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Ein eigenbrötlerischer Weltenbummler

Literatur-Nobelpreisträger Naipaul scheut die Öffentlichkeit
- gelangte mit Romanen und Reisereportagen zu Weltruhm

von AP-Korrespondentin Michaela Pieler (Yahoo 11. Oktober 2001)

Frankfurt/Main (AP) Seine erste Reaktion hätte typischer nicht ausfallen können. Beim Anruf aus Stockholm hatte Vidiadhar Surajprasad Naipaul gerade keine Lust, ans Telefon zu gehen. Erst nach mehreren Versuchen gelang es seiner Ehefrau, den Störrischen dazu zu überreden, sich die freudige Nachricht vom Literatur-Nobelpreis überbringen zu lassen. «Er ist einfach eine starke Persönlichkeit», meinte Komiteemitglied Horace Engdahl nachsichtig. «Und das ist eine der Eigenschaften, die wir an ihm schätzen.»

Der 69-jährige Naipaul scheute sich nie anzuecken. Immer wieder übte der Brite, der sich nur selten in der Öffentlichkeit zeigt, in den vergangenen Jahren Kritik an der Außenpolitik der Londoner Regierung. Auch seine Schriftstellerkollegen kamen selten ungeschoren davon. Edward Morgan Forster, dem Autor des Klassikers «A Passage to India» (»Auf der Suche nach Indien») warf er vor, nichts von Indien zu kennen «außer den Gärtnerjungen, der er gerne verführt hätte». Auf die Frage nach seiner Einschätzung der Werke Salman Rushdies räumte Naipaul freimütig ein, nicht ein einziges davon gelesen zu haben. Den irischen Kult-Schriftsteller James Joyce nannte Naipaul einen blinden Autor, dessen Werke er nicht verstehen könne. [Das geht Dikigoros genauso!]

Der in Trinidad geborene Naipaul wurde bereits seit Jahren als Anwärter für den Literaturnobelpreis gehandelt. Er kam am 17. August 1932 als Sohn indischstämmiger Eltern zur Welt. Sein Vater schrieb Kurzgeschichten über das Leben der Inder in Trinidad, die Naipaul 1976 nach dem Tod des Vaters herausgab. Naipaul verließ Trinidad im Alter von 18 Jahren, um als Stipendiat in Oxford Englisch zu studieren. Nach seinem Abschluss 1953 arbeitete er zunächst beim Rundfunksender BBC. 1957 veröffentlichte er seinen ersten Roman «The Mystic Masseur».

Vor allem mit seinen Reisereportagen erschrieb sich Naipaul rasch internationale Anerkennung. In Lateinamerika, Indien und Afrika fand er Stoffe für seine Essays, in denen er der von Entwurzelung und Ziellosigkeit geprägten und unter den Folgen des Kolonialismus leidenden Gesellschaftsordnung einen Spiegel vorhielt. Rezensenten lobten sowohl Naipauls lakonische Sprache als auch die stilistische Mischung aus Reportage, Essay, Anekdotensammlung und Erzählung. In den späteren, oft als seine Meisterwerke bezeichneten Bänden «Das Rätsel der Ankunft» und «Ein Weg in der Welt» bewies er eine bis dahin nicht gekannte Fähigkeit zum Mitleiden mit dem Ausgestoßenen.

Naipaul, der seit den 70er Jahren in Wiltshire nahe Stonehenge wohnt, bezeichnet sich selbst gerne als Weltenbummler und kosmopolitischen Autor. Die kulturelle und geistige Armut in Trinidad bedrückt in zutiefst. Er hat ein distanziertes Verhältnis zu Indien; zugleich fällt es ihm aber schwer, Zusammengehörigkeit mit den traditionellen Werten der früheren Kolonialmacht England zu empfinden. Auch mit dem islamischen Fundamentalismus in nichtarabischen Staaten setzte er sich nach einer Pakistan-Reise 1996 kritisch auseinander, unter anderem in dem 1998 erschienen Roman «Beyond Belief».

Engdahl räumte ein, dass die Auszeichnung Naipauls vor dem Hintergrund der Terroranschläge gegen die USA vom 11. September auch als politische Entscheidung des Nobelkomitees gedeutet werden könnte. Er betonte jedoch zugleich, dass Naipaul niemals pauschale Kritik am Islam geäußert habe. «Was er anprangert, ist ein ganz bestimmter Zug, die der Islam mit allen Kulturen von Eroberern gemeinsam hat: dass er dazu neigt, die vorangegangen Kultur auszulöschen.»

Naipaul ließ nach seiner zunächst wenig euphorischen Reaktion schließlich doch ein wenig Freude über den Nobelpreis erkennen. «Das ist eine unerwartete Auszeichnung», ließ er seinen Agenten Colman Getty erklären. «Es ist ein großartiger Tribut an England, meine Heimat, und Indien, die Heimat meiner Vorfahren.»

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