Berlin - Zwölf Jahre nach der Wende fühlt sich die Mehrheit der Ostdeutschen noch immer
nicht in der Bundesrepublik zu Hause. Das geht aus einem am Freitag in Berlin vorgestellten
Bericht des Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrums Berlin-Brandenburg hervor. Nur jeder
fünfte Ostdeutsche fühlt sich als "richtiger Bundesbürger".
Der Anteil der zufriedenen Ostdeutschen ist zwischen 1999 und 2002 von 59 Prozent auf 48
Prozent gesunken. "Man kann von einer neuen Ost-Identität sprechen", sagte der Herausgeber
der Studie, Gunnar Winkler. Von "den" unzufriedenen Ostdeutschen könne aber nicht die Rede sein,
sagte Winkler. "Die Stimmung im Osten ist nun nicht mehr besser als die Lage, sondern der Lage
angepasst."
Die Ost-Identität beruhe weniger auf der gemeinsamen Vergangenheit als vielmehr auf den ähnlichen
Lebensverhältnissen. "Da ist nichts Nostalgisches dran", betonte Winkler. Zwei Drittel der etwa
2000 befragten Ostdeutschen gaben an, dass sie weder die DDR wieder haben wollen noch sich in der
Bundesrepublik richtig wohl fühlen. Gut 40 Prozent fühlen sich mit Ostdeutschland stark verbunden.
"Einen großen Sprung gab es außerdem bei der Verbundenheit mit Europa", bemerkte Winkler. Das
sei vor allem mit der Einführung des Euros zu erklären. [Wer's glaubt wird selig, man fühlt
sich allenfalls solidarisch mit den anderen Opfern des Teuro, Anm. Dikigoros]
Als dramatisch bezeichnete er die schwindenden Erwartungen an die eigene Zukunft. Nur 16 Prozent
rechnen mit einer Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation in den nächsten fünf Jahren, 27
Prozent gehen von einer Verschlechterung aus.
Der Sozialreport verzeichnet außerdem eine Veränderung der Bevölkerungsstruktur in Ostdeutschland.
Seit 1990 seien 2,5 Millionen Menschen abgewandert, 104 000 im vergangenen Jahr. Wegen der
Abwanderung und der sinkenden Geburtenrate ist laut Studie das Durchschnittsalter in den Ostländern
zwischen 1990 und 2000 von 38,4 auf 42,4 Jahre gestiegen und liegt nun über dem der alten
Bundesländer (41,4 Jahre).