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Dass die Geschichte Schwedens die Geschichte
seiner Könige sei, verkündete der romantische Dichter Erik
Gustaf Geijer. Gustaf II. Adolf, der «Löwe aus Mitternacht»,
zeichnete sich im Dreissigjährigen Krieg als «Retter des
Protestantismus» aus. In ganz Europa waren die schwedischen
Soldaten gefürchtet. «Sie tobten wie die Schweden», ist im
Tschechischen noch heute eine stehende Wendung. Der
umstrittenste aller Herrscher war Karl XII., der davon
träumte, dem Zaren in Moskau einen Frieden zu diktieren, doch
1709 bei Poltawa von Peter dem Grossen geschlagen wurde und
die Grossmachtstellung verspielte. Den einen gilt er als
Heldenkönig, den anderen als politischer Abenteurer.
In seinem soeben veröffentlichten Roman «Carolus
Rex» schildert ihn der Schriftsteller Ernst Brunner als
blutrünstigen Despoten, als Pol Pot des 17. Jahrhunderts,
der den Tod von 400 000 Menschen auf dem Gewissen habe.
Brunner schont seine Leser nicht: Der Unterleib einer Frau
wird mit Sprengstoff gefüllt und angezündet. Schon vor
Erscheinen des Buches wurde der Sohn österreichischer
Einwanderer von Rechtsradikalen belästigt, deren Idol der
König ist. An Karls Todestag pflegen sie sich vor seiner
Statue in Stockholm mit Autonomen zu prügeln.

Brunners Roman wird als Revision des Heldenbildes
verkauft. Dabei war Karl unter Fachhistorikern schon immer
eine umstrittene Gestalt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts
wurde er jedoch zur nationalen Kultfigur stilisiert. Der
Historiker und Politiker Harald Hjärne sah in ihm den
Beschützer der westlichen Zivilisation und verknüpfte die
wirtschaftlichen Erfolge der Jahrhundertwende mit der
kriegerischen Grossmachtpolitik. Der spätere Nobelpreisträger
Verner von Heidenstam glorifizierte Karl und sein treues,
opferbereites Volk, das in der Erniedrigung innere Grösse
zeigte, im Novellenzyklus «Die Karoliner».
Als 1910 ein «Karolinischer Bund» gegründet wurde, zu dessen Promotoren Heidenstam und
der Entdeckungsreisende Sven Hedin gehörten, verlor
August Strindberg die Fassung. Unter dem Titel «Pharaonen-Kult» zettelte er eine der
heftigsten Pressefehden an, die Schweden je erlebt hatte. Für ihn war Karl «ein Schuft»,
der sein Land, «als er dasselbe verarmt hatte», feige aufgab, «ein Mann des Unglücks, der
Mitleid verdient», der «Zerstörer», den nur «Verrückte und Interessierte vergöttern».
Strindberg stellte alles in Frage, was dem offiziellen Schweden wichtig war: die Monarchie,
den Nobelpreis, die Abwehrbereitschaft gegen Russland, ja sogar das Militärbudget. Im
Zarenreich sah er ein Bollwerk gegen die asiatische Barbarei, während er gleichzeitig für
Schweden ein neues, unmonarchisches Geschichtsbewusstsein propagierte und zur Galionsfigur der
Sozialdemokratie wurde.
Der Zank um König Karl entwickelte sich rasch zu einer Fehde um König Strindberg. «Wie der
Schakal», spottete Sven Hedin, «gibt er Leichen den Vorzug, nimmt aber auch
Lebendige, wenn sie nicht beissen. Ja, es ist schade um ihn.
Man geht an seiner Wohnung hier in Stockholm mit einem Gefühl
vorüber, als sei es ein Trauerhaus, in dem die Totenbahre
schon aufgeschlagen ist.» Strindberg hatte auf den Nobelpreis
gehofft. Als mit Selma Lagerlöf eine Schwedin den Preis
erhielt, haderte er mit Gott. Er verteidigte «seine Stellung
in der schwedischen Literatur», indem er etwa ein Gedicht
Heidenstams zerpflückte. «Inhalt fehlt, poetische Form fehlt,
und folglich ist das Schund. Wer bewundert diesen Schund?
Diejenigen, die hoffen, im Gegenzug bewundert zu werden
(Syndikatsidee).» Hierauf Heidenstam: «Er spielt mit
Weltanschauungen, wie Kinder mit heiligen Gefässen spielen,
und glaubt währenddessen, mit Gott zu ringen.»
Strindberg, den Widersacher als «Vollblutbarbaren»
titulierten, schrieb über König Karl auch ein Theaterstück. Er
lässt den Monarchen im letzten Akt sterben, verzweifelt, von
allen verlassen und von jener geheimnisvollen Kugel getroffen,
die gemäss einem französischen Zeitgenossen mit einem Laut ins
Gehirn drang, als würde ein Stein in einen Sumpf plumpsen. Bis
heute ist Karls Tod geheimnisumwittert. Kluge Köpfe streiten
noch immer darüber, ob der König von einem Feind erschossen
oder von eigenen Leuten gemeuchelt wurde. Nachdem vor sieben
Jahren zwei dänische Forscher zum Schluss gelangt sind, Karl
sei aus kurzer Distanz durch eine schwedische Waffe getötet
worden, behauptet jetzt der schwedische Amateurhistoriker
Peter From nach ballistischen Untersuchungen, der
«Heldenkönig» sei der Kugel eines Feindes erlegen. Wie dem
auch sei - der Schriftsteller Ernst Brunner, der mit seinem in
einer Startauflage von 50 000 Exemplaren erschienenen
Roman neues Leben in die Debatte brachte, ist überzeugt: «Mein
Buch hätte Karl XII. gefallen.»
Es ist schon merkwürdig, daß man - nicht nur in Schweden - einerseits Karl XII demontiert, andererseits aber daran festhält, in Gustav II Adolf einen großen Politiker und Feldherrn zu sehen. Er war keines von beidem; und wenn man es genauer betrachtet, legte er bereits den Keim zum Untergang Schwedens im "Nordischen Krieg" unter Karl XII. Was sollte die närrische Intervention im "Dreißigjährigen Krieg", die Schweden einen ungeheuren Blutzoll abverlangte und seine Finanzen ruinierte? Wofür das alles? Für das bettelarme Pommern und noch ein paar mehr oder weniger wertlose Ecken, die er aus Deutschland heraus brach? Für die so genannte "Ostseeherrschaft"? Was war die denn noch wert, nachdem Amerika entdeckt war - und auch der echte Seeweg nach Indien? Fast nichts, denn mit gesalzenen Heringen und Rohholz konnte man bald keinen Blumentopf mehr gewinnen. Karl XII dagegen hatte wenigstens ein sinnvolles politisches Ziel: Er wollte die Vorherrschaft über Ostmitteleuropa wieder gewinnen, die einst die Waräger inne gehabt hatten, als sie Rußland gründeten, das Land der Rūs, denn er hatte richtig erkannt, daß das Tsarenreich - allen Bemühungen Peters des Großen zum Trotz - auf lange Sicht kein "Bollwerk gegen die asiatische Barbarei" sein würde, wie Strindberg meinte, sondern vielmehr ein Teil derselben, und daß damals die für lange Zeit letzte Möglichkeit bestanden hätte, es nieder zu werfen (und nieder zu halten). Allerdings verpfuschte Karl XII dieses Unternehmen genauso, wie es nach ihm Napoléon und Hitler verpfuschen sollten - und die Parallelen speziell zu letzterem sind fürwahr erschreckend, von der schlechten diplomatischen Vorbereitung über den falschen Zeitpunkt bis zu den unzureichenden militärischen Mitteln.

Aber das ist nicht der einzige Punkt, über den es in der heutigen Zeit zu sprechen gilt: Früher machte sich niemand einen Kopf wegen etwaiger Kriegsverbrechen der großen "Helden" der Geschichte - außer den Deutschen, versteht sich -, und deshalb kratzte es früher auch niemanden, ob irgendwann und -wo 400.000 Menschen umgekommen waren und warum. (Wobei Dikigoros diese Zahl für etwa so zuverlässig hält wie "6 Millionen".) Aber es sollte uns interessieren, denn da wird das Mißverhältnis zwischen dem braven Gustav Adolf und dem bösen Karl noch viel deutlicher: Gustav Adolf war ein Kriegsverbrecher allerersten Ranges, der in Mitteleuropa hauste wie niemand vor ihm (denn die Mongolen kamen im 13. Jahrhundert nur bis Schlesien) und bis Eisenhower niemand nach ihm. Was die Schweden trieben, war bewußter Völkermord an den nicht-protestantischen Deutschen, und es wäre ihnen auch fast gelungen - am Ende des "Dreißigjährigen Krieges" hatte Deutschland etwa ein Drittel seiner Bevölkerung (über die Hälfte der katholischen) verloren, und das meiste davon ging auf das Konto der Schweden. Wohlgemerkt nicht durch Kampfhandlungen - die waren für nicht einmal 10% der Verluste ursächlich -, sondern durch grausame Ausrottung der Zivilbevölkerung (kaum jemand wurde einfach nur erschlagen; die Schweden pflegten ihre Opfer langsam und genüßlich zu Tode zu foltern; und sie haben auch nicht die Ausrede, daß das vielleicht irgendwelche schlecht disziplinierte fremdländische Söldner gewesen seien, denn sie kämpften - als einzige Krieg führende Macht - allein mit eigenen Wehrpflichtigen) und die systematische Zerstörung ihrer Existenzgrundlagen ("verbrannte Erde" nannte man das später). Gustav Adolf hatte sicher ein Vielfaches an Opfern auf seinem gut-protestantischen Gewissen von dem, was Karl hätte haben müssen. Aber wie das so ist: Wenn Deutsche die Opfer sind, wirft man das besser nicht mit in die Waagschale, sonst macht man sich bei den politisch-korrekten Gutmenschen in aller Welt unbeliebt; also bleibt es dabei, daß Gustav Adolf ein braver Mann war. Wenn die Opfer dagegen Russen sind, es also eine Parallele zu Hitler gibt (nein, nicht zu Napoléon - der hat auf seinem Rußlandfeldzug ja hauptsächlich deutsche Hilfstruppen verheizt, also war auch er ein braver Mann), dann ist er reif für das Etikett "Kriegsverbrecher". Pech für Karl XII, Glück für Brunner, der an seinem Roman bestimmt gut verdienen wird.

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