IHR KAMPF
von Gitta Sereny[i]
(Der Tagesspiegel, 20.4.2002)
Hauptfiguren waren ein „Stern“-Reporter und ein kleiner Gauner. Vor zwanzig Jahren
erschütterte ein Skandal die Republik: die gefälschten Hitler-Tagebücher. Aber vielleicht war in
Wirklichkeit alles ganz anders. Schlimmer. Die britische Autorin Gitta Sereny (die korrekte
Schreibweise des ungarischen Namens lautet "Serenyi"; nach der Emigrierung ist er durch
Weglassen des Endungs-i anglisiert worden, Anm. Dikigoros) hat monatelang recherchiert und
erzählt eine deutsche Kriminalgeschichte.
Im Dezember 1982 wandte sich der Historiker David Irving an die „Sunday Times“ – mit der
Mitteilung, ein Reporter des Magazins „Stern“, Gerd Heidemann, habe ihm Hitler-Tagebücher
gezeigt. Er schlug der Zeitung vor, sich seiner Fachkenntnisse zu bedienen, um Herkunft und
Echtheit der Tagebücher zu erkunden. Man lehnte sein Angebot ab und schickte statt dessen
mich nach Hamburg.
Bei meinen ersten Treffen mit Heidemann ließ er mich eines der „Tagebücher“ lesen. Der Text
kam mir eher einfältig vor, aber das bewies nicht, dass er gefälscht war. Heidemann besaß
zahlreiche, recht ausgefallene Sammlerstücke, darunter das Original des berüchtigten
„Kommissarbefehls“ sowie eine riesige Sammlung hübscher Gemälde, alle mit „Hitler“ signiert.
Mit Befremden stellte ich fest, dass Dutzende dieser Gemälde um das Ehebett der Heidemanns
herum an den Wänden hingen.
Ich dachte damals, was ich heute noch denke: dass Heidemann kein Gauner, sondern eher ein
Fantast war. Ich glaube nicht, dass er an einer Verschwörung beteiligt war. Rupert Murdochs
Verhandlungen mit dem „Stern“ um die britischen Rechte an den Tagebüchern sorgten unterdessen
in London für Aufregung. Viele Journalisten der „Sunday Times“ waren außer sich darüber, dass
die Veröffentlichung solchen Materials auch nur erwogen wurde. Aber einige von uns fanden, dass
die historische Bedeutung dieser Dokumente solche Einwände überwog. Und wir glaubten, dass wir
genug Zeit haben – drei Wochen –, um sie zu prüfen, bevor die Veröffentlichung, zeitgleich mit
dem „Stern“ in Deutschland, anlief. Ein Prüfungsteam war rasch zusammen gestellt. Wir waren
sieben Leute.
Murdoch berief zur Lagebeurteilung eine Zusammenkunft des Teams ein, vorher sprach ich mit ihm
unter vier Augen in seinem Büro. Ich fragte ihn, was er tun würde, falls das Untersuchungsteam
zu dem Schluss käme, dass man die Echtheit in Zweifel ziehen müsse. Bei begründetem Verdacht,
sagte er, würde er die Veröffentlichung abblasen. Geld hin, Geld her.
Als der „Stern“ erfuhr, dass der „Spiegel“ hinter der Geschichte her war, geriet er in Panik.
Bei der „Sunday Times“ wurde beschlossen, dass wir uns auf die Beteuerungen des „Stern“
verlassen müssten: Die Echtheit des Materials sei eindeutig festgestellt worden.
Innerhalb von zwei Wochen stellte das Bundesarchiv fest, dass es sich um Fälschungen
handelte. Was Heidemann dem Bundesarchiv vorgelegt hatte, waren Seiten aus einer
von mehreren Kladden, die Kujau ihm verkauft hatte. Faszinierenderweise befanden
sich darunter auch zwölf Seiten, auf denen Hitler angeblich seine Vorstellungen
von der „Endlösung“ festgehalten hatte. Sie sollte nicht in Massenmord bestehen,
sondern in der Umsiedlung der Juden nach Sibirien (eine Möglichkeit, die damals
tatsächlich erwogen wurde).
Kujau, der kriminelle Clown
In mir regte sich der Verdacht, dass die eigentlichen Initiatoren dieses Coups viel
beunruhigendere Leute waren als der kriminelle Clown Konrad Kujau oder der naive
Gerd Heidemann. Einige Wochen später erreichte ich, dass die „Sunday Times“ mich
damit beauftragte, die Hintergründe der Affäre zu recherchieren.
Als Heidemann erfolgreicher „Stern“-Reporter war, kaufte er eine Yacht, die „Carin
II“, die einst Hermann Göring gehört hatte. Das Boot wurde Schauplatz für
gesellige Treffen ehemaliger Nazis, mit Heidemann als fasziniertem Gastgeber.
Auch Kujau war fasziniert von NS-Veteranen und Neonazis. Dazu gehörten Hitlers
Fahrer Erich Kempka und Mitglieder der HIAG, der „Hilfsgemeinschaft auf
Gegenseitigkeit der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS“. Mit der Zeit scharte er
eine Gruppe von Sammlern um sich, die sich in seinem Ausstellungsraum in
Stuttgart trafen. Unter ihnen waren mehrere höhere Polizeibeamte und Fritz
Stiefel, ein 53-jähriger Selfmademan aus Stuttgart.
Im Juni 1979 rief Kujau Stiefel an und teilte ihm mit, er habe von seiner letzten Reise nach
Ostdeutschland etwas ganz Besonderes mitgebracht, nämlich ein handschriftliches Tagebuch Hitlers.
Tags darauf wurde ihm in Kujaus Laden eine dünne Kladde
gezeigt, mit der Aufschrift „Jahrbuch der Partei“. Der Text bezog sich auf die
ersten sechs Monate des Jahres 1935.
Kujau sagt in seinem Geständnis,
dass es zu diesem Zeitpunkt noch keine weiteren Tagebücher gab. Er habe bis
dahin nur eines geschrieben. Das ist eine Lüge.
Ich habe festgestellt,
dass in den Vereinigten Staaten schon 1976 ungebundene Versionen von
Hitler-Tagebüchern von Kujau feilgeboten wurden. Sowohl sein früherer Anwalt in
Stuttgart, Peter Stöckicht, als auch sein „Gönner“, ein heute in Florida
lebender, in Deutschland gebürtiger US-Bürger, Wolfgang Schulze, haben mir
bestätigt, dass sie sie in der Hand gehabt haben. Vermutlich hatte Kujau bereits
mindestens sieben Tagebücher für den Verkauf an Privatsammler fertig gestellt.
Am 21. Oktober 1979 feierte Fritz Stiefel in seinem Stuttgarter
Haus eine Party. Unter Stiefels Gästen waren Kujau sowie ein Paar namens
Tiefenthäler. Jakob Tiefenthäler war SS-Angehöriger. Erstaunlicherweise
arbeitete er als Leiter der audiovisuellen Schulung der amerikanischen Armee in
Süddeutschland. Tiefenthäler durfte eines der Hitler-Tagebücher ansehen. Ein
paar Tage nach der Geburtstagsfeier gab er die sensationelle Neuigkeit an
Heidemann beim „Stern“ weiter. Heidemann fuhr prompt zu Stiefel. Er war
überwältigt von dem, was er da zu sehen bekam: nicht nur das Tagebuch, sondern
auch Stiefels Sammlung vermeintlicher Hitler-Gemälde.
Hier nun betritt eine sinistre Figur die Bildfläche. Ich will den Mann „X“ nennen. Wie Kujau
stammt er aus Ostdeutschland; wie Kujau hat er sich in Baden-Württemberg
niedergelassen. Wie Kujau bewegt er sich in der zwielichtigen Nazi-Welt. Unter
dem linken Arm trägt er die Tätowierung der SS. Durch seine Position in der HIAG
kennt er sämtliche überlebenden SS-Größen. Gerd Heidemann kannte X schon seit
zehn Jahren. Er kam regelmäßig zu Besuch, verbrachte Wochenenden und Ferien an
Bord der „Carin II“. Nach seinem Besuch bei Stiefel erzählte Heidemann X von dem
Tagebuch, das er gesehen hatte.
Im Januar 1981 traf Heidemann mit Kujau
zusammen und sagte ihm, der „Stern“ sei bereit, zwei Millionen für 27 Tagebücher
zu zahlen. Einen Monat später kamen die ersten Exemplare „aus Ostdeutschland“. X
weihte Heidemann nun in ein noch sensationelleres Geheimnis ein: Martin Bormann
sei noch am Leben und halte sich in Spanien auf. Er, X, sei in ständiger
Verbindung mit ihm. Er bot an, Bormann einzelne Seiten aus den Tagebüchern zur
Prüfung ihrer Echtheit vorzulegen. Prompt berichtete er nach einer Weile,
Bormann habe sie für echt erklärt. Und: „Martin möchte sich mit Ihnen treffen“.
Heidemann glaubte, der erste Journalist der Welt zu sein, der Bormann
interviewen würde. Doch Martin Bormann machte sich rar.
Auf sein Geheiß kaufte Heidemann Flugtickets für die verschiedensten Orte: nach Zürich, wo
„Martin“ angeblich neben einer Synagoge wohnte, nach Spanien, wo „Martin“ Häuser
besitze, nach Mexiko, wo „Martin“ eine deutsche Kolonie leite. Jedes Mal sagte X
im letzten Moment ab. „Martin fühlt sich nicht wohl“, sagte er. Oder: „Uns wurde
zugetragen, dass jemand Wind bekommen hat.“
Gegen Ende 1982 geschah
etwas, was Heidemann davon überzeugte, dass Martin Bormann tatsächlich noch am
Leben war und für ihn jeden Zweifel an der Echtheit der Hitler-Tagebücher
ausräumte.
Beim „Stern“ in Hamburg war ein eigenes Büro für die kleine
Gruppe eingerichtet worden, die an „Grüne Gewölbe“ arbeitete – dies war der
Tarnname der Redaktion für das Projekt Hitler-Tagebücher. Das waren Thomas
Walde, der Chef des Ressorts Zeitgeschichte, Leo Pesch, ein junger Journalist
und studierter Historiker, und zwei Sekretärinnen. Monatlich gingen etwa drei
Tagebücher ein.
Ende Dezember 1982 stießen sie auf einen Namen, den sie nirgends sonst finden konnten:
Hauptsturmführer Anton Laackman. Ihn hatte Hitler angeblich mit der Überwachung seines
Stellvertreters Heß betraut. Walde und Pesch baten Freunde im Bundesarchiv in Koblenz, für
sie im Berlin Document Centre nach Unterlagen über Hauptsturmführer Laackman zu suchen.
Drei Wochen später bekamen sie dreißig fotokopierte Seiten aus Laackmans
Personalakte. Das war an sich schon eindrucksvoll genug; noch überzeugender aber
war, was Heidemann jetzt vorlegte. Da Laackman in dem Heß-Band als Angehöriger
von Bormanns Stab bezeichnet wurde, forderte Heidemann X auf, „Martin“ nach dem
obskuren SS-Mann zu fragen. Kurz nachdem die „Stern“-Kopien aus Berlin
eingetroffen waren, lieferte X drei Seiten aus Laackmans SS-Akte, die in den
Unterlagen des Document Centre fehlten. Es waren keine Fotokopien, sondern
Originale. Sie waren zweifellos echt. X erzählte Heidemann, er habe die
Dokumente aus Bormanns Schreibtisch in Madrid entwendet.
Das war ein meisterliches Täuschungsmanöver. Ich glaube, dass X eine wesentliche Rolle –
vielleicht die Hauptrolle – im Tagebücher-Schwindel gespielt hat. Ich glaube,
dass von ihm die Fakten stammten, die es Kujau ermöglichten, so viele Tagebücher
zu fälschen. Ich glaube, er hat Heidemann in einem Gespinst raffinierter Lügen
über Martin Bormann gefangen.
Wie hatte X die Laackman-Papiere beschafft?
Ein gewisser Rainer Hess arbeitete als Fotokopierer und Bote in einem der
westdeutschen Staatsarchive, in denen Dokumente über den Zweiten Weltkrieg
aufbewahrt werden. Ende 1982 oder Anfang 1983 begann er, im Auftrag von X,
Dokumente aus den Archiven zu entwenden. Rainer Hess war seit Jahren Kunde im
Waffengeschäft von X.
Zwar hat zweifellos Kujau die Tagebücher
geschrieben und dazu Passagen aus Büchern kopiert, doch ist es unwahrscheinlich,
dass er in der Lage war, die erforderlichen Recherchen zu organisieren und die
zu übernehmenden Inhalte auszuwählen. Sicher, die Tagebücher sind oft banal,
aber wenn man sie ganz liest, erkennt man doch durchgehende Linien politischer
Einsicht und vor allem den wiederholten Versuch darzulegen, dass Hitler kein
fanatischer Antisemit und nicht an den Beschlüssen zur Durchführung des
Völkermords beteiligt war.
Als Kujau angeblich mit diesen komplexen
Recherchen beschäftigt war, hatte er einen sehr geregelten Tagesablauf. Jeden
Werktag ging er morgens aus dem Haus, das er mit Edith bewohnte, und verbrachte
den Tag mit seiner 34-jährigen Assistentin Maria Modritsch. Weder hier noch
dort, so behauptet sie steif und fest, hat er jemals gelesen oder geschrieben.
Wenn er abends nach Hause kam, trank er laut Edith viel und schlief vor dem
Fernseher ein. Erst gegen Mitternacht, nachdem Edith zu Bett gegangen war, ging
er in sein Arbeitszimmer und arbeitete maximal vier Stunden an den Tagebüchern.
Aber wann wählte er die langen Texte aus den Hunderten von
Büchern und Zeitschriften aus, mit denen er seinen gütigen Hitler darstellen
wollte? Als die Polizei im Mai vorigen Jahres Kujaus Haus durchsuchte, fand sie
eine Bibliothek mit Veröffentlichungen über das Dritte Reich, insgesamt 427
Bände. Aber regelmäßige Besucher seines Hauses und seines Ladens, darunter sein
Sohn, versichern, er habe keine solche Bibliothek besessen.
Wo wurden die Bücher aufbewahrt, wer wählte die Passagen aus, die Kujau abschrieb? Wie kamen
sie schließlich in Kujaus Haus, wo die Polizei sie dann fand? Dieses Rätsel
lässt sich leicht lösen, wenn, was ich glaube, X der eigentliche Kopf der
Verschwörung war.
Bis 1981 war Heidemann fast ständig pleite. Die Kosten
für den Unterhalt der Göring-Yacht konnte er von seinem Gehalt beim „Stern“,
netto etwa 60 000 Mark im Jahr, nur sehr mühsam bestreiten. Er hatte sich
angewöhnt, seine Arbeitskollegen, sogar Sekretärinnen, um kleinere Beträge
anzupumpen. Im Jahre 1981, nachdem die „Stern“-Gelder zu fließen begonnen
hatten, ging es mit dem Lebensstil der Heidemanns aufwärts. Sie bezogen eine
Luxuswohnung in Hamburg mit Blick auf die Elbe und mieteten dieselbe Wohnung im
Stockwerk darüber als Heidemanns Büro. Ein paar Monate später mietete er noch
eine Wohnung in der Stadtmitte, außerdem kaufte er zwei Häuser in Spanien. Der
„Stern“ zahlte ihm insgesamt 1,5 Millionen Mark in Form von Vorschüssen und
Prämien für seinen Hitler-„Coup“. Aber die Polizei hat ermittelt, dass Heidemann
von Februar 1981 bis April 1983 2,5 Millionen mehr ausgegeben hat, als er
verdiente. Was der „Stern“ nicht wusste: Heidemanns „direkter Draht“ zu Martin
Bormann über X war sehr kostspielig. X gibt zu, von Heidemann 185 000 Mark für
seine „Spesen“ erhalten zu haben. Die Hamburger Polizei fand Beweise dafür, dass
es mindestens 300 000 Mark waren. Fest steht, dass der Verbleib von gut
vier Millionen Mark aus der „Stern“-Kasse nach wie vor ungeklärt ist.
Meine Recherchen haben ergeben, dass das Tagebuch-Projekt mindestens
zwei echte Schriftstücke von Hitler umfasste. Einmal das „in feinstes Leder
gebundene“ Tagebuch, das Jakob Tiefenthäler mir beschrieben hat. Das andere war
die Denkschrift, die auch der Historiker Eberhard Jäckel bei Fritz Stiefel
gesehen hat, mit der Aufschrift „Jahrbuch der Partei“. Die „Denkschrift“ und
möglicherweise andere, ähnliche, haben sich irgendwann in den Händen von X und
seinen Freunden befunden und wurden zu Mustern für ihr Projekt. Im Jahr 1985,
nach dem Tod von Hitlers zweiter Chefsekretärin Christa Schroeder,
veröffentlichte ein Freund von ihr mit ihrer Autorisierung ihre Erinnerungen
unter dem Titel „Er war mein Chef“. Nach der Lektüre wurde mir klar, dass das
„Jahrbuch“ höchstwahrscheinlich in der letzten Woche vom April 1945 entwendet
worden waren, als Hitler den Auftrag gab, alle seine Briefe, Dokumente und
sonstigen privaten Unterlagen zu verbrennen. Christa Schroeder sagt, sie sei
beim Anblick der halb verbrannten Papiere der Versuchung erlegen und habe ein
„Bündel“ an sich genommen.
Schroeder schreibt auch über eine Denkschrift,
die sie gesehen habe. Schroeders Beschreibung deckt sich genau mit der
Aufmachung der 62 „Tagebücher“. Das ist besonders interessant im Hinblick auf
die einhellige Meinung von Hitler-Zeitgenossen und heutigen Historikern, Hitler
habe „nie geschrieben“. Rochus Misch, der Leiter von Hitlers persönlicher
Telefonvermittlung, hatte oft Nachtdienst direkt vor Hitlers Privaträumen und
erinnerte sich, dass der Führer allnächtlich stundenlang geschrieben und gelesen
hatte, „bis vier oder fünf Uhr“. Oft kamen nachts dringende Nachrichten, sagte
Misch, „und der Befehl lautete, sie ihm zu bringen, falls das Licht noch an
war“. Misch sah oft Papiere und Bücher auf seinem Bett und einen Federhalter in
seiner Hand, wenn die Tür auf- und zugemacht wurde.
Was ich noch herausfand, bevor ich vom neuen „Sunday-Times“-Chefredakteur nach London
zurückbeordert wurde, war, dass Kujau schon Jahre vor dem Ausbruch des Skandals
gegen ein hübsches Sümmchen beauftragt worden war, sechs Tagebücher zu
verfertigen. Als Vorlage sollte ihm dienen, was Hitler in dem „in feinstes Leder
gebundenen Buch“, das unter den von Christa Schroeder geschilderten Umständen
beschafft worden war, in seinen veröffentlichten Reden und in seinen
„Tischgesprächen“ geschrieben beziehungsweise gesagt hatte. Jedes der sechs
„Tagebücher“ gab Hitlers Meinungsäußerungen und Ereignisschilderungen wieder –
jedoch ergänzt durch neue Texte, die die Auftraggeber verfassten und mit der
Absicht zur Verfügung stellten, Hitlers staatsmännische Qualitäten
herauszustreichen. Vor allem wollten sie Hitlers Unschuld im Hinblick auf die
Judenvernichtung betonen.
Der ursprüngliche Plan war, nur sechs
schönfärberische „Tagebücher“ herzustellen, für die Verteilung (nicht den
Verkauf) an Universitäten, Historiker und Medien. Kujau war es, der 1976 damit
anfing, über Mittelsmänner auf dem amerikanischen Markt einzelne
„Tagebuchseiten“ zum Verkauf anzubieten. Kujau wurde gieriger, kaufte, wiederum
heimlich, stapelweise alte Kladden und fing an, die Tagebücher dutzendweise zu
verfertigen. Wir wissen, dass er im Januar 1981, als er Heidemann kennenlernte,
bereits 27 Stück fertig hatte, für die der „Stern“ zwei Millionen Mark ausgeben
würde. Nach langer Suche machte ich den Papierwaren-Großhandel ausfindig, bei
dem die vier Männer – und später Kujau – die Kladden aus der Zeit vor 1945
bezogen hatten, die nirgends mehr erhältlich waren, und ich sah auf einer
Bestellung die Unterschrift von X.
Jeder, der die Literatur über Hitler
und das Dritte Reich kennt und sich die Mühe gemacht hat, die 62 gefälschten
Tagebücher zu lesen, müsste zu dem Schluss kommen, dass sie Elemente enthalten,
die nicht auf Konrad Kujaus Mist gewachsen sein können. Zweifellos hat er die
„Tagebücher“ eigenhändig geschrieben. Absolut jenseits der Fähigkeiten dieses
ungebildeten Gauners war jedoch die kohärente psycho-politische Linie, die in
den Büchern auftaucht. Aber er war gerissen genug, die „sechs Bücher“, die er
unter Anleitung von insgesamt vier Männern geschrieben hatte, für seine Zwecke
auszuschlachten, indem er kleine Teile daraus – eine Zeile hier, einen Absatz da
– an den richtigen Stellen einfügte und dadurch den Leser der 62 Fälschungen mit
einer Intelligenz konfrontierte, von der ein paar Zeilen weiter nichts zu sehen
war. So gelang es ihm, den Grundtenor anklingen zu lassen, den seine
Auftraggeber vorgegeben hatten.
Wenn man aufmerksam liest, begegnet man hier einem Hitler, der ein vernünftiger und einsamer
Mann war, gezwungen zu einem Krieg, den er nicht wollte. Er ist kein Freund der Slawen und der
Juden, hat jedoch zu beiden keine besonders gewalttätige Einstellung. Er hat für seine
Handlanger und Generäle viel bösere Worte als für diejenigen, die er versklaven und ermorden
ließ.
Ein amüsanter deutscher Film und eine ebenso unterhaltsame Satire in Großbritannien haben
dazu beigetragen, dass die Affäre vor allem als Coup eines gerissenen kleinen Gauners im
Gedächtnis blieb – Grund genug für ein paar gewissenlose Leute, bis ans Ende ihrer Tage ein
Lächeln auf den Lippen zu tragen.
zurück zu Schtonk - Ein Eishauch der Geschichte