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Dann kam der Zusammenbruch, die totale Niederlage und damit die totale Entrechtung,
Nürnberg und die Nachfolgeprozesse in Deutschland und den anderen Ländern,
das Kontrollratgesetz Nr. 10 und die internen Kriegsverbrecherprozesse,
die deutsche Gerichte gegen Deutsche wegen Handlungen durchführen, die mit
dem Kriege zusammenhängen, schließlich die Entnazifizierung und
Internierung, die Fragebogen und der automatische Arrest sowie die
Direktive Nr. 38. Man nannte das "Befreiungsgesetze" und bestritt, daß es
sich dabei um "Bestrafung" handle. Dabei hieß es z. B. in Artikel l der
für Baden geltenden Landesverordnung über die Befreiung vom
Nationalsozialismus und Militarismus vom 29. März 1947: "Der Zweck des
vorliegenden Gesetzes ist: die Nationalsozialisten, Militaristen und
Industriellen, die das nationalsozialistische Regime gefördert und
unterstützt haben, zu bestrafen; sowie die nationalsozialistischen und
militaristischen Organisationen dadurch völlig und dauernd zu vernichten,
daß die maßgebenden Mitglieder der nationalsozialistischen Partei und die
Anhänger ihrer Lehre in ihrer persönlichen Freiheit oder Handlungsfreiheit
beschränkt werden." Das ging in dieser generellen Form an Unrechtsgehalt
weit über alles hinaus, was wir bei den früheren Umwälzungen und Krisen an
politischer Justiz erlebt hatten. Das war nur noch Politik, Politik, die
sich zwar der Rechtsform bediente, aber mit Recht nichts mehr zu tun
hatte, und um so weniger zu entschuldigen war, als sie nicht mehr mit
Kriegsnotwendigkeiten begründet werden konnte, sondern das Gegenteil von
dem war, wofür man diesen Kreuzzug geführt haben wollte.
Professor Geiler, der erste hessische Ministerpräsident, hat die
Entnazifizierung, wie sie angelegt wurde, als das schwerste Unglück
bezeichnet, das die deutsche Demokratie treffen konnte. Dombois (Anm. 2,
S. 13) bemerkt hierzu: "Wenn die eine Hälfte des Volkes die andere zu
richten und damit zugleich die eine Hälfte der geistigen und politischen
Tradition auszutilgen versucht, muß politische Gerichtsbarkeit notwendig
ihren berechtigten Zweck verfehlen; ein solches Unternehmen ist ein
Zeichen der politischen Schizophrenie. Parteipolitische Verblendung der
Deutschen und machtpolitisches Interesse der Besatzungsmächte haben dabei
verhängnisvoll zusammengewirkt."
Der Zusammenbruch überraschte mich in Tiengen, einem kleinen Städtchen
am Oberrhein, in der Nähe der Schweizer Grenze, wohin ich nach Zerstörung
meiner Arbeitsstätte in Berlin mit meiner großen Akten- und
Dokumentensammlung von Reichs wegen verlagert worden war. Als mich dort in
den ersten Tagen des Mai 1945 französische Truppen überrannten, fanden sie
auf meinem Schreibtisch eine Denkschrift vor, die ich noch im letzten
Augenblick der Reichsregierung in Berlin zuzustellen versucht hatte. Darin
hatte ich alle Argumente für die deutsche Verteidigung in den uns
angedrohten Kriegsverbrecherprozessen, deren Ziele ich nach der
Auslandspresse seit Monaten studiert hatte, zusammengefaßt. Sie fanden
aber auf meinem Schreibtisch auch noch ein anderes Dokument, das letzte
Schreiben, das mir aus Berlin zugegangen war, ein Schreiben des
Reichsjustizministers Thierack, durch das dieser ein neues
Disziplinarverfahren gegen mich einleitete. Vorher schon hatte der
Generalstaatsanwalt Berlin ein gleiches von Thierack verfügtes Verfahren
gegen mich eingestellt, nachdem noch früher die Anwaltskammer Berlin ein
Einschreiten gegen mich als unbegründet abgelehnt hatte.
Wir standen zwischen zwei Welten: Hier Thierack und seine politische
Justiz, dort die uns angekündigte Sühne und Vergeltung der Gegner. Welch
verworrene Lage! Welche Zwiespältigkeit der Empfindungen! Die Sühne und
Säuberung nahm dann ein Ausmaß an, das alles übertraf, was man hatte
voraussehen können. Der Staatsanwalt Dombois schildert (Anm. 2, S. 3) die
dadurch seit 1945 geschaffenen Rechtszustände wie folgt: "Die politische
Gerichtsbarkeit hat in der Gegenwart eine in der Geschichte noch nicht
bekannte, fast unübersehbare Ausdehnung gewonnen. In einem großen Lokal
Wiens wurde kürzlich eine Rundfrage veranstaltet, wer von den anwesenden
Männern sich noch nicht in Haft befunden habe. Hierbei ergab sich, daß
fast alle Anwesenden in den letzten Jahren mehr oder minder lange Zeit
ihrer Freiheit beraubt gewesen waren. Neben politischen Häftlingen aller
Systeme und wenigen kriminell Bestraften stellten naturgemäß die
Kriegsgefangenen das Hauptkontingent. Jedoch auch sie waren fast alle in
nicht formellen Verfahren politisch überprüft und aus solchen Gründen oft
lange Zeit zurückgehalten worden. Sie waren also in politische
Ermittlungsverfahren verwickelt und befanden sich zeitweilig in
Untersuchungshaft."
Diese politische Justiz erfaßte alle deutschen Menschen, besonders die
geistige Oberschicht. Herbert Grabert34 hat für die Hochschullehrer diese
Zustände in erschütternder Weise geschildert. Er erhebt namens der
verdrängten deutschen Hochschullehrer "Anklage gegen eine Zeit, die über
Millionen zu Gericht gesessen und damit Unrecht getan hat. Sie hat
Sühnemaßnahmen verhängt und damit ein Vernichtungswerk begonnen, das aus
dem Geiste der Rache kam und zur Rechtsvernichtung führen mußte. Niemand
kann", so fügt er hinzu, "bezweifeln, daß wir uns in einer Epoche der
permanenten Freiheitsberaubung und Lebensstörung befinden. Man verheißt
Freiheit und nimmt sie. Man spricht Recht und tut Unrecht." Welch
erschütternde Feststellung!
Eine unübersehbare Zahl der Deutschen geriet so irgendwie in die
infernale Maschinerie dieser politischen Vergeltungsjustiz. Sie fragten
sich: "Warum?" Sie versuchten sich zu verteidigen. Aber da war ein Vakuum.
Eine Verteidigung gab es nicht. Die meisten wurden nicht einmal gehört.
Die Gefängnisse und Lager, die man nicht mehr KZ. nennen durfte, und die
es doch waren, waren überfüllt. Es war wie eine Inflation der staatlichen
Freiheitsentziehung. Die Strafanstalten, die als Mittel des Staates gegen
das Verbrechertum gedacht waren, verloren ihren Wert als
Abschreckungsmittel. Der Kriminelle, der in den Haftanstalten in der
Minderheit war, bekam Seltenheitswert und erlangte dadurch eine
privilegierte Position. In den Lagern aber kursierte das Wort von einem
neuen Fragebogen, der in 10 Jahren den Deutschen vorgelegt würde: Wo waren
Sie in den Jahren 1945 bis 1948? Wenn nicht im Gefängnis oder einem Lager,
warum nicht?
Hohe Juristen, Landgerichtsdirektoren, Präsidenten, Rechtsanwälte und
Staatsanwälte wurden nun im Zuge des automatischen Arrestes in Lagern von
Menschen bewacht, die zum großen Teil ehemalige Strafgefangene mit langen
Strafregistern waren.
Die Frage des politischen Häftlings bekam dadurch eine Bedeutung, wie
sie sie noch nie in der Geschichte gehabt haben dürfte. Die beiden
Weltkriege hatten die Zahl der Getöteten, Verwundeten und Kriegsgefangenen
ins ungemessene gesteigert. Nun gab es neue Kategorien von Kriegsopfern:
Kriegsverdrängte, Bombengeschädigte und Vertriebene, Massen von
Kriegsopfern aller Art, darunter Millionen von politischen Häftlingen.
Man hat nach dem ersten Weltkrieg die namenlosen Gefallenen durch
Denkmäler für den unbekannten Soldaten geehrt. In England ist man jetzt
auf den Gedanken gekommen, auch den unbekannten politischen Gefangenen ein
Denkmal zu errichten. Aus London meldet AP35 unter dem 13. März 1953: "Im
Internationalen Bildhauer-Wettbewerb für ein Denkmal für den unbekannten
politischen Gefangenen ist dem britischen Bildhauer Reg Buttler für seine
halb abstrakte Darstellung eines eisernen Käfigs, eines stilisierten
Galgens, Hinrichtungsblocks und einer Guillotine der erste Preis von 4525
Pfund Sterling (53.214 DM) verliehen worden. In den zweiten Preis von 3000
Pfund (35.280 DM) teilen sich der Italiener Mirko Basaldella, die
Engländerin Barbara Hepworth, der in Frankreich lebende russische Emigrant
Antoine Pevsner und der Amerikaner Naum Woodbury. Der dritte Preis wurde
Henri-Georges Adam (Paris), Max Bill (Zürich), Lynn Chadwick (England),
Marcel Hinder (Australien), Luciano Minguzzi (Bologna) und den beiden
Amerikanern Alexander Calder und Richard Lippold gemeinsam zuerkannt.
Unter den Trägern der Trostpreise von je 25 Pfund (294 DM) befinden
sich die Deutschen Bernhard Heiliger, Fritz Heiliger, Fritz König,
Franklin Puhn, Erich Reuter, Louise Stomps, Zoltan Szekessy, Hans Uhlmann
und die Österreicher Rudolf Hoflehner, Emil Gehrer und Heinz Lienfeller.
Unter den 3500 Einsendungen herrschten abstrakte oder halbabstrakte Werke
vor."
Der unbekannte politische Gefangene, Massenopfer der politischen
Justiz! Was hat das noch mit Recht und Rechtspflege zu tun, wo es doch um
individuelle Schuld und konkrete, gesetzlich festgestellte Tatbestände
geht?
Eine umfangreiche Literatur gibt es über diese erschrecklichen
Zustände. Nicht nur Juristen und Politiker beschäftigen sich damit,
sondern auch Romanschriftsteller, Dichter und Journalisten. Bezeichnend
ist der Roman von Gheorgiu,36 der diesen Gipfelpunkt der Erkrankung des
europäischen Rechtswesens an dem Beispiel eines Rumänen schildert, der,
ohne zu wissen, warum, 13 Jahre lang von Lager zu Lager der
verschiedensten Nationen geschleppt wird und über 100 Lager kennenlernt.
Die Rechtlosigkeit war überall die gleiche. Als ich selbst in ein
Internierungslager eingeliefert wurde und den Kommandanten des Lagers
fragte, an wen ich eine Haftbeschwerde richten könnte, erhielt ich zur
Antwort: "Sie können eine Eingabe machen. Wir werden sie nicht lesen. Sie
werden auch keine Antwort darauf bekommen." Seitdem sind die
Internierungslager aufgehoben worden, aber das Grundübel, die politische
Justiz, gibt es auch heute noch. Täglich noch ist die Presse angefüllt mit
Berichten über Kriegsverbrecherprozesse im In- und Ausland. Die politische
Justiz ist damit ein Bazillus geworden, der zu unserer Zeit mit einer
Virulenz wirksam geworden ist, die aller bisherigen Heilmethoden
spottet.37
Wir stehen vor einem Trümmerfeld. Man kann die Lage nicht ernst genug
auffassen. Sollen wir uns damit abfinden, daß politische Prozesse
weiterhin die Atmosphäre vergiften und die Menschen nicht zur Ruhe kommen
lassen? Das hängt von uns ab, von uns allen, welchem Lager wir auch
angehören mögen, von den Energien, die wir noch aufbringen, unser
Schicksal zu meistern. Man hat seitdem viel von Schuld und Verantwortung
gesprochen, von Kollektivschuld und Individualverantwortung. Die Frage von
Schuld und Verantwortung ist diesmal so schwer, daß sie die Menschen von
heute bis an ihr Lebensende belasten wird. Die Politisierung der Justiz
ist dabei nur eine Seite des Phänomens, vielleicht nur eine
Begleiterscheinung. Sie wird aber von den Menschen am stärksten empfunden,
weil das Recht so sehr in das Leben jedes einzelnen eingreift und das
Unrecht nicht nur den trifft, der es unmittelbar erleidet. Die
Kriegsschuldfrage ist nicht gleich der Frage der Kriegsverbrechen, und die
moralische, politische und historische Schuld mag anders liegen als die
rein juristische, völkerrechtliche oder kriminelle. In diesem Gewirr von
Fragen finden wir uns nicht mehr zurecht. Cela nous dépasse! - Das
wächst über uns hinaus! - sagt der Franzose. Das müssen wir schon dem
Urteil der Geschichte überlassen.
Dazu kommt in unserer Zeit die verheerende Einwirkung der Propaganda,
die es den Menschen so schwer macht, auch den Gutgesinnten, die wirklichen
Vorgänge des Zeitgeschehens zu erkennen und zu beurteilen. Sie hat uns
schon in den letzten Jahren des ersten Weltkrieges und danach zu schaffen
gemacht. Hat man nicht von Lloyd George, der am Schluß des ersten Krieges
die Wahlpropaganda in England mit dem Ruf: "Hängt den Kaiser!" betrieb,
gesagt, daß er 1919 in Paris und Versailles und später, als er das Unrecht
von Versailles wiedergutmachen wollte, das Opfer seiner eigenen Propaganda
geworden sei? Nach dem zweiten deutschen Zusammenbruch war es nicht
anders. Jetzt war es schlimmer, weil es nun eine einseitige Propaganda der
Gegner war, der deutscherseits nichts mehr entgegengesetzt werden konnte.
Ich hatte im Mai 1945, wenige Tage nach dem Zusammenbruch, eine
denkwürdige Aussprache mit einem bedeutenden Vertreter der Gegenseite.
[Anm.: Sefton Delmer.] Er stellte sich mir als Universitätsprofessor
seines Landes vor, der sich mit mir über die historischen Grundlagen des
Krieges unterhalten wollte. Es war ein Gespräch von hohem Niveau, das wir
führten. Plötzlich brach er ab, zeigte auf die Flugblätter, die vor mir
auf dem Tisch lagen, mit denen wir in den ersten Tagen nach der
Kapitulation überschwemmt wurden und die sich hauptsächlich mit den
KZ-Greueln beschäftigten. "Was sagen Sie dazu?", so fragte er mich. Ich
erwiderte: "Oradour und Buchenwald? Bei mir rennen Sie da offene Türen
ein. Ich bin Rechtsanwalt und verurteile das Unrecht, wo ich ihm begegne,
am meisten aber, wenn es auf unserer Seite geschieht. Ich weiß jedoch
einen Unterschied zu machen zwischen den Tatsachen und dem politischen
Gebrauch, den man davon macht. Ich weiß, was Greuelpropaganda ist. Ich
habe nach dem ersten Weltkriege alle Veröffentlichungen Ihrer Fachleute
über diese Frage gelesen, die Schriften des Northcliffbüros, das Buch des
französischen Finanzministers Klotz Vom Krieg zum Frieden,38 in dem er schildert, wie man das Märchen
von den abgehackten Kinderhänden erfand, und welchen Nutzen man daraus
zog, die Aufklärungsschriften der Zeitschrift Crapouillot, die die
Greuelpropaganda von 1870 mit der von 1914/1918 vergleicht, und
schließlich das klassische Buch von Ponsonby: 'Die Lüge im Kriege'. Darin wird offenbart, daß man
schon im vorigen Kriege Magazine hatte, in denen man künstliche
Leichenberge durch Fotomontage mit Puppen zusammenstellte. Diese Bilder
wurden verteilt. Dabei war die Unterschrift frei gelassen. Sie wurde
später je nach Bedarf durch die Propagandazentrale telefonisch aufgegeben."
Damit zog ich eines der Flugblätter heraus, das angeblich Leichenberge
aus den KZ's darstellte, und zeigte es meinem Besucher, der mich verdutzt
ansah. Ich fuhr fort: "Ich kann mir nicht denken, daß in diesem Kriege, in
dem alle Waffen so vervollkommnet wurden, diese geistige Giftwaffe, die
den ersten Krieg entschied, vernachlässigt worden sein sollte. Mehr noch,
ich weiß es! Ich habe die letzten Monate vor dem Zusammenbruch täglich die
Auslandspresse gelesen. Da wurde von einer Zentralstelle aus über die
deutschen Greuel berichtet. Das ging nach einem gewissen Turnus. Da kam
ein besetztes Gebiet nach dem anderen dran, heute Frankreich, morgen
Norwegen, dann Belgien, Dänemark, Holland, Griechenland, Jugoslawien und
die Tschechoslowakei. Zunächst waren es Hunderte von Toten in den
Konzentrationslagern, dann, wenn 6 Wochen später dasselbe Land wieder dran
war, Tausende, dann Zehn-, dann Hunderttausende. Da dachte ich mir: In die
Million kann diese Zahleninflation doch nicht gehen!"
Nun griff ich zu einem anderen Flugblatt: "Hier haben Sie die Million!"
Da platzte mein Besucher los: "Ich sehe, ich bin an einen Sachkundigen
geraten. Nun will ich auch sagen, wer ich bin. Ich bin kein
Universitätsprofessor. Ich bin von der Zentrale, von der Sie gesprochen
haben. Seit Monaten betreibe ich das, was Sie richtig geschildert haben:
Greuelpropaganda - und damit haben wir den totalen Sieg gewonnen." Ich
erwiderte: "Ich weiß, und nun müssen Sie aufhören!" Er entgegnete: "Nein,
nun fangen wir erst richtig an! Wir werden diese Greuelpropaganda
fortsetzen, wir werden sie steigern, bis niemand mehr ein gutes Wort von
den Deutschen annehmen wird, bis alles zerstört sein wird, was Sie in
anderen Ländern an Sympathien gehabt haben, und bis die Deutschen selbst
so durcheinander geraten sein werden, daß sie nicht mehr wissen, was sie
tun!" Ich schloß das Gespräch: "Dann werden Sie eine große Verantwortung
auf sich laden!"
Was dieser Mann uns angedroht hatte, kam. Das Schlimmste aber war die
Verwirrung, die dadurch unter den Deutschen angerichtet wurde.
Greuelpropaganda und politische Justiz! Diese Begriffe gehören zusammen.
Damit soll aber natürlich nicht alles entschuldigt werden, was Schlimmes
vorgekommen ist. Es sind Dinge geschehen, auch auf deutscher Seite, für
die es keine Entschuldigung gibt, und wenn auch nur ein Hundertstel von
dem wahr wäre, was uns heute vorgeworfen wird. Wir entschuldigen die
schlimmen Vorgänge nicht! Wir schämen uns ihrer! Aber wir weisen auch die
Übertreibungen zurück und bemühen uns um Gerechtigkeit, auch für unser
Volk! Der Haß darf darum nicht verewigt werden, und wir müssen trotzdem
mit dem Problem der politischen Prozesse fertig werden.
Es hat in Deutschland einmal eine Zeit gegeben, die man die
"kaiserlose, die schreckliche Zeit" genannt hat. Die Menschen sehnten sich
nach Frieden, Ruhe, Ordnung, Sicherheit und Recht. Damals war der Kaiser
der Inbegriff des Rechts. Wir leben auch heute wieder in einem
Interregnum. Die Menschen sehnen sich nach der Wiederherstellung des
Rechts. Wir haben zwar wieder eine Verfassung mit vortrefflich
formulierten Grundrechten. Auch die Siegermächte haben sich wieder zu den
Menschenrechten bekannt, die sie neu formuliert haben. Am 10. Dezember
1948 ist eine internationale Konvention zum Schutze der Menschenrechte und
Grundfreiheiten abgeschlossen worden. Sie ist von der Bundesrepublik und
einigen anderen Mächten, darunter auch England und Frankreich, ratifiziert
und im Bundesgesetzblatt veröffentlicht worden. Aber die zehn
Ratifikationen, die zu ihrem Inkrafttreten erforderlich sind, sind noch
nicht zusammengekommen. Die Konvention ist also noch nicht verbindlich,
auch nicht für die Länder, die sie bereits ratifiziert haben. Die Folge
ist, daß uns die Grundrechte immer noch vorenthalten bleiben.
Die Engländer sind stolz auf ihre Magna Charta von 1215, ihre Petition
of rights von 1627 und ihre Habeaskorpusakte von 1679 zum Schutze der
persönlichen Freiheit. Aber wir haben gesehen, daß sie diese Grundsätze
den Deutschen gegenüber nach Besatzungsrecht nicht anwenden. Als die
Könige von Frankreich ihre berüchtigten Verhaftbefehle - die "lettres
de cachet" - ausstellten, durch die sie mißliebige Personen
entfernten, wurden sie vom Volk gestürzt, das die Menschenrechte
verkündigte.
Und dennoch fragt man sich heute noch mit Sorge, ob bei uns auf dem
Gebiet der politischen Justiz die Rechtssicherheit wiederhergestellt ist,
wie wir sie vor 1918 gekannt haben. Aus dieser Rechtsnot müssen wir wieder
herauskommen. Diesen Zustand müssen wir überwinden! Die Völker wollen frei
sein, frei von Angst. Sie wollen auch ihre Meinung wieder frei und ehrlich
äußern dürfen, ohne darum Verhaftung und Verurteilung befürchten zu
müssen.
Am 24. Januar 1953 brachte die Frankfurter Allgemeine einen
bezeichnenden Artikel aus dem Sonntagsblatt mit der Überschrift: "Das
Türklopfen": "In dieser Woche geschah es wieder, daß es nachts an die Türe
klopfte. Es klopfte in Moskau an die Türen der russischen Ärzte. Und diese
Ärzte nahmen ihren kleinen Koffer mit Nachtzeug und Waschzeug und gingen
fort. Es klopfte in Ost-Berlin an die Tür des ostzonalen Ministers
Dertinger. Und Herr Minister Dertinger nahm seinen kleinen Koffer mit
Nachtzeug und Waschzeug und ging fort. Es klopfte in Westdeutschland an
die Türen ehemaliger Nationalsozialisten. Und die ehemaligen
Nationalsozialisten nahmen ihre kleinen Koffer mit Nachtzeug und Waschzeug
und gingen fort. Es klopfte auch in Ägypten an die Türen von 25 höheren
Offizieren. Und diese Offiziere.... Es wird wieder nachts an die Türen
geklopft!"
Wie soll das alles enden? Heute wissen wir, wie es anfing. Ich entsinne
mich noch des Wortes eines älteren Kollegen. Er sagte mit trauriger
Stimme, als wir in Essen im Jahre 1933 im Wege der Gleichschaltung den
Juristenverein in den nationalsozialistischen Juristenbund überführen
mußten: "Jetzt haben wir unsere Freiheit verloren!" Wir wollten das damals
nicht glauben. Die Erkenntnis kam erst allmählich. Aber wir müssen doch
einmal den Weg zurück finden, zurück zur Freiheit und zurück zum Recht!
Gibt es einen Ausweg aus dieser Wirrnis? Diesen Ausweg müssen wir suchen!
Denn wir müssen doch weiterleben! Wir müssen wieder zusammenfinden, die
Deutschen untereinander und die Deutschen mit ihren Gegnern von gestern.
Es ist nicht länger tragbar, daß das deutsche Volk in zwei Gruppen
zerfällt, von denen jede sich als Verfolgte eines Systems oder Regimes
betrachtet. Es muß auch zu der Gemeinschaft der europäischen Völker kommen
in dem Sinne, wie es Victor Hugo vor über hundert Jahren schon gefordert
hat. Das Vergangene läßt sich nicht wiedergutmachen. Die volle
Gerechtigkeit läßt sich nicht wiederherstellen. Denn es gibt keine
Gerechtigkeit ohne Gleichheit. Die Gleichheit aber, die vor und nach 1945
so gründlich zerstört wurde, kann nicht wieder herbeigeführt werden. Wir
müssen dennoch zum Recht zurückfinden, zu dem Recht, das Goethe meinte,
wenn er von dem Recht sprach, das "mit uns geboren" ist, oder wenn er
sagte: "Der gute Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten
Weges stets bewußt." Die Idee des Rechts ist noch nicht tot in den Herzen
der Menschen.
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Anmerkungen
34Hochschullehrer klagen
an, Göttingen 2. Auflage 1952, S. 10 ff. ...zurück...
35Die Neue Zeitung vom 14./15.
März Nr. 62, S. 4. ...zurück...
36Gheorgiu, Constantin Virgil, 25
Uhr, Stuttgart 1951. ...zurück...
37Dombois (Anm. 2), S. 4. ...zurück...
38Klotz, De la Guerre à la Paix,
Paris 1923. ...zurück...