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30 Jahre lang waren die Schriftsteller Paul Theroux und V. S. Naipaul befreundet. Naipaul, westindischer Abstammung, Doyen der postkolonialen Literatur, Reisender zwischen vielen Kulturen, Nobelpreis-Anwärter; Paul Theroux, nicht ganz so bekannt, aber mit zehn Reisebüchern, zwanzig Romanen und unzähligen Kurzgeschichten äusserst fleissig und erfolgreich dank "Die Moskito-Küste" oder "Millroy der Magier". Jetzt hat Theroux in einem Artikel im "New Yorker" den Bruch einer schönen Männerfreundschaft dokumentiert. Neben einem eloquenten Porträt von Naipaul als Künstler äussert der Text, der Teil eines für den Dezember angekündigten Buchs darstellt, Verdächtigungen gegen seinen ehemaligen Freund als Person.
Die Freundschaft geht ins Jahr 1966 zurück. Theroux, 25jährig, weilte damals als Englischlehrer in Uganda und wurde vom durchreisenden Naipaul, mit 34 Jahren schon ein renommierter Autor, zum Schreiben ermuntert. Theroux hat dafür immer wieder seine Dankbarkeit ausgedrückt, später eine Einführung in Naipauls Werk geschrieben und diesen beinahe 30 Jahre lang als verehrten Meister gefeiert.
Doch letztes Jahr entdeckte er in einem Antiquariatskatalog, dass eine Erstausgabe seines zweiten Romans, mit einer handschriftlichen Widmung an Naipaul, zum Kauf angeboten wurde. Als er Naipaul um Aufklärung bat, faxte ihm dessen zweite Frau zurück: Sie habe nach der Heirat das gemeinsame Haus ausgeräumt und dabei überflüssige Bücher aussortiert.
Hinter der eher lächerlichen Affäre verletzter Eitelkeit scheint man, so impliziert Theroux, wieder einmal Frauen suchen zu müssen. Die Entfremdung zwischen Theroux und Naipaul begann 1995 mit dem Tod von Naipauls erster Frau Pat, mit der Theroux von Beginn an freundschaftlich verbunden war. In seinem Artikel vermerkt Theroux, er habe erst später festgestellt, dass Naipaul ihm in einem 1967 veröffentlichten Buch eine Affäre mit seiner Frau unterstellte und habe deswegen mit Naipaul einen heftigen Faxwechsel geführt. Theroux behauptet nun seinerseits, Naipaul habe seine Frau betrogen, als diese 1995 im Sterben lag. Und wenn er schon dabei ist, verrät er uns auch sonst noch etliches über Naipauls Umgang mit Frauen, vor allem mit Prostituierten.
Allerdings ist diese Version mit mehr als einer Spur Vorsicht zu geniessen. Theroux hat sich in den letzten Jahren schon öfters mit Kollegen und Freunden angelegt, weil er die Grenzen von Realität und Fiktion verwischte, und seine Helden zeigen ein ausschweifendes Interesse an sexuellen Fragen. 1993 erzürnte er Freunde des verstorbenen Bruce Chatwin, mit dem er einst durch Patagonien gereist war, als er in einer Erinnerung dessen bislang verschwiegene Homosexualität offenbarte. In seinem autobiographischen Roman "My other Life" erklärte er verschiedene Lebensentwürfe zum Schreibprinzip. Allerdings liess er dabei identifizierbare Namen und Spuren zurück, so dass sich sein Bruder und seine geschiedene Frau heftig zur Wehr setzten und sich von der quasi-dokumentarischen Darstellung distanzierten. Das Buch hat sogar beinahe zu einem internationalen Zwischenfall geführt. Theroux, der in einem seiner früheren Romane schon phantasiert hatte, seinen Kopf zwischen den Brüsten von Königin Elizabeth II. zu bergen, beschrieb nämlich ein Bankett mit der Queen, bei dem diese die Frisur des Präsidenten von Papua-Neuguinea mit nicht eben diplomatischen Worten belegt habe. Theroux musste zur Sicherheit erklären, dass der Vorfall erfunden sei. "Ich nehme wirkliche Leute und zeige, zu was sie fähig sind. Wenn ich mir dabei Freiheiten der eigenen Person gegenüber erlauben kann, dann kann ich das auch gegenüber anderen Personen", hat er sein Verfahren grundsätzlich gerechtfertigt.
Seine erfolgreichsten Bücher zeigen Männer, welche gegen eine Realität anwüten, die ihre Ideale enttäuscht hat. Nun scheint auch Naipaul vom Sockel des Meisters gestossen werden zu müssen. Bleibt die Frage, warum überhaupt solche Sockel gebaut werden sollen.
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