Mozambique - ein Land der Milliarden-Projekte, das weiter betteln muss
"Abaixo o capitalismo [Nieder mit dem Kapitalismus, Anm. Dikigoros]", singen die Kinder,
die in der Grundschule des Dörfchens Hokwe zum Morgenappell angetreten sind. Aber hat
nicht der Kapitalismus, den sie in der Nationalhymne noch nieder singen,
in ihrem Land längst Einzug gehalten? Geschickt umschifft der Lehrer die
Klippe: "Wir haben jetzt eine Demokratie", sagt er mit einem kleinen
Lächeln.
In der Tat brachten die Wahlen von 1994 dem vom
Bürgerkrieg zwischen der FRELIMO-Partei und der RENAMO-Guerrilla (*)
zerrissenen, hochverschuldeten Staat eine gewisse politische Stabilität.
Zugleich öffnete sich das einst sozialistische Mosambik in der folgenden
Periode ausländischem Kapital. Als Bedingung für neue Milliardenkredite
von IWF und Weltbank wurden die meisten Staatsunternehmen - darunter
Zementfabriken, Brauereien, ein Walzwerk, Banken, die Filetstücke von
Hafen und Eisenbahn und die Verarbeitungsbetriebe für Cashewnüsse -
privatisiert, der Außenhandel liberalisiert, die Staatsausgaben
gedrosselt, großzügige Investitionsanreize geschaffen.
Seit dem
Ende des Apartheid-Regimes 1993/94 profitieren davon vorrangig Firmen aus
dem benachbarten Südafrika. Der einstige Erzfeind wurde zum engen
Alliierten und wichtigsten Wirtschaftspartner, der in Mosambik komfortable
Konditionen für seine regionale Expansionsstrategie vorfand.
Investoren-Verheißung "Maputo-Korridor"
Geradezu ein Monument dafür ist die gewaltige Aluminium-Schmelze
MOZAL, die in nur zwei Jahren unweit der Hauptstadt Maputo aus dem Boden
gestampft wurde. 1,34 Milliarden Dollar haben die Regierung, die
Weltbanktocher IFC und ausländische Investoren wie der südafrikanische
Bergbauriese Billiton für dieses Projekt aufgebracht. Die
Aluminiumexporte sollen einmal jährlich 400 Millionen US-Dollar
einbringen, wobei Maputo mit diesem Vorhaben auch von seiner Lage am
Indischen Ozean profitieren will. Im Hafen von Matola kommt die Tonerde
für MOZAL aus Australien an, und hier wird das Aluminium dann auch wieder
verschifft. Maputo ist überdies der nächstgelegene Hafen für Südafrikas
wichtigste Industrieregion - die Provinz Gauteng um Johannesburg. Die
Modernisierung der Kaianlagen steht daher ganz oben auf der
Prioritätenliste der Regierung. Fieberhaft gearbeitet wird auch an einer
Rekonstruktion der Bahnlinie nach Südafrika, die durch die verheerenden
Überschwemmungen im Frühjahr unterbrochen wurde - zusammen mit der
Autobahn, die 2000 übergeben wurde, die Lebensader zum großen Nachbarn. In
diesem "Maputo-Korridor" haben sich auch die meisten neuen Unternehmen
angesiedelt.
Für Weltbank und IWF ist das "Land der
Milliarden-Projekte" - wie die UN-Entwicklungsorganisation UNDP Mosambik
einstuft - jüngstes Vorzeigeprojekt ihrer Strukturanpassungspolitik. Dank
Großinvestitionen wie MOZAL verzeichnete das Land seit 1995/96 teilweise
zweistellige Wachstumsraten, die Inflation ist unter Kontrolle. Ohne die
Flutkatastrophen der beiden vergangenen Jahre sähe diese Bilanz noch
besser aus. Erdgas und andere Bodenschätze, fruchtbares Land und billiger
Strom, geliefert vom Cabora-Bassa-Staudamm, locken Investoren.
"Die Investitionsbedingungen hier sind bemerkenswert", sagt zum
Beispiel ein Blumenexporteur aus dem benachbarten Simbabwe, wo die
Wirtschaft unter Unruhen und politischer Unsicherheit leidet. Er überlege
derzeit, seine Blumenzucht auf Plantagen in Mosambik zu verlagern. Der
französische Wassermulti Saur International managt die
Wasserversorgung in Maputo, und im Mai unterzeichnete der
US-Energiekonzern Enron ein 1,5-Milliarden-Dollar-Abkommen für
das Stahlwerk-Projekt MISP, das südafrikanisches Eisenerz verarbeiten
soll.
Im Stadtzentrum von Maputo stößt man überall auf Zeichen des
Geldsegens. Alte Villen werden renoviert, Luxushotels gebaut, auf der
Avenida Friedrich Engels, der palmenbestandenen Promenade mit
Blick auf den Indischen Ozean, treffen sich abends die Jungunternehmer in
ihren neuen Autos. Vor dem schicken Polana Shopping Center bieten
Straßenhändler südafrikanischen Touristen Holzskulpturen an.
"Leider ist die Ungleichheit in unserer Gesellschaft noch immer
sehr groß", meint Graca Machel, die Witwe Samora Machels, des ersten
Präsidenten nach der Unabhängigkeit von 1975. Die Milliardeninvestitionen
und eine rigorose Haushaltssanierung schönen zwar die makroökonomische
Bilanz, doch die soziale Lage für die Mehrheit der Bevölkerung hat sich
kaum gebessert. Immer noch leben 70 Prozent der sieben Millionen
Mosambikaner unterhalb der Armutsgrenze, die meisten davon in ländlichen
Regionen, an denen der Aufschwung bislang vorbeigegangen ist.
Staatsbudget aus fremder Hand
"Mosambik ist heute ein gelehriger Schüler - selbst wenn es gegen
nationale Interessen geht", sagt Graca Machel. Sie spielt damit auf die
von externen Kreditgebern geforderte Handelsliberalisierung auch außerhalb
des Gemeinsamen SADC-Marktes (s. unten) an. Denn der Abbau von
Exportzöllen führte dazu, dass inzwischen fast alle Cashew-Fabriken
schließen mussten, weil die Nüsse zur Verarbeitung nach Indien ausgeführt
werden. Tausende von Frauen wurden so arbeitslos. Der
Gewerkschaftsdachverband OTM schätzt, dass seit Beginn der
Strukturanpassung landesweit 100.000 Arbeitsplätze verloren gegangen sind,
allein 12.000 in den zurückliegenden zwölf Monaten. "Viele staatliche
Betriebe wurden an unfähige Unternehmer verhökert", klagt der
Gewerkschaftler Alberto Njampose, "und die waren nach kurzer Zeit
bankrott".
Die Löhne sanken drastisch, gleichzeitig baute die
Regierung Subventionen für Grundnahrungsmittel ab. Der offizielle
Mindestlohn von umgerechnet 30 Dollar im Monat reicht für eine fünfköpfige
Familie bestenfalls bis zur Monatsmitte. "Von welchem Wachstum sprechen
wir eigentlich", fragte die UNDP daher, "vom Wachstum der absoluten Armut
für die Bevölkerungsmehrheit oder dem Wachstum protziger Einkommen für
eine kleine Minderheit? Von einem Wirtschaftswachstum, das die menschliche
Entwicklung fördert, oder von einem Wachstum, das exportiert wird, um die
Schuldenlast zu mildern?"
Dass ökonomische Prosperität allein
Armut nicht verringert, räumt inzwischen selbst die Weltbank ein. Eine
Armutsbekämpfungsstrategie, von der Regierung erarbeitet und den
Gläubigern abgesegnet, soll Abhilfe schaffen. "Ein schöner Plan", sagt
Gina dos Reis von der Grupo da Divida, einem Zusammenschluss von
NGO und Gewerkschaften. "Doch was hilft es, Maßnahmen gegen die Armut
durchzuführen, wenn zugleich durch die Privatisierung die soziale
Ungleichheit wächst? Die Strukturanpassungspolitik selbst gehört ganz
einfach auf den Prüfstand."
Doch die Regierung hat wenig
Spielraum, um IWF-Vorgaben in Frage zu stellen. Trotz Schuldenerlass als
Belohnung für rigorose Strukturanpassung und Armutsbekämpfung bleibt
Mosambik in der Schuldenfalle. Immerhin die Hälfte des Staatsbudgets wird
nach wie vor von ausländischen Gebern finanziert - das gilt für die
Infrastruktur, das Bildungs- und Gesundheitswesen. Die Ausfuhren erreichen
gerade ein Fünftel der Einfuhren. Und wie viel von den Einnahmen aus
Aluminium- und Stahlexport, die MOZAL und MISP bringen sollen, Mosambik
einmal zur Verfügung steht, bleibt abzuwarten. "Wir sind ein Land, dass
betteln muss", bedauerte Premier Pascaol Mocumbi (s. Freitag
23/2001) vor dem Parlament, "und die Souveränität von Bettlern ist
eingeschränkt". Inzwischen wird auch an einer neuen Nationalhymne
gearbeitet.
(*) Die RENAMO - Nationaler
Widerstand Mosambiks - wurde 1976 vom rhodesischen Geheimdienst
gegründet, später durch Südafrika unterstützt. Die RENAMO führte bis 1990
einen Bürgerkrieg gegen die sozialistisch orientierte FRELIMO. 1992
erbrachte der Vertrag von Rom einen Burgfrieden.