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"Eine Seefahrt, die ist lustig"
. . . doch durchaus nicht immer schön
Der K[r]ampf um die Weltmeere
(und warum er ständig überbewertet wird)
Seeschlachten und ihre Folgen[losigkeit]

[Lepanto] [Kanal] [Trafalgar] [Navarino]
[Lissa] [Iquique] [Tsushima] [Skagerrak]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

Daß schöne oder verdorbene Urlaubsreisen nie die Ursachen guter oder schlechter Erinnerungen sind, sondern vielmehr - wie letztere - die Folgen mangelhafter Vorbereitung...

Daß gewonnene oder verlorene Schlachten nie die Ursachen gewonnener oder verlorener Kriege sind, sondern vielmehr - wie letztere - die Folgen mangelhafter Vorbereitung durch die Politiker, hat Dikigoros schon an anderer Stelle geschrieben. Aber das bezieht sich doch nur auf Landschlachten, meinen durchaus ernst zu nehmende Historiker, darunter der große Hellmut Diwald - bei dem Dikigoros die dritte Zeile der Überschrift abgekupfert hat (natürlich ohne das [k] - das ist seine eigene, boshafte Beifügung :-). Die großen Seeschlachten der Weltgeschichte dagegen entschieden über die Herrschaft auf den Meeren, den Überseehandel, über Wohlstand und Macht der Nationen... Wirklich? Wenn Ihr das auch glaubt, liebe Leser, und an diesem Euren Glauben hängt, dann lest bitte nicht weiter, sonst könntet Ihr womöglich ziemlich enttäuscht werden. Dikigoros hat die Stätten der berühmtesten Seeschlachten der Neuzeit besucht. (Die "See"-Schlachten der Antike und des Mittelalters waren gar keine, sondern Auseinandersetzung zwischen Landratten, die man mit Hilfe von Schiffen zusammen geführt hatte; und die "See"-Schlachten der "Zeitgeschichte" - die unsere Historiker anno 1917 beginnen lassen - waren die Auseinandersetzungen zwischen Piloten, die man mit Hilfe von Flugzeugträgern zusammen geführt hatte.) Und auf diesen Reisen sind ihm ein paar Gedanken gekommen, an denen er Euch teilhaben lassen will.

*****

Als Dikigoros, noch ein junger Student, zum ersten Mal Semesterferien hatte, kaufte er sich von den Resten seines Entlassungssoldes als Vaterlandsverteidiger ein Interrail-Ticket und fuhr nach Italien, bis hinunter nach Apulien, sonst hätte sich der Kauf nicht gelohnt. Weil man es aber, wenn man es schon mal gekauft hatte, auch richtig ausnutzen sollte, nahm er von dort eine Fähre (auch auf die gewährte das Ticket immerhin 50% Rabatt) und setzte nach Griechenland über, genauer gesagt nach Patras. Mit ihm an Bord waren fast nur Italiener (welcher ausländische Tourist fuhr schon im Februar ans Mittelmeer?), und wer die Italiener kennt (und ihre Sprache spricht) weiß, daß sie ihr Vaterland lieben und sich in seiner Geschichte bestens auskennen, jedenfalls was solche Ereignisse anbelangt, die zu ihren Gunsten ausgingen; und was das in der Militär-Geschichte bedeutet, braucht Dikigoros hier sicher nicht lang und breit zu erörtern. Fassen wir es kurz zusammen: In Anbetracht der Anzahl solcher Ereignisse ist es kein großes Kunststück, sich gut auszukennen, denn man kann sie an den Fingern einer Hand abzählen. 21. Jahrhundert: 0, 20. Jahrhundert: 0 (wenn man mal vom Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaften 1934, 1938 und 1982 absieht, über die jeder Italiener natürlich genau Bescheid weiß - aber diese Reise fand vor 1982 statt, und der Ruhm der mit Hilfe bestochener Schiedsrichter errungenen Vorkriegs-Titel begann schon zu verblassen :-), 19. Jahrhundert: 0, 18. Jahrhundert: 0, 17. Jahrhundert: 0, 16. Jahrhundert: Stopp, da war doch mal was? Richtig; und seine italienischen Mitreisenden versäumten es denn auch nicht, ihn gebührend darauf hinzuweisen: die glorreiche Seeschlacht von Lepanto, der größte und wichtigste Sieg, den die christliche Seefahrt je über eine muslimische Flotte errang - ein Sieg der Italiener über die Türken, der sich vor kurzen zum 400. Male gejährt hat. Nanu, wundert sich Dikigoros - war das nicht ein Sieg der Spanier irgendwo an der marokkanischen oder algerischen Küste über irgendwelche arabischen Piraten? Hatte da nicht der spanische National-Dichter Cervantes (dessen "Don Quixote" er gerade zum ersten Mal auf Spanisch gelesen hatte - als Kind kannte er nur die deutsche Übersetzung, die es als preiswertes Goldmann-Taschenbuch gab) mitgekämpft und eine Hand verloren? Allerdings wußte Dikigoros damals noch nicht viel von italienischer und griechischer Geschichte. Nach seiner Schulbuch-Weisheit war das Imperium Romanum irgendwann in "Westrom" und "Ostrom" zerfallen, letzteres hieß Konstantinopel, und dort regierten die Griechen. 1453 wurde es von den Türken erobert, und damit endete das Wisadionische (oder, wie er damals in Ermangelung einschlägiger Griechisch-Kenntnisse - er hatte gerade mal gelernt, die Buchstaben zu entziffern, nicht sie auch richtig auszusprechen - noch sagte, "Byzantinische") Reich. Aber was ging das die Italiner auf dem Weg nach Griechenland an? Er wußte noch nicht, daß praktisch das ganze östliche Mittelmeer, einschließlich der Küste, Jahrhunderte hindurch italienisch geprägt war, vor allem durch die Genueser und die Venezianer (deren tüchtige jüdische Kaufmannschaft daran einen nicht zu unterschätzenden Anteil hatte), daß beide sogar in Konstantinopel großen Einfluß besaßen - nicht nur im Stadtteil Galata.

[Karte des Golfs von Lepanto] [Lepanto, heute Navpaktos]

"Du willst doch nicht etwa in Patras übernachten?" fragen ihn ein paar junge Leute, mit denen er während der Überfahrt Bekanntschaft geschlossen hat. "Ja, wo denn sonst?" - "Komm mit, wir fahren 'rüber auf die andere Seite, nach Lepanto." - "Lepanto?" - "Ja, wir sind hier am Golf von Patras, und schräg gegenüber, hinter der Festung Rumelia, liegt Lepanto, wußtest du das nicht?" - "Aber nach dem Golf von Patras kommt doch der Golf von Korinth; und auf dem Bötchen da steht 'Navpaktos', wenn ich das richtig lese?!" - "Ja, so nennen die Griechen das heute; aber früher hieß der Ort 'Lepanto', und der Golf nach ihm." Das steht in keinem seiner Reiseführer, nicht einmal in "Anders Reisen Griechenland", dessen Neuauflage den Kanal von Korinth auf dem Cover trägt... Dabei ist Navpaktos-Lepanto ein Städtchen wie so viele andere auch, die Dikigoros in den folgenden Jahren und Jahrzehnten zwischen der dalmatinischen Adria und der türkischen Riviera kennen lernen wird, mit dem typischen Hafen und den typischen Festungsmauer-Resten, nur daß die Hotels noch einfacher (und billiger) sind, und daß es nirgendwo Würstchen mit Sauerkraut gibt, sondern bestenfalls Souvlaki. Nein, für den Massen-Tourismus ist es nicht eingerichtet - aber was interessieren den Massen-Touristen historische Schauplätze... die fahren lieber nach Korinth, am östlichen Ende des Golfs, und das tut Dikigoros am nächsten Tag auch, ohne zu wissen, daß die Säulen von "Alt-Korinth", die dort oben auf dem Berg stehen, in Wirklichkeit Rekonstruktionen des 20. Jahrhunderts sind. Und der Kanal, über den er am übernächsten Tag weiter fährt? Er ist ein Produkt des späten 19. Jahrhundert - aber darüber schreibt Dikigoros an anderer Stelle. Damals hat er von alledem noch keine Ahnung, und die Reise ist da auch nicht sehr informativ, denn Dikigoros spricht wie gesagt noch kein Griechisch; die griechischen Gastarbeiter sind noch nicht aus Deutschland zurück gekehrt; und der griechische Fremdenverkehr ist noch kaum entwickelt. Das "Obristen-Regime" ist gerade erst gestürzt (es wird heute im Rückblick oft verteufelt, besonders im Ausland; aber das Regime der "demokratischen Sozialisten", das danach kam, war für den griechischen Normal-Verbraucher in mancher Hinsicht - vor allem in wirtschaftlicher - noch schlimmer); die Türken haben gerade erst Nord-Cypern besetzt, und für schöne Erinnerungen an mehr als 400 Jahre zurück liegende christliche Siege über den Erbfeind kann sich hier niemand etwas kaufen - zumal das ohnehin nicht ein Sieg "der" Christenheit war, sondern nur einer der römisch-katholischen Christenheit, die mit der griechisch-orthodoxen Christenheit schon seit rund 500 Jahren im Schisma lebte. Was man allerdings auch so sieht ist, daß der Golf - wie immer man ihn nennen mag - für eine größere Flotte selbst mit dem schmalen Kanal im Osten (durch den nie auch nur zwei Schiffe nebeneinander fahren können, ebenso wenig wie durch das Nadelöhr bei Rumelia im Westen) eine Mausefalle ist, aus der es praktisch kein Entkommen gibt. Wie kann man sich da, wenn man halbwegs bei Verstand ist, zur Schlacht stellen?

Als Dikigoros wieder zuhause ist, versucht er sich schlau zu machen. Ja, es stimmt schon, daß zu Beginn des 16. Jahrhunderts an der marokkanischen, algerischen und tunesischen Küste maurische Piraten saßen, sehr zum Leidwesen der Spanier. Aber dann kam einer, der ihnen allen über war: der Türke Nasreddin (dem die Italiener ob seines roten Bartes wie einst dem deutschen Kaiser Friedrich I den Beinamen "Barbarossa" gaben), der die Piraten nacheinander unterwarf und fortan auf eigene Rechnung christliche Schiffe überfiel. Er war der Francis Drake der Muslime; denn als die Spanier (die immerhin schon die halbe Welt entdeckt und wenigstens pro forma in Besitz genommen hatten, so daß sie sagen konnten, daß in ihrem Reich "die Sonne nicht unterging") ihm auf einem letzten Kreuzzug - den Kaiser Carlos V höchstpersönlich anführte - Tunis entrissen, war er klug genug, sich in den Dienst und Schutz des Osmanischen Reiches zu stellen, das damals unter Süleyman dem Prächtigen auf dem Höhepunkt seiner Macht stand. Nach und nach nahm er - im Bündnis mit seiner allerchristlichsten Majestät, dem König von Frankreich - den italienischen Stadtstaaten all ihre Stützpunkte im Mittelmeer ab. Im August 1571 fiel der vorletzte und zweitgrößte (nach Kreta), Cypern. Die Geschichte wiederholt sich, denkt Dikigoros damals zum ersten Mal, nicht exakt, aber manche Parallelen sind doch verblüffend. Erst danach, als es praktisch schon zu spät war, rauften sich Venedig, Genua, der Papst und Spanien zu einem Zweckbündnis zusammen und schickten ihre vereinigten Flotten unter dem Oberkommando des berühmten Don Juan (den Ihr sicher alle aus der Oper "Don Giovanni" kennt) nach Lepanto, das die Venezianer Anfang des 15. Jahrhunderts zur Festung ausgebaut und Ende des 15. Jahrhunderts an die Türken verloren hatten. Das Ergebnis war die bis dahin größte Seeschlacht der Weltgeschichte, und sie endete mit der totalen Vernichtung der türkischen Flotte. Hosiana.

[Karte der Schlacht von Lepanto] [La meravigliosa e gran vitoria]

Warum macht sich Dikigoros über diese Heldentat hier so lustig? "Lustig" ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort, und er will auch den Helden ihre Taten nicht in Abrede stellen. Wenn er sich über etwas mokiert, dann über die christliche Geschichts- und Märchenschreibung, die daraus einen "historischen Sieg" von großer Bedeutung macht. Wie soll er Euch, lieben Kindern des 20. Jahrhunderts, das am besten erklären? Vielleicht mit der Parallele zu einem anderen "glorreichen Sieg", den knapp 400 Jahre später eine andere Macht errang, welche die (aufgehende, nicht nie untergehende :-) Sonne im Wappen führte, nämlich die Japaner im Perlenhafen ("Pearl Harbor") von Hawaii. Auch das war eine Mausefalle, in die kein halbwegs gescheiter Oberbefehlshaber seine Pazifik-Flotte gelegt hätte. Hatte auch gar niemand. Die alten Pötte (Schlachtschiffe, die für Kämpfe konzipiert waren, wie sie im Ersten Weltkrieg geführt worden waren - merke: die großen Strategen bereiten den nächsten Krieg immer so vor, wie sie den letzten geführt haben :-) hatten die Amis dort als Köder liegen lassen, mitsamt ihren deutschstämmigen Besatzungen; die ungleich wertvolleren Flugzeugträger hatten sie - die längst im voraus über den Angriffsplan der Japaner informiert waren, da sie ihren Funkcode geknackt hatten - rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Die Schlachtschiff-Flotte wurde weitgehend zerstört? Macht nichts, umso besser kamen hinterher die Flugzugträger zum Einsatz - und die sollten den Krieg gewinnen. Weniger als vier Jahre nach Pearl Harbor kapitulierte Japan vor den Amerikanern. Der Pazifik gehörte fortan den USA. Nach Lepanto war es ähnlich: Die Christen vernichteten zwar die alten Galeeren der Türken, mitsamt ihren christlichen Ruder-Sklaven; aber die neue Flotte mit modernen Vollsegel-Kriegsschiffen war längst im Bau - und die sollten den Krieg gewinnen. Die christlichen Alliierten zerstritten sich bald; weniger als zwei Jahre nach Lepanto schloß Venedig einen Sonderfrieden mit den Türken, in dem es ausdrücklich auf die Rückeroberung aller verlorenen Stützpunkte verzichtete. Das Mittelmeer gehörte fortan dem Osmanischen Reich - jedenfalls für die nächsten zweieinhalb Jahrhunderte. (Auf das, was dann geschah, kommen wir etwas später.)

Exkurs. Wohlgemerkt, liebe Leser, Dikigoros will keineswegs behaupten, daß der Sieg der Japaner bei Pearl Harbor folgenlos gewesen sei. Natürlich hatte er zur Folge, daß der Kriegstreiber Roosevelt die Amerikaner für den Kriegseintritt gewann - die selben Amerikaner, die ihn noch kurz zuvor aufgrund seiner Wahlkampflüge, er wolle die USA aus dem Zweiten Weltkrieg heraus halten, mit überwältigender Mehrheit wieder gewählt hatten. (Schließlich waren fast 75% der Amerikaner deutscher, irischer, italienischer, schwedischer, afrikanischer oder asiatischer Abstammung - von denen wollte keiner gegen die Achsenmächte kämpfen, das wollte nur die Minderheit englischer, slawischer und jüdischer Abstammung.) Aber Dikigoros meint hier nicht politische, sondern militärische Folgen - und selbst erstere hatte die Schlacht von Lepanto nicht: Der Sultan hatte es nicht nötig, sein Volk für den Jihád, den heiligen Krieg gegen Christenhunde und andere Ungläubige, zu mobilisieren; denn jeder anständige Muselman wußte um diese seine religiöse Pflicht, und kein Muslim hatte es damals nötig, irgendwelche Dementis abzugeben. Im übrigen wäre damals kein Christ so dumm gewesen, darauf herein zu fallen und etwa zu glauben, diesen Vernichtungskampf gegen alles Christliche würde nur eine kleine, radikale Minderheit, die so genannten "Islamisten" befürworten, während die Masse der Muslime ganz friedliebend, tolerant und integrierungswillig wäre. Das versuchen erst die "gutmenschlichen" Polit-Verbrecher und Volksverdummer von heute ihrem Wahlvieh weis zu machen - Gott (und Jahwe und Shiwa und Buddh und wem auch immer) sei Dank mit immer weniger Erfolg; denn allmählich spricht sich herum, daß das ein Kampf auf Leben und Tod ist, in dem kein Friede sein kann, bevor nicht entweder die Muslime oder die Nicht-Muslime ausgerottet sind. (Und wer das immer noch nicht wahr haben will, kann ja mal auf dieser Seite nachlesen, wie die Muslime darüber denken.) Exkurs Ende.]

*****

Als Dikigoros, noch ein Schüler, zum ersten Mal nach England fuhr, gab es noch keinen Tunnel unter dem Kanal; ein Auto hatte er noch nicht, und eine Flugreise hätte er sich nicht leisten können; also nahm er die Eisenbahnfähre über den Kanal. Warum eigentlich "Kanal"? Ein Kanal ist doch eigentlich ein künstlicher Wasserweg; und dieser hier... nein, lassen wir das, das ist eine andere Geschichte. Aber über die Geschichte dieses "Kanals", oder jedenfalls das für die Engländer wichtigste Ereignis, das sich dort abgespielt hatte, wußte er ja schon aus seinem Englisch-Lehrbuch Bescheid: Anno 1588, als der berühmte englische Pirat Francis Drake (den er sich immer mit Knopf im Ohr vorstellte und so, wie ihn 20 Jahre später Rowan Atkinson in "Black Adder" spielen sollte :-) gerade bei einer Partie Karten saß (oder war es Billard?), kam ein Bote mit der Nachricht herein: Hannibal ante portas, pardon, die Hispanics vor Portsmouth, und das mit der größten Flotte, die die Welt je gesehen hatte, um England zu erobern. Drake aber meinte nur überlegen lächelnd: "Gentlemen, sollen wir etwa wegen der paar Spanier dieses gute Spiel unterbrechen?" (Ja, der Haß, den die Zitronenfresser später gegen die Froschfresser und noch später gegen die Sauerkrautfresser hegen sollten, hegten sie damals gegen die - wie nannten sie die Spanier gleich? Drake nannte sie bestimmt nicht "Spaniards", wie es im braven Schulbuch stand. Vielleicht Menschenfresser? Jedenfalls waren das damals die schlimmsten Bösewichter und Kriegsverbrecher der Welt, wie es immer und überall in der Geschichte diejenigen waren, die sich die Propaganda-Maschinerie der Angelsachsen als Hauptfeind erkoren hatte.)

Nun muß Dikigoros gestehen, daß er zwei dieser Reisen zu den Schauplätzen berühmter Seeschlachten nur mit dem Finger auf der Landkarte gemacht hat - oder jedenfalls nicht am Original-Schauplatz war, sondern nur an dem Ort, wo ihrer bis heute am meisten gedacht wird. Da er schon mal in England war, machte er natürlich auch einen Tagesausflug nach London. (Ein Zweitagesausflug mit Übernachtung wäre zu kostspielig geworden - die Hauptstadt des einstigen britischen Empire, dessen vorletzte Reste in Afrika gerade abgebröckelt waren, war schon damals ein teures Pflaster; das Pfund hatte noch 20 Schillinge à 12 Pence à 4 Farthings und kostete 12.- DM - gute, alte, harte Märker, deren Fünfer in schwerem Silber geprägt waren, keine durch die Zwangs-, pardon "Wieder"-Vereinigung mit den ossinesischen Alu-Chips aufgeweichten Deutsch-Marx, pardon Marks.) Was schaut man sich an, wenn man nur einen Tag in London ist? Na was wohl: zuallererst den Trafalgar Square mit der großen Säule, auf deren Spitze sich angeblich (erkennen konnte das von unten niemand, und hinauf fahren konnte man - anders als auf den Eiffel-Turm - auch nicht) ein Denkmal für Lord Nelson stehen sollte. (Nebenbei bemerkt kam es nicht darauf an, denn das Denkmal trug ohnehin schwerlich die Züge des angeblich einäugigen Admirals - aber das ist eine andere Geschichte.)

[Trafalgar Square mit Nelson-Säule]

Was bewirkte Trafalgar?

Navarino (1827)
Als Dikigoros zum ersten Mal in London war, erfuhr er auch zum ersten Mal von einer weiteren Seeschlacht, welche die Briten aus unerfindlichen Gründen für eine der größten ihrer Geschichte halten. Aber er kann Euch beruhigen: Diesmal war er wirklich am Ort des Geschehens - wenn auch erst zehn Jahre später. Dem Namen nach hätte er sie irgendwo in Spanien oder Italien vermutet: Navarino.

Lissa (1866)
Als Dikigoros, noch ein Student, zum ersten Mal nach Italien und Griechenland reiste - von dieser Reise hatte er Euch ja schon berichtet -, wäre er nicht im Traum auf die Idee gekommen, etwa auf dem Rückweg über das sozialistische Jugoslawien zurück zu fahren, obwohl die Interrail-Karte auch dort gegolten hätte. Aber als Reservist hätte er eine Genehmigung vom Kreiswehr-Ersatzamt gebraucht, um in ein zwar nicht dem Warschauer Pakt angehörendes, aber gleichwohl als potentieller Kriegsgegner geltendes Land zu reisen. Erst auf seiner vierten und letzten Interrail-Fahrt (die zweite hatte ihn auf die Iberische Halbinsel - aber nicht ans Kap Trafalgar -, die dritte nach Skandinavien geführt) wagte er sich auf den Balkan.

[Admiral Tegetthoff in der Schlacht von Lissa]

Als Dikigoros, noch ein nicht mehr ganz so junger Student... aber was soll er sich hier mit einer langen Einleitung aufhalten; fleißige Leser seiner "Reisen durch die Vergangenheit" wissen ja schon, daß er seinerzeit nach Südamerika reiste und dabei auch durch die Atacama-Wüste fuhr. Das Kaff Iquique passierte er allerdings, ohne es weiter zu beachten; von seiner Bedeutung erfuhr er erst, als er jenseits der chilenischen Grenze war und die Leute ihm erzählten, daß das einst alles peruanisches Gebiet gewesen sei - und bald wieder werden müsse, weil ihre Helden doch nicht umsonst gefallen sein dürften. Es ist wohl einmalig in der Geschichte, daß eine eigentlich unentschiedene Schlacht von beiden Seiten mit einer solchen Hartnäckigkeit als vollständiger Sieg der eigenen Sache in Anspruch genommen wird, und daß die beiden obersten Antagonisten von beiden Seiten zu Nationalhelden erklärt werden, wie dies bei der Seeschlacht vor der Küste bei Iquique geschehen ist. Nun wissen Dikigoros' Leser freilich schon aus einem anderen Kapitel seiner "Reisen durch die Vergangenheit", daß es für Berufssoldaten schwierig ist, zu Nationalheiligen aufzusteigen, denn deren Tod auf dem Schlachtfeld ist ja eigentlich nichts weiter als ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Und wie steht es mit den Voraussetzungen, wenigstens zum Nationalhelden zu werden? Als da wären der gewaltsame Tod und die ausländische Herkunft. Ja, sowohl der chilenische Admiral Artur[o] Prat[t] als auch der peruanische Admiral Michael ("Miguel") Grau waren deutscher Abstammung - und Dikigoros findet es merkwürdig, daß Kasimir Edschmid, der große Kenner der Geschichte der Deutschen in Südamerika, den gerade dieser Aspekt so reizte, nie einen biografischen Roman über sie geschrieben hat. (Nun, vielleicht mochte er als Elsässer die beiden dicken, bayrischen Bazis, die äußerlich Zwillingsbrüder hätten sein können, nicht :-) Und der gewaltsame Tod? Gab es damals noch Admiräle, die im Kampf fielen? Und ob, liebe Leser, und ob, wie Ihr gleich sehen werdet.

[Admiral Grau] [Admiral Prat]

Als Artur Pratt im Mai 1879 bei Iquique eine chilenische Flotte aus hölzernen Segelschiffen in das Gefecht gegen die Peruaner führte, war das eigentlich ein Himmelfahrts-Kommando, denn die letzteren verfügten über zwei moderne Panzerkreuzer, die "Independencia" und den 'Huáscar', die sie zwar nach der Unabhängigkeit von Spanien und jenem tragischen Inca (den freilich gar nicht die Spanier umgebracht hatten, sondern sein eigener Bruder Athahualpa) benannt, aber ebenso wenig selber gebaut wie sie die Unabhängigkeit selber erkämpft hatten - dazu wären sie nicht in der Lage gewesen. Aber wozu selber bauen, da man doch in englischen Werften hervorragende Wertarbeit bauen lassen konnte. (Damals waren die Briten weltweit führend; selbst die deutsche Marine kaufte noch bei ihnen ein.) Die "Independencia" wurde sogar von einem Briten - John William Moore - befehligt. Allerdings waren die Mannschaften unfähige Peruaner - und darauf baute Pratt. Mit Recht: Die Peruaner schossen stundenlang Fahrkarten, während er in Seelenruhe eines ihrer Schiffe nach dem anderen zusammen schoß - einschließlich der "Independencia". Auf der anderen Seite sah Michael Grau, was für Idioten er unter seinem Kommando hatte und entschloß sich zur Holzhammer-Methode, genauer gesagt, zum Einsatz des eisernen Rammsporns - den der 'Huáscar' eigentlich nur noch aus Nostalgie trug. Er rammte die hölzerne 'Esmeralda', Pratts Flaggschiff, und brachte sie so zum sinken. Pratt unternahm mit einigen Matrosen einen verzweifelten Versuch, den 'Huáscar' zu entern, und fiel mit dem Säbel in der Faust. Dann kenterte die 'Esmeralda'. Grau rettete erst alle Chilenen, die ins Wasser gefallen waren (das gab es damals noch!), dann rammte und versenkte er die übrigen chilenischen Schiffe mit der gleichen Methode. Nach der Schlacht schrieb Grau der Witwe Pratts einen persönlichen Beileidsbrief; fünf Monate später sollte er selber in der Seeschlacht von Angamos einer Granate zum Opfer fallen, die auf seiner Kommandobrücke explodierte.

[Panzerkreuzer Huáscar] [Huáscar rammt die Esmeralda]

Das ist ja alles rührend; aber was hat diese berühmte Seeschlacht nun eigentlich bewirkt? Böse Zungen behaupten, daß Chile eine neue, moderne Flotte bekommen hat, weil die alte vernichtet worden war...

Tsushima (1905)
Als Dikigoros, noch ein Schüler, zum ersten mal den historischen Roman "Tsushima" von Frank Thiess las (als preiswertes Goldmann-Taschenbuch), sprach er kein Wort Japanisch und kein Wort Russisch (sonst hätte er wahrscheinlich nicht das Buch von Thiess, sondern das gleichnamige von Nowikow-Priboj gelesen; aber er beschloß, zwei Jahre später Russisch als zusätzliche Unterrichts-Veranstaltung zu belegen, und er hat es nicht bereut); und vom russisch-japanischen Krieg hatte er noch nie gehört.

Skagerrak (1916)
Als Dikigoros als Bundeswehr-Rekrut in Norddeutschland stationiert war, verbrachte er seinen ersten Wochenend-Urlaub in Dänemark - zu mehr hätten weder Zeit noch Geld gereicht. Dort wurden gerade Pläne gewälzt, eine Brücke übers Meer nach Norwegen zu bauen, und das interessierte ihn. Außerdem

(...)

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