"PADANISCHE" SEELE IM SCHISMA
Die Lega Nord und der europäische Supersowjetstaat
Kommentar von Cyrus Salimi-Asl (Freitag, 29.06.2001)
Ein Witz muss es sein, wenn ein Staat einen Mann zum
Minister macht, der eben diesen Staat spalten will. "Die spinnen, die
Römer", könnte man mit Obelix drüber lachen, doch die Sache ist ernst.
Umberto Bossi, Chef der separatistischen Lega Nord, ist seit kurzem neuer
italienischer Minister für Reformen. Ausgerechnet der Guru "Padaniens"
soll den Nationalstaat, gegen den er seit Jahr und Tag lauthals wettert,
föderal umgestalten, ohne ihn zu zerschlagen.
Ein Zwiespalt: Als
Minister der Berlusconi-Regierung hat er auf die italienische Verfassung
geschworen, als Chef der Lega Nord muss er weiter brachialrhetorisch die
"padanische" Seele beschwören, die unter der Unterdrückung durch Rom und
Brüssel leide.
Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, weil die
Separatistenpartei nun in die Institutionen des Staates eingebunden ist,
hätten sich alle Forderungen nach mehr Autonomie von selbst erledigt. Im
Gegenteil, nun muss der Staat beweisen, dass er es Ernst meint mit dem
Föderalismus und die Ängste vor dem "europäischen Supersowjetstaat"
(Umberto Bossi) nicht einfach ignoriert. Davon hängt auch die politische
Zukunft der Lega Nord ab.
Ethnisch-kulturell motivierte
Autonomiebewegungen (Baskenland, Nordirland) bekämpfen in verschiedenen
Ländern Europas den Zentralstaat und fürchten, im Verwaltungsgiganten
Europäische Union völlig unterzugehen. Berechtigte Sorgen, die nur
arrogante Eurotechnokraten aus Brüssel einfach vom Tisch wischen. Die Iren
haben der EU eine Ohrfeige erteilt, und selbst das traditionell
zentralistische Frankreich fördert mittlerweile die Verbreitung der
Regionalsprachen. Auch die Bayern, über deren eigene ethnische Identität
man wohl streiten darf, haben ein Recht, sich gegen kaum demokratisch
legitimierte Suprastaaten zur Wehr zu setzen und den Euro zum Teufel zu
wünschen. Dass sie aus wohlverstandenem Besitzstandsdenken gegen die EU zu
Felde ziehen, wird dabei natürlich gern verschwiegen.
Umberto
Bossi bezeichnet seine süditalienischen Mitbürger dagegen schon mal als
faulenzende Erdfresser, denen man das Geld nicht noch nachwerfe. Der fette
Mailänder will nicht länger mit seinem armen Bruder aus Neapel teilen. Ein
pekuniärer Egoismus, aus dem die Lega Nord politisches Kapital schlägt.
Um solchen rechtsgerichteten Abschottungs- und
Segregationstendenzen Einhalt zu gebieten, müssen die Nationalstaaten und
muss die EU den Menschen in den Regionen politische Einflussmöglichkeiten
verschaffen. Sonst wird Euroland für seine Bürger zum Alptraum. Und
Umberto Bossi würde tatsächlich noch Recht behalten.