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Frankfurt/Main (AP) Seine erste Reaktion hätte typischer nicht
ausfallen können. Beim Anruf aus Stockholm hatte Vidiadhar Surajprasad Naipaul
gerade keine Lust, ans Telefon zu gehen. Erst nach mehreren Versuchen
gelang es seiner Ehefrau, den Störrischen dazu zu überreden, sich die
freudige Nachricht vom Literatur-Nobelpreis überbringen zu lassen. «Er ist
einfach eine starke Persönlichkeit», meinte Komiteemitglied Horace Engdahl
nachsichtig. «Und das ist eine der Eigenschaften, die wir an ihm
schätzen.»
Der 69-jährige Naipaul scheute sich nie anzuecken. Immer wieder übte
der Brite, der sich nur selten in der Öffentlichkeit zeigt, in den
vergangenen Jahren Kritik an der Außenpolitik der Londoner Regierung. Auch
seine Schriftstellerkollegen kamen selten ungeschoren davon. Edward Morgan
Forster, dem Autor des Klassikers «A Passage to India» (»Auf der Suche
nach Indien») warf er vor, nichts von Indien zu kennen «außer den
Gärtnerjungen, der er gerne verführt hätte». Auf die Frage nach seiner
Einschätzung der Werke Salman Rushdies räumte Naipaul freimütig ein, nicht
ein einziges davon gelesen zu haben. Den irischen Kult-Schriftsteller
James Joyce nannte Naipaul einen blinden Autor, dessen Werke er nicht
verstehen könne. [Das geht Dikigoros genauso!]
Der in Trinidad geborene Naipaul wurde bereits seit Jahren als Anwärter
für den Literaturnobelpreis gehandelt. Er kam am 17. August 1932 als Sohn
indischstämmiger Eltern zur Welt. Sein Vater schrieb Kurzgeschichten über
das Leben der Inder in Trinidad, die Naipaul 1976 nach dem Tod des Vaters
herausgab. Naipaul verließ Trinidad im Alter von 18 Jahren, um als
Stipendiat in Oxford Englisch zu studieren. Nach seinem Abschluss 1953
arbeitete er zunächst beim Rundfunksender BBC. 1957 veröffentlichte er
seinen ersten Roman «The Mystic Masseur».
Vor allem mit seinen Reisereportagen erschrieb sich Naipaul rasch
internationale Anerkennung. In Lateinamerika, Indien und Afrika fand er
Stoffe für seine Essays, in denen er der von Entwurzelung und
Ziellosigkeit geprägten und unter den Folgen des Kolonialismus leidenden
Gesellschaftsordnung einen Spiegel vorhielt. Rezensenten lobten sowohl
Naipauls lakonische Sprache als auch die stilistische Mischung aus
Reportage, Essay, Anekdotensammlung und Erzählung. In den späteren, oft
als seine Meisterwerke bezeichneten Bänden «Das Rätsel der Ankunft» und
«Ein Weg in der Welt» bewies er eine bis dahin nicht gekannte Fähigkeit
zum Mitleiden mit dem Ausgestoßenen.
Naipaul, der seit den 70er Jahren in Wiltshire nahe Stonehenge wohnt,
bezeichnet sich selbst gerne als Weltenbummler und kosmopolitischen Autor.
Die kulturelle und geistige Armut in Trinidad bedrückt in zutiefst. Er hat
ein distanziertes Verhältnis zu Indien; zugleich fällt es ihm aber schwer,
Zusammengehörigkeit mit den traditionellen Werten der früheren
Kolonialmacht England zu empfinden. Auch mit dem islamischen
Fundamentalismus in nichtarabischen Staaten setzte er sich nach einer
Pakistan-Reise 1996 kritisch auseinander, unter anderem in dem 1998
erschienen Roman «Beyond Belief».
Engdahl räumte ein, dass die Auszeichnung Naipauls vor dem Hintergrund
der Terroranschläge gegen die USA vom 11. September auch als politische
Entscheidung des Nobelkomitees gedeutet werden könnte. Er betonte jedoch
zugleich, dass Naipaul niemals pauschale Kritik am Islam geäußert habe.
«Was er anprangert, ist ein ganz bestimmter Zug, die der Islam mit allen
Kulturen von Eroberern gemeinsam hat: dass er dazu neigt, die
vorangegangen Kultur auszulöschen.»
Naipaul ließ nach seiner zunächst wenig euphorischen Reaktion schließlich doch ein wenig Freude
über den Nobelpreis erkennen. «Das ist eine unerwartete Auszeichnung», ließ er seinen Agenten
Colman Getty erklären. «Es ist ein großartiger Tribut an England, meine Heimat, und Indien, die
Heimat meiner Vorfahren.»
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