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Der Mensch mag es nicht, wenn er Sprachen nicht versteht, fremde Riten
erlebt oder anderen Religionen ausgesetzt wird. Noch schlimmer: "In
gemischten Gesellschaften trauen wir auch den Menschen nicht, die
aussehen wie wir", warnt der US-Politikwissenschaftler Robert Putnam.
Der Mensch ist eine Schildkröte. Er wünscht sich einen Panzer, unter den er
sich zurückziehen kann, wenn es ethnisch allzu bunt wird in der
Nachbarschaft.
Denn der Mensch mag es nicht, wenn er Sprachen
nicht versteht, fremde Riten erlebt, anderen Religionen ausgesetzt wird
oder seltsame Sitten praktiziert sieht.
Eine gewisse Menge an
Fremdheit kann er gerade noch ertragen. Zuviel davon und er verliert
das Vertrauen - in seinen Nachbarn genauso wie in den Bürgermeister,
den Gemüsehändler, in den Staat und in die Zeitung, die er liest.
Dies ist das Fazit einer alarmierenden Studie, die der in Harvard lehrende
Politikwissenschaftler Robert Putnam jetzt vorgelegt hat. "Wir
verhalten uns wie Schildkröten", erläutert er, "angesichts von
menschlicher Unterschiedlichkeit verstecken wir uns."
Nachbarn und Mitbürger in Kommunen vertrauen einander desto weniger, je
verschiedenartiger ihnen die Bewohner ihrer Umgebung erscheinen, je
ethnisch gemischter diese ist.
Zu diesem deprimierenden
Ergebnis ist Putnam durch neue umfangreiche Erhebungen in
amerikanischen Gemeinden gelangt - die Effekte seien schlimmer, als er
es sich vorgestellt habe: "Nicht nur, dass wir den Menschen nicht
trauen, die anders sind als wir. Vielmehr trauen wir in gemischten
Gemeinschaften auch den Menschen nicht, die aussehen wie wir."
Und das, glaubt Putnam, gilt weltweit, mit geringfügigen Unterschieden.
Zunächst, heißt es in der Financial Times,
habe er die Veröffentlichung seiner Studie zurückgehalten, damit er
"Vorschläge entwickeln kann, wie die negativen Folgen ethnischer
Diversität kompensiert werden könnten".
Denn seine Studie zeigt nicht nur für den Mythos des amerikanischen "melting pot", in dem
die diversen Einwanderergruppen zusammenschmelzen sollen, katastrophale
Erkenntnisse, sondern für alle, die die Zukunft der multikulturellen
Gesellschaft postulieren.
Putnams Studie scheint die
Kassandrarufe zu bestätigen, dass ein hohes Maß an Immigration den
elementaren gesellschaftlichen Kitt zersetze.
Für Amerika hatte zuletzt Samuel Huntington diese Befürchtung formuliert -
in seinem Buch "Who are We? The Challenges to America's National
Identity" warnt er davor, dass durch die hohe Rate der
lateinamerikanischen Einwanderung Amerikas Identität gespalten werde.
Doch Putnams Forschungsergebnisse müssen ihn selbst besonders schmerzen, da
sie den Werten zuwiderlaufen, die er als liberaler amerikanischer
Intellektueller und Kommunitarist hochhält - es gehe nicht nur darum,
den Zerfall der zivilen Gesellschaft zu untersuchen, sondern stets auch
darum, die Gemeinschaftsbindungen zu verbessern.
1995 hatte er seinen berühmten Essay "Bowling Alone. America's Declining Social
Capital" mit der These veröffentlicht, dass der Zusammenhalt der
amerikanischen Gesellschaft zusammengebrochen sei: Die Menschen
verlieren den Kontakt zueinander, die Mitgliedschaft in Vereinen,
Clubs, Zusammenkünften und festen Nachbarschaften nehmen stetig ab, die
Gesellschaft verliert ihr "soziales Kapital".
Der Rückgang dieses "sozialen Kapitals" habe schlimme Konsequenzen. Die sozialen
Netze korrodieren, die Menschen vereinsamen, die aktive Mitgestaltung
der Bürger am demokratischen Prozess schwindet und damit schließlich
das Vertrauen in diese Regierungsform.
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