Inspektorin Marina Maggessi ist seit 15 Jahren bei der Polizei, und sie hat einige der großen,
berüchtigten Rauschgift-Händler zur Strecke gebracht. Beim Interview in ihrem
Büro spricht sie nüchtern und schnell: Dass die Slums von Rio de Janeiro nicht
in der Hand des organisierten Verbrechens sind, sondern "schwer bewaffneten
Banden von pubertierenden Kindern" gehorchen müssen. Dass der Staat, die
Familie, die Kirche schlichtweg gescheitert sind. Dass höchstens eine gewaltige
sozialpolitische Anstrengung die Lage wenden könnte. Dass die Polizei "nur das
Aspirin" ist, das die Kopfschmerzen vertreiben, nicht aber die Krankheit der
Gesellschaft kurieren könne.
Über eine Million der fünf Millionen Einwohner Rios leben in Slums, in
den angrenzenden Gemeinden , wo weitere fünf Millionen
Menschen wohnen, dürfte der Anteil noch höher liegen. Die
Drogenbanden sind eine kleine Minderheit.
In Rocinha, Rios größtem Slum, leben vermutlich rund 120.000 Menschen -
Schätzungen zufolge sind nur 800 im Drogenhandel aktiv. 5194
Morde, 31.333 Autodiebstähle, 20.184 Überfälle auf offener
Straße gab es wurden im vergangenen Jahr im Großraum Rio de
Janeiro registriert.
So schnell und so nüchtern redet jemand, der das Thema schon tausendmal hin- und hergewendet hat.
Aber die Nüchternheit ist wie weggeblasen, wenn die Inspektorin erzählt, wie sie
kurz zuvor eine 13-Jährige verhört hat, deren schockierende Aussagen selbst ihr
Tränen in die Augen getrieben hat. "Ich dachte erst, die meint das nicht ernst,
als sie sagte, sie hätten ganz bewusst einen voll besetzten Omnibus anzünden
wollen", berichtet die Polizistin, "sie war völlig emotionslos, und als ich sie
gefragt habe, ob sie denn die verbrannten Menschen nicht gesehen habe, hat sie
nur geantwortet, da sei sie nach Hause gegangen, weil es so schlimm gerochen
hat".
Der Omnibus 350 fährt im Zentrum von Rio los
und durchquert dann die bescheidenen Viertel der Nordzone, deren Hügel von
Favelas, von Slums, überzogen sind - die Territorien der Drogen-Bosse. In den
ziegelroten und betongrauen Siedlungen lebt eine überwältigende Mehrheit von
Menschen, die zäh, ehrlich und anständig das Leben zu bewältigen
versucht.
Menschen wie die Putzfrau Lídia da Silva, 52, oder wie die
Aushilfe Wânia da Lúcia Barbosa, 33, die nachts mit ihrer einjährigen Tochter im
350er saß, als die 13-Jährige und eine zweite junge Frau namens Brenda in der
Rua Irapuá vor den Bus sprangen und ihn zum Halten zwangen. Seit 2000 sind im
Großraum Rio de Janeiro 303 Omnibusse in Brand gesetzt und weitere 330
anderweitig zerstört worden.
Insofern war der nächtliche Überfall auf den
350er zwar besonders tragisch, weil fünf Menschen in den Flammen umkamen,
darunter Lídia, Wânia und ihr Baby, und 14 Menschen mit schweren Verbrennungen
ins Krankenhaus kamen. Aber grundsätzlich war der Überfall nichts
Außergewöhnliches: Eine der fast schon üblichen Vergeltungsaktionen der
Drogen-Banden, die damit meist einen von der Polizei getöteten Kumpanen rächen wollen.
Bloß dass die Traficantes, die Drogen-Bosse, bisher eben die
Fahrgäste vorher aussteigen ließen. "Dass Menschen starben, war kein Unfall,
sondern Absicht", sagt die Soziologin Patricia Rivero, die die Omnibus-Attentate
in Rio seit Jahren untersucht, "das ist das Furchtbare und Neue daran".
Die Überlebenden schilderten die schrecklichen Momente, nachdem
einige junge Männer den Bus geentert, Benzin ausgegossen, das Streichholz
angerissen hatten. "Um Gottes Willen, macht die Tür auf, meine Tochter ist doch
noch ein Kind", hörten sie Wânia schreien. Befohlen hat den Überfall ein
Traficante namens Lord, der bereits zu zehn Jahren verurteilt war und wegen
guter Führung nach sechs Jahren freikam. Der Mann - und Brenda, seine Geliebte -
wird zurzeit nicht nur von der Polizei gejagt, sondern auch von seinen Rivalen aus der Drogen-Szene.
Denn die haben die Chance genützt, in einer
beispiellosen Eskalation der Gewalt ihren Einfluss auszuweiten: Einen Tag nach
dem Überfall auf den 350er ging ein Anruf bei dem Rauschgiftdezernat ein, die
Polizei solle den grauen Wagen näher in Augenschein nehmen, der vier Blöcke von
der Rua Irapuá abgestellt sei. In dem Auto fanden die Beamten die Leichen von
vier der mutmaßlichen Omnibus-Mörder. Ihre Mörder hatten, um die Identifizierung
zu erleichtern, extra darauf verzichtet, ihren Opfern das Gesicht zu
zerschießen.
"Unsichtbare Kinder", so nennt der
Soziologe und Sicherheitspolitiker Luiz Eduardo Soares die Slum-Kids - weil sie
keine Beachtung finden, keine Chance haben, keine Rolle spielen. Als wäre die
Formulierung auf die 13-Jährige gemünzt: Sie hatte nicht einmal Dokumente,
niemand hatte ihre Geburt für registrierenswert befunden, sie ist Analphabetin.
"Die existiert überhaupt nicht", empört sich die Inspektorin. Das Mädchen ist
keine Ausnahme: "Sie sind alle leer, in ihnen ist nichts, keine Emotion, gar
nichts. Nicht einmal Hass."
Vor zehn Jahren, sagt die Beamtin, gab es
diesen Typ von Delinquenten noch nicht. Auf den Morros, den Slum-Hügeln von Rio,
hat ein tiefer, folgenreicher Generationswechsel stattgefunden. "Hej, hej, hej,
Escadinho ist unser König", so skandierte die Gesellschaft, die im vergangenen
Jahr den Drogen-Chef José Carlos dos Reis Encina zu Grabe trug. Der Spitzname
"Escadinha" bedeutet "Leiterchen", denn der Mann war Ausbrecherkönig. 1985 hatte
ihn ein Kumpan per Hubschrauber aus dem Gefängnishof abgeholt. Er gehörte zu der
Generation von Traficantes, die in ihrem Viertel geboren, aufgewachsen, mächtig
geworden waren, die die Gemeinschaft respektierten, die alten Damen noch
grüßten, in Not geratene Freunde unterstützten, Schulgelder bezahlten und
Kinderkrippen finanzierten.
Auch wenn das Robin-Hood-Auftreten der
traditionellen Traficantes im Nachhinein oft idealisiert wird - die Jungen sind
aus ganz anderem Holz geschnitzt. Sie kennen die Zeiten gar nicht mehr, in denen
die Favelas noch nicht vom Drogenhandel beherrscht wurden. "Früher waren nur die
Chefs bewaffnet, die Verkaufsstellen lagen diskret versteckt, und Kinder hatten
da nichts zu suchen", sagt Patricia Rivero, "aber heute werden Kinder gezielt
eingesetzt, gedealt wird in aller Öffentlichkeit, und alle sind bewaffnet".
Und vollgedröhnt - die Händler von heute sind auch
Konsumenten. "Mein Laster sind die Weiber", zitiert Inspektorin Maggessi dagegen
Fernandinho Beira Mar, einen Schwerverbrecher der alten Garde, "ich bin doch
nicht so blöd und schnupfe". Die Jungen, so Rivero, "wissen, dass ihr Leben kurz
ist, also suchen sie ein Maximum an Lust, an Macht, an Waffen, an Frauen, an
Geld, an Status". Und warum werden die Drogenbosse immer jünger? Das, meint die
Soziologin, liege an der immanenten Tödlichkeit des Geschäfts: "Dadurch tauschen
sich die Führungsfiguren so schnell aus".
Wenn die Slumbewohner die alten
Traficantes gemocht haben, wie ist das heute? Applaudieren sie nicht heimlich,
wenn die einen die anderen umlegen? "Heimlich?", fragt die Inspektorin spöttisch
zurück, "heimlich applaudieren wir von der Polizei. Die Bewohner applaudieren offen."
Was die Traficantes zur Mäßigung bringen könnte, sind die
geschäftlichen Interessen. Denn wenn es knallt, bleiben die Kunden aus der
Oberschicht verschreckt weg. Die Umsätze, weiß die Polizei, sind in letzter Zeit
gesunken. Der Traficante Joca, der die größte Favela von Rio, die Rocinha,
beherrscht, hat im Oktober dekretiert, er wünsche keine Diebstähle und
Raubüberfälle in den benachbarten Reichen-Vierteln mehr.
Von 1980 bis
2000 sind in Brasilien 600 000 Menschen ermordet worden. Von der
sozialpolitischen Offensive, die Inspektorin Maggessi erträumt, ist weit und
breit nichts zu sehen.
Und die Polizei spielt beileibe nicht nur die
bescheidene Rolle der Kopfschmerz-Tablette. 2003 kamen in Rio 1195 Menschen
durch die Polizei ums Leben. So wie vor ein paar Tagen, als Polizisten vier
Jungs zwischen 16 und elf Jahren erschossen. Keiner der vier war bewaffnet.
Anm.: Dikigoros ist oft angefeindet worden wegen seiner kompromißlosen Haltung in Sachen Kinder- und Jugendkriminalität in Lateinamerika. Er hat immer wieder die Einführung der Todesstrafe ohne Altersbegrenzung befürwortet - wer alt genug ist um zu morden, ist auch alt genug, um dafür hingerichtet zu werden. Solange der Gesetzgeber verabsäumt, in dieser Richtung tätig zu werden, muß diese Aufgabe halt von den viel geschmähten "Todesschwadronen" wahrgenommen werden, als Akt kollektiver Notwehr. Wenn man 5.000 Mörder und/oder Drogendealer hinrichtete, würde das Leben von 5 Millionen Menschen in Rio wieder lebenswert, weil sie sich nicht mehr von ein Promille "Mitbürger" terrorisieren lassen müßten. Wenn man dagegen die jugendlichen Kriminellen schonte - was würde dann aus ihnen? Erwachsene Kriminelle, die noch mehr und noch schwerere Straftaten begingen, hat er immer argumentiert, und er hat - leider - Recht behalten, aber niemand hat auf ihn gehört. Hier ist nun das Resultat!
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