eingestellt", gestand Tarzan, "die letzte Klassenarbeit habe ich gerade so hinbekommen, und die beiden noch ausstehenden werde ich schwänzen, dann muß er mir als Vornote die vom Vorjahr geben, und mehr als eine Note kann er mich im Abi nicht mehr runtersetzen." So fuhren die vier denn nach Walberberg, zusammen mit zwei Dutzend Mitschülern, die ähnlich dachten, und einem halben Dutzend Lehrkräften, von denen die meisten wohl nur mal eine Woche blau machen wollten.
![[in Walberberg]](walberberg2.jpg)
"Exerzitien" - was war das überhaupt? Nun, Übungen halt, wenn man es wörtlich nahm, aber was für welche? Im Lexikon stand: Übungen im Schweigen - aber dafür fuhr man ja nicht eine Woche ins Kloster, im Gegenteil: Es waren Übungen im Sprechen und Diskutieren. Über was? Na, wahrscheinlich über Gott und die Welt. Wie sah die Welt damals aus, und was für ein Weltbild hatten junge Menschen, denen man bald "die Reife" bescheinigen sollte? An Gott glaubte keiner mehr, obwohl - oder gerade weil - man es ihnen auf der Schule Jahre lang eingetrichtert hatte. Und außerhalb der Schule begann man zunehmend an etwas zu glauben, was der Italiener Ignazio Silone "der Gott, der keiner war" genannt hatte - den Sozialismus, der inzwischen auch in der BRD an die Macht gekommen war. Aber wer außer Tarzan hatte Silone gelesen? Keiner, und auch er nur, um Italienisch zu lernen. Überhaupt las er nur der Sprache[n] wegen: Deutsche Bücher, wenn jemand gutes Deutsch schrieb, ausländische Bücher, wenn jemand gutes, einfaches, klares Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch oder Spanisch schrieb, denn für kompliziertere Sachen reichten seine Sprachkenntnisse nicht aus, und Übersetzungen mißtraute er. Das schloß gewisse Mode-Autoren von vornherein aus, deren meisten er bis heute nicht gelesen hat; von Schmierfinken, die ihre eigene Sprache (bzw. die, von der sie vorgeben, daß es "ihre" Sprache sei) nicht beherrschen, las er nichts und nahm er auch sonst nichts an: die Böll und Grass, die Kafka und Döblin und wie sie alle hießen, konnten ihm gestohlen bleiben. Ansonsten war ihm ziemlich egal, wovon seine Lektüre handelte: Wenn jemand ordentlich schrieb, mußte auch der Inhalt irgendwie lesenswert sein. Seine Mitschüler dachten da ganz anders. Sie lasen, wie man damals sagte, "selektiv", und fast alle hatten einen Lieblingsautor: Ecki hatte Marx gelesen, obwohl - oder weil? - seine Eltern Unternehmer waren; und er machte keinen Hehl daraus, daß er sich nichts sehnlicher wünschte, als daß bald "die Russen kommen"; im Hinblick darauf besuchte er gemeinsam mit Fidi, Strello und Tarzan etwas, das umständlich "Zusätzliche Unterrichts-Veranstaltung Russisch" genannt wurde, 2x2 Stunden wöchentlich am Nachmittag. Die anderen hatten ganz andere Motive: Strello ging hin, weil daran auch die Schülerinnen des örtlichen Mädchen-Lyceums (höhere Mädchenschulen wurden früher, als man noch Griechisch verstand, natürlich nicht "Gymnasium" genannt - frau ging ja auch nicht in die Nacktbadeanstalt :-) teilnahmen. (Nicht lachen, liebe jüngere Leser, dafür sparte er sich die Tanzstunde - die sonst das bevorzugte "Anbahnungs-Institut" war in jenen Tagen, wo man sich aber bestimmt viel weniger gut kennen lernte; Strello fand jedenfalls im Russisch-Unterricht die Frau für's Leben; und er ist heute noch mit ihr verheiratet! :-) Fidi ging hin, weil Strello hinging, von dem er sich nicht den Rang ablaufen lassen wollte, so wie er in den Schachclub ging, weil Tarzan hin ging. Und Tarzan ging hin aus Neugier, weil er mal eine andere Fremdsprache kennen lernen wollte als immer nur germanische und romanische. Italienisch und Spanisch hatte er belegt, weil er seine Latein-Note verbessern wollte - mit Erfolg; seitdem glaubt er nicht mehr daran, daß es Sinn macht, alte Sprachen zu lernen als "Grundlage" für das Erlernen moderner Sprachen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Nur wer lebende Sprachen erlernt hat, die man sprechen kann, wird auch in die Geheimnisse der toten Sprachen eindringen, aus denen sie sich entwickelt haben.
Darüber hatte es Tarzan also versäumt, einen "Lieblingsautor" zu finden (im Moment las er gerade Camus und Tolstoj, aber ohne von ihnen besonders beeindruckt zu sein), und das war in Diskussionen, wie sie jetzt anstanden, zweifellos von Nachteil. So wie Ecki jeden seiner Sätze mit einem Zitat von Marx, Engels oder Lenin untermauern konnte, gab Strello zu allem seinen Senf aus der Sicht Nietzsches dazu. Und dann war da noch ihr Mitschüler Steve. Sein Vater kam aus Südafrika, und dorthin hatte er sich auch irgendwann wieder abgesetzt. Steve hatte Sigmund Freud gelesen, was so gar nicht zu ihm passen wollte, wie Tarzan meinte (der noch nicht entdeckt hatte, daß auch Freud ein gutes, klares Deutsch schrieb, geschweige denn ahnte, daß er sich bald, nämlich zur Abiturvorbereitung, auch intensiv mit Nietzsche würde beschäftigen müssen, der ebenfalls ein gutes, wenngleich nicht immer so klares Deutsch schrieb - aber das ist eine andere Geschichte): Steve war groß, blond und blauäugig, aktiv im Ruderverein (was er heute noch ist - ausgedehnte Ruderfahrten sind seine bevorzugte Form des Reisens), gar nicht intellektuell, sondern vielmehr strohdumm und stinkfaul, Klassenältester und stets auf der Kippe, bei nochmaligem "Hängenbleiben" von der Schule zu "fliegen". Er hatte sich auf der Italienreise als bester Biertrinker aller Klassen erwiesen - zum Beweis konnte er zahlreiche Fotos vorzeigen, auf denen er mehrere Liter-Krüge gleichzeitig stemmte. (Leute, die es besser wissen müssen als Dikigoros, behaupten freilich, daß, wenn Simon mit gefahren wäre, der kampferprobt war in englischen und irischen Pubs... aber der fuhr nicht mit nach Walberberg, also können wir ihn getrost außen vor lassen.) Dann waren da noch Konni und Schappi, die beiden besten Fußballer der Klasse, die allerdings das Pech hatten, daß es in dieser Sportart keine ordentliche Schulmannschaft [mehr] gab (die anderen guten Fußballer waren, da sie weniger im Kopf als in den Beinen hatten, nach und nach "abgegangen"), und last not least Willi, wohl der intelligenteste von allen, der es freilich bevorzugte, im Unterricht "Exerzitien" der traditionellen Art abzuhalten, was bei den Lehrern gar nicht gut ankam. Er sollte das Kunststück fertig bringen, dem Marquis im mündlichen Abi ein "gut" in Mathe abzuringen und dieses Fach studieren, entgegen dem eindringlichen Rat des Marquis - der leider Recht behalten sollte. (Aber wer weiß, wozu das verpatzte Mathematik-Studium gut war; heute ist er ein wertvoller Mitarbeiter von Dikigoros' "Reisen durch die Vergangenheit" :-)
Die wirklichen "Cracks" kamen jedoch aus den Parallel-Klassen, denen, wo noch Griechisch und Lateinisch bis zum Abitur auf dem Stundenplan standen. Zum Beispiel Rainer und Berni, zwei dicke Freunde, die sich ihren Hintern vorzugsweise am Schreibtisch platt saßen, um fleißig zu büffeln und ihren Cicero wahrscheinlich auswendig kannten. Oder Nobbi, hinter dessen langen Haaren und immer etwas vergammelt wirkendem Äußeren (das damals "in" war) sich ein erzkonservativer Streber verbarg, oder Schorsch, der sein Talent später als Redakteur bei der B...-Zeitung verschwenden sollte. Sie alle sollten dazu beitragen, daß der "humanistische" Zweig am Ende des Abiturjahres vier der fünf Jahrgangsbesten stellte - aber wie Fidi (dem dadurch der Preis - die "Tagebücher" von Max Frisch - entgehen sollte) biestig meinte, lag das auch und vor allem daran, daß sie einen anderen Lehrer in Mathe und Chemie hatten: "Der Marquis haßt uns doch schon deshalb, weil er schlechter Schach spielt als Tarzan und ich." - "Mußtet ihr Ar...löcher ihm denn auch vor versammelter Mannschaft ins Gesicht sagen, daß er gegen euch kein einziges Remis holen würde, selbst wenn ihr mit verbundenen Augen spielen würdet?", fragte Rainer, "und daß das beweisen würde, daß Mathematik eine völlig unpraktische Wissenschaft sei, die mit Intelligenz überhaupt nichts zu tun hat?" - "Weil's wahr ist, Fettar...," gab Tarzan zurück, "er hätte es ja mal ausprobieren können; ich würde gegen das ganze Lehrerkollegium und eure ganze Klasse simultan spielen, ohne eine Partie zu verlieren." - "Das spricht ja nun nicht gerade dafür, daß Schachspielen etwas mit Intelligenz zu tun hat," versetzte Berni. "Sag' ich ja gar nicht," meinte Tarzan, "aber Mathe halt auch nicht." - "Paß bloß auf, daß du nicht durch's Abi rasselst, dann hilft dir dein Jugendmeistertitel im Schach einen Dreck, denn da zählt nun mal Mathe." - "Dein Glück; wenn Sport mit zählen würde, würdest du trotz deiner vielen Einser in den Fächern für Sesselpupser mit Pauken und Trompeten durchfallen."
Rainer war der "bestgehaßte Mann" an der Lehranstalt, wie es mal einer seiner Mitschüler in Anspielung auf Bismarck formulierte - der sich freilich in erster Linie daran stieß, daß Rainer schon mit 15 Jahren ständig in Schlips und Kragen herum lief, was seit 1968 auch an so genannten "höheren" Schulen nicht mehr üblich war. Seine Todfeindschaft zu Herrn H., dem Sportlehrer, war legendär, nicht nur weil er ein schlechter Sportler war (die Sportnote zählte nicht für den Numerus clausus, deshalb gab er sich keinerlei Mühle in dem Fach; und Herr H., der felsenfest von dem Satz "mens sana in corpore sano [gesunder Geist (nur) in gesundem Körper]" überzeugt war, hatte ihn immer besonders "auf dem Kieker". Eines unschönen Tages trug Herr H. ins Klassenbuch ein: "R. schwätzt im Unterricht." Nun war das ja eigentlich eine Lächerlichkeit, über die sich niemand sonst aufgeregt hätte, weder ein Lehrer über das Schwätzen noch ein Schüler über den Klassenbucheintrag. Aber H. kannte R. nicht - oder jedenfalls nicht gut genug -, sonst hätte er zwei Dinge wissen müssen: erstens, daß jener brave Streber nie und nimmer im Unterricht geschwätzt hätte, nicht einmal in der Turnhalle, wo es ja nun wirklich nicht drauf ankam (es waren seine Nebenleute gewesen), und zweitens, daß R. einen solchen schriftlichen Tadel als Angriff auf seine ganz persönliche Ehre als Musterschüler und Klassenprimus empfand. Er protestierte heftig, und der verbale Schlagabtausch steigerte sich immer mehr: Nachdem R. meinte, daß ein Dutzend Mitschüler bezeugen könnten, daß er nicht geschwätzt habe, und daß sie ja wohl in einer Demokratie lebten, wo die Wahrscheinlichkeit, daß ein einzelner irre, höher sei als daß dies so viele täten, ließ sich H. zu der wütenden Bemerkung hinreißen: "Scheiß auf Eure Demokratie! Der Eintrag bleibt stehen!" R., nicht faul, griff seinerseits zur Feder, nein zum Kuli; und als die Stunde herum war, trug er ins Klassenbuch ein: "H. lügt und scheißt auf die Demokratie." Das Buch wurde vom Klassenlehrer dem Direktor vorgelegt, und damit war die Kacke am dampfen. Daran, daß R. im Recht war, konnte überhaupt kein Zweifel bestehen, ebenso wenig daran, daß seine Eltern zur Not bis vors Bundesverfassungsgericht gegangen wären, um auch Recht zu bekommen, und daß sie überdies die Medien eingeschaltet hätten - Rainers Schwester ging zusammen mit der Tochter des größten Zeitungsverlegers vor Ort in eine Klasse. Nun war das zwar noch nicht die Zeit, als ein Lehrer, bloß weil er mit Vorname zufällig "Adolf" hieß (wofür er schließlich nichts konnte) oder weil er ein erklärter Anhänger der NPD war (die damals noch als durchaus respektable Partei galt und in mehreren Landtagen vertreten war) aus dem Schuldienst entfernt worden wäre; und es war auch noch nicht so weit wie heute, daß einerseits Lehranstalten, die NPD-Lehrer beschäftigen, die Schließung droht, während Ersatzschulen, an denen muslimische Fanatiker mitten in Deutschland zum Jihād (Kreuzzug) gegen die Christenhunde aufrufen, wie die "König-Fahd-Akademie" im Bonner Stadtteil Bad Godesberg, wohl gelitten sind; aber einen handfesten Skandal hätte es vermutlich doch gegeben, wenn die Schulleitung nicht eingelenkt hätte. Beide Klassenbucheinträge wurden gestrichen, wobei H. den seinen mit einem Querstrich versah und daneben schrieb: "gestrichen, H.", während er auf dem von R. solange mit dem Kugelschreiber hin und her strich, bis derselbe auf der anderen Seite des geduldigen Papiers wieder heraus kam und jenes Blatt des armen Klassenbuchs ordentlich versaute. (Das Klassenbuch sollte am Ende des Schuljahrs verschwinden; die Gerüchte reichten von "H. hat es mitgehen lassen" bis "R. hat den Klassenbuchführer mit einer Elton-John-LP bestochen, es ihm mitzugeben"; aber wahrscheinlich hatte die Schulleitung es bloß unter Verschluß genommen oder vernichtet, um jeglichen Weiterungen vorzubeugen.) An diese Geschichte muß Dikigoros heute im Rückblick denken.
Aber damals hatte R. noch Oberwasser: "Mein lieber Tarzan, du steckst viel zu viel Zeit und Energie in Dinge, die nicht lebensnotwendig sind, wie Schach, Sport, Musik und ausgefallene Fremdsprachen, und darüber vernachlässigst du die wirklich wichtigen Fächer. Du scheinst zu vergessen, daß du von Beruf immer noch Schüler bist. Aber das zeichnet euch Neusprachler ja allesamt aus: Strello mit seinem Ping Pong, Steve mit seiner Paddelei, Konni und Schappi mit ihrem Ballgetrete, die drei Ernste mit ihrem Korbball und was dergleichen proletenhafte Beschäftigungen mehr sind. Ihr werdet's weit bringen." - "Also sprach Rainer Muster," kommentierte Strello, den Titel eines Buches von Nietzsche persiflierend. Ja, so sprach Rainer, der Musterschüler, der mit 41 Jahren einem Herzinfarkt erliegen und so seine Planstelle als Oberstudienrat vorzeitig frei machen sollte... Die anderen Leuchten will Euch Dikigoros vorerst ersparen; wie Ihr schon aus diesem kurzen Dialog - geführt während der S-Bahn-Fahrt nach Bornheim - schließen könnt, war das Verhältnis zwischen den Parallel-Klassen nicht besonders herzlich; und manchmal bedauerte Tarzan, daß er nicht statt so "proletenhafter" Sportarten wie Schach und Basketball die edle Kunst des Faustkampfes erlernt hatte, um Leuten wie seinem Gegenüber bei Bedarf nach allen Regeln der Kunst die Fresse zu polieren.
Wer fuhr noch mit? Natürlich "Mucki" und "Meuserich", ihre Lehrer für Religion und Philosophie. Mucki war lang und dürr, ein richtiger Asket. Der kleine, dicke Meuserich war dagegen ein Bonvivant und insbesondere einem guten Tropfen nie abgeneigt; Tarzan bekam einmal mit, wie er Konni zusammen schiß, weil irgend etwas mit dem Meßwein nicht in Ordnung war. (Konni war Meßdiener, und böse Zungen behaupteten, daß er nur diesem Umstand verdankte, als notorischer "Fußballer" noch nicht von der Schule geflogen zu sein; Tarzan spielte in der Schulmesse die Orgel und bekam so einiges mehr mit als die braven Schäfchen, die nur vor den Kulissen "dabei" waren.) Aber was noch viel wichtiger war: Er hieß eigentlich Dr. Meuserich, war also promoviert. Das ließ Mucki nicht ruhen: Obwohl er schon über 50 war - also aus der Sicht seiner Schüler steinalt -, hatte er sich noch einmal an der Universität eingeschrieben, um auch seinen Doktor zu machen. Jahre später sah Dikigoros mal seine Dissertation: irgendetwas über die Katholiken-Verfolgungen in Ostpreußen unter den Nazis. Den genauen Titel hatte er bald wieder vergessen, denn das Thema erschien ihm ziemlich läppisch angesichts der Verfolgungen, welche nicht nur die Katholiken in Ostpreußen später unter den Kommunisten zu erleiden hatten. Nachdem Mucki wirklich steinalt geworden war, starb er einsam und verlassen; Dikigoros war der einzige seiner ehemaligen Schüler, der zur Beerdigung kam. Bei der Gelegenheit suchte er auch noch einmal nach Muckis Doktorarbeit; und aus dem Lebenslauf, pardon der Vita, konnte er schließen (was er als Schüler nie geahnt hatte, da Mucki seinen vollen Namen - Graf Soundso - nicht führte), daß einer seiner Vorfahren Fürstbischof im Ermland gewesen war. Nun, das Thema war politisch-korrekt; aber ein anständiger Ermländer hätte doch besser etwas über das Schicksal der von den Russen und Polen aus ihrer Heimat vertriebenen Deutschen geschrieben, die es ganz in die Nähe verschlagen hatte: ins Ahrtal, nach Brück an der Ahr - heute "Ahrbrück" -, wo die Ex-Ermländer aus einer wüsten Ruinenlandschaft mit ihrer Hände Arbeit ein hervorragendes Weingebiet schufen - aber das interessierte Mucki wohl nicht, denn er war eigentlich Anti-Alkoholiker und trank selbst den Meßwein nur mit Widerwillen - es war halt eine Prüfung, die Gott ihm auferlegte - wie die Fahrt nach Walberberg.
Nach dem Einchecken (das man damals noch nicht so nannte) und dem Abendessen (Tarzan langte tüchtig zu :-) wurde den Schülern das Tagungsprogramm vorgestellt - und so ganz nebenbei erfuhren sie auch etwas über den Orden der Dominikaner (natürlich hatte sich - außer Rainer und Berni, versteht sich - niemand die Mühe gemacht, vorher mal im Lexikon nachzuschlagen, und Internet gabs noch nicht; aber Namen wie Albertus Magnus, Thomas von Aquin und Bartolomé de las Casas hätten ihnen damals eh nichts gesagt - und den meisten heute wohl auch noch nicht :-). "Armut, Keuschheit und Gehorsam" waren die drei Grundgebote; über allem aber stand die Propaganda, d.h. Verkündung und Verbreitung des wahren Glaubens - und um dieser ausgesetzt zu werden waren sie hierher eingeladen worden. Welchen Glaubens? Das schien egal, der Weg war das Ziel, und keines dieser Ziele stand zur Zeit sonderlich hoch im Kurs: Anti-autoritäre Erziehung und freie Liebe waren angesagt (jedenfalls in der Theorie; die Gesellschaft war im Umbruch, aber in der Praxis hatten sich die "68er" mit ihren Forderungen noch nicht allgemein durchgesetzt), und um sich beides leisten zu können durfte man nicht arm sein, denn man wollte das Leben ja genießen, und selbst die Einstiegsdrogen, wie Zigaretten, Hasch und Alkohol, kosteten Geld. Die Dominikaner schauten mit überlegener Verachtung auf diese Entwicklung der Gesellschaft; und auf die Frage Strellos nach dem Sinn des Zölibats (von wegen "Keuschheit") meinte einer der Mönche: "Ein kluger Mann hat mal gesagt, wer eine Frau heiratet verzichtet auf tausend andere Frauen. Nun, wir verzichten halt auf eine mehr." Und hatte die Lacher auf seiner Seite - ohne die Frage beantwortet zu haben, wie Ecki spöttisch (aber nur halblaut zu Tarzan) bemerkte.
Das war überhaupt ein Hauptmerkmal der Kunst des "richtigen", erfolgreichen Diskutierens, wie sie am nächsten Morgen erfuhren: Fragen offen lassen, direkten Antworten ausweichen, aneinander vorbei reden, sinnlose Gegenfragen stellen wie: "Meinen Sie wirklich? Wie kommen Sie darauf? Können Sie Beispiele dafür nennen (daß 2x2=4 ist)?" Nun war das Tarzan mit dem Diskutieren so schnuppe wie mit dem Lesen: Wenn ein Buch gut geschrieben war, war ihm der Inhalt gleichgültig; und wenn jemand gut redete, war es ihm egal, was der sagte. Er hörte sich das an, und es ging ihm zum einen Ohr hinein, und zum anderen hinaus. Aber seinen Mitschülern nicht: "Was meinen Sie eigentlich mit Armut?" fragte Schorsch, "wenn ich mir diese weitläufigen Klosteranlagen mal so anschaue, fühle ich mich eher an einen Palast erinnert." - "Wir meinen die persönliche Armut," antwortete einer der Dominikaner freundlich lächelnd, "diese Gemäuer gehören der Gemeinschaft, und sie stehen allen Gläubigen offen, auch Ihnen; mir persönlich gehört davon gar nichts; ich bin so arm wie die sprichwörtliche Kirchenmaus." - "Aber finden Sie das richtig? Das ist doch Kommunismus!" - "Was verstehen Sie bitte unter Kommunismus?" - "Na ja, wenn theoretisch allen alles gehört, aber praktisch nichts, und alle gleich arm sind, nur die Bonzen etwas gleicher." (Sie hatten gerade im Englisch-Unterricht "Animal Farm" von George Orwell durchgenommen.) Wieder lächelte der Mönch milde: "Was ist daran schlimm? Finden Sie es besser, wenn alle ständig streben und hetzen und gegen einander kämpfen, nimmer satt vor Neid und Mißgunst, wie in den westlichen Konsum-Gesellschaften des Kapitalismus?" - "Waren Sie mal in Rußland?" fragte Berni. "Sie meinen in der Sowjetunion?" - "Ja, meinetwegen, waren Sie mal in der Sowjetunion?" - "Nein. Waren Sie denn schon mal da?" - "Nein, aber ich habe Verwandte in der Sowjetzone. Waren Sie wenigstens dort schon mal, oder kennen Sie einen Flüchtling oder Spätaussiedler?" - "Nein. Aber es muß Ihnen doch klar sein, daß solche Leute voreingenommen sind. Jeder Kriminelle, der von uns frei gekauft wird, redet natürlich schlecht über den Staat, in dem er verurteilt wurde, und gibt ihm die Schuld daran, daß er gestrauchelt ist, statt sie bei sich selber zu suchen. Wollen Sie sich Ihre Meinung wirklich nach deren Aussagen bilden?"
"Halten Sie jemanden für einen Verbrecher, bloß weil er versucht, über die Zonengrenze zu fliehen?" - "Das kommt immer darauf an, wie er es tut. Wenn er einfach nur flieht, ist er natürlich kein Verbrecher, sondern nur ein Feigling, weil er vor den Problemen davon läuft, statt auszuharren und im Vertrauen zu Gott auf Besserung zu warten - leider ist die Tugend der Geduld heutzutage nicht mehr weit verbreitet. Aber wer auf der Flucht Grenzsoldaten umbringt, junge Wehrdienstleistende der NVA, die auch nur ihre Pflicht tun, ist ein Verbrecher." - "Die NVA-Grenzer sind doch nur Handlanger von Verbrechern, die den einfachen DDR-Menschen seiner Freiheit berauben; was hat das mit Pflichterfüllung zu tun? Beihelfer von Verbrechern sind auch Verbrecher!" empörte sich Fidi. "Ach," meinte der Mönch, "das machen Sie sich aber ziemlich einfach. Der Mauerbau war auf Bitten Adenauers zwischen Kennedy und den Sowjets abgesprochen, weil Adenauer Angst hatte, wenn alle DDR-Bürger weg liefen, dann würde die DDR ausbluten, und in das leere Land würden Polen nachrücken. Und auch Willy Brandt als Oberbürgermeister von West-Berlin war selbstverständlich vorher informiert worden und einverstanden. Der einzige, den man nicht gefragt, sondern einfach nur angewiesen hatte, die Aufgabe zur Ausführung zu bringen, war Ulbricht. Und um auf Ihre Republik-Flüchtlinge zurück zu kommen: Kennen Sie eigentlich die Statistiken, wonach die meisten von denen hier im Westen früher oder später wieder kriminell werden, und zwar mit Vermögens-Delikten?" - Nein, niemand unter den Schülern kannte diese Statistiken, deshalb konnte es niemand nachprüfen oder das Gegenteil beweisen; und natürlich hatte niemand "Mein Kampf" gelesen - auch Tarzan noch nicht -, in dem Hitler ein Schlüsselerlebnis für sein Verhältnis zur Politik und zu den Politikern beschreibt (Dikigoros ist überzeugt, daß dies eine der Passagen ist, wegen derer das Buch bis heute verboten ist): Ein "demokratischer" Wahlredner faselt irgendwelches dummes Zeug daher. Als jemand aus dem Publikum das in Frage zu stellen wagt, zieht er einen Zettel aus der Tasche und sagt: "Nach den mir vorliegenden Statistiken..." Nach der erfolgreichen Rede fragt Hitler ihn, woher er denn diese Statistiken habe. "Ich habe gar keine Statistiken," meint der Wahlredner treuherzig, "das habe ich mir alles frei ausgedacht." (Nein, liebe Leser, die Fernsehwerbung für Melitta, in der ein Italiener sagt: "Ich habe gar kein Auto", gab es noch nicht; aber an die muß Dikigoros gerade denken :-)
Zu Mittag gab es eine frugale Suppe und lange Gesichter - so ernst hatten sie die Gelübde eigentlich nicht verstanden wissen wollen. Und das mit der Absprache zwischen Adenauer, Kennedy, Brandt und den Sowjets wollte kaum einer glauben - das hatte sich dieser Demagoge doch sicher bloß ausgedacht, um sie zu verwirren. Und was sollte diese dumme Hetze auf Konsum-Gesellschaft und Kapitalismus? Einer der Dominikaner, nach dem Essen darauf von Berni angesprochen, meinte nur: "Etwas Konsumverzicht hat noch niemandem geschadet. Armut erzieht zu Bescheidenheit, Gottesfurcht und Gehorsam." - "Ja, zum Gehorsam gegenüber der Nomenklatura", meinte Fidi, "die selber in Saus und Braus lebt, aber den Hunger als Druckmittel gegen ihre Untertanen einsetzt, wie bei den Sowjets." Der Mönch lächelte: "Was haben Sie nur immer gegen die Sowjetunion, junger Mann? Sie sind doch ein großer Schachspieler oder wollen jedenfalls mal einer werden. Da müßte es Ihnen doch imponieren, daß die Menschen in Rußland nicht vom Brot alleine leben, sondern auch von geistigen Genüssen, und dafür auch schon mal auf Krimsekt und Kaviar verzichten. Meinen Sie nicht, daß zumindest beim Schach das östliche System dem westlichen überlegen ist?" - "Ach was," meinte Fidi, "die stecken nur mehr Zeit ins Training, weil die genug davon haben und es nicht viel kostet: Schachbretter sind überall billig zu haben, und für andere Hobbies fehlt denen halt das Geld." - "Meinen Sie nicht, daß es sinnvoller ist, Zeit und Geld in so ein schönes Spiel zu investieren, als sich in Discos herum zu treiben, Rauschgift zu konsumieren oder in schnellen Autos zu Tode zu fahren, wie das im Westen geschieht? Müssen Sie nicht auch Verzicht üben, wenn Sie es im Schach zu etwas bringen wollen?" - "Ja, aber nicht unter diesen Bedingungen. Und trotzdem: In zehn Jahren bin ich Weltmeister." Der Mönch lächelte: "Was wird denn Ihr Freund Tarzan dazu sagen? Hat er nicht dieses Jahr die Jugendmeisterschaft gewonnen?" - "Er hat einfach nur Glück gehabt, und das weiß er auch."
Tarzan schwieg; zum einen, weil Fidi Recht hatte: Ein junger Spund, den alle maßlos unterschätzt hatten, hatte einen leichtsinnigen Fidi aus dem Weg geräumt und sich dann von ihm, der er nun gewitzt und gewarnt war, schlagen lassen. Zum anderen, weil er sich nicht erklären konnte, woher die solche Informationen über sie haben konnten. Er warf einen Blick auf Mucki und Meuserich - aber die verzogen keine Mine. "Na, jedenfalls scheint Ihr Informations-System besser zu funktionieren als unseres; ich weiß z.B. nichts über Ihre privaten Hobbies." - "Was ist denn verkehrt daran, gut informiert zu sein? Versuchen Sie nicht auch, sich vor einem Schachturnier über Ihre Gegenspieler zu informieren, welche Eröffnung sie bevorzugen, welche Stärken und Schwächen sie haben, sich vielleicht einige ihrer Partien zu besorgen, um sie zu analysieren?" - "Das meine ich nicht." - "Sie mögen das nicht ernst nehmen, aber das ist ein schwerer Fehler. Glauben Sie mir, wenn Sie Ihr erstes Match gegen einen Gegner aus dem Ostblock spielen, werden Sie vermutlich vorher nicht einmal seinen Namen gehört haben. Aber er wird alles über Sie wissen. Wenn er Weiß hat und Sie die Französische Verteidigung spielen, wird er nicht die Vorstoß-Variante wählen, und wenn er Schwarz hat, sich nicht auf ein angenommenes Mittelgambit einlassen." - "Das tut heute doch sowieso niemand mehr, dafür brauche ich niemanden auszuspionieren," warf Tarzan ein; aber insgeheim war er platt - das konnten die weder von Mucki noch von Meuserich haben. "Mag sein, aber würden Sie mir nicht beipflichten, daß diese Informationen über Vorlieben Ihres Schachfreundes auch für andere Eröffnungen, die Sie für aussichtsreicher halten mögen, seinem Gegenspieler einen Vorteil verschaffen?" - "Ja, einen unfairen." - "Aber Sie würden doch nicht behaupten, daß es ein illegaler Vorteil ist, oder?" - "All ihr Gemauschele wird ihnen nichts helfen," meinte Fidi, "Vorteil hin, Vorteil her, ich werde Schachweltmeister, als erster Deutscher."
Der nun folgende Satz des Mönchs verblüffte Tarzan noch mehr als alle bisherigen: Sich ein paar Informationen über zwei junge Schachspieler zu besorgen - woher auch immer - war eine Sache; aber deshalb mußten die so Informierten noch lange keine Ahnung vom Schach oder gar dessen Geschichte haben, das war eine andere Sache. "Der erste deutsche Schachweltmeister? Und was war mit Steinitz und Lasker?" - "Steinitz war Jude aus tschechisch Böhmen und nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an", erwiderte Fidi, "und Lasker war Jude aus preußisch Polen und nahm ebenfalls die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Die beiden waren etwa so deutsch wie Bobby Fischer, der zweifellos der stärkste Schachspieler der Welt ist, und den bisher nur die Machenschaften der Sowjets in der F.I.D.E. daran gehindert haben, Weltmeister zu werden." - "Sind nicht die Regeln der F.I.D.E. für alle die gleichen?" - "In der Theorie ja, aber in der Praxis nicht. Sonst wäre doch ein Figurenschieber wie Botwinnik nicht Jahrzehnte lang immer wieder Weltmeister geworden und ein Keres immer wieder nur zweiter im Kandidaten-Turnier." - "Sie sind also ein Anhänger Mr. Fischers. Wissen Sie denn auch, wo Ihr Namensvetter politisch steht?" (Fidi hieß richtig Robert; aber er mochte weder "Bobby" noch "Robby" genannt werden, weil ihn das eine zu sehr an englische Polizisten und das andere zu sehr an "Robbi, Tobbi und das Fliwatüüt" erinnerte.) Natürlich wußte das jeder, der sich ein wenig mit Schach auskannte; Fischer machte ja keinen Hehl daraus: Er war überzeugter Kommunist, persönlicher Freund von Fidel Castro und Tito, aber... "Trotzdem scheint er es vorzuziehen, in den USA zu leben." Der Mönch lächelte wieder: "Warten wir's ab; ich glaube, daß Mr. Fischer eines Tages aus den USA fliehen wird in ein kommunistisches Land, wie Sie das nennen; und wer weiß, ob es Ihnen nicht eines Tages genauso gehen wird, ob Sie nun Weltmeister werden oder nicht."
Der hat euch ja ganz schön zur Minna gemacht," meinte Strello hinterher, "hat der den KGB angezapft oder kann der hellsehen?" - "Dumme Frage", knurrte Fidi, "in meiner Vergangenheit rumschnüffeln kann doch jeder; daß der hellsehen kann, glaube ich erst, wenn Bobby Fischer dauerhaft in den Ostblock abhaut und ich zum Kommunismus konvertiere." (Fleißige Leser von Dikigoros' "Reisen durch die Vergangenheit" wissen schon, daß der Mönch Recht behalten sollte; andere können die Geschichte von Bobby Fischer hier nachlesen und die von Fidi hier. Die "Hellseherei" erklärte sich übrigens ganz banal damit, daß ein "Walberberger" im selben Schachclub wie Fidi und Tarzan spielte - ohne Mitglied zu sein, halt als Gast -, was die beiden nicht wußten, obwohl sie ihm oft am Schachbrett gegenüber gesessen hatten. Tarzan sollte es erst viele Jahre später durch Zufall erfahren; während der "Exerzitien" trat er nicht offen in Erscheinung. Und über die schulischen Dinge waren die Mönche durch Mucki und Meuserich ausgiebig informiert worden.) - "Wir können uns die ja morgen nochmal vorknöpfen," meinte Tarzan.
Aber dazu kommen sie nicht, denn am nächsten Morgen tritt ein anderer Mönch an; und der greift Bernis Frage vom Vortag nach der Situation der Kirche in der Sowjetunion wieder auf - die Dominikaner haben offenbar zu jedem Thema einen Spezialisten. "Sie meinen, daß die Kirche im Kommunismus unterdrückt wird?!" - "Alles ist relativ," knurrt Tarzan, "die Kirchen-Bonzen haben sich doch längst mit den Partei-Bonzen arrangiert und beuten das Volk gemeinsam aus." - "Da stimmt doch etwas in Ihrer Argumentation nicht," meint der Mönch, "was denn nun?" - "Die Gläubigen werden unterdrückt, von der weltlichen ebenso wie von der geistigen Obrigkeit." - "Meinen Sie das materiell oder glaubensmäßig?" - "Wir sprechen doch von Religion; daß die Kirchenoberen materielle Schätze angehäuft haben, indem sie die Gläubigen geschröpft haben, ist doch überall gleich." - "Ach, auch im Kommunismus?" - "Auch im Kommunismus." - "Na schau mal an. Und was meinen Sie, was der unterdrückte Gläubige, wie Sie das nennen, nicht hat, was der Kirchenobere hätte?" - "Wie meinen Sie das?" - "Ja, sehen Sie, der Kirchenfürst kann doch auch nicht von der goldenen Monstranz abbeißen, und er kann die wertvollen Ikonen nicht mit nach Hause nehmen und dort für sich behalten; sie gehören ihm ebenso wenig wie uns das Kloster. Und selbst wenn er sie mit nach Hause nähme - was hätte er davon?" - "Er könnte sich dran aufgeilen, sie anzusehen, so wie der Kapitalist an seinen Kontoauszügen," wirft Ecki ein. - "Sie meinen, er könnte sich an ihrem Anblick erfreuen," sagt der Mönch, "aber damit sind wir doch beim Punkt: Dadurch, daß die Kirche den Reichtum der Gemeinde in Kirchen und Klöstern konzentriert, die allen Gläubigen offen stehen, verschafft sie ihnen visuellen Zugang zu diesem materiellen Reichtum. Das unterscheidet sie ja gerade vom Kapitalisten, der seinen ausgebeuteten Arbeitern nicht mal seinen Kontoauszug zeigt, geschweige denn seine Luxusvilla von innen. Und sehen Sie, in der Sowjetunion wird eben auch in Dinge investiert, die jedermann offen stehen, wie z.B. die Moskauer Metrostationen mit ihren großartigen Mosaiken. Im kapitalistischen Westen stecken die Privatunternehmer ihre Gewinne dagegen in protzige Büro-Paläste, zu denen normalen Sterblichen der Zutritt verwehrt ist."
"Na schön, der Gläubige bekommt also eine reich ausgestattete Kirche zu sehen," meint Fidi, "aber wenn wir mal nicht auf das Materielle abstellen - wo bleibt denn die geistige Freiheit, die die Kirche den Gläubigen doch auch vermitteln sollte, wenn es sie selber nicht hat, sondern sich dem kommunistischen Staat unterordnet?" - "Unser Herr Jesus Christus hat gesagt: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist." - "Damit meinte er die Steuern." - "Ja, aber auch die weltliche Herrschaft." - "Die Herrschaft des Kaisers; aber nicht die Herrschaft der Kommunistischen Partei, die den Kaiser ermordet hat." - "Ach, Sie wollen den Zaren zurück haben? Meinen Sie, daß die Russen das auch wollen?" - "Die gläubigen Russen bestimmt, für die war er doch so etwas wie das Kirchen-Oberhaupt." - "Nicht ganz," lächelt der Mönch dünn, "das war immer noch der Metropolit. Aber sehen Sie, ein toter Zar als Märtyrer ist dem Glauben bisweilen viel förderlicher als ein lebender Zar, der Angriffspunkte bietet wie einen Rasputin oder andere Skandale, wie sie in weltlichen Herrscherhäusern nun mal vorkommen, und die heute mehr denn je an die Öffentlichkeit gezerrt werden." - "Das ist doch blanker Cynismus," wirft Strello ein, "wenn Sie so argumentieren, wäre auch ein toter Papst besser als einer, der ständig dummes Zeug faselt und sich und die Kirche damit lächerlich macht." - "Was meinen Sie, zum Beispiel?" - "Na, die Sache mit der Verhütung und dem vorehelichen Geschlechtsverkehr." - "Die beste Verhütung ist die Enthaltsamkeit, die Sie, lieber Strello, bekanntlich nicht praktizieren. Aber Sie müssen für sich selber entscheiden, ob es klug ist, den Spaß vor der Ehe zu konsumieren und was Ihnen und Ihrer Partnerin dann noch für die letztere übrig bleibt." - "Den haben sie also auch ausgeschnüffelt," raunt Tarzan Fidi zu, "möchte wirklich wissen, welchen Geheimdienst die beschäftigen." - "Da können Sie nicht mitreden," sagt Strello patzig, "Sie sind doch gar nicht verheiratet." - "Sie etwa?" fragt der Mönch lächelnd zurück - und hat die Lacher auf seiner Seite.
"Sie haben vom Thema abgelenkt," sagt Berni, "was haben Strello und seine Freundin mit der Unfreiheit der Kirche im Kommunismus zu tun?" - "Nun, nicht ich habe abgelenkt, aber um Ihre Frage zu beantworten: Das hat eine ganze Menge miteinander zu tun." - "Was? Daß Strello und seine Freundin Russisch lernen und er auch nicht mehr frei ist, wenn er sie heiratet?" Schallendes Gelächter im Saal. Aber der Mönch bleibt ganz ernst: "Mein lieber junger Freund, Sie sind ein guter Schüler, der immer brav das tut, was man ihm vorschreibt und nie auf die Idee kommen würde, vom rechten Weg abzuweichen." (Wieder ein Ausspionierter, denkt Tarzan bei sich, verkneift sich aber einen Zwischenruf in Sachen Rotkäppchen und Kommunismus.) "Wenn Sie etwas mehr Lebenserfahrung hätten, dann wüßten Sie um die Wirkung, welche der Reiz des Verbotenen auf andere Menschen als Sie ausübt. Sie haben wahrscheinlich nie Kirschen aus Nachbars Garten geklaut, geschweige denn größere Sünden begangen als sich mal mit einer falschen Entschuldigung vom Sportunterricht befreien zu lassen (Berni wird rot - aber das könnte auch daran liegen, daß Nobbi aus der letzten Reihe die hämische Bemerkung eingeworfen hat, daß Bernis Nachbar gar keine Kirschbäume im Garten hat, sondern nur Mülltonnen im gemeinsamen Hinterhof); aber Tatsache ist, daß der Kirche gar nichts besseres passieren kann, als verboten und unterdrückt zu werden." - "Na, soviel Cynismus schlägt doch dem Faß den Boden aus," meint Tarzan. "Keineswegs," sagt der Mönch, "schauen Sie sich die Geschichte doch einmal an: Wann war die christliche Kirche und der Glaube ihrer Mitglieder am stärksten? Im Römischen Reich, als ihre Anhänger verfolgt wurden. Wann war die protestantische Kirche am stärksten? Zu Beginn, als Luther in der Acht war und die Gegenreformation anlief. Wann war die griechisch-orthodoxe Kirche am stärksten? In den Jahrhunderten der Türkenherrschaft. Und die russisch-orthodoxe Kirche wäre längst eingegangen, wenn der Kommunismus nicht gekommen wäre. Schauen Sie sich doch mal um, hier im Lande: Die Kirche ist frei, aber die Kirchen sind leer; die Kirche ist reich, denn der Staat zieht für sie die Kirchensteuer ein; aber in den Kirchen gibt niemand mehr etwas aus freien Stücken. In der Sowjetunion dagegen sind die Klingelbeutel immer voll, obwohl die Menschen auf dem Papier soviel ärmer sind als hier bei uns - sie sind im Herzen reicher und im Glauben stärker, das dürfen Sie mir gerne abnehmen."
"Was wollen Sie eigentlich?" fragt Rainer, "ich gehe jede Woche in die Schulmesse, was für die meisten von uns gilt; und wir verbringen hier eine ganze Woche freiwillig im Kloster; da können Sie doch nicht von Unglauben reden!" - "Nun, wenn Sie ehrlich sind," meint der Mönch," dann gehen Sie doch nicht aus Gläubigkeit zur Schulmesse, sondern weil Sie Ihr "sehr gut" im Fach Religion auf dem Zeugnis haben wollen, oder? Und hier sind Sie, weil Sie mal eine Woche Abwechslung von der Penne haben wollen, und überhaupt kommen Sie ja nicht eine Woche her, sondern nur eine Woche abzüglich des Wochenendes. Fünf Tage Schule opfern Sie gerne, aber wenn Sie nur einen freien Samstag und einen freien Sonntag dran hängen müßten, dann hätten wir hier nur halb so viele Teilnehmer. Bestreiten Sie es nicht, wir haben es ausprobiert und sind wieder davon abgekommen. Die Teilnehmerzahlen waren viel geringer, und von denen, die gekommen sind, sind dann immer wieder welche zufällig am Freitag nachmittag krank geworden und vorzeitig abgereist." - "Wahrscheinlich wollten sie sich zuhause mal wieder richtig satt essen," sagt Tarzan, "hier wird man ja krank vor Hunger." - "Sie wollen mir etwas darüber erzählen, wie arm die Menschen in der Sowjetunion sind, und jammern, daß Sie hier nicht genug zu essen bekommen? Schauen Sie sich Ihre Mitschüler doch einmal an: Die meisten haben Übergewicht, denen tut es mal ganz gut, etwas weniger zu essen." Tarzan - der superschlank ist - verkneift sich eine Bemerkung nach dem Motto: "Aber mir nicht" und erwidert statt dessen: "Das erzählen Sie dann wohl auch den Millionen Hungernden in der Dritten Welt?!" - "Was wissen Sie denn vom Hunger auf der Welt?" - "Daß selbst im Religions-Unterricht jemand mit dem Klingelbeutel vorbei kommt und um Spenden für die hungernden Kinder in Biafra bettelt. Glauben Sie wirklich, daß es denen besser geht, wenn Sie hier in der Küche an ein paar Stückchen Gulasch sparen? Und daß das Geld, das da im Klingelbeutel landet, in die richtigen Kanäle gelangt? Vielleicht gibt es gute Gründe, warum bei uns die Klingelbeutel mehr und mehr leer bleiben?" Der Mönch lächelt: "Wieviel haben Sie denn gespendet?" - "Äh... nichts, ich bekomme nur 5.- DM Taschengeld im Monat, und wie Ihr Geheimdienst doch sicher auch heraus gefunden hat, beträgt der Mindestverzehr im Schachlokal 1,10 DM für das billigste Getränk, da bleiben mir im Monat gerade mal 60 Pfennige übrig." - "Das sind natürlich gute Gründe," meint der Mönch mit leicht spöttischem Unterton, "aber warum zerbrechen Sie sich dann den Kopf über Geld, das Sie gar nicht gegeben haben?"
"Aber ich habe etwas gespendet," meldet sich Rainer zu Wort - und Tarzan wartet nur auf die Behauptung, daß er auch das nur um seiner Religionsnote willen getan habe. Aber der Mönch ist cleverer: "Das ist schön, und es kommt eigentlich auch gar nicht darauf an, wieviel jemand gibt - selbst die 60 Pfennige, die Ihr Mitschüler Tarzan zwar übrig hat, aber nicht spenden will, könnten ein hungerndes Kind in Afrika oder Asien für einen Tag satt machen." - "Oder einen fetten Kirchenbonzen mästen," knurrt Tarzan. "Aber aber," meint der Mönch, "das ist doch widersinnig. Schauen Sie: Für das hungernde Kind sind 60 Pf eine Menge Geld, mit dem Sie es vielleicht vor dem Hungertod hätten retten können; aber glauben Sie denn wirklich, die fetten Kirchenbonzen, wie Sie das nennen, wären auf Ihre paar Groschen angewiesen?" - "Aber Millionen Groschen machen schon ein hübsches Sümmchen aus; davon kann sich der Schah von Persien eine goldene Badewanne kaufen, und der Präsident der Spendensammlungs-Gesellschaft die ehrenamtliche Aufwandsentschädigung verdoppeln..." Aber Tarzan hat ein schlechtes Beispiel gewählt: "Der Schah von Persien hat schon genug goldene Badewannen und überhaupt genug Geld aus seinen Erdöl-Quellen; außerdem würden wir kein Geld in ein muslimisches Land schicken, wo es gar keine Christen gibt und auch keine Missionierung erlaubt ist." (Das waren noch Zeiten, Anm. Dikigoros.) "Aber wohin dann?" fragt Rainer. "Ihr Freund Tarzan..." - "Der ist nicht mein Freund." - "Ihr Mitschüler Tarzan hat doch schon ein Beispiel genannt: zum Beispiel nach Biafra. Sie werden nicht bestreiten wollen, daß die Menschen dort hungern, besonders die Kinder." - "Warum unterstützt die Kirche ausgerechnet die Biafraner? Haben die nicht den Bürgerkrieg angefangen?" - "Ganz recht, und wissen Sie auch, warum? Weil die Ibu Christen sind, und weil sie von der muslimischen Zentralregierung Nigerias unterdrückt werden. Dieser Krieg ist ein Befreiungskampf für den christlichen Glauben. Es geht um die Freiheit von Christenmenschen. Und wer außer der katholischen Kirche rührt auch nur einen Finger für sie? Die korrupten Regierungen der westlichen Staaten nicht, denn die wollen das Erdöl der nigerianischen Machthaber und unterstützen sie sogar noch in ihrem Ausrottungskampf gegen die christlichen Ibu. Und ich will Ihnen etwas sagen: Wenn dieser Kampf verloren geht, wenn diese Bastion fällt, dann wird eines Tages ganz Afrika muslimisch." - "Was geht uns das an?" grunzt Nobbi aus der letzten Reihe, "sind doch nur so'n paar blöde Nigger." - "Ja, da mögen Sie Recht haben," sagt der Mönch ganz ruhig, "aber selbst wenn Sie sie wegen ihrer Hautfarbe nicht als Ihre Brüder in Christo erkennen mögen, sollten Sie doch daran denken, welcher Kontinent als nächster dran ist, wenn Afrika einmal islamisiert ist. In Osteuropa verhindert das der von Ihnen so beharrlich verteufelte Kommunismus - und in Westeuropa? Oder wollen Sie einmal unter muslimischer Herrschaft leben?" Natürlich war das wieder eine jener rhetorischen Fragen, die sie damals als bloße Diskussions-Taktik empfanden; aber heute, im Rückblick, sieht Dikigoros ein, daß die Mönche auch in diesem Punkte Recht hatten; und es tut ihm leid, daß er - und andere - damals an ein paar Groschen gespart und damit vielleicht zum Siegeszug des Islam in Afrika beigetragen haben, damals, als er noch aufzuhalten gewesen wäre.
Der nächste Tag der "Exerzitien" stand an, und hinter dem harmlosen Diskussions-Thema "Zukunftsplanung" verbarg sich nicht etwa die Frage, was man mal von Berufs wegen machen wollte, sondern - viel näher liegend: "Wie halten Sie es mit dem Militärdienst?" Die Frage war immerhin neutral formuliert - in der Regel erkannte man ja sonst schon an der Benennung desselben als "Kriegsdienst" oder "Wehrdienst", wes Geistes Kind der Fragende war. Denn natürlich wollten auch die Befürworter keinen Krieg; und die Gegner - ja was wollten die eigentlich [nicht]? Wollten die sich etwa nicht mal wehren, wenn sie angegriffen wurden? Das war die bekannte Frage der Prüfungs-Kommission, der sich jeder Verweigerer stellen mußte: "Wenn Sie oder Ihre Freundin oder Ihre Angehörigen von jemandem tätlich angegriffen werden, würden Sie sich dann etwa auch nicht wehren?" Wer darauf mit "nein" antwortete, fiel durch, "weil er den grundlegenden Unterschied zwischen persönlicher Notwehr und staatlicher Notwehr nicht erkannt hat und daher nicht als Gewissens-Verweigerer anerkannt werden kann." Wer mit "doch" antwortete, wurde als nächstes mit der Frage konfrontiert: "Aber Sie wissen doch - oder etwa nicht? -, daß unser Grundgesetz jeglichen Angriffskrieg ausdrücklich verbietet; es kann also nur darum gehen, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verteidigen, wenn sie von außen angegriffen wird, wo ist denn da der Unterschied zur Notwehr?" Darauf fiel vielen unglücklichen Kandidaten nichts ein; und rückblickend glaubt Dikigoros, daß die Mönche mit der folgenden Diskussion den Betroffenen eines solches Verfahrens das notwendige geistige "Rüstzeug" liefern wollten. Aber damals waren er und seine Mitschüler noch mehr oder weniger arglos. Sein Blick schweifte umher: Da saßen Rainer und Berni - die hatten sich untauglich schreiben lassen. Fidi galt als Kriegswaise (sein Vater war, hoch in den 70ern, angeblich an den Folgen einer Verletzung gestorben, die er sich im Ersten Weltkrieg zugezogen hatte); Ronni war Jude - böse Zungen behaupteten auch, er sei schwul, und nannten ihn "Rosie" -, aber so oder so, der brauchte nicht. Ernst I wollte Theologie studieren, Ernst II Medizin - beide verließen sich auf den Spruch: "Aufgeschoben ist in diesem Falle aufgehoben" - denn wer würde sie denn in zehn Jahren oder so noch als Militärpfarrer oder Stabsarzt einziehen? Ernst III - den die Luftwaffe nicht als Berufspiloten genommen hatte (aber das ist eine andere Geschichte), und der nicht für einen Hungerlohn als wehrpflichtiger Schütze Arsch gehen mochte - und Strello wollten heiraten; denn verheiratete Wehrpflichtige zog die Bundeswehr nicht ein, weil sie sonst den Ehefrauen ebenso viel an Unterhalt hätte zahlen müssen wie sonst einem "Soldaten auf Zeit" (komischer Ausdruck - dienten die Wehrpflichtigen etwa nicht auf Zeit?) an Gehalt; von der etwaigen Witwenrente, wenn etwas passieren sollte (und im Zeitalter der Starfighter passierte schon mal "etwas"), ganz zu schweigen. Ecki und Melone hatten sich zu 15 Jahren Nachtpott-Schleppen am Wochenende ("Ersatzdienst" nannte man das) verpflichtet. Und die anderen? Nein, die Mönche stellten keinen bloß - außer einem: Schappi, der als erster das Maul aufriß: "Die Bundeswehr ist nur zur Verteidigung des Friedens da." (Die Bw warb damals mit dem Spruch: "Wir produzieren Frieden", der allgemein als ebenso albern empfunden wurde wie der ständige, penetrante Hinweis auf die "freiheitlich-demokratische Grundordnung", die von Cynikern nur noch kurz "Äffdegeoh" genannt und "FDGO" geschrieben wurde.)
Nobbi lachte höhnisch. (Daß auch er sich freiwillig für zwei Jahre als Zeitsoldat verpflichtet hatte, wußte damals noch niemand - außer vielleicht den Mönchen, aber die verrieten es nicht.) Die Mönche lächelten wie immer milde: "Das müssen Sie natürlich sagen, denn Sie haben sich ja für 12 Jahre verpflichtet." Kunstpause, entsetzte Gesichter unter Schappis Mitschülern - für so dumm hätte ihn nichtmal Tarzan gehalten. "Wenn ich nicht wüßte, daß Englisch nicht gerade Ihr stärkstes Fach ist," fuhr der Mönch fort, "würde ich Sie jetzt fragen, ob Sie den Spruch kennen: Fighting for peace is like...?" - "... fucking for virginity," ergänzte Fidi - und erntete damit verhaltenes Gelächter bei denen, die glaubten, den Satz verstanden zu haben. "Jesus hat gesagt: Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, halte ihm auch noch die linke hin." - "Wir wissen ja alle, wo er mit der Einstellung gelandet ist," knurrt Tarzan. "Er hat sein Kreuz genommen, um uns alle zu erlösen - auch Sie." - "Lieber tot als rot," entgegnet Schappi tapfer." - "Ach, hatten Sie nicht eben noch gesagt, die Bundeswehr sei nur zur Verteidigung des Friedens da? Und nun wollen Sie nicht nur Krieg führen, sondern sogar sterben, nur weil Sie Angst vor den Roten haben? Was fürchten Sie denn konkret für Ihre Person, das so viel schlimmer sein könnte als der Tod?" - "In einer Militär-Diktatur zu leben." - "Das sagen ausgerechnet Sie? Ja, glauben Sie denn, die drüben bräuchten keine Berufs-Soldaten? Welchen Beruf hätten Sie denn gewählt, wenn Sie zufällig in der DDR geboren wären? Wären Sie dann nicht zum Militär gegangen, um Ihr sozialistisches Vaterland und den Frieden zu verteidigen?" - "Das ist doch Heuchelei, genau wie die Lügen mit dem 'anti-faschistischen Schutzwall'. Jeder weiß, daß die Mauer nicht dazu da ist, um Angreifer abzuhalten, sondern um Flüchtlinge aufzuhalten. Niemand im Westen hat vor, die DDR anzugreifen," gibt Schappi tapfer contra. "Sprechen Sie und Ihre Parteifreunde nicht ständig von 'Wiedervereinigung'? Es ist doch offensichtlich, daß die BRD die DDR annektieren will - so steht es sogar ausdrücklich im Grundgesetz -, und ich wäre mir nicht sicher, ob sie diesen so genannten Verfassungsauftrag, wenn denn friedliche Mittel versagen, nicht auch einmal mit militärischer Gewalt..." - "Die friedlichen Mittel werden nicht versagen." - "Bisher haben sie versagt."
"Aber das ist doch nicht der Punkt," wirft Tarzan ein, "Ihre Fantasien über die militärische Eroberung der DDR durch die Bundeswehr in allen Ehren, das können Sie ja gerne für verwerflich halten; aber wir waren doch bei der Frage, ob es umgekehrt richtig wäre oder falsch, bei einem Angriff des Warschauer Pakts mit Waffengewalt auf den Westen sich militärisch zu verteidigen." - "Es wäre falsch." - "Sie glauben also," versucht Tarzan den Mönch in die Enge zu treiben, "an den Satz: 'besser rot als tot'." Aber der Mönch lächelt weiter freundlich: "Ja, das glaube ich ganz im ernst. Es macht doch keinen Sinn, Menschen, die anderer Überzeugung sind als man selber, zu töten oder sich selber töten zu lassen, wie Ihr Freund Schappi das vorhat; man muß sich mit solchen Menschen anderen Glaubens auseinander setzen, aber mit geistigen Waffen." - "Wenn aber nun die anderen gar keine Diskussion wollen, sondern die Waffen sprechen lassen?" fragt Tarzan und zitiert Schiller: "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt." Der Mönch lächelt: Gegen wen sollen sie die Waffen sprechen lassen? Gegen Unbewaffnete, die sich nicht verteidigen?" - "Nein," meint Rainer ruhig, "aber gegen Andersgläubige, die glauben, unter Berufung auf das Grundrecht der freien Meinungsäußerung einen Anspruch auf freie Diskussionen geltend machen zu können. Das hat die Geschichte des Ostblocks doch mehr als deutlich gezeigt, immer und immer wieder." - "Ach, mein lieber junger Freund, glauben Sie denn wirklich, daß Sie hier in der BRD so etwas wie Meinungsfreiheit hätten?" - "Natürlich." Der Mönch lächelt. "Alles ist relativ, und die Tabus und Verbote sind in jeder Gesellschaft andere; aber das ist nur ein gradueller Unterschied. Schauen Sie, wenn ich als Christ und Priester etwas gegen die Juden sagen würde, und sei es nur, daß sie unseren Herrn Jesus Christus ans Kreuz geliefert haben..." - "Der war doch selber Jude," ruft Nobbi flapsig dazwischen." - "Ja, trotzdem," fährt der Mönch fort, "dann säße ich sehr schnell im Gefängnis; das ist, als wenn ich im Ostblock etwas gegen die Kommunisten sagen würde. Machen Sie sich von der Illusion frei, daß Sie hier im Westen in absoluter Freiheit und Rechtsstaatlichkeit lebten. So etwas gibt es in keiner Gesellschaftsordnung, nirgendwo auf der Welt. Jede Ideologie hat ihre Gebote und Verbote, nur jeweils andere, gegensätzliche; und wenn Sie das ändern, die Gegensätze auflösen und eine einheitliche Glaubensbasis für alle schaffen wollen, müssen Sie mithelfen, das Christentum überall zu verbreiten. Und das geht nicht ohne Anpassungen und Kompromisse, das ist halt der Preis." - "Ein ziemlich hoher Preis." - "Und der Tod? Ist sterben für eine kompromißlose Haltung in Glaubensfragen kein hoher Preis?" - "Das fragen Sie, als katholischer Geistlicher?" meint Tarzan, "was haben denn die Martyrer getan, die uns heute als große Vorbilder hingestellt werden?" - "Die waren Martyrer des Glaubens, nicht der Politik. Wenn Rom kommunistisch geworden wäre, hätte es sie nicht gestört, solange man ihnen den Glauben an Gott gelassen hätte. Und den würden Ihnen die Kommunisten auch nicht verbieten.
"Lieber rot als tot," sinniert Strello beim Abendbrot, "die sind doch nicht ganz dicht. "Wieso? meint Ecki, "ich fand einiges, was er gesagt hat, ganz richtig. Das mit der Glaubensfreiheit in religiösen Dingen - wenn du denn wirklich so scharf darauf bist - hat doch schon Orwell in der 'Farm der Tiere' ganz richtig beschrieben. [Damals stand diese schöne Parabel noch auf den Lehrplänen - allerdings wurde den Schülern offiziell vorgelogen, daß sie nicht (nur) den Kommunismus meinte, sondern (auch) den National-Sozialismus; aber alle fielen denn doch nicht darauf herein, Anm. Dikigoros] Während der Revolution werden die schwarzen Raben, wenn sie sich auf die Seite der alten Ordnung stellen, erstmal verjagt; aber später, wenn sich alles ein wenig stabilisiert hat, dürfen sie zurück kehren und den Unzufriedenen und den Unverbesserlichen wieder etwas von Sugarcandy Mountain erzählen, um sie ruhig zu stellen. Religion ist Opium fürs Volk, das hat Lenin doch als erster richtig erkannt." - "Du möchtest also wirklich im Kommunismus leben?" - "Das ist doch nicht die Frage. Natürlich möchte ich lieber im Westen leben, mit meinem eigenen Zimmer, meinem eigenen Radiorecorder, meinem eigenen Mofa und den vielen anderen schönen Errungenschaften des Kapitalismus, die allerdings mit Meinungs- und Glaubensfreiheit nichts zu tun haben. Die Frage ist nur: Wenn ich die Wahl hätte, darum Krieg zu führen, auf die Gefahr hin, daß das alles hier zerstört wird und ich für den Kapitalismus sterben muß, ob ich dann nicht lieber im Sozialismus leben würde - und ich würde das letztere vorziehen." - "Du würdest dich also erpressen lassen." - "Wer würde sich nicht erpressen lassen? An der Schule werde ich erpreßt, alles mögliche dumme Zeug auswendig zu lernen und nachzuplappern oder nachzuschmieren, weil man mich sonst rauswerfen würde." - "Wer zwingt dich denn, die höhere Schule zu besuchen?" fragt Rainer, "geh doch ab, wenn es dir nicht mehr gefällt." - "Ohne Abi? Ohne Studium? Da biste doch nichts in dieser Gesellschaft. So ist das nun mal mit den Erpressungen, man muß halt das beste draus machen." - "Darum lernt Ihr drei ja schon alle fleißig Russisch," bemerkt Berni. "Immer noch besser als Altgriechisch," gibt Tarzan zurück."
"Was willst du eigentlich?" fragt Rainer, "du hältst dich für so sprachbegabt, aber scheust das Altgriechische, weil es dir zu schwierig ist. Und du behauptest, tote Sprachen seien unnütz, weil man sie nie praktisch einsetzen könne - ja glaubst du denn, daß die Russen wirklich mal kommen, und wenn sie kämen, daß dir deine Sprachkenntnisse dann in der Praxis wirklich weiter helfen würden? Die würden dich genauso an die Wand stellen wie Ecki, den Sohn eines kapitalistischen Unternehmers, und all die anderen Idioten, die sich nicht gewehrt haben."- "Das muß du Wehrdienst-Verpisser gerade sagen," giftet Tarzan, "und glaub bloß nicht, daß Russisch einfacher ist als Griechisch, mit drei Geschlechtern, sechs Fällen, den Resten eines Duals und zwei Aspekten bei den Verben. Aber es ist eine lebende Sprache, die man sprechen kann, deshalb fällt es mir leichter, die zu erlernen als eine tote Sprache, die ich nur in Büchern lesen kann. Und ja, im Gegensatz zu Ecki glaube ich daran, daß der Kommunismus einmal untergeht, und daß ich das noch mit erleben werde. Darum lerne ich Russisch, um dann einmal hinfahren und mir das alles ansehen und anhören zu können, nicht umgekehrt, um hier den Besatzern auf Russisch nach dem Mund zu reden." - "Dann hatte der Mönch also recht," meint Ecki trocken, "du spekulierst darauf, daß der Westen den Osten besiegt." - "Natürlich, aber nicht notwendigerweise mit militärischen Mitteln. Früher oder später brechen der Warschauer Pakt und der Comecon aus wirtschaftlichen Gründen zusammen - oder aus nationalen Gründen auseinander." (Und in diesem Punkte sollte ausnahmsweise Tarzan einmal Recht behalten :-) "Dann verstehe ich aber nicht," sagt Rainer, "warum du uns als 'Wehrdienst-Verpisser' beschimpfst, wenn du glaubst, daß es zum Zusammenbruch des Kommunismus gar keines militärischen Einsatzes bedarf." - "Wir müssen den Osten vor einer militärischen Aggression abschrecken," sagt Tarzan, "und dazu brauchen wir die militärischen Mittel. Zusammenbrechen tut er dann schon von selber, aus hausgemachten Gründen." - "Wenn nicht der Kapitalismus zuvor aus hausgemachten Gründen zusammen bricht," meint Ecki, "immerhin haben wir jetzt schon eine sozialdemokratische Regierung, die Stimmung schlägt um, weg vom Kapitalismus." - "Ich denke, die Sozis sind für Euch Sozial-Faschisten?" sagt Rainer, "aber das ist ja interessant zu wissen, daß ihr die Machtergreifung der SPD mit diesem Kommunisten Herbert Frahm an der Spitze als ersten Schritt auf dem Weg zur Herrschaft des Kommunismus anseht. Und ich hatte gedacht, das Ende des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei hätte den Narren hier endlich die Augen geöffnet, was es mit dem so genannten 'demokratischen Sozialismus' auf sich hat." - "Wieso, was war denn daran schlecht?" fragt Ecki, "doch nicht der Prager Frühling, sondern daß er gewaltsam beendet wurde." - "Durch deine Sowjets; und der Sozial-Liberalismus könnte eines Tages ebenso enden. Wenn vor der Villa deiner Eltern in Bonn erst russische Panzer stehen..." Ecki lächelt boshaft: "Dann sicher nur, um sie gegen ungediente Konter-Revolutionäre wie dich zu verteidigen."
Am nächsten Tag stand ein Thema zur Diskussion, das man banal mit "Gott und die Welt" umschreiben könnte; und da glaubten sich einige Oberprimaner sowohl naturwissenschaftlich als auch filosofisch den Mönchen weit überlegen. Tarzan interessierte das weniger (er betrachtete das als, wie er heute als Jurist sagen würde, "non liquet") - er döste vor sich hin und wachte erst wieder auf, als Strello aus dem Brustton der Überzeugung verkündete: "Nietzsche hat gesagt: Gott ist tot!", genauer gesagt, als die obligatorische Antwort von Nobbi kam: "Gott hat gesagt: Nietzsche ist tot!" und die Teilnehmer daraufhin in schallendes Gelächter ausbrachen. "Schon," meinte Fidi, "aber Nietzsche hat nie von sich behauptet, unsterblich zu sein." - "Gott auch nicht," versetzte der Mönch, "ganz im Gegenteil: Er ist gestorben und wieder auferstanden; und auch Nietzsche wird am jüngsten Tage wieder auferstehen und Rechenschaft ablegen müssen." - "Wie können Sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts glauben, daß der Schöpfer der Welt, also der Urknall, vor rund 2.000 Jahren als Mensch geboren, gestorben und wieder auferstanden ist? Und vor allem, wie können Sie im Ernst glauben, daß Ihnen das heute noch jemand abnimmt?" Der Mönch lächelte: "Sie glauben also an den Urknall als Schöpfer des Universums und merken gar nicht, daß diese Theorie, naturwissenschaftlich gesehen, viel absurder ist als Sie es der biblischen Geschichte unterstellen." - "Inwiefern?" - "Sie verstößt gegen den ersten thermo-dynamischen Hauptsatz." Die Schüler zogen merklich die Köpfe ein - das war ja noch schlimmer als eine Statistik! Die meisten (auch Tarzan) hatten Fysik in Obersekunda abgegeben und nicht die geringste Ahnung, was das war und wer dahinter steckte. (Damals maß man den Wärmeumsatz noch in "Kalorien", nicht in "Joule", so daß sie den Entdecker dieses "Hauptsatzes" nicht mal dem Namen nach kannten.) "Was'n das?" fragte Konni fast flüsternd. "Von nichts kommt nichts," krähte Nobbi unbekümmert. Fragende Blicke seiner Mitschüler in die Runde. "Ganz recht," lächelte der Mönch, "so könnte man es laienhaft formulieren. Und woher soll Ihr Urknall nun gekommen sein, wenn Sie Gott als Ursache dahinter ausschließen?" - "Ja, aber Ihr Gott soll dann die Welt in sieben Tagen geschaffen haben, und etwas älter dürfte sie doch schon sein, und seither nicht gerade unverändert, oder?" Der Mönch lächelte wieder: "Wenn Sie sich Gott außerhalb unseres Planeten- und Sonnensystems denken, dann gilt dort auch ein anderer Zeitbegriff. Was für uns Millionen Jahre sind, ist für Gott vielleicht nur ein Tag - oder noch weniger. Und was die Veränderungen anbelangt: Die Atome, aus denen diese Welt aufgebaut ist, sind dieselben geblieben, ja sogar die Moleküle, und beim Menschen sogar die Aminosäuren. Wollen Sie bestreiten, daß unsere Welt immer noch aus denselben Urstoffen zusammen gesetzt ist wie vor Millionen Jahren? Es ist wie ein Baukasten: Sie können die Steine immer wieder anders zusammen setzen, Sie können das Mutationen nennen oder Rekombination der Gene oder sonstwie; es bleiben doch dieselben Bausteine. Und die Materie ist auch nie 'tot'; Asche zu Asche, Staub zu Staub, d.h. ein Leichnam wird zu Dünger, aus dem wieder neues pflanzliches Leben sprießt, und das dient wiederum Tieren und Menschen als Nahrung, die daraus ihre eigenen Moleküle aufbauen. Ist das nicht eine großartige Weltsicht? Und dagegen wollen Sie als aufgeklärtes Kind des 20. Jahrhunderts den 'Urknall' setzen und die Behauptung, daß Gott tot sei?"
"Aber," insistierte Strello, "warum bestreitet dann die Kirche, daß der Mensch vom Affen abstammt?" - "Warum sollte die Kirche diesen Unsinn nicht bestreiten?" meinte der Mönch kampflustig, "der Mensch stammt nicht vom Affen ab, das war ein Irrglaube Darwins. Wie können Sie einerseits in Zweifel ziehen, daß Gott als Mensch von einer menschlichen Mutter geboren wurde, und andererseits glauben, daß eines Tages eine Äffin den ersten Menschen zur Welt gebracht hat? Das so genannte 'missing link' fehlt bis heute." - "Ach, und die vielen Knochenfunde...?" - "Bei den meisten handelt es sich, wie wir inzwischen wissen, um Fälschungen oder Irrtümer. Aber selbst wenn sie echt wären, würde das noch nicht beweisen, daß Darwin Recht hatte. Der glaubte nämlich, daß die verschiedenen Arten durch Anpassung entstanden seien, daß sich also der Affe gewissermaßen der Natur so angepaßt hätte, daß er zum Menschen geworden wäre, und es war ja wohl eher umgekehrt, nämlich daß der Mensch die Natur sich und seinen Bedürfnissen angepaßt, daß er sie sich untertan gemacht hat. Wenn Sie mir darin folgen, daß alle Lebewesen auf der Erde aus den gleichen Bausteinen bestehen und somit verwandt sind, und daß der Affe mit dem Menschen sogar besonders viele Baustein-Kombinationen gemeinsam hat, dann brauchen wir da nicht zu streiten. Dennoch ist der Mensch eine Art sui generis, für deren Entstehung noch niemand einen überzeugenderen Grund gefunden hat als göttliche Lenkung." - "Mutationen entstehen durch zufällige Rekombination der Gene," widersprach Strello, "und diese zufälligen Mutationen ermöglichen es dann ihren Trägern, sich bestimmten Lebensnischen besser anzupassen als andere. Besteht zwischen dieser Sicht der Dinge und der Sicht Darwins ein grundlegender Unterschied?" - "Was ist 'Zufall'?" fragte der Mönch zurück und gab die Antwort gleich selber: "die Erhebung oder besser gesagt die Degradierung der alten griechischen Göttin Tyche zum Prinzip. Aber auch diese Annahme verstößt gegen den ersten thermo-dynamischen Hauptsatz: Es gibt keine Ereignisse ohne Ursachen; es gibt nur Ereignisse, deren Ursachen sich unserem menschlichen Verstand entziehen; und deshalb halte ich dafür, diese Ereignisse einer Ursache zuzuschreiben, die ich 'Gott' nenne. Und diesen Glauben werden Sie mir mit Ihren so genannten 'naturwissenschaftlichen' Spekulationen nicht nehmen."
Exkurs. Heute würde Dikigoros diese Diskussion natürlich ganz anders führen, wenn er an Tarzans oder Strellos Stelle gewesen wäre. Er hätte z.B. gefragt, wo denn die viele Materie herkommen sollte, um alle Lebewesen, die jemals auf Erden wandelten, am jüngsten Tage vor den Thron Gottes zu rufen, wenn diese Materie sich doch längst in andere Lebewesen umgewandelt hätte, sei es als Asche oder Dünger oder sonstwie; und wie die Mutationen nicht nur zum Menschen, sondern zu allen Lebenwesen, denn sonst vor sich gegangen sein sollten als durch Rekombination der Gene bei der Zeugung - etwa so, daß sich das fertige Lebewesen plötzlich verwandelte wie die Hexe im modernen Trickfilm? Und welche "Ursache" im Sinne des "ersten thermo-dynamischen Hauptsatzes" es denn für Gott geben sollte? Aber damals kamen weder er noch seine Mitschüler auf solche Fragen; also verbuchten die Mönche einen klaren Punktsieg. Exkurs Ende.
"Na, heute haben sie aber mal dich zur Minna gemacht," meinte Fidi abends zu Strello. "Ja, aber die spielen doch mit gezinkten Karten; das ist wie der Typ am ersten Tag zu dir gesagt hat: Wenn du Schach gegen jemanden spielst, von dem du nichts weißt, während er dein ganzes Eröffnungs-Repertoire genau kennt..." - "Dann muß man ihn trotzdem schlagen können," warf Tarzan ein. "Mach dich nicht lächerlich; da müßtest du so viel besser sein als der andere wie ich im Tischtennis." - "Als wer im Tischtennis?" - "Na, als du zum Beispiel." - "Frechheit. Ich würde dir im Schachspiel eine Figur vorgeben, und du könntest dir die Eröffnung aussuchen; wieviele Punkte gibst du mir im Tischtennis vor? Im Keller ist eine Platte." - "Drei pro Satz, bei drei Gewinnsätzen." [Anmerkung für jüngere Leser: Damals ging es noch bis 21 Gewinnpunkte bei mindestens 2 Abstand.] - "Und zwischen den Ballwechseln spiele ich gerne noch eine Partie Blindschach gegen Rainer, wenn er will." Aber der wollte nicht; doch alle kamen mit in den Keller, um den beiden beim Pingpong zuzuschauen. "Was sind denn das für Krücken?" fragte Strello entsetzt, als er die Schläger und Bälle sah, "knochenhart und kaum noch Bezug drauf; und das Netz..." - "Keine faulen Ausreden," sagte Tarzan, "ich bestehe ja beim Schach auch nicht auf Staunton-Figuren und einem Turnierbrett." Grummelnd schickte sich Strello ins unvermeidliche und versuchte, Tarzan mal so richtig elegant vorzuführen; doch der verteidigte sich nicht schön, aber mit Geschick und Tücke und gewann den ersten Satz knapp. "Das ist unfair; du riskierst ja nichts und greifst nie an." - "Je nu, ich gebe dir gerne Revanche am Schachbrett; du darfst dich die ganze Zeit verteidigen, ohne was zu riskieren und anzugreifen." Strello griff wutentbrannt wieder zum Schläger; aber er war mit den Nerven so fertig, daß Tarzan nicht mal die drei Punkte Vorgabe gebraucht hätte, um auch die nächsten beiden Sätze zu gewinnen. "Siehst du, lieber Strello, man kann auch einen an sich stärkeren Gegner schlagen, wenn man sich nur zusammen nimmt, auch und gerade mit schwächeren Mitteln." Aber Strello war so sauer (oder sagte man damals schon "frustriert"? Dikigoros weiß es nicht mehr genau), daß er am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück abreiste.
Eigentlich hat Strello ja Recht, denkt Tarzan, als er den Speiseplan fürs Mittagessen sieht: Fisch-Frikadellen mit Kartoffelsalat - wie sich das gehört am Freitag. "Bei mir zuhause gäbs heute ein schönes, paniertes Rotbarsch-Filet", brummt Ecki, "oder wenigstens eine Scholle, nicht so einen Fraß aus Resten und Abfällen." - "Du bist mir ja ein schöner Kommunist," versetzt Berni, "vielleicht darfs gleich Forelle oder Lachs sein?!" - "Berni frißt doch mit Begeisterung Fischstäbchen, deshalb ist er auch so fett," lästert Nobbi. Ja, liebe Leser, diese Unart begann damals gerade einzureißen - die Firma Iglo war ein Pionier auf dem Gebiet der Fertig-Gerichte; glücklich diejenigen, die noch keine Tiefkühltruhe hatten - bei Tarzan zu Hause hatte der Kühlschrank nur ein kleines Eisfach, in dem sich das Zeug nicht lange gehalten hätte; und wenn man es eh sofort verbrauchen mußte, konnte man auch gleich frischen Fisch kaufen, obwohl sich auch da eine Wende abzeichnete: Früher war Fisch das Fleisch der armen Leute gewesen; aber inzwischen hatte zum einen das Flußsterben eingesetzt - als Tarzans Familie an den Rhein gezogen war, konnte man da noch baden und nach Fischen angeln, damit war inzwischen Schluß - und zum anderen die Massentierhaltung, die das Fleisch billiger machte. "Schweinebauch wäre billiger, und der hat auch keine Gräten," meinte Tarzans Mutter ein- ums andere Mal; aber sie war Katholikin, und man lebte im katholischen Rheinland, also hielt sie daran fest, Freitags Fisch auf den Tisch zu bringen, auch wenn es wirtschaftlich keinen Sinn mehr machte. [Nein, Geflügel - die Alternative - aus den "vorübergehend unter polnischer Verwaltung stehenden deutschen Ostgebieten" kaufte sie nicht, schon aus Prinzip; außerdem war Gänsebraten eh zu teuer: Zu Weihnachten gab es einen Nackenbraten vom Schwein, das Kilo zu 2,99 DM, mit Apfelrotkohl - nicht aus der Dose, sondern aus Omas Garten - und Knödeln - nicht aus dem Kochbeutel, sondern aus selbst geriebenen Semmeln -, und zu Silvester nicht etwa Karpfen, sondern Wiener Würstchen mit selbst gemachtem Kartoffelsalat - Tarzans Vater rührte sogar die Mayonnaise selber an, um nicht das ebenso miese wie teure Zeug aus der Tube essen zu müssen. Dto Mostrich: Senfkörner baute die Oma im Garten an; Salz und Pfeffer, Essig und Öl, Zimt und Zucker, Chili, Nelken und Meerrettich konnte er selber nach Geschmack beimischen; da war er nicht auf vorgefertigte und teure Einheits-, pardon "Markenware" mit den nichts sagenden Prädikaten "mild", "mittel", "scharf" oder "extra-scharf" angewiesen. Tarzans Vater war ein leidenschaftlicher Senf-Esser; das hatte in einem Haushalt, wo die sparsame Hausfrau aufs Geld schauen mußte, den unschätzbaren Vorteil, daß sie nie teuren Aufschnitt zu kaufen brauchte: Fleischwurst einfach (oder allenfalls mit Knoblauch, wenn es nichts extra kostete) tat es auch; Vater aß sie mit einer dicken Schicht Senf drauf; die Kinder am liebsten als "Wurstsalat", d.h. in Essig und Öl, mit Zwiebel- und Paprikaringen, fertig. Tomatenketchup? Den stellte Tarzans Mutter selber her, süß-sauer, mit Zucker und Zitrone; und die Nudeln dazu auch. Mirácoli? Sie hätte gar nicht gewußt, was das ist. Ach, das waren noch Zeiten...] Aber wenn er jetzt nach Hause führe, ohne zu Mittag gegessen zu haben, wäre seine Mutter bestimmt sauer - schließlich war es bezahlt.
Also biß Tarzan die Zähne zusammen und brachte das Thema wenigstens zur Diskussion - schließlich stand auf dem Plan: "Thema nach Wunsch der Teilnehmer", und in diesem Punkt waren er und seine Mitschüler sich ganz und gar einig. Die Taktiker unter den Mönchen begannen wieder mit der altbewährten Diskussions-Masche: "Haben Sie denn unsere Frikadellen überhaupt schon mal probiert? Wie wollen Sie dann wissen, daß sie Ihnen nicht schmecken?" - "Das würden wir ja gerne nach dem Mittagessen mit Ihnen diskutieren," meinte Fidi, "aber erstens sind Sie dann nicht mehr da, und zweitens ist schon ein anderes Thema vorgegeben, nämlich allgemeine Zusammenfassung; dies ist also die letzte Gelegenheit." - "Kennen Sie die biblische Geschichte von der Speisung der..." - "Dann warte ich ja nur noch auf die wundersame Fischvermehrung," ruft Tarzan dazwischen, "so wie ich auf die wundersame Gulaschvermehrung und die wundersame Spiegeleiervermehrung und die wundersame..." Nun unterbricht ihn auch der Mönch einmal: "Junger Freund, dieses Gleichnis haben Sie offenbar völlig mißverstanden. Es bedeutet nicht, daß sich ein einzelner den Magen voll schlagen soll, sondern ganz im Gegenteil, daß von der gleichen Menge umso mehr Leute satt werden können, als sich der einzelne in Bescheidenheit übt. Niemand hat gesagt, daß sich Brot und Fisch plötzlich vervielfacht hätten, sondern daß die gleiche Menge nun für alle reichte und sie sich satt fühlten. Hunger, Durst und Sättigung sind nämlich subjektive Gefühle; und hier im Westen bilden sich viele noch ein, hungrig zu sein, wenn sie längst mehr gegessen haben, als ihnen gut tut, während Menschen anderswo auf der Welt satt wären, wenn sie nur die Hälfte hätten. Danken Sie Gott für Ihre schlanke Linie und beten Sie, daß sie Ihnen noch recht lange erhalten bleibt, statt sich um ein Spiegelei mehr oder weniger aufzuregen."
Tarzan schulte hinüber zu Meuserich, der doch sonst so beredt war, ob von dem nicht Unterstützung käme; aber der lächelte nur behaglich vor sich hin, als ob ihn das alles gar nichts anginge, dabei war der innerlich sicher zutiefst überzeugt, daß ihm Gott seine Gnade gerade duch sein dickes Bäuchlein bewies, oder wie er sonst zu sagen pflegte: "Der Herr läßt die seinen nicht verhungern." Mucki dagegen ließ seinen Blick mit deutlich sichtbarer Zustimmung in die Runde schweifen. "Sie brauchen mich gar nicht so anzugucken," meinte Berni, "jeder Mensch ist anders. Ich fühle mich wohl so." Der Mönch lächelte: "Dessen bin ich mir gewiß - aber Sie wollten sich doch auch gar nicht über das frugale Mittagessen beklagen, oder?" - "Äh... nein," war alles, was dem Klassenprimus der griechischen Oberprima auf diese Frage einfiel; und so hakte auch der Mönch nicht weiter nach; aber Tarzan war schon klar, wie es andernfalls weiter gegangen wäre: "Wissen Sie denn, wieviel wohler Sie sich erst fühlen würden, wenn Sie ein paar Pfunde weniger auf den Rippen hätten?" Aber so ging es halt in die andere Richtung: "Meinen Sie nicht, daß es besser ist, wenn alle etwas weniger, aber ausreichend zu essen haben, als wenn die einen hungern und die anderen an Übergewicht leiden?" Darauf fiel Tarzan nicht mehr ein als das, was er schon ein paar Tage zuvor in Sachen Gulasch gesagt hatte (aber da war der Diskussions-Partner ja ein anderer gewesen): "Ich glaube nicht, daß irgend jemand in der Dritten Welt verhungert, bloß weil ich ein Stück Fisch mehr esse." - "Sie alleine natürlich nicht, aber die Masse macht es. Sehen Sie, wenn Millionen Menschen in Nordamerika und Westeuropa mehr Fisch und Fleisch essen, dann bedeutet das, daß Millionen Menschen in Afrika und Asien hungern, vielleicht sogar verhungern müssen; denn von der Menge an Pflanzen, die ein Ochse frißt, damit zehn Leute ein Steak bekommen, könnten hundert Menschen satt werden. Sie lernen in der Schule, das sei landwirtschaftliche Veredelung; in Wirklichkeit ist es landwirtschaftliche Verschwendung und Raubbau an Gottes Natur. Und wenn erst die Meere leer gefischt sind mit immer perfekteren Methoden..." - "So ein Blödsinn," mischte sich Nobbi ein, "wenn die Westler ihnen den Fisch und die Ochsen nicht abkaufen täten, dann würden die Kanacken das Gemüse doch nicht selber fressen, sondern gar nicht erst anbauen, so faul wie die sind."
Exkurs. Bei diesen Worten muß Dikigoros an eine andere "Klassenbuch-Affäre" zurück denken. Zu Beginn der Mittelstufe hatten sie einen jungen Erdkundelehrer, der zumindest von einem Elternteil her aus der Dritten Welt stammte - so etwas wirkte damals noch ganz "exotisch". (Dikigoros kann, auch anhand des Namens, nicht mehr rekonstruieren, woher genau er kam; aber er war jedenfalls dunkelhäutig.) Eines Tages stand "Peru" auf dem Stundenplan. Ach, liebe Leser, welch ein Unsinn, pubertierenden Jungen irgend etwas über die Wirtschaftssysteme ferner Länder einpauken zu wollen, von denen sie sich überhaupt keine Vorstellungen machen können! (Mal ganz abgesehen davon, daß es so etwas wie "Wirtschaftskunde" auf dem Lehrplan nicht gab, also nicht einmal Vergleichsmöglichkeiten mit dem eigenen Land bestanden.) Also wird fleißig (oder auch nicht :-) auswendig gelernt und ohne Verständnis nachgeplappert, was abgefragt wird. "Was also wird im Hochland von Peru angebaut?" fragte besagter Lehrer. "Reis!" - "Mais!" - "und Scheiß!" ergänzte Nobbi - brüllendes Gelächter in der Klasse. Der Lehrer verwies ihn des Unterrichts; und hinterher stand im Klassenbuch: Schüler B. stört den Unterricht durch unqualifizierte Bemerkungen aus der Fäkalsprache, welche die Menschen in der Dritten Welt und ihre Kultur herab setzen." (Oder so ähnlich, es war jedenfalls recht ausführlich.) Die Konsequenzen waren jedoch ganz andere als sie heute gewesen wären, wo ein solcher Schüler wahrscheinlich von der Schule geflogen wäre. Nobbis Eltern drehten den Spieß um: Sie wiesen nach, daß ihr Sohn Recht hatte - und nur er: Die Indios im Hochland hockten sich tatsächlich auf die Felder und verrichteten dort ihr Geschäft, um sie zu düngen; dagegen waren die anderen Antworten falsch, denn Reis und Mais wurden gar nicht im Hochland von Peru angebaut, sondern in den westlichen Küstenniederungen; und Tee und Kakao (was der Lehrer hatte hören wollen) in den östlichen "Yungas". Im Hochland bauten die Indios - jedenfalls damals - allenfalls etwas Weizen und Kaffee für den Eigenbedarf an, d.h. "[export-]wirtschaftlich" gesehen war das keiner Erwähnung wert. Und da erdreistete sich so ein daher gelaufener Nigger-Lümmel, ihren braven Sohn ob einer richtigen Antwort des Unterrichts zu verweisen und den Schülern lauter Unsinn beizubringen. Und überhaupt: Wie konnte so ein Halbaffe es wagen, etwas von "Kultur" in ein deutsches Klassenbuch zu schmieren? Der sollte doch dankbar sein, daß er überhaupt hier leben durfte! Wenn ihm das nicht paßte, dann sollte er gefälligst in den Busch zurück gehen und auf seine Reis- und Maisfelder scheißen!
Das war eine Zeit, liebe Leser, als Tarzans Klasse einen jungen Argentinier zum Klassensprecher wählte. Er war der Sohn eines Botschafts-Angehörigen (die argentinische Botschaft lag schräg gegenüber der Schule) und kaum dunkler getönt als etwa ein Deutscher nach dem Sommerurlaub; aber ihre Klassenlehrerin - alter ostelbischer Adel - war entsetzt. Eigentlich war sie das, was man heute eine politisch-korrekte Gutmenschin nennen würde, denn sie wurde nie müde zu betonen, wie liberal und demokratisch sie sei, weshalb sie auch immer die Partei wählte, die später vorübergehend die drei Punkte im Namen führen sollte - aber das ging ihr nun doch zu weit: Als Marco eines Tages seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, nahm sie dies zum Vorwand, ihn kurzerhand abzusetzen: "Wer seine Hausaufgaben nicht macht, kann nicht länger Klassensprecher sein," sagte sie. (Später, von Eltern zur Rede gestellt, korrigierte sie sich dahin, daß sie Marco nicht abgesetzt habe, weil er seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, sondern weil er verabsäumt hatte, ihr dies vor dem Unterricht zu beichten: "Diese Unaufrichtigkeit ist ein Charakterfehler, und damit kann er kein Amt bekleiden." Und so etwas sagte ausgerechnet eine FDP-Anhängerin...) Als neuer Klassensprecher wurde Schappi gewählt, aber der nahm die Wahl nicht an - er wollte nachmittags bei schönem Wetter lieber Fußball spielen als immer seine Hausaufgaben machen; und so blieb das "Amt" des Klassensprechers denn - mangels anderer Kandidaten - vakant, solange Frau Baronin Klassenlehrerin war. Und der junge Erdkundelehrer verließ am Ende des Schuljahrs die Schule, "aus persönlichen Gründen", wie offiziell mitgeteilt wurde. Aber der Klassenbucheintrag blieb stehen, denn Nobbi hatte sich nun mal im Unterricht eines Wortes aus der Fäkalsprache bedient (das damals noch nicht in aller Munde war), und das ging nicht an. (Daß Nobbis Antwort auch objektiv falsch war - denn die Frage hatte ja gelautet, was die Indios im Hochland anbauen, nicht was sie auf den Feldern bzw. auf die Felder machen - spielte dagegen keine Rolle; und im Klassenbuch stand ja auch nicht "... gibt falsche Antworten" - das schlug sich dann "nur" in einer schlechten Zeugnisnote nieder :-) Exkurs Ende.
Tarzan ahnte schon, welcher Satz jetzt kam: "Woher wissen Sie das? Waren Sie schon mal in einem der Länder, von denen Sie hier sprechen?" Nobbi verstummte; aber nun war plötzlich jemand aufgewacht, der die ganze Woche noch kein Wort gesagt hatte: Steve. "Schade, daß Strello nicht mehr da ist und ich mich mit Nietzsche nicht so genau auskenne; aber ich glaube, der hat mal gesagt, daß die viel zu vielen kein Recht haben, den Höherwertigen gleiche Lebensqualität abzuverlangen, von wegen Kohle und Diamant." - "Warum so hart," zitierte der Mönch, "sprach die Kohle einst zum Diamanten; sind wir nicht - nahe Verwandte?" - "Richtig." - "Sie sind der junge Mann aus Südafrika?" - "Nein, mein Vater ist aus Südafrika; aber ich habe ihn dort ein paarmal besucht." - "Und was wollen Sie uns damit in Bezug auf die Fischfrikadellen sagen?" - "In Südafrika bekommen weiße Frauen im Schnitt vier Kinder, indische acht und schwarze zwölf. Mit welchem Recht beansprucht eine schwarze Familie, die de facto nichts leistet als Kinder in die Welt zu setzen, die dreifachen Ressourcen einer weißen Familie? Wenn sich die weiße Familie entschließt, ihre 12 Frikadellen am Tag auf vier Kinder zu verteilen, wie können dann die Schwarzen kommen und sagen, sie wollen statt 12 Frikadellen 36? Und am Ende - one man, one vote - dreimal soviel Wählerstimmen? Oder sollen die Weißen kein Steak mehr essen dürfen, damit dreimal soviele Schwarze Getreide bekommen? Glauben Sie, das würde dem Land gut tun?" - "Ich war noch nie in Südafrika," sagte der Mönch. ("Interessante Taktik," raunt Fidi Tarzan zu, "wenn sie selber etwas behaupten, kontern sie Gegenargumente mit der Frage, ob der Betreffende schon mal dort war, andernfalls er nicht mitreden könne; und wenn sie an jemanden geraten, der sich irgendwo besser auskennt, entschuldigen sie ihre Unwissenheit damit, daß sie selber noch nicht dort waren.") "Aber mir scheint, daß eine Frau, die mehr Kinder gebärt als eine andere, in den Augen Gottes auch das Recht hat, für diese ihre Kinder mehr Ressourcen zu beanspruchen." - "Fahren Sie mal hin," meinte Steve, "dann werden Sie umdenken lernen." - "Über die Apartheid?" - "Gott hat die Menschenrassen nun mal mit unterschiedlicher Hautfarbe ausgestattet, oder?" - "Ja, aber ob Gott damit zum Ausdruck bringen wollte, daß die einen mehr zu essen haben sollen und die anderen weniger?"
"Wozu hat er denn den Menschen unterschiedliche Hautfarben gegeben?" fragte Nobbi. "Das wissen wir natürlich nicht mit letzter Sicherheit," antwortete der Mönch, "denn Gottes Wille ist unerforschlich; aber wenn es Sie interessiert, was ich persönlich glaube...?" - "Oh ja, bitte." - "Gott hat den Menschen ihre Hautfarben so gegeben, wie es in den Ländern der Erde, die er ihnen als Wohngebiete zugewiesen hat, am praktischten ist. Im heißen Afrika schützt eine dunkle Haut vor starker Sonnenstrahlung; im kalten Europa ermöglicht es eine helle Haut, möglichst viel von der knappen Sonnenstrahlung aufzunehmen." - "Wozu denn das?" - "Ach so, ich vergaß ja, daß Sie Biologie und Chemie abgewählt haben; die Sonnenstrahlung erzeugt auf unserer Haut Vitamin D; ohne das können Sie noch so viel Calcium zu sich nehmen, Sie werden früher oder später an Osteoporose erkranken." - "Was'n das?" knurrte Steven halblaut. "Knochenschwund" gab Fidi zurück. "Deshalb," fuhr der Mönch fort, "halte ich es für einen Verstoß gegen den Willen Gottes, ja für ein schweres Verbrechen [er sagte nicht "Sünde", Anm. Dikigoros], wenn weiße Europäer als Kolonialherren nach Afrika gehen oder schwarze Sklaven aus Afrika nach Europa oder in die USA holen. Alle Menschen leben und arbeiten am besten dort, wo Gott sie ursprünglich hingestellt hat; für Weiße ist es in Afrika zu heiß, und für Schwarze in Europa zu kalt." [Damals wußte man noch nicht, daß auch die Vorfahren der weißen Rassen aus Afrika stammten - man glaubte noch an Skandinavien oder den Kaukasus als ihre "Wiege" - und erst im kalten Norden zu Menschen mit heller Haut mutierten. Aber wenn, dann hätten die Mönche sicher auch das als mutmaßlichen Willen Gottes ausgelegt, daß nur solche Mutanten in Europa und Asien leben sollten, keine Schwarzafrikaner, Anm. Dikigoros.] - "Was reden Sie denn da für einen Unsinn?" begehrte Steve auf, "Sie haben doch keine Ahnung. In Südafrika herrscht europäisches Klima; die Weißen sind als erste ins Land gekommen und haben alles aufgebaut; erst danach sind die Schwarzen von Norden zugewandert, die übrigens überall gleich schlecht arbeiten, Klima hin oder her." - "Ach, ist das so? Ich glaube aber irgendwo gehört oder gelesen zu haben, daß in den südafrikanischen Bergwerken überwiegend Schwarze arbeiten, um Kohle, Gold und Diamanten zu schürfen, so wie es in Amerika Schwarze waren, die auf den Plantagen Zuckerrohr, Tabak und Baumwolle anbauten. Warum das, wenn die Weißen doch immer und überall soviel besser arbeiten können?" - "Ihr Orden führt doch auch nicht gerade den Wahlspruch 'ora et labora' im Wappen," warf Schorsch ein. "Nein, aber wir schätzen die Arbeit dennoch nicht gering. In der Bibel steht: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen..." - "Aber das war als Strafe gedacht für den Sündenfall. Ich habe noch keinen Apfel vom Baum der Erkenntnis geklaut." Der Mönch lächelte milde: "Das glaube ich Ihnen gerne. Aber das ist eine Strafe, die Gott über uns alle verhängt hat, für alle Sünden. Mit welchem Recht glauben Sie, daß gerade Sie sich dieser Strafe entziehen können? Sind Sie frei von jeglicher Sünde? Oder meinen Sie, bloß weil Sie Abiturient sind, brauchen Sie nicht körperlich zu arbeiten? Arbeit schändet nicht; das ist übrigens ein durch und durch christlicher Satz, der unsere Religion von allen anderen Weltreligionen unterscheidet. Wenn Sie das anders sehen, können Sie ja auswandern und zum Islam, zum Hinduismus oder zum Konfuzianismus konvertieren."
"Zum Konfuzianusmus? Haben den Ihre Kommunisten nicht längst ausgerottet?" fragte Berni. "Das sind nicht meine Kommunisten," erwiderte der Mönch, "Sie dürfen nicht alles in einen Topf werfen, bloß weil es den gleichen Namen trägt. Der chinesische 'Kommunismus' hat mit dem russischen kaum etwas gemeinsam. Wir können den russischen Kommunisten dankbar sein, daß sie uns die chinesischen Kommunisten vom Leibe halten. Aber um auf ihre Frage zurück zu kommen: Ja, die Maoisten haben den Konfuzianusmus ausgerottet, und wissen Sie auch warum? Weil der die körperliche Arbeit in ganz extremem Maße verächtlich gemacht hat und das Land deshalb in Jahrtausenden immer mehr dem Niedergang verfallen war. Nun versuchen die Maoisten, das alles binnen einer Generation nachzuholen; und das geht halt nicht ohne Härten ab; im übrigen wäre ich zwar nicht schadenfroh, aber auch nicht sonderlich betrübt, wenn ihnen dies mißlänge." - "Die Maoisten haben aber auch das Christentum ausgerottet." - "Ja, deshalb ja auch die zweite Hälfte in meinem Satz. Und um auf Ihre Ausgangsfrage zurück zu kommen: Deshalb gehen wir mit dem Klingelbeutel herum und sammeln für Afrika, um den Menschen dort ein halbwegs erträgliches Leben zu ermöglichen, damit dort nicht das gleiche geschieht wie in China. Wenn wir das nicht täten, gäbe es dort nur zwei Alternativen: Entweder die Länder würden im permanenten Bürgerkrieg versinken, oder die Afrikaner würden eines Tages aufbrechen und zu uns nach Europa kommen, wie die biblischen Heuschreckenschwärme, die ja auch den Himmel verdunkelten. Sind Sie sicher, daß Ihnen das lieber wäre als wenn die Russen kämen?" - "Wenn Sie mal in Südafrika gewesen wären," beharrte Steve," dann wüßten Sie, daß fast alles, was man uns hier über die Apartheid erzählt, ein Schmarrn ist. Die Schwarzen bekommen alles, wofür die Weißen hart arbeiten und viel Geld bezahlen müssen, umsonst oder durch staatliche Subventionen stark verbilligt: Unterkunft, Verpflegung, öffentliche Verkehrsmittel, ärztliche Versorgung einschließlich Krankenhaus und Entbindungsklinik, Schul- und Universitätsbesuch..." - "Aber alles dritte Klasse. Dagegen bekommen Sie hier alle die gleichen Frikadellen, ohne Ansehung der Hautfarbe, der Konfession oder des Bauchumfangs." - "Das ist es ja gerade," schimpft Tarzan, "Herr Dr. Meuserich bekommt ebenso viele Frikadellen wie ich, dabei wiegt er bestimmt das doppelte." - "Ach, hatte Ihr Freund Steve nicht gerade argumentiert, daß es ungerecht wäre, wenn eine schwarze Familie mehr Frikadellen bekäme als eine weiße, bloß weil sie mehr hungrige Mäuler zu stopfen hat? Und Sie wollen mehr Frikadellen als Ihr Religionslehrer, bloß weil Sie ein paar Kilo weniger wiegen?" Und so hatten sich die Schüler von den cleveren Dominikaner-Mönchen einmal mehr in der Diskussion ausmanövrieren lassen. Die Frikadellen, die es dann zu Mittag gab, waren übrigens, wenn sich Dikigoros recht erinnert, weder besonders gut noch besonders schlecht, mit anderen Worten: man konnte sie essen; und Meuserich verzichtete in einer demonstrativen Geste christlicher Nächstenliebe auf eine seiner Frikadellen zugunsten des immer hungrigen Tarzan.
Inzwischen sind viele Jahrzehnte vergangen; und längst hat Tarzan, pardon Dikigoros, seinen Frieden mit den Dominikanern gemacht; in den meisten Punkten haben sie wie gesagt Recht behalten (auch in Sachen "Hunger in der Welt" und "frugale Mahlzeiten"), und in einigen haben sich ihre Standpunkte zumindest angenähert: Wer spricht schon noch vom Ost-West-Gegensatz, vom Kampf zwischen Kommunismus und Kapitalismus? Der erstere ist untergegangen, und der letztere hat zwar theoretisch gesiegt, aber in der Praxis hat auch er seine hausgemachten Probleme nicht in den Griff bekommen - und deshalb glaubt Dikigoros auch nicht mehr an politische Ismen. Die Russen sind nicht gekommen - von den ukraïnischen Mafiosi, die rot-grüne Verbrecher uns ins Land geholt haben, mal abgesehen -, wohl aber die "Heuschreckenschwärme" aus Afrika (obwohl - oder weil - dort seit Jahrzehnten "Bürger-" oder richtiger Stammes-Kriege toben, Folgen einer rücksichtslosen Grenzziehung durch die einstigen weißen Kolonialherren mit dem Lineal auf der Landkarte am Schreibtisch), wenngleich die nicht den Himmel verdunkeln, sondern vielmehr unsere Straßen. Und ob man nun das eine für schlimmer hält oder das andere, hängt wohl davon ab, wie man "Afrika" und "Afrikaner" definiert: Nur die Schwarzen (die ja als Rauschgift-dealer schon schlimm genug wären), oder auch die Muslime aus Nordafrika, die weite Teile Europas, vor allem Frankreich, Spanien und die Bundesrepublik Deutschland, das begehrte Asyl für die ganze Dritte Welt, zu Millionen überflutet haben. Denn in einem Punkt liegen die Mönche und der Ex-Schüler nun sogar voll und ganz auf einer Linie: Wer Dikigoros' Seite über Annemarie Schimmel gelesen hat, der weiß, was er vom Islam - egal wie militant oder nicht-militant er sich nach außen gibt - hält; und wer wissen will, was die Dominikaner davon halten, der kann das z.B. hier oder hier nachlesen. Der Untertitel "Christentum und Sozialismus" hat sich also irgendwie überholt (oder, wie der Jurist sagt, in der Hauptsache erledigt :-) - er müßte jetzt lauten: "Christentum oder Islam". Darum bedauert Dikigoros die Schließung des Tagungszentrums sehr, wo es doch nötiger denn je wäre, diese Erkenntnis - und die, daß man nicht immer besonders lange oder besonders weit weg reisen muß, um etwas dazu zu lernen - unter die Leute zu bringen; und um einen kleinen Ausgleich zu schaffen, hat er dieses - nur auf den ersten Blick nicht mehr aktuelle - Kapitel seiner "Reisen durch die Vergangenheit" doch noch geschrieben.
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