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AM EINGANG IN DIE UNTERWELT

KAIN UND ABEL IN AFRIKA

Roman von Hans Christoph Buch

Besprechung von Fritz Rudolf Fries
(Frankfurter Rundschau, 26.5.2001)

Der Eingang zum Hades, zum Reich der Toten in der Unterwelt, ist in wenigen Flugstunden von Berlin oder München aus zu erreichen. Hans Christoph Buch, in seiner Eigenschaft als Kriegsberichterstatter einer überregionalen Wochenzeitung, ist dort gewesen, "am Rand des ostafrikanischen Grabenbruchs", im Hotel Mille Collines in der Hauptstadt Ruandas, in Kigali, im April 1995. Indes Tausende von Hutus von der Tutsi-Armee massakriert werden, "ruft am Swimming Pool des Hotels (. . .) ein Lautsprecher die Gäste zum Lunch". Wie immer geschieht das Schreckliche in Nachbarschaft des Banalen. Ein Krieg der Tutsi-Nomaden gegen die Hutu-Bauern? Wann war das? Es stand in der Zeitung von gestern. 1,7 Millionen Tote, 2 Millionen Vertriebene.

Ein 30-jähriger Krieg in Afrika, angefacht von den ehemaligen Kolonialmächten, ein Beutezug um Gold und Diamanten. Wie war es denn sonst in Afrika, Herr Buch, und warum riskieren Sie Kopf und Kragen, anstatt in Berlin zu bleiben und uns mit Ihren so anschaulichen Romanen über Columbus und Haiti zu erfreuen, mit Ihren Erzählungen und Aufsätzen zu Leben und Werk von Autoren wie René Depestre, Alejo Carpentier, Herbert Marcuse, Vargas Llosa? Ah, Sie bewundern diese Autoren, weil sie Fakten & Fiktion zu einer Mischkalkulation ihres Handwerks gemacht haben?

Der Krieg als ein Mahlstrom des Bösen, als einen Rückfall in die Barberei, ob in Grosny, in Kosovo oder in Kigali: In einem Aufsatz beantwortet Hans Christoph Buch die besorgte Frage seiner Freunde nach dem Sinn seiner Reisen zu den Kriegsschauplätzen dieser Welt. "Abenteuerlust gehört sicher dazu, aber Neugier ist das bessere Wort dafür: Neugier auf die condition humaine nach dem Ende des Kalten Krieges." Ein großes Wort, das an Balzac erinnert, an die Comédie humaine, die den Schriftsteller als einen Deuter des Geschehens aufruft, in einer Zeit, da das Mediengeschäft, wie Buch schreibt, in der Hand der Material sammelnden "Rucksackreporter" ist, die ihre Gehirne "in rechteckigen Koffern mit sich herumtragen".

Reporter und Schriftsteller in Personalunion - einige der besten Romane aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts sind so entstanden. Geändert hat sich inzwischen die moralische Bewertung der schwelenden und immer neu aufflackernden Kriege an der Schwelle zum neuen Jahrhundert. Zur Legendenbildung eines Hemingway, der im Madrider Hotel "Gaylord", das Whiskieglas neben der Remington, seine Geliebte Martha Gellhorn in Reichweite, über den Spanienkrieg seine Artikel schrieb, zu diesem Bild gehörte - sagen wir es mit einem altmodischen Begriff - die Parteinahme für die Sache des spanischen Volkes sowie die Überzeugung, in Spanien werde der kommende Krieg gegen Hitler ausgetragen.

Auch bei Buch wird getrunken und geliebt, und wenn der Erzähler an einen Verwandten seiner schwarzen Geliebten gerät, droht ihm von Seiten der Familie der Eintritt in die Ehe und Zahlung eines Hochzeitsgeschenks, bestehend aus einem Zuchtbullen und dreißig Kühen: "Auf diese Weise trägst du zur Wiederherstellung unseres durch den Völkermord dezimierten Viehbestands bei." Aber auf welcher Seite in diesem Genozid steht der Erzähler?

Der Schäfer Kain und der Ackermann Abel führen einen Krieg gegeneinander, deren Ursachen, die weit zurückreichen in die Geschichte des europäischen Kolonialismus, sie nicht kennen. Ein Mord- und Totschlag unter dem Augen der UN-Schutztruppen, der beim Beobachter Ekel erzeugt und eine Hilflosigkeit, die mit der vom Autor eingestandenen Lust am Sadismus und erotischer Gewalt kompensiert wird. Kain erschlägt Abel, aber in der nächsten Runde erschlägt, wie im Cartoon von Tom und Jerry, Abel den Kain. Von großem Gewinn für den Leser ist das Nachwort des Autors, dort deckt er die Hintergründe dieser afrikanischen Apokalypse mit aller Gründlichkeit auf.

Warum Hans Christoph Buch in den Krieg zieht, wird deutlich an den Geschichten vom Tod der Eltern. Episoden, die in ihrer sprachlichen Eindringlichkeit und unsentimentalen Emotionalität zu den besten Seiten des Autors gehören. Es ist die Flucht aus der Enge des persönlichen Schmerzes, um "Berichte über Morde und Massaker zu schreiben" in einer uns alle mit Tod und Vernichtung bedrohenden Welt. Afrika ist ein deutsches Morgenland, da alle anderen Nationen sich längst etabliert hatten; als Traum und Trauma: In die Beschreibung der afrikanischen Zustände, die sich inhaltlich kaum von Buchs Reportagen zum Thema unterscheiden, schiebt sich die imaginierte Berichterstattung des deutschen Afrikaforschers und späteren Residenten des Kaiserreiches in Ruanda, Richard Kandt (1876-1918). Mit einem Auftrag des deutschen Kaisers ausgerüstet, drang Kandt bis zu den Quellen des Nils vor.

Der spätere Afrikareisende Hans Christoph Buch folgt seinen Spuren, und es wird ein Gang in den Hades. Der Reporter als der von den Ereignissen korrumpierte, im Sold der Medien stehende Forscher. Doch folgt auf die Beschreibung jenes Massakers unter Frauen und Kindern im April 1994 - ein Albtraum, aus dem Autor und Leser sich schwer befreien können -, die Beschreibung des Paradieses. Es ist ein Tiergehege, ein Reservat in der ursprünglichen afrikanischen Landschaft, die noch immer den Abdruck des ersten aufrecht gehenden Menschen bewahrt. Ein Ort, an dem sich der Autor Buch mit dem Forscher Kandt in ihrer gemeinsamen Liebe zum afrikanischen Traum begegnen.

Von Tolstoi weiß man, dass er erst im Alter die traumatischen Kriegserlebnisse seiner Jugend bewältigen und gestalten konnte. Hans Christoph Buchs Roman Kain und Abel in Afrika wird nicht die letzte Arbeit des Schriftstellers sein, die uns hinter den flüchtigen Fernsehbildern den Eingang in die Unterwelt zeigt. Man möchte dem Autor im Abstand der Jahre die Geduld zu einem afrikanischen Epos wünschen. Nach der lateinamerikanischen Abrechnung mit dem europäischen Kolonialismus kommt nun die Beschreibung unserer Schuld in Afrika. Hans Christophs Kain und Abel in Afrika macht einen beispielhaften Anfang.


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