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Festspieltempel, Skandalon - die Erregung um die Bayreuther Musiktheaterweihestätte und das
ewige Politikum Wagner nimmt kein Ende. Hartnäckig bleiben Richard Wagner und sein Werk,
Bayreuth, der Wagner-Clan und die Wagnerianer eines der ersten kulturpolitischen Reizthemen
in Deutschland. Seit vor nunmehr 125 Jahren Könige, Fürsten und ein Kaiser im Sommer 1876 zur
Eröffnung des Festspielhauses auf den oberfränkischen Grünen Hügel pilgerten, liegt die
Führung der Bayreuther Festspiele in den Händen der Wagner-Dynastie. Und die hat sich immer
wieder mit den politisch Mächtigen verstrickt, so wie Richard mit dem schwärmerische
Bayernkönig Ludwig II. oder Winifred mit dem schröcklichen Führer Adolf Hitler.
Verhängnisvolle Verstrickungen gibt es auch bei den Familienmitgliedern selber, wie in unseren
Tagen das starre Beharren des über achtzigjährigen Wagner-Enkels Wolfgang auf der Macht in
Bayreuth zeigt, und das, obwohl der Stiftungsrat der Festspiele seine verstoßene Tochter Eva
Wagner-Pasquier bereits zur Nachfolgerin für die Führung am Grünen Hügel kürte. Vater und
Tochter aber sind seit Mitte der 1970er Jahre zerstritten, als Wolfgang sich einen zweiten
Frühling gönnte und seine damalige Sekretärin Gudrun heiratete, die später auch zu seiner ganz
persönlichen Wunschkandidatin für die Nachfolge wurde. Ihren mit öffentlich geäußerten
Reformideen untermauerten Führungsanspruch im Bayreuther Erbfolgekrieg hatte zudem die mit
Wolfgang ebenfalls entzweite Musikpublizistin Nike Wagner angemeldet, eine Tochter Wieland
Wagners, des Regisseurs und Erneuerers der Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg.
Richard Wagner und sein Werk haben sich tief in das kulturelle Gedächtnis der Deutschen
eingegraben - im Schönen wie im Schrecklichen. So ließ sich der "Künstler" wie der Verführer
in Adolf Hitler von dem narkotischen Klangzauber sowie von der Überwältigungsrhetorik der
Musikdramen Wagners inspirieren, deren Sogwirkung bis heute andauert. Schon in seiner
Jugendzeit war Hitler in Wagners mythische Welt einer heiligen germanischen Vergangenheit
eingetaucht, setzte der Künstler und Mensch Wagner ihm die entscheidenden Maßstäbe. Nicht
zufällig nannte Hitler seine 1924/25 während der Haft in Landsberg entstandene Zentralschrift
"Mein Kampf" - in Anlehnung an Wagners autobiographische Schrift Mein Leben. In den 20er Jahren
vertiefte sich Hitlers Beziehung zu Bayreuth durch die innige Freundschaft mit Winifred Wagner,
die seine großdeutschen Ansichten teilte und bereits 1926 der NSDAP beitrat.
Bayreuth entwickelte sich für Hitler, den die Wagner-Kinder zutraulich "Onkel Wolf" nannten,
zunehmend zum zweiten Zuhause. Ab 1933 wurden die Bayreuther Festspiele vom Regime finanziell
unterstützt, ab 1936 auf Hitlers Initiative von einem zweijährigen in einen jährlichen Turnus
überführt. »Hitler brauchte die Festspiele als ständige Verherrlichung des Nationalsozialismus
und des Dritten Reichs«, schreibt der Historiker Michael Kater in seiner Studie Die mißbrauchte
Muse - Musiker im Dritten Reich (Wien 1998), und: »Seine eigenen Auftritte bei den Festspielen
ab 1933 wurden nationale Spektakel allerersten Ranges und von den kontrollierten Medien auch
als solche behandelt«. Ab 1939 wurden die Wagner-Festspiele zur kriegswichtigen Einrichtung,
die der kulturellen Erbauung zehntausender Soldaten, SS-Leute und Rüstungsarbeiter diente, die
in Sonderzügen nach Bayreuth gebracht wurden.
Die politische Wirkungsgeschichte Richard Wagners und seiner Festspiele lässt sich am
prägnantesten in dem für die Nationalsozialisten so wichtigen Trend zur Ästhetisierung des
Politischen festmachen. In Wagners Idee des Gesamtkunstwerkes verbinden sich die Sphären von
Politik, Religion und Kunst. Es ging Wagner kurz gesagt um die Behauptung einer Revolution
auf allen Gebieten, einer Revolution von Politik, Gesellschaft und Kultur. Von Positionen
einer anarchistischen, sozialistischen und radikal-demokratischen Gesellschaftskritik ausgehend
rechnete er mit der bürgerlich-kapitalistischen Zivilisation ab, um dann die Aufhebung der
Politik durch die Kunst zu fordern.
Wagners Einfluss auf die NS-Ideologie
In seinem antisemitischen Pamphlet "Über das Judentum in der Musik" entwarf Wagner die Vision
einer postrevolutionären Gemeinschaft mit einem Ende der jüdischen Sonderrolle: »Gemeinschaftlich
mit uns Mensch werden, heißt für den Juden aber zu allererst so viel als: aufhören Jude zu sein...
Nehmt rücksichtslos an diesem, durch Selbstvernichtung wiedergebärenden Erlösungswerke teil, so
sind wir einig und ununterschieden.« Diese Aufforderung zur Revolution, zur Wiedergeburt durch
Selbstvernichtung richtete sich an Juden wie Nichtjuden gleichermaßen. [Heute nennt man das
"Integration", und nichts anderes dürfte Wagner auch gemeint haben, Anm. Dikigoros] Das
Bestehende sollte ganz im Sinne der Hegelschen »Aufhebung« vernichtet werden, um die Bedingungen
für eine neue Kunst wie für eine neue Gesellschaft zu schaffen, die der Politik nicht mehr
bedarf, sondern sich allein auf ästhetische Erfahrung gründet. Ziel war eine wieder authentische,
durch Zivilisation nicht beschädigte »Einheit des Lebens« deren »sozial-politisches Ideal« sich
für Wagner im Begriff des Volkes und seiner je eigenen Sprache verkörpert.
Weil die Juden aber kein Volk mit eigener Sprache, eigenem Territorium und eigenem Staat
verkörpern - so seine antisemitische Argumentation - sind sie zwangsläufig Außenseiter und
Fremde. Bei der Sprechweise als Ausdruck des Charakters unterschied Wagner zwischen edlen
deutschen und negativen jüdischen Eigenschaften wie »ein zischender, schriller, summsender
und murksender Lautausdruck«. Seine drei großen, im Zürcher Exil verfassten Schriften "Die
Kunst und die Revolution" (1849), "Das Kunstwerk der Zukunft" (1849), "Oper und Drama"
(1850/51) aber auch die Hetzschrift "Über das Judentum in der Musik" (1850) lieferten das
Vokabular und die Argumentation zu menschenverachtender Ideologiebildung. Ideologische
Symbolik ist zudem einkomponiert in Wagners musiktheatralische Phantasmagorien. Bekannt ist
in der Ring-Tetralogie die karikaturhaft jüdische Zeichnung Mimes, während Siegfried als
strahlender arischer Haudegen dasteht, aber auch der »Erlösungsantisemitismus« (ein Begriff
des Historikers Saul Friedländer) des Parsifal.
Ideen, Schriften und Werke des Bayreuther Meisters haben die NS-Ideologie und die NS-Politik
im Sinne einer geistigen Vorläuferschaft beeinflusst. Der Germanist Hartmut Zelinsky hat schon
vor einiger Zeit mit überzeugender Detailkenntnis nachgewiesen, wie eng Erlösungssehnsucht und
Zerstörungshass, Zivilisationskritik und Vernichtungsantisemitismus bei Richard Wagner zusammen
liegen. Im letzten Jahr erschienen gleich mehrere wichtige Publikationen zum Antisemitismus
Richard Wagners. Zu nennen sind neben Marc A. Weiners Standardwerk Antisemitische Fantasien
- Die Musikdramen Richard Wagners auch die Sammelbände Richard Wagner und die Juden sowie
Richard Wagner im 3. Reich. Weiner zeigt z.B. wie antisemitische Körperbilder, die aus der
Zeit des europäischen Mittelalters datieren, als körperliche Merkmale und Singweisen in
theatralischen Figuren Wagners wie Beckmesser, Alberich, Kundry, Klingsor oder eben Mime,
wiederkehren. [Wo steht denn, daß Wagner sich die als Ju(e)d(inn)en vorstellte? Und umgekehrt:
Alois Ander, Wagners erster "Lohengrin", hatte pechschwarzes Haar, ebenso Josef Tichatschek,
Wagners erster "Tannhäuser", Hermann Winkelmann, Wagners erster "Parsifal" und Franz Betz,
Wagners erster "Wotan" und "Hans Sachs"; Georg Unger, Wagners "Siegfried", war bestenfalls
brünett zu nennen, wie auch sein Nachfolger Richard Schubert; dagegen hatte Cosima Wagner ein
"typisch jüdisches" Gesicht, Anm. Dikigoros, der den Part des "Klingsor" selber gesungen hat -
obwohl er eher blond ist - und die Musik für typisch "wagneresk" hält.]
Um die Jahrhundertwende wurde Richard Wagner dem deutschen Bürger zur nationalen
Identifikationsfigur, der wie der Musik-Titan Beethoven oder der eiserne Kanzler Bismarck
dem Ausdruck vaterländischer Gesinnung diente. Von Wagners Gestalten erfreuten sich neben
dem Schwanenritter Lohengrin besonders der ungestüme jugendliche Held Siegfried wachsender
Beliebtheit. Die Hupe des Autos von Wilhelm II. ließ Donnerhall ertönen, das Motiv des
Donnergottes aus dem Rheingold. Aber auch für den italienischen Fin-de-Siecle-Literaten,
- Decadent und späteren Faschisten Gabriele D'Annunzio war der »starke« Richard Wagner
Vorbild für ein »starkes« Italien - seine letzte Schöpfung, die megalomane Villa Vittoriale
konzipierte D'Annunzio als Gesamtkunstwerk für die italienische Nation.
Eine erste Wagner-Rezession gab es bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als das Bayreuther
Festspielhaus geschlossen werden musste und Frankreich, Amerika oder England die Musik des
Feindes nicht mehr spielen mochten. War Wagner doch zum Inbegriff des deutschen Wesens
geworden und die Namen seiner Helden zu Bezeichnungen für deutsche Truppenstellungen - es gab
eine Wotan-, Hunding- oder Siegfriedstellung. Die kriegsbegeisterten italienischen Futuristen
wetterten jetzt gegen die Wagnersche Ästhetik, gegen die »weinerliche Dösigkeit der Ritter vom
heiligen Gral« und das »Geschnarch bezechter Orgeln, die sich in Erbrochenem aus bitteren
Leitmotiven räkeln« (Marinetti). Auch viele der jungen Komponisten der Nachkriegszeit waren
dezidierte Antiwagnerianer. Sie huldigten in den 20er Jahren einem neuen Klarheitsbegriff und
griffen mit Wozzeck, Cardillac oder Mahagonny auf einen Operntypus vor Wagner zurück, der sich
eher an Mozart oder Rossini orientiert. Wagner und Bayreuth wurden dagegen zum Hort der
Reaktion: »Nicht nur die ästhetische, auch die politische Reaktion, schlechter Teutonismus,
Frömmelei, Rassenhass und beschränkter Nationalismus finden hier ihren Rückhalt«, schrieb
1920 Paul Bekker.
Kritische Auseinandersetzung beim »Jahrhundert«-Ring ´76
Als Bayreuth 1924 nach zehnjähriger Pause die Festspiele mit den »Meistersingern« wieder
eröffnete, erhob sich das Publikum und sang das Deutschlandlied. [Pfui! Das hatte doch der
- offenbar präfaschistoide - Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) gerade erst zur
Nationalhymne erklärt, Anm. Dikigoros] Kunst und Politik sollten in Bayreuth eine
verhängnisvolle Mesalliance eingehen. [Weil das Publikum das Deutschlandlied sang? Das sangen
die Leute auch 1954 beim Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft - welch verhängnisvolle
Mesalliance zwischen Sport und Politik. Schuld am Gewinn der Weltmeisterschaft war natürlich
niemand anderes als Richard Wagner, denn der hatte ja in den "Meistersingern" die bösen Worte
geschrieben: "Ehrt Eure deutschen Meister!", Anm. Dikigoros] Als Gral des wahren Deutschtums
wurde der Grüne Hügel schnell zur Schaltzentrale der antimodernen, antisemitischen und
antidemokratischen Tendenzen des völkisch-nationalistischen Lager, zur geistigen »Waffenschmiede
der Nation«. Carl von Ossietzky, für den Wagner ein »tönendes Gespenst« war, sah visionär
voraus, dass Deutschland zum zweiten Mal eine Wagner-Oper zu werden drohe. Mahnende Worte für
die Ambivalenz Wagners fanden auch differenzierte Wagnerianer wie Thomas Mann 1933 in seiner
berühmten Münchner Rede Leiden und Größe Richard Wagners, die nicht ungestraft blieb und zum
Anstoß für seine Emigration wurde. [Interessante These, die Dikigoros völlig neu war.] 1937/38
hatte der Musikphilosoph Theodor W. Adorno aus dem amerikanischen Exil Wagners Werk in dem Essay
Versuch über Wagner einer scharfen Ideologiekritik unterzogen. Er versuchte zu zeigen, wie die
inhumanen und antisemitischen Anschauungen Wagners tief in sein Werk hineinreichen, dass »viel
Hitler« in Wagner steckt.
Wagners fünfzigster Todestag und die Wahl des Wagnerianers Adolf Hitlers zum Reichskanzler
fielen im Januar 1933 zusammen, so dass Joseph Goebbels in der Pause einer Rundfunkübertragung
der Meistersinger - der Reichsparteitagsoper - die symbolische Einheit von deutschem Führer und
deutschem Meister beschwören konnte. Im Unterschied zum Ersten Weltkrieg gab es nach der
politischen Götterdämmerung in Deutschland 1945 nur eine kurze Wagner-Zäsur. Schon bald wurde
das von Wieland Wagner gestaltete »Neubayreuth« zu einem Inbegriff des neuen Wirtschaftswunders.
Mit seinen abstrakten, expressionistisch getönten Licht-Dunkel-Inszenierungen betrieb er eine
Entideologisierung der Wagner-Opern weg von den alten Deutschtümeleien hin zu einem
Mythisch-Allgemeinen nach dem Vorbild der griechischen Antike. Am Dirigentenpult musste man
dagegen aus Mangel an Nachwuchs zunächst auf Stars aus der Nazizeit zurückgreifen wie Hans
Knappertsbusch, der seinerzeit gegen Thomas Mann unterschrieb, Herbert von Karajan, der gleich
zweimal der NSDAP beitrat, oder Wilhelm Furtwängler, der neben Richard Strauss das
musikkulturelle Aushängeschild des Dritten Reiches war. Ein entfetteter, schlanker,
»undeutscher« Wagner-Klang, wie ihn sich Wieland Wagner zu seinen Inszenierungen wünschte,
sollte erst später verwirklicht werden.
Der Bayreuther »Jahrhundert-Ring« von 1976 zum hundertjährigen Jubiläum der Festspiele,
dirigiert von dem Musikavantgardisten Pierre Boulez und inszeniert von dem damals sehr jungen
Regisseur Patrice Chereau, eröffneten eine neue Ära der Auseinandersetzung mit dem Werk Richard
Wagners - eine historisch-kritische, geprägt durch die strukturell-materialanalytische Sicht
auf die Musik und die Hinwendung zum Regietheater. [So kann man es auch nennen - das ganze war
eine einzige große Blamage, ob derer sich Richard Wagner im Grabe herum gedreht hätte. Der
"Regisseur" Chereau beherrschte vor allem die Kunst der Selbst-Inszenierung, Anm. Dikigoros]
Mit kritischer Ironie wurden das 19. Jahrhundert und seine Mythologien ins Bild gesetzt, aber
auch die nationalsozialistischen Ideologisierungen oder die Person Richard Wagners - in Hans
Jürgen Syberbergs Filmdeutung des Parsifal von 1982 bewegen sich die Protagonisten in der
Pappmache-Topographie eines riesenhaften Wagner-Gesichts. [Der Film wurde denn auch ein Flop,
Anm. Dikigoros]
Person und Werk Richard Wagners sind bei allen Perspektivwechseln bis in unsere Zeit ambivalent
geblieben. Zur kulturellen und politischen Rezeption seines Hangs zum Gesamtkunstwerk gehört das
totalitäre Vernichtungsregime Adolf Hitlers, aber auch der erweiterte Kunstbegriff eines Joseph
Beuys, dessen utopischen Konzepte einer »Erlösungskunst und Befreiungspolitik« an Wagners »Kunst
und Revolution« erinnern. In Israel bleiben Richard Wagner und seine Kunst weiterhin heftig
umstritten, wehren sich vor allem Überlebende des Holocausts gegen Wagner-Aufführungen, wie
zuletzt in der Diskussion um eine von Daniel Barenboim geplante Aufführung der Walküre.
Das Politikum Wagner - es ist noch nicht zu Ende.
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