Herr Kishon, Sie sind Ihren Lesern seit Jahrzehnten als
Satiriker bekannt. Haben sich über die Jahrzehnte hinweg die Aufgaben
eines Satirikers verändert?
Ich habe nie gefühlt, eine Aufgabe zu
haben, in dem Sinn, dass ich die Menschen retten werde. Jeder Mensch hat
den Wunsch, sich auszudrücken, um von der Gesellschaft anerkannt zu
werden: Er wird Politiker, Journalist, er erschießt seine Frau, egal was.
Ich habe in meiner Jugend viel Bitterkeit erlebt. Das war ein zusätzlicher
Grund, weshalb ich meine Meinung sagen wollte. In allen Humoresken
schreibe ich über menschliche Schwächen: Heuchelei, Lügen.
Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihrer Bücher?
Diese
Frage wird mir immer wieder gestellt. Mittlerweile antworte ich darauf:
weil ich ein verdammt guter Schriftsteller bin. Mein erstes Buch ist vor
40 Jahren erschienen. Man kann die Menschen betrügen, aber nicht über so
einen langen Zeitraum - außer in Amerika. Ich erscheine in 37 Sprachen,
also irgendetwas muss dran sein.
In Ihrem letzten Buch, "Wer's glaubt, wird selig", geht es um
Politik. Wie nähert man sich als Satiriker der Politik an, wenn man so
eine schwierige Vergangenheit gehabt hat wie Sie?
Über meine
Vergangenheit habe ich in meiner Autobiographie "Nichts zu lachen"
berichtet. Ich habe auch über den Untergang der sozialistischen Welt
geschrieben. Dieses Buch handelt von der glücklichen, wunderschönen
westlichen Demokratie. Da stehen alle heiligen Heucheleien drin. Meine
Meinung ist ziemlich mörderisch: Es ist ein Theater! Die Politiker sind
die Schauspieler und wir ihr Publikum. Sie geben nichts zu, wie im echten
Theater. Von jemandem, der den König Lear spielt, weiß man, dass er ein
Schauspieler ist. Warum nimmt man ihn so ernst? Einmal möchte ich erleben,
dass ein Politiker sagt: "Ich bin gegen die soziale Gerechtigkeit!" Den
würde ich sofort wählen.
In Ihrem Buch "Picassos süße Rache" haben Sie es auf die moderne
Kunst abgesehen. Was gefällt Ihnen an der modernen Kunst nicht?
Was
soll mir gefallen? Ich bin diplomierter Bildhauer und habe Kunstgeschichte
studiert. Die moderne Kunst ist ein totaler Bluff, nichts! Ich habe das
Gefühl, dass mein Intellekt beleidigt wird. Deshalb habe ich mit einem
Buch auf dieses Hochstapelei geantwortet.
Haben Sie nie daran gedacht, selbst als bildender Künstler tätig
zu werden?
Natürlich. Als ich plötzlich und unerwartet
Schriftsteller geworden war, war ich bereits ein anerkannter Relief- und
Ziseliermeister. Für meine Arbeiten wurde ich während des stalinistischen
Regimes in Ungarn auch ausgezeichnet.
Um noch einmal auf den Erfolg sprechen zu kommen: Sie haben 41
Millionen Bücher verkauft, 31 Millionen davon in deutscher Sprache. Hat
das deutschsprachige Publikum eine besondere Affinität zu Ihrer
Literatur?
Wahrscheinlich waren es meine ersten Bücher, die
Interesse erregten, weil sie von einem israelischen Satiriker stammten,
der die Nazizeit überlebt hatte. Heute hat das gar keine Bedeutung mehr.
Man liest mich nicht mehr als einen israelischen Autor, sondern eben als
den meist gelesenen Satiriker in deutscher Sprache. Der deutsche ist der
beste Buchmarkt der Welt, was die Deutschen nicht wissen. Doch der
Untergang ist unvermeidlich: Fernsehen, Internet usw. werden dem Buch ein
Ende bereiten. Was mich erstaunt, sind die vielen jungen Leute, die meine
Bücher lesen. Friedrich Torberg hat sich in meine Bücher verliebt und sie
übersetzt. Die erste Aufmerksamkeit meinen Büchern gegenüber habe ich
wahrscheinlich ihm zu verdanken. Wichtig waren auch die Taschenbücher, die
ein jugendliches Publikum angesprochen haben.
Ist das nicht ein Widerspruch: auf der einen Seite immer mehr
Bücher und ein ständig nachwachsendes Publikum, auf der anderen Seite die
Prophezeiung vom Ende des Buches?
Internet, Handy, Fernsehen, 40
Kanäle - es ist ein Wunder, dass die Leute noch lesen. Vielleicht wird es
das Buch trotzdem weiter geben, aber der Humor wird nicht überleben. Das
Fernsehen tötet den Humor. Das Fernsehen standardisiert das Lachen: Jemand
kommt herein und sagt: Hello, how are you? und das Publikum beginnt zu
lachen. Und dann glauben die Zuseher, dass das mit Humor zu tun hat. Ich
glaube, der geschriebene Humor ist mit mir beendet. Das ist kein
Witz!
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