Tief drunten im
Rumpf der HMS Victory, im dämmerigen Bauch der britischen Seefahrtsgeschichte,
bezeichnet eine kleine beleuchtete Gedenktafel den Platz, an dem der Held der
Nation, niedergestreckt von einer französischen Kugel, sein Leben aushauchte.
"Hier also, James", belehrt ein englischer Großvater den Enkel, "ist Lord Nelson
gestorben." Der Junge, gerade vier, weiß nicht so recht, was er mit diesem
Stückchen Information anfangen soll: "Wer ist gestorben, Granddad?" "Lord
Nelson", sagt Großvater geduldig: "Der Mann, der all diese großen Siege errungen hat."
Kaum jemandem, außer dem kleinen James, kann wohl an diesem Tag
verborgen geblieben sein, wer auf diesem Schiff vor 200 Jahren zur Stunde seines
größten militärischen Triumphes gestorben ist. Mit Nelson-T-Shirts,
Nelson-Falthüten, Nelson-Zinnsoldaten und Nelson-Schokoladetalern quellen schon
die Läden auf dem Weg zur Victory über. Teebecher und Gedenkteller, Puzzles und
Poster künden vom Jubiläum des Jahres, der maritimen Jubelfeier im alten Hafen
von Portsmouth. Von Schlüsselringen mit dem Konterfei Horatios über
"Trafalgar-Korkenzieher" bis hin zu Victory-Modellen für die wahren Enthusiasten
reicht die Flut kurioser Memorabilien. Einen Hocker "mit Original-Holz" vom
Nelson-Schiff kann man für 2700 Euro mit nach Hause nehmen.
Gedämpfte Aufregung und frivole Kommentare kontinentaler Touristen begleiten die
Vorbereitungen für die 200-Jahr-Feier. Die Creperie auf dem historischen Gelände
verzeichnet lebhaften Umsatz. "Britannia rule the waves", möge Britannia über
die Meere herrschen, tönt es vom Exerzierplatz vor dem Trockendock herüber; und
natürlich "God save the Queen", Gott schütze die Königin. Eine Kapelle der Royal
Navy spielt sich für die bevor stehenden Festivitäten ein. Kisten mit Portwein
werden an Bord getragen, zum Bankett Elizabeths II. am Freitagabend, in der fein
getäfelten Admiralskajüte. Den runden Jahrestag der Trafalgar-Schlacht will man
mit dem gebührenden Ernst feiern.
Das Datum zählt zu
den wichtigsten der Insel-Geschichte. Denn Trafalgar, der 21. Oktober 1805 also,
markiert nicht nur eine entscheidende, vernichtende Niederlage der französischen
und spanischen Kriegsmarine, durch eine zahlenmäßig unterlegene britische Flotte
vor der Südwestecke Spaniens, dem Hafen von Cadiz. Trafalgar war zugleich der
Kulminationspunkt der großen historischen Seeschlachten in der Ära der
Segelschiffe. Es war die Schlacht, mit der das Vereinigte Königreich eine
hundertjährige Vormachtstellung auf den Weltmeeren begründete; und die Schlacht,
bei der der siegreiche Kriegsherr ums Leben kam - eine romantische Note, die den
bei seinem Tod noch nicht einmal fünfzigjährigen Nelson, den Liebhaber der
schönen Lady Hamilton, zur Kultfigur seiner Zeit machte.
Noch einmal sehen die Landsleute Nelsons heute im kollektiven Gedächtnis ihren Helden an
jenem schicksalhaften 21. Oktober auf dem Deck der Victory stehen und mit seinen
27 Schiffen einen doppelten Keil in die Reihen der 33 Schiffe treiben, die
Spanier und Franzosen gemeinsam aufbieten. "England erwartet, dass jedermann
seine Pflicht tut", ließ Nelson damals seinen Kapitänen mit Flaggen
signalisieren - nachdem er zuvor in sein Tagebuch eingetragen hatte, der "große
Gott" möge seinem Land "auch zum Nutzen Europas generell einen großen und
glorreichen Sieg gewähren". Jener glorreiche Sieg, die überlegene Taktik
Nelsons, die schiere Rücksichtslosigkeit des Angriffs gegen Vize-Admiral Pierre
de Villeneuves schlecht gerüstete Koalitionsflotte sind heute allesamt wohl
dokumentiert. Von den tödlichen Breitseiten, den splitternden Balken, den
Schreien der Verwundeten, den Strömen von Blut auf beiden Seiten haben die
Überlebenden berichtet. Für die Geschichtsbücher war Trafalgar der Punkt, an dem
sich Britannien auf den Meeren gegen Napoleon und den Rest der Welt
durchsetzte.
Für die Beteiligten war die Schlacht ein mörderisches Chaos,
das letztlich auch ihren Urheber mit einem gezielten Musketen-Schuss aus der
Takelage des französischen Schiffes Redoutable verschlang. "Ein feindlicher
Heckenschütze" habe den Viscount "schnöde" zu Fall gebracht, setzt Großvater dem
jungen James die Lage auseinander: Den verschlagenen Franzmännern habe man
ohnehin nie trauen können.
Indes ist Nelsons tragische Selbstaufopferung
für England und "Europa generell" in jüngsten Jahren gelegentlich in Frage
gestellt worden. Der Helden-Mythos passe nicht zu manchen Aspekten der Karriere
des ehrgeizigen Pfarrersohnes, meinen selbst britische Kritiker. Von einer
Invasionsgefahr durch Napoleon und einer notwendigen Selbstverteidigung der
Briten habe 1805 keine Rede mehr sein können. Bei der Trafalgar-Schlacht sei es
vor allem um Sicherung kolonialer Überlegenheit und kommerzieller Vorteile
gegangen. Auch Nelsons königstreues, gottbefohlenes Eintreten für den Status
Quo, das heißt: gegen Rebellen und europäische Republikaner, stößt in modernen
Zeiten auf ein gewisses Unbehagen. Dunkle Flecke, zweifelhafte Aktionen im
früheren Königtum Neapel etwa, haben die Nelson-Legende hier und da durchbrochen
wie feindliche Kanonenkugeln jenes gigantische Segel der Victory, das im
obersten Stockwerk des Kriegsmarine-Museums ausgelegt ist - weißes Tuch mit
scharfrandigen schwarzen Löchern. Das Ausmaß dieses Segels freilich, die
majestätische Höhe der drei Masten auf der Victory mit ihrem Geflecht an
Quermasten, Strickleitern und Tauen, öffnet zugleich den Blick dafür, warum der
Respekt für den unkonventionellen Chefstrategen der Flotte bis heute
hält.
Die Herrschaft über die sieben Meere, der Erfolg
britischer Handelsmacht, die staatliche Sicherung des kolonialen Abenteuers
durch die Royal Navy wirken nach. Der mächtige schwarzgelbe Dreimaster mit
seinen drei Kanonendecks und 104 Kanonen, auf dem der kleine James neugierig
herum klettert, ist ein beeindruckendes Zeitzeugnis. Eine Welt für sich, ein
sorgsam instand gehaltenes Labyrinth aus Mannschaftsdecks und Offizierskabinen,
aus Segeln, Seilen, Waffenvorrichtungen, Werkstätten und enormen Vorratskammern,
aus Luken und Laternen, Hängematten und Hühnerställen, Pulverfässern,
Ankerwinden und exquisit möblierten Wohn- und Arbeitszimmern der Herren
Befehlshaber. In Auftrag gegeben 1758, just im Geburtsjahr Nelsons, entstand die
HMS Victory aus dem Holz von 6000 Eichen, vornehmlich aus dem Wald von Dean, in
Gloucestershire, und den starken Eisenverschlägen einer kommenden industriellen Vormacht.
In einer Zeit, in der Britanniens Häfen nicht nur Abfertigungs-
oder Container-Terminals waren, repräsentierte ein Schiff wie dieses britische
Souveränität, Führungsanspruch. Horatio Nelson, Emporkömmling aus einfachen
bürgerlichen Verhältnissen, setzte den Führungsanspruch für die Krone auf
professionelle Weise um - ein unerschrockener Bursche, ein Self-Made-Matrose,
Kapitän in jungen Jahren, so eigensinnig wie genial in seinen Aktionen,
sorgsamer Planer, kluger Personalchef, Draufgänger an der Front, daheim ein
nüchterner Agent eigener Interessen, liebloser Ehemann und leidenschaftlicher
Geliebter, mit einem ambivalenten Verhältnis zu den oberen Zehntausend, aber ein
Volksheld, nach geschlagenen Schlachten: Die Prozession, die seinem Sarg zur
St.Paul's-Kathedrale folgte (nachdem man seinen Leichnam in einem Brandy-Fass
von Trafalgar in die Heimat geschafft hatte), war über zwei Kilometer lang.
Nicht zufällig ist es dieser Nelson mit seinem leeren rechten
Jackenärmel und dem blinden rechten Auge, der da in dreifacher Lebensgröße auf
der schwindelnden Höhe der Trafalgar-Säule steht, an prominentester Stelle, im
Herzen Londons. Mögen auch dieser Tage Schulkinder sich nicht mehr ganz sicher
sein, wer eigentlich da droben auf der Säule so seelenvoll nach Portsmouth
hinüber schaut: Die Präsenz des Trafalgar-Helden auf dem zentralen Platz der
Hauptstadt ist doch tröstlich für jenes Drittel der britischen Bevölkerung, das
laut Umfragen bis heute um das koloniale Erbe Großbritanniens trauert.
In Portsmouth sucht Großvater derweil noch immer unermüdlich, den kleinen James in
Sachen Nelson zu unterweisen.Er deutet auf ein Gemälde, auf dem der sterbende
Nelson von seinen Leuten umringt den Geist aufgibt. "Wer sind die Leute? Sind
das die Franzosen?", fragt James besorgt. "Nein, nein, das sind seine eigenen
Leute, das sind britische Offiziere", erwidert Granddad. "Ah!", ein Leuchten
geht über James' Gesicht. "So they're the Goodies", dann sind das die Guten.
Großvater nickt. Die Guten dürfen weiter siegen.
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