Nun bricht er noch einmal herein über Uganda: Seine Exzellenz Präsident auf
Lebenszeit, Feldmarschall Al Hadji Doktor Idi Amin Dada, Träger des
Viktoria-Kreuzes VC, des Militär-Kreuzes MC, Herr über alle Tiere der
Erde und Fische in der See, Eroberer des Britischen Reiches in Afrika
im Allgemeinen und in Uganda im Besonderen.
Oder einfach nur:
"Der letzte König von Schottland". Mit diesem Titel schmückte sich Idi
Amin besonders gerne, weil er damit die Engländer ärgern wollte.
Und
so heißt auch der neueste Spielfilm über den ugandischen Diktator,
dessen Hauptdarsteller Forest Whitaker gerade mit einem Oscar
ausgezeichnet wurde. Am 15. März kommt das Filmporträt ins deutsche
Kino, in Uganda ist es aber schon jetzt zu sehen.
Für viele,
die Idi Amins Zeit miterlebt haben, ist der Gang ins Kino alles andere
als leicht. Der Film ruft schmerzhafte Erinnerungen wach, schließlich
starben unter dessen Schreckensherrschaft etwa 300 000 Menschen. Fast
jeder Ugander hat damals einen Verwandten oder Freund verloren.
Zwar ist die Macht Idi Amins schon seit langem gebrochen, er floh im Jahr 1979 und lebte danach bis zu seinem Tod 2003 im saudischen Exil. Aber das Bild Ugandas, das dieser Mann verkörpert, ist nicht so schnell zu zerstören. Das Symbol des Schlächters scheint wie in Stein gemeißelt, und es wirft einen düsteren Schatten bis in die Gegenwart.
Von
Idi Amin hat nahezu jeder in der Welt schon mal gehört, aber wer weiß
schon, wie es heute aussieht in Uganda? Kaum ein Ausländer macht sich
bewusst, was für einen weiten Weg dieses Land und seine Leute
zurückgelegt haben, um aus dem Tal der Tränen heraus zu kommen, in das
sie Idi Amin einst trieb.
Insofern hätte man vielleicht vermuten
können, dass die Ugander diesen Film über Idi Amin verwünschen. Dass
sie es am liebsten gehabt hätten, er wäre gar nie gedreht worden, weil
er doch nur alte Geister wachruft, die den Blick in die Zukunft
verstellen. Aber so ist es nicht, im Gegenteil: Das größte Kino
Kampalas ist in diesen Tagen ausverkauft, obgleich die Karten fast so
viel kosten, wie ein Lohnarbeiter in einer Woche verdient.
Auch
viele junge Leute strömen hinein, die Amin gar nicht mehr erlebt haben.
Was sie sehen, ist freilich keine historische Dokumentation, sondern
die Verfilmung eines Romans von Giles Folden. Es ist dies die
gleichermaßen skurrile wie schockierende Geschichte eines jungen
schottischen Doktors, der in den frühen siebziger Jahren nach Uganda
kommt und überraschend von Amin zu seinem Leibarzt berufen wird.
Anfangs
lässt er sich ganz einwickeln von dessen Charme und menschlicher Wärme.
Doch nach und nach lernt er dann ganz andere Seiten des Diktators
kennen. So entspinnt sich ein Drama auf Leben und Tod.
Auch
Henry Kyemba hat sich den Film angesehen, er fände es "völlig falsch,
wenn die Leute den Kopf in den Sand stecken und nichts mehr wissen
wollen von damals". Dieser Kyemba muss nun ganz besonders viel wissen
aus dieser Zeit, denn er war einst Amins Gesundheitsminister, bevor er
in die alten Gemäuer der Universität Oxford flüchtete und seine
Erlebnisse mit Amin als Buch niederschrieb. "State of Blood" heißt sein
Werk.
Nun sitzt der schmale Mann auf der Terrasse seines
Häuschens in der ugandischen Stadt Jinja und schlürft Tee. Hat
Schauspieler Forest Whitaker diesen Idi Amin denn nun wirklich gut
getroffen? "Von hinten ist er perfekt", sagt Kyemba. Wie der Mann
läuft, einmalig.
"Als ich das sah, dachte ich, das ist
wirklich Amin." Auch ansonsten findet er es erstaunlich, wie sich der
Texaner Whitaker diese Rolle erarbeitet hat. "Das ist ein guter
Versuch, Amin zu porträtieren." Aber das bedeutet nicht, dass Kyemba
mit dem Film rundum zufrieden wäre.
Manches,
findet er, sei einfach zu seicht und locker dargestellt. "Das war ja
damals kein Kaffeekränzchen", sagt er, in Anspielung auf die
humorvollen Szenen, die den Film durchziehen. Vor allem stört es
Kyemba, dass die Opfer so selten ins Blickfeld rücken. "Nicht einmal
die öffentlichen Hinrichtungen kommen vor", beklagt er.
Von
Kyembas Haus in Jinja sind es nur ein paar hundert Meter hinunter zum
Nil, der dort aus dem Victoriasee entspringt. Die Sonne strahlt an
diesem Vormittag, das Wasser fließt träge, und an den Ufern schießen
kleine Königsfischer dahin, deren Gefieder in den schönsten Farben
schillern. Kyembas Erinnerungen freilich zeichnen andere Bilder:
Aufgedunsene Leichen, die im Wasser treiben. Hier, an der Quelle des
Nils, ließ Idi Amin seine Opfer den Krokodilen zum Fraß vorwerfen.
Andererseits
sind viele Ugander auch froh, dass der Film gerade nicht das allzu
einfache Bild vom blutrünstigen Monster Amin aufwärmt, sondern
versucht, den Mann in all seiner Widersprüchlichkeit darzustellen. Denn
so brutal er auch war, Amin hatte offenbar auch anziehende Seiten. Er
konnte charmant sein. Witzig, großmütig, kumpelhaft. Er war keiner, der
auf dem hohen Ross daher kam, sondern seine Herkunft aus dem einfachen
Volk hochhielt.
"Ich bin du", ruft er in einer Filmszene in
die Menge. Und das Volk tobt. Oder er gibt den bescheidenen Patron:
"Ich esse nie, bevor meine Soldaten nicht gegessen haben." Seht her,
ich bin ein einfacher Mann, der euch da unten nicht vergisst. Diese
Botschaft kam an, zumindest am Anfang seiner Herrschaft.
"Außerdem
hat Amin damals den Briten die Stirn geboten", sagt Abby Mukiibi
Nkaaga. "Das machte ihn in den Augen vieler zum Helden." Nkaaga ist
einer der ugandischen Schauspieler, die Forest Whitaker im Film zur
Seite stehen. Er ist Idi Amins Sicherheitschef, oder besser gesagt:
sein Folterknecht.
Den gibt er so überzeugend, dass man sich
jetzt im Gespräch darüber wundert, dass dieser Mann überhaupt ein
menschliches Lächeln hervorbringen kann. Abby Mukiibi aber hat Humor,
er moderiert ja jeden Morgen eine Comedy-Show im Radio.
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Gut
möglich, dass dieser Mann noch einen Karriere-Sprung vor sich hat,
jetzt, da er mit Whitaker vor der Kamera stand, und dessen Oscar ja
irgendwie auch auf den ganzen Film und seine Darsteller abfärben wird.
John Nagenda, Berater des Präsidenten Yoweri Museveni, jedenfalls
glaubt, dass der Film jungen ugandischen Talenten neue Chancen eröffne
und die Filmbranche in Uganda ankurbeln werde. Wie auch den Tourismus,
denn der Film werde doch neugierig machen, wie es heute um dieses Land
stehe. Sichern der Zukunft Amin
"konnte mit Journalisten lachen, während auf seinen Befehl hin Massaker
verübt wurden", sagt Museveni nach der Filmpremiere in der Hauptstadt
Kampala. Mann der Waffe Doch wie konnte Amins Herrschaft, die das Land in den Abgrund riss, überhaupt geschehen? "Perle Afrikas" nannten die Briten ihr Protektorat einst. Von allen Kolonialgebieten Ostafrikas war es am weitesten entwickelt. Makarere, die Universität Kampalas, galt als das "Oxford Afrikas". Amin
war eben ein Mann der Waffe, er stieg in der britischen Kolonialarmee
auf. Deshalb war sein Verhältnis zu den Engländern auch so
widersprüchlich. Einerseits verdankte er ihnen seine Karriere,
andererseits erlebte er dort demütigende Momente. Wenn er Teller für
die Herren putzte. Oder die Latrinen graben musste. Papa war der Beste Danach
setzte sich Amin erst nach Libyen und dann Saudi-Arabien ab, die Kinder
seiner fünften Frau Madina schickte er in den Kongo, wo Präsident
Mobutu sich um alles kümmerte. "Es fehlte uns dort an nichts", sagt
Hagira, die seit 1993 wieder in Kampala lebt und sich nach langem
Zögern zu einem Gespräch bereit findet. "Wir fuhren schick in die
Ferien und gingen oft Einkaufen, das hat alles Mobutu bezahlt." Amins berüchtigte Folterkammern Hier
plätschern unter Palmen kleine Wasserfälle in den Pool. Doch ältere
Bewohner von Kampala senken die Stimme, wenn sie von den Gemäuern
sprechen, die später umgebaut wurden: Dort sollen sich einst Amins
berüchtigte Folterkammern verborgen haben. |