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Joseph Goebbels

(1897 - 1945)

[Goebbels]
[Goebbels' Unterschrift]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1897
29. Oktober: Paul Joseph ("Jupp") Goebbels wird als drittes von fünf Kindern des Buchhalters Friedrich Goebbels und dessen niederländischer Ehefrau Maria (geb. Oldenhausen) in Rheydt bei Mönchengladbach geboren; beide Eltern sind streng katholisch und haben ihn zum Priester bestimmt; er wird infolge beengter finanzieller Verhältnisse zu größter Sparsamkeit erzogen. Einziger "Luxus" ist ein altes Klavier.

1901
Goebbels behält von einer Erkrankung (Kinderlähmung? Knochenentzündung?) oder einem Unfall zeitlebens einen Klumpfuß und ein verkürztes Bein zurück.

1908
ab Ostern: Goebbels besucht die städtische Oberrealschule in Rheydt.

1914
Ostern: Goebbels wechselt auf das Reformgymnasium in Rheydt.
August: Goebbels meldet sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs als Freiwilliger, wird jedoch wegen seiner Gehbehinderung vorläufig als wehruntauglich zurück gestellt.

1917
Ostern: Goebbels legt die Reifeprüfung als Jahrgangsbester ab und hält die Abiturientenrede, nach der ihm sein Schuldirektor sagt: "Ein guter Redner werden Sie nie."
April: Goebbels immatrikuliert sich an der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn für das Fach Altphilologie.
Juni: Goebbels wird als Stabsdienstsoldat eingezogen, aber bald darauf endgültig als wehruntauglich entlassen.
Goebbels immatrikuliert sich erneut an der Universität für die Fächer Germanistik und Geschichte. Er tritt der katholischen Studentenverbindung Unitas bei und erhält ein "Stipendium" (in Form eines Darlehens von 180 Mark pro Semester) vom Albertus-Magnus-Verein.

1918-1920
Goebbels wechselt von Bonn über Freiburg, Würzburg und München an die Universität Heidelberg. Zu seinen wichtigsten akademischen Lehrern zählen die jüdischen Professoren v. Waldberg (der sein Doktorvater wird) und Gundelfinger ("Gundolf"), aber auch der Freiburger Prof. Mehler, der Goebbels' Begeisterung für Benito Mussolini weckt.
Goebbels liest Heine und Raabe ("Der Hungerpastor"), Marx und Engels, Tolstoj und Dostojewskij (in der Übersetzung von Möller van den Bruck, der später - 1923 - "Das Dritte Reich" verfaßt), Strindberg und George.
Politisch tendiert Goebbels damals zu einer Mischung aus Kommunismus und National-Bolschewismus. ("Man kann es den Kommunisten nicht verdenken, daß sie diese Bourgeoisie hassen wie die Pest.")

1921
21. April: Goebbels, der seine Dissertation über "Wilhelm Schütz als Dramatiker" geschrieben hat, wird zum Dr. phil. promoviert.
Wilhelm Schütz (1776-1847), ein harmloser Romantiker, gilt daher seit 1945 als Unperson und wird in keiner Literaturgeschichte mehr erwähnt.

1921-1924
Goebbels versucht vergeblich, eine Anstellung als Journalist oder Dramaturg zu erhalten, auch bei mehreren jüdischen Verlagshäusern (u.a. Ullstein). Ebenso erfolglos bleiben seine Versuche als Schriftsteller (autobiografischer Kurzroman "Michael, ein deutsches Schicksal", Christusdrama "Judas Ischariot", Dante-Abklatsch "Der Wanderer", nach der "Divina Comedia" u.a.). Er liest Spengler, Chamberlain und Wagner.

[Michael]

1923
1. Januar: Goebbels wird auf Vermittlung seiner Freundin Else Janke (einer Halbjüdin) bei der Dresdner Bank in Köln-Klettenberg angestellt (bis August). In den nächsten acht Monaten, der Zeit der Hyperinflation, lernt Goebbels in jenem "Tempel des Materialismus" die "jüdische Hochfinanz" hassen, ebenso die jüdischen Spekulanten und Schieber, welche die einfachen Leute um ihre Ersparnisse bringen. Von da an wird er zum Anti-Kapitalisten und zum Anti-Semiten - was für ihn gleichbedeutend ist.

[Inflation] [Inflation]

17. Oktober: Goebbels beginnt ein umfangreiches Tagebuch zu führen. Die Passagen, welche diese Zeit seines weltanschaulichen Schlüsselerlebnisses behandeln, dürfen bis heute nicht veröffentlicht werden.

1924
21. August: Goebbels gründet nach ersten Kontakten mit national-sozialistischen und "völkischen" Kreisen - darunter auch General a.D. Ludendorff - in Weimar eine Ortsgruppe der "Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung Großdeutschlands", einer Tarnorganisation der seit dem später so genannten Hitler-Putsch verbotenen Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) in Mönchengladbach.
1. Oktober: Goebbels wird Schriftleiter der Wochenzeitung "Völkische Freiheit".

1925
01. März: Goebbels wird Mitglied des Vorstands des Gaus Rheinland-Nord der NSDAP.
29. März: Nach dem Tod von Friedrich Ebert wird der Reichspräsident neu gewählt. Goebbels unterstützt die Kandidatur Ludendorffs, der mit knapp über 1% der abgegebenen Stimmen im 1. Wahlgang letzter wird. (Im 2. Wahlgang siegt Feldmarschall a.D. Paul v. Hindenburg.)
September: Goebbels wird Gaugeschäftsführer und Schriftleiter der "Nationalsozialistischen Briefe", die als Organ des anti-kapitalistischen Flügels der NSDAP um Gregor Strasser und Otto Strasser die zentralistische Parteiführung der "Münchener Bonzen" um Adolf Hitler kritisieren.
Oktober: Goebbels liest Mein Kampf mit gemischten Gefühlen und bleibt auch danach ein "Linker". (Angesichts des Vertrags von Locarno schreibt er - ganz entgegen Hitlers Intentionen in Bezug auf "Lebensraum im Osten": "Eine grauenhafte Aussicht: Deutschlands Söhne werden sich auf den SChlachtfeldern Europas im Dienste des Kapitalismus verbluten. Vielleicht, wahrscheinlich im 'heiligen Krieg gegen Moskau'! Gibt es eine größere politische Infamie?"
November: Goebbels lernt Hitler in Braunschweig persönlich kennen, erliegt der Faszination seiner "großen, blauen Augen" und ändert seine Meinung über ihn grundlegend. Nun sieht er ihn ihm den "geborenen Volkstribun" und "kommenden Diktator".
Dezember: Goebbels ist einer der Hauptredner auf der Schlageter-Feier in Düsseldorf.
Er liest "Das dritte Reich" von Möller van den Bruck und erkennt - noch durchaus kritisch - die Bedeutung des neuen Mediums Radio. ("Der Deutsche vergißt über Radio Beruf und Vaterland... Das moderne Verspießungsmittel!")

1926
Januar: Goebbels liest "Seefahrt ist not" von Gorch Fock.
Februar: Goebbels erkennt auf dem Bamberger Parteitag Hitler als Führer an und wendet sich damit erstmals offen gegen die Gebrüder Strasser.
Mai: Goebbels lernt bei einem Besuch in Bayreuth die Engländer Houston Stewart Chamberlain - Richard Wagners Schwiegersohn - und Winifred Wagner - Richard Wagners Schwiegertochter - persönlich kennen.
Goebbels sieht im Kino den Stummfilm Panzerkreuzer Potëmkin von Sergej Eisenstein, der ihn schwer beeindruckt. ("Man kann von den Bolschewisten, vor allem in der Propganda, viel lernen.")
Juni: Goebbels veröffentlicht sein erstes Buch, "Die zweite Revolution"; es bleibt weitgehend unbeachtet.
Juli: Goebbels beginnt Hitler als "Chef" zu bezeichnen; dieser "undeutsche" Titel behauptet sich im inneren Kreis gegen die von Rudolf Hess zur Verwendung in der Öffentlichkeit geprägte Bezeichnung "Führer".
Oktober: Goebbels wird von Hitler zum Gauleiter von Berlin-Brandenburg ernannt. Im "roten" Berlin zählte die NSDAP bis dahin kaum 500 Mitglieder.
Goebbels beendet seine Liaison mit Else Janke.

1927
4. Juli: Die von Goebbels gegründete NS-Propagandazeitung "Der Angriff" erscheint, zunächst wöchentlich (ab Oktober zweimal wöchentlich, ab November 1930 täglich). Goebbels agitiert darin u.a. gegen den stellvertretenden Polizeipräsidenten von Berlin, Isidor "Bernhard" Weiß, der wiederholt öffentliche Auftritte der NSDAP verboten hat.

[Goebbels] [Goebbels]

1928
Mai: Bei den Reichstagswahlen erreicht die NSDAP nur bescheidene 2,6% der abgegebenen Stimmen, in Goebbels Berliner Wahlkreis sogar nur 1,5%*; dennoch zieht er über den Listenplatz als einer von 12 Abgeordneten der NSDAP in den Reichstag ein.
Goebbels internes Verhältnis zu seinen Fraktionskollegen ist gespannt, insbesondere zu Hermann Göring ("so dumm wie Stroh und so faul wie eine Kröte, [...] ein Haufen gefrorene Scheiße") und zu Julius Streicher ("Dieser bloße Antisemitismus ist zu primitiv [...] Der Jude ist nicht an allem schuld"), aber auch zu General a.D. Franz Epp ("ein Soldat soll aus der praktischen Politik bleiben").
ab Juli: Nach außen profiliert sich Goebbels durch demagogische und cynische Reden gegen einflußreiche Juden und linke Politiker, wobei er sich vor allem auf seinen Lieblingsgegner Gustav Stresemann einschießt. Berühmt wird sein Freispruch in einem auf Veranlassung von Weiß angestrengten Strafprozeß mit der Urteilsbegründung, es könne weder als Beleidigung noch als Verleumdung angesehen werden, einen Juden wahrheitsgemäß als "Juden" zu bezeichnen. (Diese Rechtsprechung wird nach 1945 aufgegeben - seitdem ist dies strafbar, gegenüber Juden als Beleidigung, gegenüber Nicht-Juden als Verleumdung. Was diese neue Rechtsprechung letztendlich besagt, hat sich offenbar noch niemand überlegt.) Sein zusammen mit Hans Schweitzer verfaßtes "Buch Isidor" wird ein Verkaufserfolg.
Weniger gnädig verfahren die Zivilgerichte mit Goebbels: Obwohl er sein Stipendium bereits im Mai 1923 an den Albertus-Magnus-Verein zurück gezahlt hatte (entsprechend der Inflation 10.000 Mark für 960 Mark gewährtes Darlehen), wird er verurteilt, dies noch einmal 1:1 in neuer Währung zu tun, obwohl die herrschende Rechtsprechung sonst alle privaten Darlehen vor der Währungsreform vom November 1923 als 1 : 1.000.000.000.000 abgewertet ansieht.

1929
ab Mai: Bei diversen Landtagswahlen kann die NSDAP ihren Stimmenanteil kontinuierlich steigern, bleibt jedoch vorerst noch im einstelligen Bereich.
2. September: Goebbels sieht - und hört - zum ersten Mal einen Tonfilm, "The Singing Fool [der singende Narr]" und ist einmal mehr schwer beeindruckt. ("Hier liegt eine Zukunft, und wir tun Unrecht daran, daß alles von uns als amerikanisches Gemache abgelehnt wird.")
23. September: Goebbels überlebt ein - offenbar mit stillschweigendem Einverständnis von Teilen der Berliner Polizei verübtes - kommunistisches Attentat.
29. September: Goebbels lernt den SA-Sturmführer (Leutnant) Horst Wessel kennen.
Goebbels agitiert gemeinsam mit dem Medienzaren Alfred Hugenberg gegen den 'Young Plan' und erwirkt einen diesbezüglichen Volksentscheid, der jedoch keinen Erfolg hat, da Hindenburg zum Boykott aufruft, so daß die Mindestbeteiligung (50%) nicht erreicht wird. Dies, obwohl nach dem Börsenkrach vom "Schwarzen Freitag" (24.10.1929) in New York eine weltweite Wirtschaftskrise einsetzt, infolge derer das Deutsche Reich die nunmehr festgesetzten Reparationen gar nicht aufbringen kann.
3. Oktober: Goebbels begrüßt den Tod Stresemanns. ("Hingerichtet durch einen Herzschlag. Ein Stein auf dem Weg zur deutschen Freiheit weggeräumt. Gut so!")
17. November: Nach den Berliner Stadt- und Bezirksverordnetenwahlen stellt die bisher in keinem Berliner Parlament vertretene NSDAP 13 Stadt- und 40 Bezirksverordnete. (Wesentlich größer sind freilich die Gewinne der KPD.)* Dazu tragen maßgeblich zwei Berliner Skandale um jüdische Kreditbetrüger (und deren korrupte Helfer in den "demokratischen" Parteien) bei, die Goebbels im Wahlkampf breit ausschlachten konnte: Die Brüder Barmat waren zwar wegen Kreditbetrugs verhaftet und verurteilt worden, aber auf Bewährung entlassen worden, woraufhin sie sich sofort ins Ausland absetzten; die Gebrüder Sklarek wurden vom Berliner Oberbürgermeister Gustav Böß (aus Stresemanns DDP) gedeckt - der schließlich zurück treten muß. (Nach Böß - der heute als "armes Opfer des National-Sozialismus" gilt - wurde nach 1945 passenderweise die Straße am Roten Rathaus benannt.)

1930
4. Februar: Goebbels gewinnt auf einer Vortragsreise nach Prag von den Tschechen den Eindruck dreckiger, unschöpferischer Parasiten, die das deutsche Prag ruiniert haben, und schreibt nach seiner Rückkehr den Satz: "Hätte der Deutsche doch in der Vergangenheit immer auch soviel machtpolitischen Willen gehabt wie er Kultur hatte, wir wären heute die Herren Europas, vielleicht sogar der Welt."
23. Februar: Horst Wessel wird in Berlin von Mitgliedern der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) brutal ermordet. Goebbels, der darin sogleich einen Stoff "wie aus einem Roman von Dostojewski" erkennt, baut Wessel zum "Märtyrer für das Dritte Reich" auf und stilisiert das alte kommunistische Kampflied "Die Fahne hoch" von 1914 mit einem von Wessel 1927 verfaßten neuen Text zur Partei-Hymne der NSDAP ("Horst-Wessel-Lied") hoch.
Goebbels wird von Hitler zum "Reichspropagandaleiter" der NSDAP ernannt; sein Stellvertreter wird Heinrich Himmler. Goebbels' Hauptaufgabe ist die propagandistische Vorbereitung der Reichstagswahlen, vor allem der Kampf gegen den im März von Reichspräsident Hindenburg ohne parlamentarische Mehrheit zum Diktator berufenen "Hungerkanzler" Heinrich Brüning, der den Millionen Arbeitslosen und Sozialhilfe-Empfängern die ohnehin schon knappe Unterstützung noch weiter zusammen gestrichen hat. Goebbels verspricht den hungernden Wählern Brot und den der Straßenkämpfe Müden einen starken Mann, der Ruhe und Ordnung wieder herstellt und Schluß mit der Korruption und Klüngelwirtschaft der "demokratischen" Parteien macht.

[Wahlplakat: unsere letzte Hoffnung] [Karikatur: Goebbels malt Hitler] [NSDAP-Wahlplakat: Schluss mit der Korruption]

August: Der SA-Oberführer Walther Stennes läßt die Gauleitung der Berliner NSDAP stürmen ("Stennes-Putsch").
Goebbels gelingt es, zwischen Hitler und der SA zu vermitteln (was ihm in der Partei den Vorwurf einträgt, mit Stennes unter einer Decke gesteckt zu haben).
14. September: Bei den Reichstagswahlen gewinnt die NSDAP, einige Jahre zuvor noch eine bloße Splitterpartei, 107 Abgeordnetenmandate. (In Berlin liegt sie allerdings noch immer hinter KPD und SPD.*)
Dezember: Goebbels agitiert gegen den Film der jüdischen Regisseure Lämmle und Milestone "Im Westen nichts Neues", der eindrucksvoll die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus deutscher Sicht schildert und daher von den Nazis als "Schmachfilm" empfunden wird, und läßt die Aufführungen u.a. durch Aussetzen von weißen Mäusen und Buhrufe stören. Er erreicht, daß der Film nach wenigen Tagen abgesetzt wird und daß die gut-demokratische Regierung der Weimarer Republik den gleichnamigen Roman von Erich Maria Remarque, der dem Film zugrunde liegt, verbietet. (Seit 1945 wagt kaum eine deutsche Publikation über Goebbels, diese ruchlose Tat unerwähnt zu lassen.)


1931
19. Dezember: Goebbels heiratet Maria Magdalena ("Magda") Ritschel (geb. Behrend, adopt. Friedländer, gesch. Quandt). Trauzeugen sind der ehemalige Freikorpsführer Franz Ritter von Epp und Hitler. (Die Ehe, aus der sechs Kinder hervor gehen, gilt nach außen als mustergültig; tatsächlich hat der eher polygam veranlagte Goebbels "die schöne Frau Quandt" nur auf Wunsch Hitlers geheiratet, der sie in seiner Nähe wissen will.)

[Goebbels Heirat] [Goebbels Familie]

1932
März/April: Bei den Wahlen zum Reichspräsidenten unterliegt Hitler dem Amtsinhaber Hindenburg in zwei Wahlgängen deutlich, plaziert sich jedoch ebenso deutlich vor dem Kandidaten der Linken, Ernst Thälmann (KPD). Wenige Tage darauf werden die uniformierte SA und SS verboten; die NSDAP steht vor der Pleite.
15. April: Goebbels inszeniert im Berliner Sportpalast ein Rededuell mit Brüning in absentia, indem er Schallplatten mit dessen letzter Rede abspielen läßt und diese dann Satz für Satz hämisch kommentiert. Die Veranstaltung gilt als Goebbels' Meisterstück - die klassische Demaskierung des verlogenen Demokratismus Weimarer Prägung. Das Publikum tobt vor Begeisterung, spendet einen insgesamt sechsstelligen Betrag und saniert so Goebbels' leere Wahrkampfkasse.
24. April: Die NSDAP gewinnt die Landtagswahlen in Preußen.
30. Mai: Brüning tritt als Reichskankzler zurück. Unter seinen - ebenfalls ohne parlamentarische Mehrheit regierenden - Nachfolgern Franz v. Papen und Kurt v. Schleicher geht es mit Deutschland politisch und wirtschaftlich weiter bergab.
Juli: Goebbels organisiert anläßlich der Reichstagswahlen Flüge Hitlers zu öffentlichen Redeauftritten in über 50 Städte des Reiches. Der Erfolg ist überwältigend: Die NSDAP wird am 31.7. mit 230 Abgeordneten stärkste Partei im Reichstag.*
Goebbels übernimmt den im August 1930 von der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und vom "Stahlhelm" gegründeten und seit März 1932 nationalsozialistisch beherrschten "Reichsverband Deutscher Rundfunkteilnehmer für Kultur, Beruf und Volkstum". Dessen "Betriebszellen" sollen in den Funkhäusern bei einer national-sozialistischen Machtübernahme die wichtigsten Funktionen des Sendebetriebs übernehmen.
Auf Goebbels Anordnung beteiligen sich die Nationalsozialisten am Streik der Beschäftigten der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), zu dem die kommunistische Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO) aufgerufen hat.

1933
30. Januar: Hindenburg beruft Hitler zum neuen Reichskanzler. Damit hat Deutschland zum ersten Mal seit drei Jahren wieder eine Regierung mit parlamentarischer Mehrheit.
13. März: Goebbels wird Leiter des neu geschaffenen "Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda"; er ist damit jüngster Minister im Kabinett Hitler-Papen-Hugenberg.
Goebbels erhält durch die so genannte Gleichschaltung nahezu uneingeschränkte Kontrolle über alle Bereiche des Kulturlebens und der Medien. Er konzentriert sich auf den Film und den Rundfunk als Instrumente der Massenbeeinflussung, beschränkt sich jedoch nicht auf politische Indoktrination, sondern verfährt nach dem erklärten Grundsatz: "Radio ist zur Unterhaltung und Entspannung da; wer Kant oder Hegel will, der kann die beiden ja lesen."
Goebbels treibt die Produktion eines für jedermann erschwinglichen Radios, des so genannten Volksempfängers voran, dessen Billigausführung im Volksmund bald liebevoll "Goebbels-Schnauze" genannt wird.

[Volksempfänger] [Volksempfänger] [Volksempfänger]

1.-4. April: Nachdem der amerikanische World Jewish Congress am 23. März dem Deutschen Reich theatralisch den Krieg erklärt und zum weltweiten Boykott deutscher Waren aufgerufen hat, erläßt Goebbels als "Gegenwehr" einen Aufruf an die Bevölkerung zum dreitägigen Boykott jüdischer Geschäfte in Deutschland auf. (Der Aufruf wird freilich kaum befolgt.)



23. April: Goebbels wird in seiner Geburtsstadt Rheydt zum Ehrenbürger ernannt.
10. Mai: Goebbels hält in Berlin die "Feuerrede" bei der durch den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund nach dem Vorbild des Wartburgfestes von 1817 initiierten Bücherverbrennung; betroffen sind vor allem Schundliteratur und politisch unliebsame Werke linker (oft jüdischer) Autoren. Anders als bei den Büchervernichtungen nach 1945 handelt es sich jedoch lediglich um eine symbolische Verbrennung von Einzelexemplaren aus öffentlichen Bibliotheken; der private Handel und Besitz werden nicht verfolgt.

[Bücherverbrennung]

13. September: Goebbels ruft zur Errichtung des "Winterhilfswerks" zum Kampf gegen Hunger und Kälte - Erbe der Weimarer Mangelwirtschaft - auf. (Im Winter 1933/34 werden aus Spendengeldern 16,6 Millionen Menschen unterstützt; danach sinkt die Zahl der Bedürftigen durch die wirtschaftliche Gesundung des Reichs rapide.)
Dezember: Goebbels unterstützt die Ausarbeitung des populären Kulturprogramms der von Robert Ley gegründeten Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" (KdF).

[KdF-Poster]

1934
Goebbels zieht in eine repräsentative Dienstvilla am Berliner Wannsee um und erwirbt ein Wochenendhaus in Saarow-Pieskow am Scharmützelsee. Dort sind seine Nachbarn die tschechische Schauspielerin und Produzentin Anny Ondrakova und ihr Mann, der ehemalige Boxweltmeister Max Schmeling, den Goebbels' Propaganda zum Vorzeige-Arier und Muster-Nazi aufbaut (was dieser - zumindest nach dem Krieg - nie sein wollte).

[Schmeling nach dem Sieg über Hamas] [Ondrakova - Schmeling - Hitler]

30. Juni/1. Juli: Goebbels wird von der "Nacht der langen Messer", in der Hitler auf Drängen konservativer Kreise und der Wehrmacht den Stabschef der SA, Ernst Röhm, und dessen Anhänger in Bad Wiessee verhaften und später ohne ordentliche Gerichtsverfahren hinrichten läßt, völlig überrascht. (Goebbels hatte bis zuletzt geglaubt, es würde die Niederwerfung der "reaktionären" Kreise - auch in der Wehrmacht - vorbereitet.)

[Ernst Röhm]

Dennoch übernimmt es Goebbels, in einer breit angelegten Medien-Kampagne die regierungsamtliche Version von der "Niederschlagung des Röhm-Putsches" zu verbreiten. In diesem Augenblick entscheidet er sich zur Aufgabe seiner letzten "sozialistischen" Ideale und für eine bedingungslose und unkritische Unterstützung Hitlers, dem er - als einziger führender NS-Politiker - bis zuletzt die Treue hält. Dagegen hält Goebbels zur Wehrmacht, insbesondere zu Göring, weiterhin Distanz; sein neuer Lieblings-Gegner wird jedoch der Chef-Ideologe der NSDAP, Alfred Rosenberg, den er als gefährlichen Konkurrenten auf dem Gebiet der Kulturpolitik betrachtet.
Goebbels gibt seine Tagebuchaufzeichnungen vom 1.1.32-1.5.33 unter dem Titel "Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei" heraus.

1935


Um Aufbruchstimmung zu verbreiten, startet Goebbels eine auf Hitler zugeschnittene Propaganda-Kampagne unter dem Motto "Du bist Deutschland". [70 Jahre später wird die rot-grüne Bundesregierung unter dem selben Motto eine ähnliche Kampagne starten.]


1936
7. Februar: In einer jüdischen US-Zeitung erscheint die berühmt-berüchtigte Karikatur des "typischen Aryers": "groß wie Goebbels, schlank wie Goering, blond wie Hess". (Der Witz wird später in leicht veränderter Form - "groß wie Goebbels, schlank wie Goering, blond wie Hitler" - von der Sowjet-Propaganda wieder aufgegriffen.) Wegen seiner Behinderung wird Goebbels von jüdischen Karikaturisten ferner als Affe und Mickey-mouse karikiert.


Goebbels verfügt den Ausschluß von Mitgliedern der Reichskulturkammer, von denen mindestens ein Großelternteil jüdisch ist. Damit geht er über die Ausschlußbestimmungen der so genannten Nürnberger Gesetze hinaus (die Ausnahmen für Halb- und Viertel-Juden vorsehen, und die nicht für Personen gelten, die im Weltkrieg für Deutschland an der Front standen oder deren Söhne, Väter oder Ehemänner für Deutschland gefallen sind). Er orientiert sich vielmehr an den strengeren jüdischen Gesetzen, nach denen es keine "Halbheiten" gibt: Wer von einer jüdischen Mutter geboren ist, ist [Voll-]Jude, auch wenn der Vater kein Jude ist. Wer dagegen von einer "Schickse" geboren ist, gilt als "Goy", auch wenn der Vater Jude ist - dieses Frauenbild beruht auf der Annahme, daß Frauen, egal welcher Religions-Zugehörigkeit, ihre andersgläubigen Männer grundsätzlich mit Glaubensbrüdern betrügen. Auch Goebbels läßt es zu, daß "Mischlinge" durch die Vorlage eidesstattlicher Versicherungen, wonach ihre nichtjüdischen Mütter ihre jüdischen Ehemänner mit Nichtjuden betrogen hätten, zu "Ariern" mutieren.
August: Goebbels inszeniert die Olympischen Spiele von Berlin als große Propaganda-Schau des "Dritten Reiches".


1937
18./19. Juli: Goebbels läßt in München von Adolf Ziegler, dem später als "Schamhaar-Maler" diffamierten Präsidenten der "Reichskammer der bildenden Künste", parallel zwei Ausstellungen organisieren: zum einen (im neu eingeweihten "Haus der Deutschen Kunst") die "Grosse Deutsche Kunstausstellung", zum anderen (in den "Hofgarten-Arkaden") die Ausstellung "Entartete Kunst", bestehend aus 650 Exponaten, von denen man andere Museen "gesäubert" hat. Die letztere Ausstellung läßt Goebbels mit folgendem Text bewerben: "Gequälte Leinwand - Seelische Verwesung - Krankhafte Phantasten - Geisteskranke Nichtskönner - von Judencliquen preisgekrönt, von Literaten gepriesen, waren Produkte und Produzenten einer 'Kunst', für die staatliche und städtische Institute gewissenlos Millionenbeträge deutschen Volksvermögens verschleuderten, während deutsche Künstler zur gleichen Zeit verhungerten. So, wie jener 'Staat' war seine 'Kunst". Seht Euch das an! Urteilt selbst! Eintritt frei. Für Jugendliche verboten". (Die Abgrenzungs-Kriterien sind oft nur schwer nachvollziehbar: So sind z.B. die Werke der "arischen" Maler Barlach, Nolde und Mies van der Rohe objektiv betrachtet nicht weniger, sondern eher noch mehr "entartet" als die einiger jüdischer Maler; dennoch werden sie von Goebbels nicht "aussortiert". Beide Ausstellungen werden alljährlich bis 1944 mit großem Erfolg wiederholt; nach 1945 muß der BRD-Staat viele dieser "entarteten Kunstwerke" erneut für Millionenbeträge aus Steuermitteln von den Alliierten zurück kaufen; die Ausstellungsstücke der "Grossen Deutschen Kunstausstellung" sind dagegen von den Alliierten bei Kriegsende fast ausnahmslos zerstört, die Namen der Künstler - wie in Orwell's Roman "1984" - aus fast allen Lexika getilgt worden.)

[Adolf Ziegler, Die vier Elemente]
[Emil Nolde: 'Der Tanz um das goldene Kalb' (1910)]; diese abstoßend obszöne Schmiererei gilt heute offiziell wieder als 'eines der bedeutendsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts'] [entartete 'Kunst']

Goebbels zwingt Hugenberg zum Verkauf der Universum-Film AG (Ufa) und bringt damit eine der größten Filmgesellschaften in Staatsbesitz. Viele der in den folgenden Jahren entstandenen Filme werden 1945 von den alliierten Besatzern wegen ihrer großen Publikumswirksamkeit verboten; die meisten dieser Verbote bestehen bis heute fort.

1938
August: Magda Goebbels plant die Scheidung, da ihr Mann eine Affäre mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova unterhält. Die Trennung scheitert jedoch am Veto Hitlers.


24. Mai: Goebbels läßt nach dem großen Erfolg der Ausstellung "Entartete Kunst" in Düsseldorf von Hans Severus Ziegler die Ausstellung "Entartete Musik" organisieren. Im Mittelpunkt der Kritik steht der so genannte "Nigger-Jazz".

[Plakat zur Ausstellung 'Entarte Musik': Neger mit Davidsstern bläst Saxofon]

7. November: Der polnische Exilant Herschel Grynszpan (Grünspan) verübt in Paris ein Attentat auf den deutschen Botschaftssekretär Ernst v. Rath. Als Motiv gibt er an, daß die Deutschen seinen Vater als Juden nach Polen abgeschoben hätten. Rath erliegt seinen Verletzungen zwei Tage später.
9. November: Goebbels signalisiert in einer Rede vor der Parteiführung in München, daß anti-semitische Protestaktionen ob jenes Attentats weder vorzubereiten noch durchzuführen seien, daß aber auch nichts gegen "spontan erfolgende Ausschreitungen" unternommen werden solle. Diese Rede wird zum Startsignal für nächtliche Ausschreitungen von SA-Rabauken (überwiegend Gewalt gegen Sachen, wie Geschäfte jüdischer Kaufleute und Synagogen, aber vereinzelt auch Körperverletzungen, davon einige mit Todesfolge). Der Volksmund spricht spöttisch von einer "Reichskristallnacht", da überwiegend Glasscheiben zu Bruch gegangen sind. (In der BRD wird später halbamtlich von "Reichsp[r]ogromnacht" gesprochen, obwohl von einem Pogrom im Sinne des - russischen - Wortes nicht die Rede sein kann.) Deutsche Versicherungen ersetzen die entstandenen Schäden in voller Höhe.

1939
3. September: Nach Beginn des Polenfeldzugs erklären Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg (nicht aber der Sowjetunion, als in Folge des "Hitler-Stalin-Pakts" auch die Rote Armee in Polen einmarschiert), der sich bald zum Zweiten Weltkrieg ausweitet. Goebbels veranlaßt, daß die Propaganda - wie in allen Krieg führenden Staaten - massiv verstärkt wird, u.a. mit Sondermeldungen im Rundfunk und ausgedehnten Wochenschau-Programmen im Kino.

1940
26. Mai: Die erste Ausgabe der von Goebbels gegründeten Wochenzeitung "Das Reich" erscheint. Er verfaßt zahlreiche Leitartikel, die sich vor allem an die gebildeten Schichten des In- und Auslands wenden.
Für Kriegspropagandazwecke im In- und Ausland erscheint die Zeitschrift "Signal", die in fast alle europäischen Sprachen übersetzt wird.

[Titelblatt einer holländischen Ausgabe von 'Signaal', mit Schmeling als Fallschirmjäger]

1941
1. März: Der Jude Theodore Kaufman veröffentlicht in den - offiziell noch neutralen - USA die Denkschrift "Germany must perish [Deutschland muß zugrunde gehen]", in der er fordert, das deutschen Volk durch Zwangssterilisierung aller Männer unter 60 und aller Frauen unter 45 Jahren auszurotten.

[Kaufman: Deutschland muß untergehen]

August: Goebbels liest jenes Buch, macht den "Kaufman-Plan" in Deutschland bekannt und verschärft seinerseits die anti-jüdische Propaganda.
September: Goebbels veranlaßt die Einführung von Davidssternen zur "Kennzeichnung der Juden im Reichsgebiet". Dagegen dringt er mit seinem Anliegen, die 78.000 Berliner Juden sofort "nach Osten abzuschieben", bei Hitler nicht durch.
November: Schlechtes Wetter zwingt Goebbels, einen geplanten Truppenbesuch in Smolensk abzubrechen. Statt dessen bleibt er eine Nacht in der polnisch-litauischen Stadt Wilna und besichtigt das dortige Ghetto. Danach äußert er erstmals offen seine Auffassung, daß man die Juden "irgendwie ausrotten" müsse.

1942
Mai-Juni: Goebbels organisiert in Berlin die anti-bolschewistische Ausstellung "Das Sowjet-Paradies".**
Ein Bombenanschlag jüdischer Terroristen auf die Ausstellung liefert Goebbels Argumente für sein Anliegen, Berlin alsbald "judenfrei" zu machen.

1943
18. Februar: Goebbels ruft in einer Rede im Berliner Sportpalast zum "Totalen Krieg" auf und schließt mit einem leicht abgeänderten Zitat von Theodor Körner, dem bekanntesten Dichter der Freiheitskriege gegen Napoleon: "Nun, Volk, steht auf und Sturm brich los!" Die Zuhörer begleiten die Rede mit frenetischem Jubel. Aber schon zuvor haben sich viele Deutsche angesichts der auf der Konferenz von Casablanca verkündeten Absicht der Alliierten, insbesondere der US-Regierung Roosevelt, den Krieg bis zur bedingungslosen Kapitulation des Reichs fortzusetzen, entschlossen, ihre letzten Reserven zu mobilisieren.

1944
20. Juli: Der Staatsstreichversuch einiger Offiziere um Oberst Schenk von Stauffenberg scheitert nicht zuletzt an Goebbels' reaktionsschnellem Handeln. Er verkündet über den Rundfunk das Mißlingen des Anschlags und vermittelt Telefonate Hitlers mit dem zuvor unentschlossenen Kommandeur des Berliner Wachbataillons, Major Ernst Remer (1912-1997).
Goebbels wird wenig später von Hitler zum "Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz" ernannt.
August/September: Roosevelt bekennt sich offen zum "Kaufman-Plan", läßt diesen von seinem Finanzminister Morgenthau weiter ausarbeiten und auf der Konferenz von Quebec offiziell zum Kriegsziel der Alliierten erklären. Goebbels macht auch den "Morgenthau-Plan" - der die Ausrottung des deutschen Volkes durch Verhungern und die Umwandlung der deutschen Länder in Kartoffeläcker vorsieht - in Deutschland bekannt, schlachtet ihn propagandistisch aus und stärkt so den Widerstandswillen der Deutschen.

1945
28. März: Goebbels schreibt in sein Tagebuch: "Die Geschichte wird uns freisprechen, wenn wir den Krieg gewinnen. Sie wird uns diesen Freispruch versagen, wenn wir ihn verlieren, gleichgültig, aus welchen Gründen das eine oder das andere geschähe."
22. April: Goebbels begibt sich mit seiner Familie zu Hitler in dessen Berliner Führungsbunker.
29. April: Goebbels ist Trauzeuge bei Hitlers Hochzeit mit Eva Braun.
Goebbels wird von Hitler testamentarisch zu seinem Nachfolger als Reichskanzler bestimmt.
1. Mai: Angesichts der bereits in Berlin stehenden sowjetischen Truppen und deren Greueltaten in anderen Städten Deutschlands begeht die Familie Goebbels - wie bereits zuvor die Eheleute Hitler - Selbstmord (vermutlich mit Zyankali-Ampullen).

* * * * *

1948
Louis P. Lochner gibt in Zürich Goebbels' "Kriegstagebücher" der Jahre 1942-43 heraus.

1949-1950
Im liberalen "Bundesländle" Baden-Württemberg erscheinen zwei Biografien, welche die Dämonisierung Goebbels' zum Ziel haben, von Stephan Werner ("Joseph Goebbels. Dämon einer Diktatur") und Curt Riess ("Joseph Goebbels. Dämon der Macht").
Als Antwort veröffentlicht Wilfred v. Oven, Goebbels' im argentinischen Exil lebender ehemaliger persönlicher Referent, "Mit Goebbels bis zum Ende".

1958
Der Kommandant der französischen Besatzungstruppen (seit 1985: "Befreiungstruppen") in Berlin, General Gèze, verbietet in seinem Sektor die Aufführung des von dem jüdischen Regisseur Stanley Kubrick mit dem jüdischen Schauspieler "Kirk Douglas" in der Hauptrolle gedrehten Films "Paths of Glory [Wege zum Ruhm]", der eindrucksvoll die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus französischer Sicht schildert und daher von den Franzosen als "Schmachfilm" empfunden wird. Die Kinos im britischen Sektor, die den Film auf dem Programm haben, läßt er durch bewaffnete Truppenkommandos überfallen und die Aufführungen unterbinden. Er erreicht, daß die gut-demokratische Regierung der Republik Frankreich den Film auf ihrem Territorium verbietet; dem Verbot schließt sich auch die gut-demokratische Regierung der U.S.A. an. (Kaum eine deutsche Publikation wagt, diese brave Tat zu erwähnen, obwohl - oder weil? - das Verbot bis heute fortbesteht.)


1960
Helmut Heiber gibt in Stuttgart Goebbels' Tagebücher der Jahre 1925-26 heraus.

1962
Heibers Goebbels-Biografie erscheint in Berlin.

1971
Heiber veröffentlicht "Goebbels Reden 1932-1939" und "Goebbels Reden 1939-1945".
Die Goebbels-Biografie von Viktor Reimann erscheint. Wiewohl der gebürtige Österreicher zwischen 1938 und 1945 mehrere Jahre in Konzentrationslagern verbracht hat, setzt mit diesem kritisch-sachlichen Werk eine vorübergehende Entdämonisierung Goebbels' ein.

1973
Die kurze, aber umfangreich bebilderte Goebbels-Biografie von Alan Wykes erscheint auf Englisch - und bald darauf auch auf Spanisch - im Ballentine-Verlag und wird in Amerika zum Standardwerk.



1974
Oven veröffentlicht eine erweiterte Neuauflage seiner Goebbels-Erinnerungen unter dem Titel "Finale Furioso. Die letzten Jahre des Krieges an der Seite von Joseph Goebbels".

1977
Mit Zustimmung des Schweizer Rechtsanwalts François Genoud, dem Inhaber der Rechte an Goebbels' Tagebüchern, werden die Aufzeichnungen vom 28.02.-10.04.1945 veröffentlicht. Die Ausgabe ist - außer den ersten 59 Seiten des 28.2. - vollständig, muß jedoch mit einem umfangreichen Vorwort von Rolf Hochhuth versehen werden, von dem sich Genoud als "nicht objektiv" distanziert. Um die Veröffentlichung der übrigen Bände, in deren fysischen Besitz sich das Bundesarchiv gesetzt hat, wird Jahre lang erbittert prozessiert.

1987
Elke Fröhlich gibt im Auftrag des Bundesarchivs und des Münchner Instituts für Zeitgeschichte*** eine stark zensierte Fassung von Goebbels' Tagebüchern der Jahre 1924-1941 heraus.
Ovens drittes Buch über Goebbels erscheint unter dem Titel "Wer war Goebbels? Biographie aus der Nähe". Wiewohl kenntnisreich und sachlich geschrieben, wird es außerhalb "rechter" Kreise ebenso tot geschwiegen wie seine früheren Werke über Goebbels sowie seine beiden Bücher aus dem Jahre 1978 ("Hitler und der Spanische Bürgerkrieg" - äußerst Franco-kritisch - und "Verrat und Widerstand im Dritten Reich"). Zunehmend wird die Geschichtsschreibung in der BRD entsachlicht und zum bloßen Instrument "politisch-korrekter" Indoktrination degradiert. Unerwünschte Fragestellungen oder gar Antworten sind längst unter Strafe gestellt.

1989
Im Zuge dieser Entwicklung wird die "dämonisierende" Goebbels-Biografie von Curt Riess aus dem Jahre 1950, wiewohl in fast allen Punkten überholt, unverändert neu aufgelegt.

1990
Die Goebbels-Biografie des FAZ-Journalisten Ralf Georg Reuth, ein ebenso dicker wie schwafeliger Wälzer, erscheint und wird von unkritischen Kritikern sogleich zur "neuen Standardbiografie des nationalsozialistischen Demagogen" hoch gejubelt. (Tatsächlich muß bereits im nächsten Jahr eine 2., überarbeitete Auflage erscheinen, in der die peinlichsten Fehler stillschweigend korrigiert sind.)

[Tagebücher]

1992
Reuth gibt eine noch stärker zensierte Fassung von Goebbels' Tagebüchern der Jahre 1924-1945 heraus.****

seit 1993
Nach dem 1991 erfolgten Zusammenbruch der Sowjet-Union werden die russischen Archive auch zahlungskräftigen westlichen Historikern geöffnet. In Moskau tauchen vollständige Kopien von Goebbels' Tagebüchern auf. Um einer Veröffentlichung durch Konkurrenten vorzubeugen, entschließt sich das IfZ widerwillig zu einer umfangreichen Neuauflage, die nunmehr die Jahre 1923-45 umfaßt, aber immer noch zensurmäßig gekürzt ist.


1995
Der bis dahin hoch angesehene britische Historiker David Irving gibt die von Fröhlich und Reuth unterschlagenen Teile von Goebbels' Tagebüchern aus dem Jahre 1938 heraus (über 400 Seiten). Dieser Tabubruch bedeutet sein berufliches Todesurteil - fortan wird er als "Nazi" diffamiert und mundtot gemacht. Aufhänger dafür ist Irvings Trugschluß, aus den Tagebüchern ergebe sich, daß Goebbels vom "Holocaust" nichts gewußt habe. (Dieser begann jedoch erst 1942 nach der so genannten Wannsee-Konferenz*****; 1938 förderten die Nazis noch die im Ha'avara-Abkommen mit den deutschen Zionisten vereinbarte Auswanderung der Juden nach Palästina.)

2001
Januar: Nachdem aus immer mehr Quellen unliebsame historische Wahrheiten ans Licht gekommen sind, erläßt das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda das Museum für Kommunikation Berlin zur "Sicherstellung von Quellenmaterial" einen Aufruf an die Bevölkerung, alle noch in Privathänden befindlichen Kriegs- und sonstige "Lebensdokumente" aus der Zeit des "Dritten Reiches" bei den staatlichen Behörden abzuliefern - als Schenkung oder kostenlose Leihgabe. Die BRDDR will damit im Rahmen der Gleichschaltung und nahezu uneingeschränkten Kontrolle über alle Bereiche des Kulturlebens und der Medien ihre Deutungshoheit über die deutsche Geschichte absichern und alle Informationsquellen, die deren Ergebnisse in Frage stellen könnten, beseitigen. Die abgelieferten Dokumente sollen - nach Sichtung und Ausmerzung unerwünschten Materials - der "wissenschaftlichen Öffentlichkeit" - also ausschließlich staatlich besoldeten "Historikern" - zugänglich sein. (Der Aufruf wird freilich kaum befolgt.)

2005
August: Ein Redakteur des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) wird fristlos entlassen, weil er angesichts einer Programm-Gestaltung, die mit permanenter politischer Berieselung die letzten Hörer vergrault, zu schreiben wagt, der Rundfunk sei in erster Linie zur Unterhaltung und Entspannung da, und entsprechende Programm-Änderungen vorschlägt, was ihm als "Verherrlichung und Verharmlosung von Goebbels" ausgelegt wird. Der Vorgang zeigt exemplarisch, welche Fortschritte Meinungsfreiheit und Propaganda seit der Zeit des "Dritten Reiches" in Deutschland gemacht haben.

2006
Juni: Die Neuausgabe der Goebbel'schen Tagebücher wird abgeschlossen. Sie umfaßt knapp 15.000 Seiten in 29 Bänden vom prohibitiven Preis von 2.090.- Euro. Unabhängige Kritiker bescheinigen Elke Fröhlich und dem IfZ durch die Blume, erneut Pfusch abgeliefert zu haben.

2007
Oktober: Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL hetzt gegen die Familie Quandt und ihre "Nazi-Vergangenheit". Für das Verbrechen, mit Goebbels versippt****** zu sein, soll sie Milliarden "Wiedergutmachung" an irgendwelche "Zwangsarbeiter" zahlen - obwohl diese längst umfangreich entschädigt worden sind. Zum Beweis für ihre Erbschuld wird ein Stammbaum veröffentlicht.


*All diese Wahlergebnisse deuten darauf hin, daß Goebbels' Rolle beim Aufstieg der NSDAP im Nachhinein - bereits im "Dritten Reich", aber mehr noch danach - stark überschätzt wurde. Er war weit davon entfernt, den Nazis "das rote Berlin zu erobern"; und auch im übrigen Reich riß er keine Bäume aus. Solange Hitler öffentliches Redeverbot hatte und Goebbels ihn als Hauptredner vertrat, kam die NSDAP praktisch nicht vom Fleck. Das änderte sich erst, als Hitler wieder selber auftreten durfte. Seine rauh-heisere Stimme und seine emotionale Sprechweise faszinierten die Hörer; dagegen hatten Goebbels' Reden inhaltlich zwar ein deutlich höheres Niveau - und auch seine Vortragsweise war weitaus gediegener -, sie wirkten aber irgendwie zu "akademisch" und kamen bei der breiten Masse, insbesondere bei den Arbeitern, nicht an. Sie eigneten sich mehr, um in geschlossenen Gesellschaften vor Anhängern - die ohnehin brav klatschten - oder im Parlament "zum Fenster hinaus" gehalten und später in der Presse abgedruckt zu werden.

**Symptomatisch für die schlechte Vorbereitung des Rußlandfeldzugs nicht nur in militärischer, sondern auch in politischer Hinsicht ist Goebbels' in sich widersprüchliche Propaganda in den besetzten Gebieten. So kann man sich nicht darauf einigen, ob man die anti-bolschewistischen russischen Patrioten für sich gewinnen soll oder aber die Nationalisten der von den Russen - nicht erst seit Sowjet-Zeiten - unterdrückten kleineren Völker. Goebbels fährt nicht nur zwei-, sondern gleich dreigleisig, indem er auch noch an die - vermeintlichen - Anhänger Trotskis appelliert. Letztlich macht diese Schaukelpolitik die Deutschen in den Augen aller "Sowjet-Menschen" unglaubwürdig.

***Einige Jahre später kommt heraus, daß Martin Broszat, der Leiter der IfZ, Mitglied der NSDAP war.

****Während die Aufzeichnungen vom 28.2.-10.4.45 - also fünfeinhalb Wochen - einen Umfang von über 500 Seiten hatten und die 17 Jahre von 1924-41 immerhin von 3.300 Seiten, haben die 21 Jahre der Reuth-Ausgabe insgesamt nur noch etwas über 2.300 Seiten, davon ca. ein Viertel Anmerkungen des Herausgebers. Alle Hinweise auf alliierte Kriegsverbrechen sind sorgfältig getilgt; ebenso fehlen die Tage, an denen kriegsentscheidende und/oder besonders umstrittene Ereignisse (z.B. Hitlers Haltebefehl vor Dünkirchen, Hess' Flug nach Schottland und der japanische Angriff auf Pearl Harbor) statt fanden. Goebbels' Tagebücher sind eine Quelle ersten Ranges, allerdings mehr für seine Person als für die historischen Ereignisse um ihn herum, und auch ersteres nicht durchgehend: Die - offenbar noch unbearbeiteten - Aufzeichnungen bis Ende 1931 zeigen einen labilen, leicht beeinflußbaren, zwischen Höhen und Tiefen schwankenden Menschen, der an sich und der Welt zweifelt. Die Aufzeichnungen danach (bis Ende April 1933) sind für die Veröffentlichung von "Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei" bearbeitet und entsprechend geschönt, also wenig glaubwürdig. Die Aufzeichnungen danach bis zum Juni 1941 zeigen, wie Goebbels mehr und mehr der Wirkung seiner eigenen Propaganda erliegt und den Bezug zur Realität verliert. Ab Juni 1941 sind die Aufzeichnungen nicht mehr von Goebbels selber nieder geschrieben, sondern diktiert und kaum noch persönlich; sie wirken eher wie Kriegspropaganda denn wie Tagebücher und sind am Ende nur noch Wunschdenken. (Symptomatisch dafür ist Goebbels' Haltung zu Italien. Während er die Italiener - einschließlich der fascistischen Parteiführung - zuvor militärisch, politisch und menschlich als völlig minderwertig dartellt, sind sie ab Juni 1941 "bewunderswürdige" Verbündete mit einer "großartigen Führungselite", von denen der "den allerbesten Eindruck" hat. Auch Goebbels zuvor ständig wiederkehrende Haßtiraden gegen seinen Intimfeind Ribbentrop hören schlagartig auf.)

*****Zwar erwähnt Goebbels in seinen Tagebüchern die Wannsee-Konferenz mit keinem Wort; vor dieser äußert er jedoch wiederholt, daß die Juden aus Deutschland zunächst "nach dem Osten abgeschoben" und nach dem Krieg eventuell nach Madagaskar gebracht werden sollten; nach der Konferenz schreibt er dagegen wiederholt, daß diese "ausgerottet" werden müßten; die Änderung in der national-sozialistischen Juden-Politik scheint ihm also nicht entgangen zu sein. Allerdings klagt er noch im Mai 1942 darüber, daß in Berlin 40.000 Juden lebten, die sich nicht ohne weiteres "abschieben" ließen.

******Da in der BRDDR alles, was es im "Dritten Reich" gab, schlecht gewesen sein muß, muß im Umkehrschluß alles, was es nicht gab, gut sein; dazu zählt offenbar auch die Sippenhaft.


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