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Am 17. März 1804 wurde Schillers Schauspiel "Wilhelm
Tell" im Weimarer Hoftheater von 17:30 Uhr bis gegen 23:00 Uhr das erste Mal mit
riesigem Erfolg aufgeführt. Es sollte für viele Jahrzehnte sein erfolgreichstes
Stück werden, aber auch das am meisten von der Zensur verhunzte oder gar
verbotene. Welch tiefe Angst Machthaber vor dem gesprochenen oder gedruckten
Wort befallen kann, zeigt der groteske Fall des Tell-Verbotes durch Hitler 1941.
In den ersten Jahren nach 1933 wurde Schillers "Wilhelm Tell" als
"National- oder Führerdrama" in Deutschland hoch geschätzt. Auf den Bühnen des
Deutschen Reiches war der "Tell" das meistgespielte Stück Schillers. Kaum ein
Lesebuch verzichtete auf Lieder und "Kernsprüche". In zahllosen Aufsätzen und
Reden wurde die politische Aktualität des Schauspiels betont. Fest- und
Lobredner zitierten immer und immer wieder: "Ans Vaterland, ans teure, schließ
dich an." "Unser ist durch tausendjährigen Besitz der Boden"; "Wir wollen sein
ein einzig [häufig falsch: "einig"] Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen
und Gefahr"; exemplarisch die Kundgebung zum Geburtstag Hitlers am 20. April
1933 im Landes-Theater Braunschweig, die mit der Programmfolge endete:
"Horst-Wessellied. - Wilhelm Tell. Rütli-Szene. - Deutschlandlied."
Hitler hatte für das achte Kapitel von "Mein Kampf" die
Überschrift "Der Starke ist am mächtigsten allein" aus dem "Tell" gewählt. Im
Dezember 1934 wurde der Film "Wilhelm Tell" ("frei nach Schiller") uraufgeführt.
Die Darstellerliste wies bekannte Namen wie Emmy Sonnemann, Eugen Klöpfer, Käthe
Haack oder Paul Bildt auf. Der Film selber war künstlerisch und technisch wenig
bedeutsam, sehr frei nach Schiller, auch als politisches Propaganda-Instrument
unbedeutend.
[Immerhin war er den alliierten Besatzern bedeutend genug, daß sie ihn 1945
nicht nur als "nazistischen Propagandafilm" verboten, sondern alle Kopien ausnahmslos
vernichteten, Anm. Dikigoros.]
Am 20. April 1938 wurde der "Tell" im Wiener Burgtheater als
"Festvorstellung zum Geburtstag des Führers" mit großem Pomp und Aufgebot
gegeben.
Damit war es 1941 vorbei. Am 3. Juni verließ eine streng
vertrauliche und von Reichsleiter Martin Bormann unterzeichnete Anweisung das
Führerhauptquartier. Sie war an den Chef der Reichskanzlei, Reichsminister
Lammers, gerichtet und lautete:
"Der Führer wünscht, dass Schillers
Schauspiel "Wilhelm Tell" nicht mehr aufgeführt wird und in der Schule nicht
mehr behandelt wird. Ich bitte Sie, hiervon vertraulich Herrn Reichsminister
Rust und Herrn Reichsminister Dr. Goebbels zu verständigen."
Dieses Schreiben löste einen regen Briefwechsel zwischen verschiedenen Reichsministern
und einflußreichen Parteifunktionären aus.
Goebbels
ließ durch den "Reichsdramaturgen" Schlösser sofort erkunden, wo der "Tell" auf dem
Spielplan stünde; anschließend wurden die Theaterleiter streng vertraulich über das Verbot
informiert. Die Spielzeit 1941/42 erlebte nicht eine einzige "Tell"-Aufführung
im Deutschen Reich oder in den besetzten Gebieten.
Mehr Schwierigkeiten
bereitete die Ausführung des Verbotes im Schulbereich. Ein reger Briefwechsel
entspann sich zwischen verschiedenen staatlichen und parteiamtlichen Stellen,
die ohnehin um Macht und Kompetenz miteinander rangelten. Es ging um die Frage,
ob denn auch "Kernsprüche" aus den Lesebüchern entfernt werden sollten. Zudem
hatte der Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust,
einen Erlaß konzipiert, der über die vorgesetzten Behörden unter einer
Geheimhaltungsstufe die Schulen anweisen sollte, den "Tell" nicht mehr zu
behandeln und für die Entleihung aus Lehrer- und Schülerbüchereien zu sperren.
Dagegen gab es von parteiamtlicher Seite Einwände des Inhalts, daß gerade die
Geheimhaltungsstufe in der gegenwärtigen Kriegszeit zu unerwünschten
Diskussionen führen könne.
Man konnte sich nicht einigen und trug die
Sache wieder Hitler vor. Die "Führer-Entscheidung" lief schließlich darauf
hinaus, daß bei Neuauflagen oder bei der Herausgabe neuer Schulbücher keine
Texte aus dem "Tell" mehr aufgenommen werden sollten. Die Schulleiter wurden
über das Verbot des "Tell" vertraulich informiert, diese vergatterten daraufhin
wiederum die Deutschlehrer, meist in Einzelgesprächen.
Was aber waren
die Gründe, die den Diktator veranlaßten, gegen ein fast 140 Jahre altes
Schauspiel so rigoros einzuschreiten? Der Briefwechsel deutet zwar einiges an,
wird aber an keiner Stelle konkret. Einige Indizien sprechen dafür, daß es wohl
vornehmlich zwei Beweggründe für das Verbot gab:
"Wilhelm Tell" als
moralisch gerechtfertigter Tyrannenmörder
Die Frage des
Tyrannenmordes ist in Schillers Schauspiel zugunsten der moralisch berechtigten
Tötung des Tyrannen entschieden worden, so daß Hitler, der zu Recht um seine
persönliche Sicherheit besorgt war, sich durch Tell-Nachahmer bedroht fühlen
konnte. Außer "Wilhelm Tell" war im übrigen Anfang der vierziger Jahre auch
Schillers "Fiesco" politisch mißliebig geworden, auch wenn es hier nicht zu
einem regelrechten Verbot kam.
Schwerwiegender ist der Hinweis auf den
Hitler-Attentäter Maurice Bavaud, auf dessen Schicksal u.a. Rolf Hochhuth
aufmerksam gemacht hat. Der Schweizer Theologiestudent Bavaud hatte 1938
mehrfach versucht, Hitler zu töten. Er wurde entdeckt, verhaftet und 1939 zum
Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 18. Mai 1941, also wenige Tage vor dem
Verbot, vollstreckt. [Da schreibt so ein dummer Bibliothekar daher, der weder
Schiller richtig gelesen hat noch die historischen Fakten kennt: Der
'Wilhelm Tell' ist eben kein Drama pro Tyrannenmord, es verdammt diesen
vielmehr ganz eindeutig; und selbst wenn es anders wäre, dann wäre
das Stück doch wohl nach den Attentaten von 1938 und 1939 verboten worden.
Anfang Juni 1941 mußte Hitler keinerlei Angst vor einem Attentat haben:
Er war der populärste deutsche Politiker aller Zeiten, mindestens 90% der
Bevölkerung standen hinter ihm. Er sah aus wie der
sichere Sieger des Zweiten Weltkriegs, der Rußlandfeldzug hatte noch
nicht begonnen (ebenso wenig der Holocaust), und in den Kinos lief seit einem guten
halben Jahr der Film "Friedrich Schiller" (den die alliierten Besatzer ebenfalls
1945 verboten). Wenn Hitler an dem Drama etwas störte, dann war es
tatsächlich die Verherrlichung des "Separatismus", Anm. Dikigoros.]
"Wilhelm Tell" als Drama des Separatismus
Trotz der starken Präsenz des letzten vollendeten
Schiller-Dramas im öffentlichen Leben des nationalsozialistisch regierten
Deutschland meldeten schon in den dreißiger Jahren außer den radikalen
Schiller-Gegnern auch Schiller-Verehrer ihre Bedenken gegen das Schauspiel an.
Neben Einwänden gegen den individualistisch handelnden und im Grunde
unpolitischen Titelhelden begegnet man Kritik an der im Schauspiel positiv
dargestellten Loslösung eines Reichsgebietes vom Reich. Es sei Schiller als
Versagen anzurechnen, daß er ein Stück geschaffen habe, welches "den Verlust
eines wertvollen Gebietes für das Deutsche Reich? zum Gegenstand habe. Der
"Abfall eines deutschen Stammes vom Reich" dürfe nicht mit Freude, sondern müsse
mit Schmerz betrachtet werden. Es wurde darauf verwiesen, daß schon Bismarck
dieses "Drama des Separatismus" wenig gemocht habe.
1941 feierte die
Schweiz ihr 650jähriges Jubiläum. "Wilhelm Tell" spielte dabei keine geringe
Rolle. Deutschland nahm offiziell keine Notiz von dem Jahrestag der Gründung der
Eidgenossenschaft, und die Schweiz zeigte - bis auf nationalsozialistisch
orientierte Kreise - kein Interesse an einem Anschluß an das Deutsche
Reich. Dies entsprach natürlich nicht der deutschen "Heim ins Reich"-Ideologie.
Einen Tag vor der Weitergabe des "Tell"-Verbotes hatte sich Hitler gegenüber
Mussolini
nach Aufzeichnungen des Chefdolmetschers Paul Otto Schmidt in
eindeutiger Weise über das Nachbarland geäußert:
"Die Schweiz
bezeichnete der Führer als das widerwärtigste und erbärmlichste Volk und
Staatengebilde. Die Schweizer seien Todfeinde des neuen Deutschland und
erklärten bezeichnenderweise, daß, wenn keine Wunder geschähen, die "Schwaben"
am Ende den Krieg doch noch gewinnen würden.?
Anfang 1942 soll
Hitler bei einem Tischgespräch geklagt haben: "Ausgerechnet Schiller musste
diesen Schweizer Heckenschützen verherrlichen." [4. Februar 1942, gegenüber
Himmler. Das
zeigt nur, daß auch Hitler den 'Tell' nicht richtig gelesen hat, Anm. Dikigoros.]
Aufschlussreich ist auch die
Eintragung in Goebbels' Tagebuch vom 8. Mai 1943: "Der Führer verteidigt [...]
die Politik Karls des Großen. Auch seine Methoden sind richtig gewesen. Es ist
gänzlich falsch, ihn als Sachsenschlächter anzugreifen. Wer gibt dem Führer die
Garantie, daß er später nicht einmal als Schweizerschlächter angeprangert wird!
Auch Österreich mußte ja zum Reich gebracht werden." [Diesen Tagebucheintrag hat
der Schreiberling frei erfunden. Goebbels' Tagebuch vom 8. Mai 1943 befaßt
sich mit folgenden Themen: der militärischen Lage in Nordafrika, der Entdeckung
des Massengrabs der von den Sowjets ermordeten polnischen Offiziere bei Katyn,
der Beerdigung des SA-Führers Viktor Lutze sowie der Ausführungen Hitlers
über den ideologischen Kampf gegen den Bolschewismus, über die
militärische und politische Unzuverlässigkeit der Verbündeten -
insbesondere der Ungarn -, sowie über die Frage von "Recht oder Unrecht",
die einzig und allein davon abhänge, wer den Krieg gewinne oder verliere.
Schiller oder gar den 'Tell' erwähnt Goebbels weder in seinen eigenen
Gedankengängen noch in den Passagen über Hitlers Ausführungen
auch nur mit einem Wort, ebenso wenig Karl den Großen. Hitlers Ausführungen
über den letzteren stammen ebenfalls aus dem Tischgespräch vom 4.2.42, Anm.
Dikigoros.]
Das Verbot des
"Tell" durch Hitler ist ein Beispiel für die Wirkungsmacht von Literatur und für
die Absurdität von Literaturverboten. Mit Schillers
Schauspiel sollte eine Dichtung aus dem öffentlichen Bewußtsein gedrängt und die
nachwachsenden Generationen von jedem Kontakt mit ihr ferngehalten werden, die in Deutschland
und in deutschsprachigen Ländern seit über 100 Jahren zu den bekanntesten und
volkstümlichsten Literaturwerken überhaupt gehörte. Das rigorose Vorgehen gegen
den 'Wilhelm Tell' im national-sozialistischen Diktaturstaat offenbart die
überzeitliche Aktualität des Schauspiels. Die Liste der Zensurmaßnahmen gegen
den "Tell" ist lang. [Endgültig erreicht wurde das Ziel der Ausschaltung
des 'Wilhelm Tell' aus dem Bewußtsein der Bevölkerung aber erst ein halbes
Jahrhundert später im christlich-liberal-sozialistischen Demokraturstaat, was die
anhaltend tiefe Angst der Machthaber vor dem gesprochenen oder gedruckten Wort zeigen mag,
Anm. Dikigoros.] Eine größere Ehrung als im Jahre 1941 wurde Friedrich
Schillers Schauspiel aber wohl nie zuteil. [Natürlich nicht - angesichts der
offenkundig gescheiterten "Wieder"-Vereinigung" zwischen der BRD und der DDR verbietet
sich die Aufführung eines Stückes mit dem Satz "Wir wollen sein ein einzig
Volk von Brüdern" wohl von selber; und auch den Schweizern dürfte die Illusion,
Deutsche, Franzosen, Italiener und "Zugereiste" zu einem "einzigen" Volk verschmelzen
zu können, inzwischen vergangen sein, Anm. Dikigoros.]
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