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Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Vidiadhar Surajprasad Naipaul und des
Friedensnobelpreises an Generalsekretär Kofi Annan und an die UNO bilden eine Trias. Sie steht
im Zusammenhang mit dem 11. September und enthält eine Botschaft: Kofi Annan soll als
Persönlichkeit ebenso wie die Organisation der UNO gestärkt werden, damit sie zukünftig einen
gewichtigeren Beitrag zu internationalen Konfliktlösungen leisten. Kofi Annan
hat die Untätigkeit der Vereinten Nationen in Ruanda einmal als seine größte
Niederlage bezeichnet, und von ihm geht ein erkennbarer Druck auf die USA aus,
nicht nur finanzielle Beiträge zu leisten, sondern endlich eine größere
Souveränität der Rechts- wie Handelswirksamkeit der Weltorganisation zu
akzeptieren und zu fördern (etwa die Einrichtung eines internationalen
Strafgerichtshofes).
Welche Symbolik aber steckt in der Verleihung des Literaturnobelpreises? Der 1932 in Trinidad
geborene, indischstämmige V. S. Naipaul steht schon lange auf der Liste der Kandidaten, die
Verleihung des Preises entspringt jedoch nicht einer Proportional-Arithmetik, sie setzt einen
kulturpolitischen Akzent. Denn das Werk von Naipaul ist geprägt von der Auseinandersetzung mit
dem Zusammenstoß von Kulturen und Zivilisationen.
Seine ersten Romane (Der mystische Masseur; 1957;
Wahlkampf auf karibisch, 1958; Ein Haus für Mr. Biswas, 1961) sind
lebendige Romane über die hindustämmige Gemeinde in Trinidad. In ironischen und
sarkastischen Szenerien gibt es reichlich zu schmunzeln über die Kuriositäten
etwa einer Großfamilie. Der Humor verdeckt hier noch ganz den Ernst des
Hintergrundes – und den Ehrgeiz, den V. S. Naipaul in seinen Weg zum
Schriftsteller steckt. Er ist ausgelöst durch die tiefe Bindung an einen Vater,
der den Schriftsteller-Wunsch verspürte, jedoch nicht verwirklichte. In einigen
Büchern macht Naipaul diese väterliche Leerstelle zum Thema (dezidiert in
Prolog zu einer Autobiographie, deutsch 1984) und schreibt dabei den
Frauen der Familie eine "beherrschende Rolle" zu (was sich in seinem Werk, um es
vorsichtig auszudrücken, in herben Frauenfiguren spiegelt).
Schon bei Herr und Sklave oder Guerillas ist es dann mit dem farbenprächtigen
Spaß vorbei. Der Sarkasmus wird bitter und in Guerillas wird Naipaul hochpolitisch.
Er vollzieht eine scharfe Abrechnung mit den Grausamkeiten von Befreiungskämpfen, in denen
Ideen und Ideale durch nackten Nihilismus erstickt werden. Schon damals, es war Mitte der
Siebzigerjahre, bekommt Naipaul - auch und gerade in der "Dritten Welt" - den
Ruf eines Konservativen, wenn nicht Schlimmeres.
Das war nicht einfach nur ein Missverständnis. Naipaul besitzt von Beginn an ein tiefes
Misstrauen gegen Revolte und Aufstand, die er in den verschiedensten Ländern der nachkolonialen
Zeit zwar als Ausflüsse der Kolonialisierung (an-)erkennt, aber nicht allein auf sie zurückführt.
In seinem Afrika-Roman An der Biegung des großen Flusses (Original 1979, deutsch
1980) findet sich denn auch fast so etwas wie eine Theorie über die fatalen
Auswirkungen des Rückfalls in eine Kultur der Stämme, Häuptlinge oder Führer,
die die Förderung des Individuums und individueller Verantwortung verhindern:
"Mit der Unabhängigkeit waren die Stammesgrenzen wieder wichtig geworden." "Das
Außen" wird zum permanenten Feind - das kann der nächste Stamm sein - oder eben
"der Westen" als Ganzes.
V. S. Naipaul als Reinwascher des Kolonialismus? Das ist ein
häufig geäußerter Verdacht, aber wirklich ein Missverständnis, dem allerdings
der Autor durch sein pointiertes, zuspitzendes Schreiben gewiss entgegenkam.
Nicht zuletzt der Reiseschriftsteller belehrt durch seine Bücher in der Summe
aber eines Besseren. Sein genauer Blick, etwa bei seinen Reisen durch Afrika,
konfrontiert mit der Erkenntnis, dass Entkolonialisierung leider nicht Befreiung
bedeutete; und seine Studien im Süden der USA (In den alten
Sklavenstaaten) zeigen die Folgen eines Rassismus, der durch die
Bürgerrechtsbewegung zwar den Schwarzen einige Verbesserungen brachte, den
Weißen jedoch einen Vorteil bescherte. Sie fühlten sich "entlastet", die
Schwarzen aber litten weiterhin substanziell unter einem
Minderwertigkeitsgefühl. Und trotzdem: "Es ist dumm, von den Amerikanern zu
sprechen. Sie sind kein Stamm, wie man als Außenstehender annehmen mag. Sie sind
alle Individuen, die um ihren Erfolg kämpfen und die genauso angestrengt wie du
und ich versuchen, nicht unterzugehen."
Nicht unterzugehen, das, so zeigt das Gesamtwerk, war und ist der Antrieb und ist die
biografische Essenz des Schriftstellers, und am beeindruckendsten entwickelt er dieses
Thema und die Sehnsucht des multikulturell Geformten nach einem Ankommen in Das Rätsel
der Ankunft - ein "Roman" der Selbstvergewisserung. Zugleich ist es ein Plädoyer für die
Amalgamisierung von Kulturen, deren Potenzial Naipaul durchaus im Nachklang des
"Empire" findet. Dessen Wirkungen (Initiative, Institutionen) sieht er im
heutigen Indien - bei aller Kritik im Einzelnen - vergleichsweise produktiv
umgesetzt, während das unter dem Vorzeichen eines muslimischen "Schutzraumes"
abgetrennte Pakistan in der Endlosschleife eines korrumpierten Islamismus
festsitzt. In die Schimäre des islamischen Fundamentalismus vom "reinen Glauben"
gibt Eine islamische Reise schon im Jahr 1981 instruktiven Einblick.
Gegen die "Reinheit" von Kulturen setzt V. S. Naipaul skeptisch die Kultur
ziviler Verschlingungen - ein wichtiges europäisches Erbe, das ihm lieb und
teuer ist.