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Das SOS in
Sachen Liebe kam per e-Mail, aus dem Herzen Europas. „Echte Männer“, so die
ebenso traurige wie erschreckende Botschaft, „sind im Westen sehr schwer zu
finden“. Die Worte trafen mich wie ein Blitzschlag. Nein, nicht dass ich sie als
persönlichen Angriff empfunden hätte – dazu bin ich erstens zu weit weg vom
Geschehen, und zweitens fühle ich mich nach zehn Jahren in Moskau schon halb
russifiziert.
Eine Frau wie Zuckerwatte
Es war die
plötzliche, tragische Wandlung hinter dem Hilfeschrei, die mich so entsetzte.
Die Absenderin, nennen wir sie der Diskretion wegen einfach Dascha, ist eine
Frau wie Zuckerwatte, die eine tiefe russische Seele und einen mathematisch
klaren Verstand hinter dem Äußeren einer Angelina Jolie versteckt.
Obwohl vor gar nicht allzu langer Zeit noch „Lenin-Pionierin“ und
patriotisch bis in die Fingerspitzen, war Dascha spätestens nach dem Studium dem
Vaterland mehr zugeneigt als den vaterländischen Männern; kurzum, nun ja, wie
soll ich es sagen, ihre Waffen einer Frau – und sie ist sehr hochgerüstet –
waren eher Richtung Nato orientiert.
Ehe als
Vollpension
Dascha ist mit ihrem Drang nach Westen alles andere als
eine Ausnahme. Ausländische Männer stehen hoch im Kurs bei Russlands schwacher
Hälfte: Kein Wunder, wo doch viele potentielle russische Partner fürs Leben die
Emanzipation für eine ansteckende Krankheit halten und die Ehe weniger als
Liebesbund sehen denn als lebenslange Vollpension und billige Alternative zum
Kauf von Geschirrspüler und Waschmaschine.
„Affe mit
Handgranate“
„Ein Huhn ist kein Vogel, und eine Frau kein Mensch“,
oder „eine Frau am Steuer ist wie ein Affe mit Handgranate“: Wo Sprichwörter
dieser Art zum kleinen maskulinen ABC-Gehören, liegt der weibliche
Fluchtinstinkt nicht fern. Die russischen Medien begegnen der femininen
Fahnenflucht prophylaktisch mit Berichten über unglückliche Auslandsehen, in
denen abtrünnige Russinnen ihr Überlaufen an der Liebesfront schon mal mit dem
Leben bezahlen mussten.
Ehe-Exil im Ausland
Dascha konnte
solche Propaganda nichts anhaben – offenbar hatte sie ihre mehrmaligen Besuche
im Westen genutzt, um sich ihre ganz persönliche Meinung zu bilden.
Und
so strahlte sie denn auch glücklich wie ein russisches Kind nach dem Besuch des
Väterchen Frostes, als sie mir vor einiger Zeit eröffnete, dass sie am Ziel
ihrer Träume angekommen ist: Im Ehe-Exil im westlichen Ausland, noch dazu im
deutschsprachigen – genauer wollen wir der Diskretion wegen nicht
werden.
Selbstlose Sorge
Es wäre nun eine böse
Unterstellung zu glauben, mein ernster Gesichtsausdruck in jenem Moment sei
etwas anderem als selbstloser Sorge um Dascha entsprungen, oder ich sei gar
befangen gewesen. Jedenfalls blieb meine Fürsorge erfolglos – sie ließ all meine
Warnungen, was Mentalität und Temperament, Sitten und Bräuche angeht, nicht
gelten: „Ach wo, ich komme im Westen wunderbar zurecht“.
Handarbeit
vermisst
Und jetzt diese e-Mail. „Ich glaube, echte Männer formen
sich nur in einer Umwelt, wo physische Arbeit zählt, und wo sie viel mit eigenen
Händen erledigen müssen“ – ich traue meinen Augen nicht – diese Worte, die Böses
ahnen lassen, kommen von Dascha. „In einer Gesellschaft, wo alle Aufgaben gleich
verteilt werden, hören die Frauen auf, Frauen zu sein – und die Männer sind
keine Männer mehr“, schreibt sie, und es folgen drei viel sagende Pünktchen,
über deren tiefere Bedeutung ich mir lieber keine Gedanken machen
möchte.
Der kleine Unterschied
Selbst kleinste
Erledigungen im Haushalt könne der westliche Mann nicht mehr selbst erledigen,
klagt Dascha. Wegen jeder Kleinigkeit werde Mann (West) gleich nervös, und Frau
(Ost) müsse ihm lange geduldig zuhören und ihn beruhigen. „Worin bitte“, so
Daschas bitterböses Fazit, „unterscheiden sich die Männer (West) von den Frauen
(West) außer in den Gehalts-Unterschieden?“
„Kein richtiger Mann“
Aus einer Bruchlandung allein darf man nicht den Schluss ziehen, dass
der Flughafen nichts taugt, möchte ich Dascha gerade schreiben.
Doch
halt, sie steht nicht allein da mit ihren Erfahrungen. Da war die russische
Partnerin meines deutschen Freundes, die sich einst bitter beklagte: „Der ist
kein richtiger Mann! Wenn er wenigstens manchmal richtig schreien und mit der
Faust auf den Tisch schlagen würde.“
Oder die nach Deutschland
emigrierte Kollegin, die sich bitter über ihren Ex-Mann beklagte: „Der spült
inzwischen Geschirr Zuhause, so weit ist es mit ihm gekommen!“
Wie
die Kirschen in Nachbars Garten
So unterschiedlich die Männer in Ost
und West sein mögen – so sehr ähnelt sich offenbar der Krieg der Geschlechter.
Mit den Männern und den Frauen hinter der jeweils anderen Seite des eisernern
Vorhangs ist es wohl kaum anders als mit den Kirschen in Nachbars Garten – man
sehnt sich immer nach dem, was man gerade nicht hat.
Aber soll ich
Dascha das schreiben? Womöglich würde sie mich missverstehen. Vielleicht schenke
ich ihr lieber ein Fitnessstudio-Abo für ihren Angetrauten – oder eine
Abenteuerreise. Zur Abhärtung. Nach Russland.
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