![]() |
|
In der vorletzten Ausgabe der „Yazinca“ gaben wir einen knappen Überblick
über die organisatorische Entwicklung der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“
(IGMG), ehemals „Vereinigung der Neuen Weltsicht in Europa“ e.V. („Avrupa’da
Milli Görüs Teskilatlari“, AMGT), in der Bundesrepublik Deutschland, kurz „Milli
Görüs“ genannt.
Diesmal sprechen wir einige der Aspekte in den Aktivitäten
und Positionen von „Milli Görüs“ an, die auf den Wandel in ihrer Einstellung zum
Leben in der Bundesrepublik hinweisen. Dieser Wandel steht im Zusammenhang mit
der Entwicklung der Einstellungen der türkischsprachigen Bevölkerung allgemein
sowie der meisten anderen Organisatonen von Menschen aus der Türkei.
Die Anfangszeit der Organisierung von „Milli Görüs“ in den 70er Jahren kann - wie
auch bei den meisten anderen Organisationen - unter dem Gesichtspunkt gesehen
werden, eine gewisse Anbindung der türkischsprachigen Arbeitsmigranten und
-migrantinnen an die Türkei aufrechtzuerhalten. Es wurden z.B. bestimmte
Dienstleistungen angeboten, die die bundesdeutsche Gesellschaft ihnen nicht
vermitteln konnte und oft auch nicht wollte. Zudem gaben solche Organisationen
ihnen die Möglichkeit, mit Menschen in gleicher Lebenslage und mit gleicher oder
ähnlicher Gesinnung zusammenzukommen.
Freilich bestimmte nicht nur
Eigenlosigkeit die Aktivitäten der Organisationen. Beispielsweise war die
isolierte Situation der ArbeitsmigrantInnen eine gute Voraussetzung, um sie für
die jeweilige Partei in der Türkei zu gewinnen, v.a. als SpenderInnen.
Obwohl schon in den 70er Jahren Ansätze für eine Umbesinnung der
ArbeitsmigrantInnen bezüglich ihrer Rückkehrabsichten erkennbar wurden, war das
politische Leben noch sehr stark von der Situation in der Türkei geprägt, in die
ja viele nach kurzer Zeit wieder zurückkehren wollten.
Diese Haltung
spiegelte sich in den Vorstellungen und Aktivitäten von „Milli Görüs“ sowie
anderen MigrantInnenorganisationen wider. Durchaus zweifelhafte Aktivitäten
sicherten u.a. „Milli Görüs“ Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre ein
verstärktes Interesse der Medien. Die Organisation war dafür bekannt,
allenthalben den "Heiligen Krieg" auszurufen und jegliche „Integration“ strikt
abzulehnen.
Es wurde berichtet, daß „Milli Görüs“ Stoßtrupps einsetzte, um
Moscheen in Berlin zu übernehmen und auf ihre Linie zu bringen, so z.B. die
Hagia-Sophia-Moschee (Berliner Stimme, 19.1.80).
Eine Gruppe von „Milli
Görüs“-Anhängern habe im Juli 1979 einen Gottesdienst des „Islamischen
Kulturzentrums“ in Dortmund überfallen (FR, 22.8.79, nach Özcan, S. 202).
Es
konnte nie ganz geklärt werden, ob nun in den Mord an dem Lehrer und
Gewerkschafter Celalettin Kesim am 5. Januar 1980 in Berlin mehr „Milli Görüs“
oder die faschistischen „Grauen Wölfe“ verwickelt waren: Eine bewaffnete Gruppe
war aus der Mevlana-Moschee am Kottbusser Tor gestürmt und hatte dort mehrere
Leute angegriffen, die Flugblätter verteilten, darunter auch Kesim. Von dieser
Moschee ist bekannt, daß sie „Milli Görüs“ zugehörig ist. Auch das „Milli
Görüs“-Büro befindet sich nebenan.
Ohnehin konnte seinerzeit beobachtet
werden, daß „Milli Görüs“-Anhänger mit Anhängern der faschistischen
„Nationalistischen Bewegungspartei“ (MHP) zusammenarbeiteten, die auch als
„Ülkücüler“ („Idealisten“) oder „Bozkurtlar“ („Graue Wölfe“) bekannt sind.
In der „Berliner Stimme“ vom 17.5.80 heißt es: "Nach Auskunft des
Staatsschutzes gibt es zumindest personelle Verbindungen zwischen MSP-Moscheen
und den ‘Grauen Wölfen’."
Verwundern kann dies nicht, da die „Nationale
Heilspartei“ (MSP), an der sich „Milli Görüs“ orientierte, in der Türkei in der
„Nationalistischen Front“-Koalitionsregierung u.a. auch mit der MHP
zusammenarbeitete. Auch in späteren Jahren kam es zwischen der
„Wohlfahrtspartei“ (RP) als Nachfolgepartei der MSP bzw. „Milli Görüs“ und den
„Ülkücüler“ immer wieder zu kurzfristigen Zweckbündnissen, auch wenn sich ihre
Beziehungen durchaus widersprüchlich gestalten.
Im Laufe der 80er Jahre kam es zwangsläufig zu einer Neuorientierung bezüglich der
Vorstellungen von „Milli Görüs“ zum Leben in der Bundesrepublik. Dies beruht
insbesondere darauf, daß die Einwanderungssituation nun kaum noch abgestritten
werden konnte. Nicht mehr die Rückkehr in die „Heimat“ stand auf dem Programm,
sondern das Einrichten auf ein Leben in der „Fremde“, die schon für die
nachgeholten, zum Teil sogar hier geborenen Jugendlichen die faktische Heimat
war. Die vorrangige Orientiertheit an der Türkei verlor an Boden. Dies wurde
durch die Entwicklung in der Türkei nach dem Militärputsch vom 12. September
1980 zusätzlich begünstigt.
Allerdings besteht weiterhin ein starker Bezug
zur Türkei und dort insbesondere zur RP. Funktionäre der RP, v.a. der
Vorsitzende Necmettin Erbakan, besuchen „Milli Görüs“-Kongresse,
Flugzeugladungen von „Milli Görüs“-AnhängerInnen werden zwecks Stimmabgabe bei
Wahlen in die Türkei transportiert, usw. Damit gehört „Milli Görüs“ sicherlich
sogar zu den Organisationen, die noch sehr stark mit einer Partei in der Türkei
verbunden sind.
Im Rahmen der genannten Neuorientierung bemühte sich „Milli
Görüs“ fortan, der Öffentlichkeit ein vorteilhafteres Bild von sich zu
vermitteln. Beispielsweise signalisierten sie Gesprächsbereitschaft mit anderen
gesellschaftlichen, z.B. christlichen Gruppen. Derartige Treffen wurden auch
realisiert. Des weiteren nahm „Milli Görüs“ an diversen Bündnissen von
türkischen ImmigrantInnenorganisationen teil.
Öffentlichkeitsarbeit in
deutscher wie auch in türkischer Sprache ist ein fester Bestandteil ihres
Wirkens geworden, z.B. in Form von Veranstaltungen und Informationsblättern, in
denen der Islam angepriesen und versucht wird, Kritik am Islam zu relativieren
oder zu widerlegen.
Vornehmlich sind ihre Aktivitäten darauf ausgerichtet,
die Interessen der muslimischen Menschen in der Bundesrepublik zu vertreten,
d.h. ihnen ein Leben nach islamischen Vorstellungen zu ermöglichen. Entsprechend
ging auch der oben genannte Wandel in den Vorstellungen nicht soweit, daß eine
Anpassung an die hiesige Gesellschaft der Bundesrepublik gebilligt würde,
vielmehr wird weiterhin jede Annäherung abgelehnt. „Integration“ wird nicht
abgelehnt, sofern darunter nicht Assimilation verstanden wird, sondern als
islamischer Bevölkerungsteil Bestandteil dieser Gesellschaft zu werden.
Es
gibt kaum einen Bereich, in dem sie sich nicht engagieren. Dies umfaßt nicht nur
die relativ große Zahl von Vereinen. So treten sie schon mal mit eigenen Listen
bei Betriebsratswahlen an, z.B. im Januar 1990 bei den Ford-Werken in Köln;
selbst ein „Moslemischer Arbeiterbund“ sei in der Folge gegründet worden (Gür,
S. 44 ff.). Bekannt wurde auch der Versuch des Aufbaus einer von „Milli Görüs“
unterstützten „Islamischen Partei Deutschlands“ (Tgsp., 2.8.90). Sie setzen sich
ebenso für die Einführung von islamischen Religionsunterricht an Schulen ein,
wie sie selbst (Grund)-Schulen, Kollegs, Internate aufbauen. Im Medien- und im
wirtschaftlichen Bereich sind sie bekanntlich auch sehr aktiv. Die Liste könnte
noch fortgesetzt werden.
Wenn wir uns das im einzelnen ansehen, entsteht der
Eindruck eines Versuchs, eine Struktur aufzubauen, in der sie möglichst
ungestört agieren können. Die Beziehungen zur übrigen Gesellschaft werden auf
ein notwendiges und kontrollierbares Minimum reduziert.
Dazu paßt es auch, daß „Milli
Görüs“ nach eigenen Aussagen für „ein Leben in Deutschland im friedlichen
Nebeneinander verschiedener Religionen und Ethnien statt für eine
Verschmelzung der Kulturen“ eintrete, wobei der Islam als „Identifikationsfaktor
für türkische Migranten“ betont werde (zit. nach Min. f. Arbeit, Ges. u.
Soziales NRW, S. 95).
Entsprechend wirkt ihre Neuorientierung und
Kontaktbereitschaft zumindest zum Teil wie bloßes taktisches Vorgehen. Es sollte
nicht darüber hinweg täuschen, daß wir es weiterhin mit einer
islamisch-fundamentalistischen Organisation zu tun haben.
Im
Verfassungsschutzbericht 1994 des Bundesministeriums des Innern heißt es zu
„Milli Görüs“:
„[...] Sie tritt für die Einführung einer auf dem Koran
basierenden Staatsordnung in der Türkei und für die weltweite Islamisierung ein,
deren Maximen gegen die Grundprinzipien der freiheitlichen demokratischen
Grundordnung verstoßen. Zielsetzung ist die Gleichschaltung von Religion und
Politik mit Dominanz der Religion. Der religiöse Geltungsanspruch ist
gesellschafts- und politikbestimmend mit negativen Folgen für Menschenrechte und
Demokratie. Obwohl sich die Organisation um ein moderates Erscheinungsbild
bemüht, setzte die AMGT über ihren Multiplikator ‘Milli Gazete’ auch ihre
antisemitische Hetzkampagne fort. [...]“
zurück zu Kreuzfahrer und Troubadoure
heim zu Reisen durch die Vergangenheit