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Das vereinte Europa ist eine Illusion – zumindest in einem Bereich. 16 Jahre
nach dem Fall der Berliner Mauer sind sich zwar die Menschen im ehemaligen
Ostblock und im einst „kapitalistischen Ausland“ näher gekommen. Doch an einer
Front fehlt es immer noch an Entspannung: zwischen den Geschlechtern in Ost und
West. Ob Frau/Ost nun ganz westorientiert den Mann/Ost für einen verwöhnten
Pascha hält, oder, im Gegenteil, ganz patriotisch im Mann/West ein nutzloses
Weichei sieht: Die Positionen an der Liebesfront scheinen verhärteter und die
Vorurteile tiefer als geglaubt.
Hiebe statt Gericht
Im
grenzüberschreitenden Verkehr geht der Geschmack der Russinnen diametral
auseinander: Die einen finden Männer/West unromantisch und staubtrocken, andere
offenherziger und aufmerksam. Die Wessis seien Opfer der Emanzipation, echte
Männer seien nur in Russland zu finden, hält die maskuline Hälfte des Landes im
Internet dagegen: Kerle, die im Notfall dem Nebenbuhler „eins auf die Fresse
geben ohne zum Richter zu rennen“, auf einen „Ehevertrag pfeifen“, im
„Restaurant für beide bezahlen“ und „nicht sparen“.
Sehnsüchtiger
Wunsch
Im „Runet“, wie die Russen ihren Teil des Internets nennen,
ist eine heftige Diskussion über die internationalen Beziehungen der
Geschlechter entbrannt – ausgelöst ausgerechnet durch die Übersetzung eines
Artikels in FOCUS Online – „Hilfeschrei nach echten Männern": Die Geschichte der
jungen Russin Dascha, die immer von einem ausländischen Mann träumte – und
jetzt, nachdem ihr sehnsüchtiger Wunsch in Erfüllung gegangen ist, klagt, Mann
(West) sei verweichlicht und kein echter Mann.
„Sparsam und
geizig“
Kritische Stimmen über die deutschen Männer kamen vor allem
per E-Mail bei FOCUS Online an: „Sie sind geizig und trocken, was die Gefühle
angeht, sie zeigen ihre Emotionen kaum, sie verstehen es nicht, die Frauen mit
Aufmerksamkeit zu verwöhnen“, klagt eine junge Russin, die in Bayern ihre
bessere Hälfte gefunden hat: „Die Deutschen sind berechnend und sehr sparsam,
oft auch geizig. Sie sind egoistischer als russische Männer, denken vor allem an
sich und ihren eigenen Vorteil“. Dennoch habe der Mann/West auch Vorzüge – wie
Genauigkeit und Zielstrebigkeit.
Romantiker meist hässlich
„Langeweiler, Workaholicer, Neurotiker und Geizkragen“ gebe es zuhauf in
Deutschland, schreibt auch eine junge Petersburgerin aus einer deutschen
Großstadt, wo sie als Austauschstudentin lebt: „Als Frau will ich Romantik,
Blumen, Anrufe, Überraschungen, dass der Mann um mich wirbt. Aber die Männer
sind faul geworden in dieser Hinsicht – überall.“ Wenn sich ein formvollendeter
romantischer Kavalier finde, sei der meistens hässlich, so die Studentin: „Und
wer nicht hässlich ist, ist meistens zu verwöhnt von weiblicher Aufmerksamkeit.“
„Glaubt niemand, liebe Frauen!“
„Ihr seid verrückt! Ist
ein echter Mann der, der mit der Faust auf den Tisch haut und für nichts in der
Welt Geschirr spült? Ich bin seit drei Jahren mit einem Deutschen verheiratet
und sehr glücklich“, hält die russische Ärztin Natali auf einem Diskussionsforum
im Internet dagegen: „Glaubt niemandem, liebe Frauen: Im Ausland, etwa in
Deutschland, gibt es sehr viele gute Männer, es fehlt dagegen an Frauen, vor
allem an so schönen und ordentlichen wie Russinnen.“
Flügel an der
Liebesfront
Ungerecht seien die Vorwürfe gegen die stärkere Hälfte
der Deutschen, so auch die für alle Germanen tröstliche Stimme einer anderen
Gaststudentin: „Sie sind auch nur Männer, mit allen üblichen männlichen Fehlern,
und dazu kommt ihre Mentalität, die für uns Russinnen fremd ist“. Mit ihrer
Kritik wollten ihre Landsfrauen nur von ihren eigenen Fehlern ablenken:
„Russischen Schönheiten wachsen Flügel von ihrem Erfolg an der Liebesfront im
Ausland, sie glauben dann in ihrer Naivität, die Welt läge ihnen zu Füßen.“
Rückständige Russen
Die russischen Männer seien etwas
rückständig – mit diesen Worten schießt eine Moskauer Journalistik-Studentin den
Ball in den maskulinen Strafraum in der eigenen Spielfeld-Hälfte zurück: „Unsere
Frauen leiden seit jeher unter fehlender Aufmerksamkeit, die Männer nutzen sie
nur aus. Unsere Mannsbilder glauben, eine Frau müsse man nur einmal auf Händen
tragen – zur Hochzeit. Danach läuft sie nicht mehr weg.“ Der Mann/West wiederum
tue sich schwer mit der Romantik, weil ihn die Emanzipation verdorben
habe.
Weibliche West-Männer
Tatsächlich heißt es in vielen
Kommentaren im Internet, dass die Emanzipation die westlichen Männer in die Arme
der Russinnen treibe: Während die deutschen Frauen nur noch an
Gleichberechtigung dächten, seien ihre russischen Geschlechtsgenossinnen ein
Inbegriff der Weiblichkeit, schreibt etwa ein anonymer Leser: „Die Unterschiede
zwischen den Geschlechtern in Deutschland verwischen immer mehr, vor allem bei
den Jungen.“
Hexen gegen Menschenrechtler
Mancher Russe
verabschiedet seine Landsfrauen gar mir einem Nachtreten. „Früher ärgerte mich,
dass so viele Russinnen in den Westen ausreisen, heute freut es mich“, schreibt
ein russischer Leser mit dem Nicknamen „voodoo“: „Normal reisen sie aus, um zu
parasitisieren. Ein normales Eheleben ist mit solchen Frauen kaum möglich. Die
Westler schicken uns Menschenrechtler, wir ihnen unsere Hexen. Die naiven
Deutschen kapieren nicht, dass ihnen so eine Frau zehn Jahre ihres Lebens
kostet.“
Eheglück mit holprigem Englisch
Solche Vorwürfe
seien ungerecht, hält eine Russin mit dem Kosenamen Ol dagegen: „Es ist nicht
so, dass alle russischen Frauen nur vom Westen träumen. Auch dort ist der Tee
nicht süß. Aber in Russland hat eine Frau mit 26 oder 28 so gut wie keine
Chancen mehr, ihre bessere Hälfte zu finden“, schreibt Ol: „Im Westen gibt es
einfach mehr Männer. Viele Russinnen würden mit ihren ausländischen Männern
lieber zuhause in Russland leben, aber die wollen nicht.“ Vor allem diejenigen,
die zuhause Probleme haben, suchten ihr Glück in der Fremde, hält ein Russe
dagegen: „Und wie soll man eine gemeinsame Sprache finden mit holprigem
Englisch?“
Frauen wollen Tannen ohne Nadeln
Und die Moral
der Geschichte? Wenn es eine gibt, dann kommt sie ausgerechnet aus
Baden-Württemberg, in bestem Deutsch – von einer jungen Russin. Wenn es um die
große Liebe geht, wollen ihre Landsfrauen wie in einem alten russischen
Sprichwort „auf die Tanne klettern und nicht gepiekst werden“, schreibt die
junge Frau, die mit einem Deutschen verheiratet ist: Die russischen Frauen
dürften sich nicht beklagen. Wenn sie westliche Lebensstandards wollten, müssten
sie auch mit den Konsequenzen rechnen: „Die für Russen üblichen und als richtig
empfundenen geschlechtlichen Verhaltensregeln sind im Westen obsolet geworden,
so die junge Russin: „Aber die Frauen wollen Emanzipation UND männliche
Galanterie.“
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