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WOHIN DER RUBEL ROLLT . . .
GELD REGIERT DIE WELT

oder: Money makes the world go 'round
Von Handel und Wandel
"I soli amici veri sono i soldi. Gli altri vanno e vengono" (Alberto Moravia)
[Moneten sind die einzig wahren Freunde. Die anderen kommen und gehen]

[Moneten]

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE


Warum braucht Dikigoros gleich drei verschiedene Zeitwörter, um einen doch längst allgemein bekannten Sachverhalt wiederzugeben, und was soll das mit "Reisen durch die Vergangenheit" zu tun haben? Nun, liebe Leser, zum einen will er Euch zeigen, daß sowohl rollen als auch regieren als auch "[to go] around" alle vom selben italienischen Wort abstammen, zum anderen, daß alle drei im Grunde genommen gleichbedeutend sind mit reisen, und schließlich, daß Geld die Welt nur dann beherrscht, wenn und weil es sie bereist. Eigentlich sind sowohl die zweite als auch die dritte Zeile der Überschrift Übersetzungen des italienischen "I soldi fan' girar' il mondo [die Moneten machen, daß die Erde sich dreht]". (Nein, liebe romantische Leser/innen, auch wenn einige Spaßvögel mal versucht haben, das zu ändern in "L'amore fa girar' il mondo [die Liebe macht, daß die Erde sich dreht]", haben die Realos diese beiden Sprüche doch bald wieder vereinigt, durch den Nachsatz: "... l'amore per i soldi".) Aber warum meint Dikigoros, daß ausgerechnet der italienische Satz das Original ist? Sagten nicht schon die alten Römer mit Seneca: "pecuniae omnia oboediunt"? Nun, dieser Satz wird zwar oft zitiert, aber er deckt sich nicht genau mit dem, was der italienische Spruch besagt, denn daß alle Welt dem Geld nach (oder wörtlich entgegen) läuft, ist etwas anderes als daß Geld die Welt "regiert". (Und Dikigoros bezweifelt auch ganz entschieden, daß das bei den alten Römern schon so war: Wer damals regierte und Geld brauchte, der ließ sich nicht von den Lobbyisten kaufen, sondern er erhöhte die Steuern!) Überhaupt kann man trefflich streiten, ab wann es so etwas wie Geld in unserem Sinne gibt. Dikigoros vertritt die Auffassung, daß es erst im mittelalterlichen Italien erfunden wurde, nämlich mit dem Giro-Wechsel ([re]girare bedeutet herumreisen und ist verwandt mit regieren, denn es kommt von rex, König - noch im Mittelalter reiste der ständig umher, weil er keinen festen Regierungssitz [eine contradictio in adiecto!] hatte. Bis dahin waren alle Vorläufer des Geldes bloße Waren gewesen, die als Tauschmittel verwendet wurden. Und um Euch das etwas anschaulicher zu machen, läßt Dikigoros diese Reise deutlich früher beginnen als alle anderen (auch wenn er noch nicht persönlich dabei war :-)

Kürzlich hat jemand, der eine "Geschichte des Geldes" geschrieben hat, ihr den Titel gegeben: "Von der Kakaobohne zum Euro". Aber das setzt viel zu spät an, denn die Kultivierung der Kakaobohne (oder jedenfalls ihr Einsatz als Zahlungsmittel) war eine relativ junge Erfindung der mittelamerikanischen Indios aus der frühen Neuzeit. Aber schon in der Steinzeit wurde viel gereist - das lag ganz einfach daran, daß die Lebensgrundlagen für das Raubtier Mensch an ein und dem selben Ort in der Regel nicht lange vorhielten: Wenn er alles eßbare Grünzeug kahl gefressen und alle jagbaren Beutetiere erlegt und verbraten hatte, mußte er wohl oder übel seinen Arsch hoch bekommen (englisch: "to rise") und sich auf Reisen begeben, um ein neues Revier zu finden. Nun ging man damals zwar noch nicht in ein Reisebüro und buchte den nächsten Flug ins vermeintliche Schlaraffenland, aber auch damals kostete so eine Reise schon etwas, und man hatte sie mit etwas zu bezahlen, was manche als Vorläufer des Geldes betrachten. Warum beginnt Dikigoros in der Steinzeit? Nun, liebe Leser, der Begriff "Edel"-Steine ist Euch doch sicher allen geläufig, oder? Freilich konnte man mit denen damals noch nicht bezahlen, denn man hatte noch nicht die technischen Möglichkeiten, sie zu bearbeiten (Edelsteine sind sehr hart), und ein ungeschliffener Diamant ist in jeder Hinsicht unbrauchbar: stumpf und unansehnlich, kann man ihn weder einer Frau um den Hals hängen, um sie herum zu kriegen (was weniger tragisch wäre), noch kann man ihn als Waffe benutzen, um sich das Schlaraffenland zu erkriegen. Wer damals auf Reisen ging und etwas kriegen wollte, nahm als Zahlungsmittel Speer- und Pfeilspitzen aus Feuerstein mit, und wer sich davon nicht beeindrucken lassen wollte, dem wurde es heim gezahlt (wobei "heime" schicken und zur "hel" schicken gleich bedeutend waren). Später, in der Bronze- und Eisenzeit, sollte man mit Speer- und Pfeilspitzen aus Metall bezahlen, und noch später mit Kugeln aus Blei - so genannten "blauen Bohnen". Gewiß, das waren Währungen, die durchaus etwas "galten" - aber würdet Ihr die schon als "Geld" bezeichnen?

Das kommt auf die Definition an. Geld ist ein Tauschmittel, ein indirektes Tauschmittel, und damit das Kennzeichen eines schon fortgeschrittenen Wirtschaftskreislauf, wie ihn der ursprüngliche Tauschhandel nicht brauchte. Ja, ganz am Anfang bedurfte es vielleicht nicht einmal des Tauschhandels. Der Idealfall des Wirtschaftens ist die vollständige Autarkie: Alles, was man braucht, ist vor Ort vorhanden, d.h. wird dort gefunden oder "produziert [hervorgebracht]", be- und verarbeitet, wo der Ver-braucher es braucht. Wenn etwas im Überfluß vorhanden - gefunden, geerntet, produziert - wird, dann kann man damit auf Reisen ziehen und es gegen etwas eintauschen, das man nicht - oder nicht in ausreichender Menge - hat, und das vielleicht ein anderer anderswo im Überfluß hat, während er etwas vom eigenen Überschuß gut brauchen kann. Im Idealfall trifft man sich dabei auf gleichem Wege, d.h. irgendwo an der Grenze, und tauscht Waren, die in etwa den gleichen "Wert" haben - der sich aus Angebot und Nachfrage ergibt. Nun ist das freilich nur eine schöne Theorie; in der Praxis sieht es meist anders aus: Jemand, der reichlich Pfeilspitzen produziert, die sein Nachbar vielleicht nicht freiwillig gegen seine Getreide- und Fleischvorräte tauschen will (denn Pfeilspitzen kann man ja nicht essen, und Tiere zur Not auch mit Fallen erlegen), wird diese Pfeilspitzen notgedrungen - wenn er nicht [ver]hungern will - in eine schöne Reise investieren, d.h. in einen Feldzug, um etwas von den besagten Vorräten des anderen abzu-kriegen. Auf die Dauer kann das allerdings nicht gut gehen, denn wenn das alle machten, gäbe es bald nur noch Produzenten von Pfeilspitzen, und die Bevölkerung würde sich nicht nur durch deren direkten Einsatz, sondern auch durch die indirekte Folge - nämlich den Ausfall der Nahrungsmittel-Produktion und dadurch entstandene Hungersnöte - massiv verringern. Also müssen sich diejenigen, die gerade kein Getreide und kein Fleisch vorrätig haben, darauf besinnen, es anders als mit Gewalt zu bekommen. Vielleicht, indem sie versprechen, es im nächsten Jahr aus der eigenen - dann hoffentlich besseren - Ernte zu erstatten. Wenn der Nachbar ihnen das glaubt, dann haben sie "Kredit" (vom lateinischen Wort "credere", glauben). Aber der Nachbar wird das natürlich nur tun, wenn er für seinen Glauben einen Gegenwert bekommt. [Ja, was glaubt Ihr denn, liebe Leser, warum die ersten Banken die Tempel waren, bei den Griechen nicht weniger als bei den Juden - solche Versprechen waren den Göttern heilig (außer bei den Germanen, deren Götter waren Betrüger, denen das Gold als Fluch behaftet galt, aber das ist eine andere Geschichte :-).] Denn er geht ja ein nicht unerhebliches Risiko ein: Wenn die nächste Ernte des Nachbarn wieder nichts wird, hat er einen Verlust; und wenn sie gut wird, wird die Nachfrage nach Getreide, also dessen Wert, sich verringern. Kurzum, er muß einen Aufschlag verlangen - das ist der Ursprung der "Zinsen". Vielleicht wird er sich als Sicherheit auch ein Stück Metall - gestempelt oder ungestempelt - geben lassen - und damit sind wir beim Ursprung der Sicherheit und... des Geldes. Wir ahnen es schon: Wer auf die Dauer nichts produziert außer Mißernten, der wird irgendwann keinen Kredit mehr bekommen; dem wird nichts weiter übrig bleiben als zur Pfeilspitze zu greifen, bis auch die alle sind.

Und dann? Nun kann es Fälle geben, in denen jemand tatsächlich nichts dafür kann, daß sich seine Ressourcen erschöpfen: Vielleicht haben sich die Bodenschätze erschöpft, die jagbaren Tiere sind wegen irgendeiner Seuche ausgestorben, die Nutzpflanzen einer Klimaverschlechterung zum Opfer gefallen, und die Pfeilspitzler sind allzuoft eingefallen und haben alles, was sie nicht mitnehmen konnten, nach und nach zerstört. Wenn nur eines dieser bedauerlichen Ereignisse eintritt, kann man dem noch abhelfen: Rohstoffe kann man importieren, d.h. vom Nachbarn eintauschen - notfalls auf Kredit -, wenn man das Know-how und die Anlagen hat, um sie zu verarbeiten und Fertigwaren zurück zu geben. Man kann von Jagd auf Tierzucht und vom Beerensammeln auf Pflanzenbau umsteigen, von Tier- auf Pflanzenzucht oder umgekehrt. Wenn man über genügend natürliche Ressourcen - Bodenschätze und/oder fruchtbare Äcker - verfügt, auch zerstörte Betriebe wieder aufbauen. Wenn jedoch alles zusammen kommt, dann bleibt nur noch eines: auszuwandern (wenn möglich mit einer kleinen Reserve an Edelmetall, die man vor der Katastrofe vergraben hatte, als Startkapital) und woanders von vorne zu beginnen.

Das hat Dikigoros alles so geschrieben, als hätten wir es mit Einzelpersonen zu tun. Das stimmt natürlich nicht; in der Praxis waren es immer Gruppen, schon in der Steinzeit, ja von Anbeginn an - niemand ist eine Insel, auch alle anderen Primaten leben in Familien, Horden, Stämmen und Völkern. Wollen wir das alles also auf diese größeren Einheiten übertragen - was vieles erleichtert, denn die Wahrscheinlichkeit, daß sich ein Volk halbwegs "autark" versorgen kann, ist naturgemäß viel größer, als daß dies Einzelpersonen oder kleinen Grüppchen möglich ist. Ist es dann nicht am allerbesten, wenn gleich die ganze Welt ein einziger, großer Markt ist, wie es die Verfechter der so genannten "Globalisierung" behaupten? Schon möglich, jedenfalls in der Theorie; aber in der Praxis...? Nun, schauen wir uns doch einfach mal an, wie das in der Geschichte der "Weltwirtschaft" so abgelaufen ist: Da gab es Länder, in denen die Bodenschätze vergraben lagen - man brauchte sie jedoch dort gar nicht, denn das waren meist zugleich Länder, in denen Apfelsinen, Bananen, Citronen, Kokosnüsse (und Kakaobohnen :-) und allerlei andere Leckereien vor sich hin wuchsen, ohne daß man sich mit dem Ausgraben von Kohle, Metallen oder gar Erdöl die Hände hätte schmutzig mchen müssen. Auf der anderen Seite gab es Länder, in denen die Bodenschätze allmählich knapp wurden, wo man jedoch die Fähigkeit entwickelt hatte, sie auszugraben und zu "veredeln", d.h. sie zu Gebrauchsgütern zu verarbeiten. Diese Länder schickten irgendwann Leute in jene anderen Länder los, um dort Rohstoffe abzuholen und nach Hause zu bringen, sei es durch Kauf, Raub oder Tausch. War das verwerflich? Darüber kann man trefflich streiten, liebe Leser. Dikigoros meint neint, denn auf die Reichtümer der Natur hat derjenige ein moralisches Recht, der am meisten draus macht - deshalb haben die Araber kein Recht auf die Ölquellen, die sie selber nicht auszubeuten wissen und deren Produkte sie selber nicht sinnvoll zu nutzen verstehen; deshalb hatten Schwarzen kein Recht auf die von den Weißen in Afrika errichteten Plantagen; deshalb hatten die Ägypter kein Recht auf den Sinaï, und deshalb hatten die Polen kein Recht auf Schlesien. (Dikigoros hat in den letzten drei Fällen das Plusquamperfekt nicht gebraucht, weil er etwa meint, durch den Zeitablauf oder sonst irgendein Wunder hätten die Räuber - oder ihre Nachkommen - inzwischen ein Recht darauf erlangt, gewissermaßen ersessen, sondern weil es da inzwischen keinen Besitz mehr gibt, an dem irgendwelche werthaltigen Rechte gehalten werden könnten: Der Sinaï, die Kolonialplantagen und Schlesien sind inzwischen ruiniert; das ist bitter, aber kein Grund, dem schlechten Geld gutes nachzuwerfen, etwa indem man sie zurück kauft und den Ägyptern, Negern und Polen das alles wieder aufbaut, damit sie es noch einmal gewaltsam an sich reißen und ruinieren können.)

Andere Länder mögen ganz andere Probleme haben: Vielleicht gibt es bei ihnen genügend Äcker mit Feldfrüchten oder Obstplantagen und genügend Bodenschätze, aber nicht genügend Leute, um sie abzuernten bzw. zu fördern. Was tun? Soll man sie verkommen lassen? Nein, man holt sich eben fremde Leute ins Land, die bereit und in der Lage sind, mitzuhelfen. Da diese an Äckern und Bodenschätzen reichen Länder auch sonst nicht gerade arm sein dürften - jedenfalls im Vergleich mit denen, wo es umgekehrt läuft -, werden sich schon genügend Erntehelfer, Wander- oder Gastarbeit finden, die selbst zu einem eher bescheidenen Lohn bereit sind, das mitzumachen. Auch das findet Dikigoros moralisch noch in Ordnung, denn es ist jedem damit gedient. (Und wenn Regierungen das gesetzlich verbieten, wie in Kalifornien, dann sind solche Gesetze eben dazu da, um umgangen zu werden.) Kritisch wird es schon, wenn solche "Helfer" unfreiwillig, ja gegen ihren Willen, ins Land geholt werden, etwa als Sklaven. Ganz abgesehen von der Moral - wer fragt schon danach - ist doch immer die Gefahr gegeben, daß die eines Tages aufmüpfig werden, ihre Freiheit (pfui!) oder gar ihre Gleichberechtigung (dreimal pfui!) verlangen können; und im schlimmsten Fall kann es zu einem Bürgerkrieg und am Ende zu einer Machtübernahme der ins Land geholten Fremden kommen. (So geschehen in vielen Staaten der Karibik, wo heute die Nachkommen der einstigen Negersklaven herrschen - mit verheerenden Folgen, nicht nur auf Hispaniola, das manchmal auch in unsere Schlagzeilen gerät.) Nun droht diese Gefahr allerdings auch von den freiwillig ins Land gekommenen - auch dafür gibt es mehr als genug Beispiele, auf die wir später zurück kommen werden.

Vorerst ist das alles noch eher harmlos zu nennen, denn Dikigoros ist ja bewußt von der Fiktion ausgegangen, daß es nur um Erntehelfer o.ä. geht, um Leute, die lediglich saisonal, also vorübergehend ins Land kommen und es hinterher wieder verlassen. Und eine größere "eigene" Bevölkerung zu propagieren, bloß um einmal im Jahr genügend Leute beim Kirschenpflücken, Spargelstechen oder bei der Apfelernte zu haben, ist auch nicht unbedingt sinnvoll. Aber die Entwicklung schreitet ja weiter - irgendwann geht es nicht mehr nur um Saisonarbeiter, sondern um Arbeitskräfte in dauerhaft betriebenen Unternehmen, etwa in einer Metall verarbeitenden Fabrik - irgendwo müssen die Dosen für den gerade geernteten Spargel ja herkommen. Soll man die zugereisten Arbeiter da auch nur "saisonal" beschäftigen, oder macht es nicht mehr Sinn, sie länger zu halten, sie besser zu "integrieren" und erst am Ende ihres Arbeitslebens wieder in ihre Heimat zurück schicken - oder gar nicht, denn sie sind ja auch Ver-braucher? Dikigoros hat diese Frage auf vielen seiner "Reisen durch die Vergangenheit" gestreift, sie jedoch nie anders als mit einem klaren "jein" beantwortet. Aber was liegt an seiner persönlichen Meinung - wir wollten uns ja die historische Entwicklung anschauen. Am Anfang stand das Bestreben, diese Leute freiwillig ins Land kommen zu lassen, und man ging - meist zurecht - davon aus, daß sie nach ein paar Jahren, spätestens aber am Ende ihres Berufslebens, freiwillig wieder in ihre Heimat zurück kehrten. Dann spaltete sich die Entwicklung: Einerseits riß die Arbeitslosigkeit ein, weshalb man einen "Anwerbestopp" verhängte; andererseits sank die Geburtenrate, so daß man die Leute, die einmal da waren, gerne gehalten und "assimiliert" hätte, um das auszugleichen - wer sollte sonst dereinst die Renten erwirtschaften? Daß diese Politik verfehlt war, wissen wir heute alle - auch wenn einige vernagelte Polittrottel noch immer nicht wagen, das offen auszusprechen. Man hat gleich zwei Fehler auf einmal gemacht: die guten, arbeitsfähigen und -willigen Ausländer ausgesperrt, zugleich - durch Familien-Zusammenführung, Asylantenflut und Duldung von Wirtschafts-Flüchtlingen all die negativen Elemente in Land geholt, die hier im besten Fall nur schmarotzen, im schlimmsten Fall kriminell werden und in keinem Fall unsere Renten erwirtschaften, sondern uns im Gegenteil immer schwerer auf der Tasche liegen werden, wenn wir nicht schleunigst anfangen, sie wieder hinaus zu komplimentieren.

Nun gibt es aber scheinbar noch eine dritte Lösung, die einige private Unternehmer - was schert uns der Staat? - als den Königsweg ansehen: Warum soll man denn die Rohstoffe mühsam importieren, und um sie zu bearbeiten auch noch Ausländer ins Land holen, deren Anwesenheit früher oder später zu sozialen Spannungen führt? (Auch die Unternehmer unterliegen also dem Trugschluß, daß es die Gastarbeiter seien, von denen jene Spannungen ausgehen, während es in Wirklichkeit die nicht arbeitenden Leute sind, egal ob In- oder Ausländer, denn Arbeitslosigkeit oder gar das Verbot zu arbeiten, verbunden mit dem Zwang, von Sozialhilfe zu leben, verdirbt den Charakter, egal welcher Nationalität er ist, und verleitet die Betroffenen notwendigerweise zur Kriminalität. Aber woher sollen die Herren Politiker und Unternehmer in ihren Elfenbeintürmen das wissen?) Also importieren sie nicht mehr die Rohstoffe und Arbeiter, sondern sie exportieren die Fertigungs-Stätten, d.h. das Kapital, das zu ihrer Errichtung notwendig ist, die Arbeitsplätze, die an ihnen hängen und last not least das Know-how, das auf letzteren - nicht auf der Berufsschule oder aus Leerbüchern! - erworben wird. Einigen scharfsinnigen Beobachtern ist aufgefallen, daß dieser "Dollar-Imperialismus" irgendwie dem alten "Kolonialismus" ähnelt - nur daß damals halt auch viel "Humankapital" export wurde, Leute, die auf den Plantagen, in den Bergwerkenk oder den Kasernen in Übersee ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben ließen - schon damals gab es also "Arbeitsplatz-Export"! Und einige haben sogar bemerkt, daß diese Art Kolonialismus für die so genannten "Kolonialherren" entgegen weit verbreiteter Meinung fast immer ein Verlustgeschäft war, bei dem sie unterm Strich mehr gelassen als gewonnen haben. (Was nicht ausschließt, daß sich auch die "Eingeborenen" als "ausgebeutete" Verlierer fühlten - es gibt nun mal Unternehmungen, bei denen es am Ende keine Gewinner, sondern nur Verlierer gibt.) Aber noch niemandem scheint bisher aufgefallen zu sein, daß jemand, der so "handelt" wie die heutigen Kapital-Exporteure, sich damit in die Position des Steinzeitmenschen begibt, der nichts mehr hat: weder Rohstoffe noch die Kapazitäten zu ihrer Verarbeitung - wovon soll er da auf Dauer leben? Von Kredit? Ihr meint, von den Kapital, das er einst "investiert" hat? Gar von "Gewinnen". Aber wenn er die je erzielen sollte, kommt es zum Schwur, nämlich wenn er versuchen sollte, "sein" Kapital wieder abzuziehen. Warum sollten die "Export-Empfänger" ihn anders gehen lassen als mit leeren Taschen, Schimpf und Schande - oder, wenn ihm das nicht paßt, mit einer gehörigen Tracht Prügel für soviel Dummheit, oder vielleicht gleich einen Kopf kürzer mit den Füßen vorweg?

Dikigoros wüßte auf diese Frage keine Antwort: Der Exporteur hat keinerlei Druckmittel, um das zu verhindern, denn er hat ja nichts mehr in der Hand, weder Rohstoffe noch Fabriken oder Arbeiter - und das Kapitaleigentum steht doch nur auf dem Papier und kann mit einem Federstrich enteignet werden. Die Zeit der Kriegsdiplomatie ist vorbei, als die USA noch ein Kanonenboot zum Yangtsekiang schicken konnten, wenn die Chinesen amerikanische Unternehmer oder Missionare bedrohten - von all den Welteroberern, die auszogen, die Weltmärkte zu erobern, werden nur Investitionsleichen zurück kehren. Es hat sich eben gar nicht so viel verändert seit der Steinzeit, als der Gläubige[r], der seinem Nachbarn Nahrungsmittel auf Kredit lieferte, auch vor dem Dilemma stand: Entweder dessen Ernten werden wieder nichts, dann kann er nicht zurück zahlen, und man kann das ganze als Verlust abschreiben. (Auf die Schnapsidee, dem schlechten Geld gutes hinterherzuwerfen, d.h. die Schulden immer weiter zu stunden, die Wechsel zu prolongieren und womöglich noch neue Kredite nachzuschießen, war man in der Steinzeit noch nicht gekommen: Wer auf Dauer nichts produzierte, mußte verhungern, und Verhungerte konnte keine Kredite mehr zurück zahlen - das war das einzige "Druckmittel", das sie hatten, um neue zu bekommen.) Oder aber er reüssiert und überschwemmt dann den Markt mit der eigenen Ernte - das kann dem Gläubiger womöglich noch mehr Schaden zufügen als ein Totalverlust! Seht Ihr, liebe Leser, genauso ist es auch bei "Geschäften" mit der "Dritten Welt": Entweder, die Afrikaner, Latinos und Chinesen verfrühstücken das, was wir ihnen liefern und lassen die Produktionsanlagen, die wir ihnen gebaut haben, verkommen, dann haben wir Totelverlust - so geschehen eigentlich bisher überall außer in Japan, Taiwan und Korea (Singapur ist ein Sonderfall, den wir hier vernachlässigen können). Oder aber, die lernen damit umzugehen und etwas damit zu produzieren, vielleicht sogar besser - und vor allem billiger - als wir, dann laufen wir Gefahr, vom Weltmarkt verdrängt zu werden... Welche dieser beiden Alternativen soll man da wählen? Dikigoros kann Euch sagen, welche er bevorzugen würde: Keine. Bleibe im Lande, produziere und näre Dich redlich, erlasse ein Exportverbot für so genannte Investitionsgüter und bestimme, daß im Ausland verlorene Investitionen im Inland nicht mehr von der Steuer abgesetzt werden können. (Nein, verboten werden soll das alles nicht; es soll ruhig jeder das Recht haben, aus Schaden klug zu werden - aber bitte auf eigene Rechnung, nicht auf die der Steuern zahlenden Allgemeinheit!)

Schockiert von solch "radikalen" Ansichten, liebe Leser? Sicher fragen sich einige von Euch nun: Wenn das, was Dikigoros da gerade geschrieben hat, zutrifft, dann regiert Welt doch gar nicht die Welt - oder? Nun müssen wir also wieder auf die Frage zurück kommen, was "re-gieren" eigentlich bedeutet. Eben: hin- und her (re-) wandern (girare), also umlaufen, immer wieder den Besitzer wechseln und damit den [Aus-]Tauschhandel erleichtern - und eben das tut das Geld in der heute so genannten "Weltwirtschaft" nicht mehr. Vielmehr sind sowohl die Waren- als auch die Geldströme zu Einbahnstraßen geworden; die Welt ist auf dem Papier in Schuldner und Gläubiger geteilt, in Arbeitsbesitzer und -besitzlose. Leider gibt es kaum Sprachen auf der Welt, die diesen Widerspruch zu differenzieren vermögen (Dikigoros fällt da im Moment nur Hindi ein). Natürlich regiert Geld die Welt - wenn man es denn läßt, und dann herrscht der viel geschmähte "Kapitalismus". Aber im Moment läßt man es nicht, denn im Moment herrscht überall - auch in der so genannten "freien Marktwirtschaft", eine Art Staatsmonopol-Sozialismus, der das Geld außer Landes treibt, aber keine Anreize setzt, es wieder zur Rückkehr zu veranlassen. Sehr Ihr, und damit kommen wir wieder zur Filologie, denn Dikigoros würde es geradezu als Definition einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik betrachten, wenn eine Regierung ihre eigene Bezeichnung wörtlich nähme: re-girare, das Wieder-zurück-wandern-machen des Geldes. (Insoweit liegt auch Alberto Moravia in der fünften Zeile der Überschrift falsch: Das Kennzeichen der Moneten sollte eben auch sein, daß sie "kommen und gehen" - ihr Sinn ist nicht, als totes Kapital bei irgendeinem Geizhals liegen zu bleiben.) Und eben daran fehlt es zur Zeit wieder einmal: Das Geld bewegt sich erneut auf einer Einbahnstraße von uns weg, und kaum etwas kommt zu uns zurück. Wir sind nur noch auf dem Papier Export-Weltmeister, denn in Wirklichkeit wird das, was wir de jure noch "exportieren", de facto längst im Ausland produziert - so ungefähr wie die Münzen der Dritte-Welt-Staaten, die von den Münzprägestätten in England, den USA oder Frankreich direkt an die westlichen Sammler ausgeliefert werden, während sie die Bevölkerung der "Emissions-Staaten" nie zu Gesicht bekommt - oder glaubt Ihr im Ernst, in Rotchina liefen all die schönen Silbermünzen mit den Köpfen Beethovens, Einsteins und Marco Polos um, die Ihr beim Münzhändler für teures Geld kauft? Oder in der Südsee Gedenkmünzen auf Steffi Graf und Boris Becker?

Exkurs. Natürlich sammelt Dikigoros auch Münzen, allerdings nicht so wie ein ernsthafter "Numismatiker" - an ihm ist noch keine Bank, kein Münzhändler und kein Auktionshaus reich geworden. Er kauft keine "Polierten Platten" in eingeschweißten Folien, keine "Komplettsätze" in Luxus-Schatullen (denn er bemüht sich nicht krampfhaft, irgendein "Sammelgebiet" vollständig zu haben), er deponiert auch keine Goldmünzen als "Wertanlage" im Banksafe, sondern er hebt nur umgelaufenes Kleingeld auf, das er am Ende seiner Auslandsreisen übrig hat, weil er nicht einsieht, es mit Verlust zurück zu tauschen, und weil jedes Geldstück für ihn auch ein Stück Erinnerung ist: Wieviel Pulque bekam man für einen Peso? Wieviel Zuckerrohrschnaps für einen Cruzeiro? Wieviel Beer für einen Quarter? Wieviel Cider für einen Shilling und wieviel Whisky für eine Halfcrown, damals, als in England noch nicht das Dezimal-System herrschte? Wieviel Ouzo für eine Drachme? Wieviel Wodka für einen Rubl? Wieviel Slivovic für einen Dinar? Wieviel Sake für 100 Yen? Wieviel vino für 100 italienische Lire und wieviel Raki für 100 Türklira? Und wieviel "Südwein" aus Jérez oder Málaga für eine "perra gorda", damals, vor Spaniens Beitritt zur EG, als selbst bessere Getränke dort noch spottbillig waren und ein halber Liter Cerveza vom Faß keine 5 Pesetas kostete? Ihr findet es banal oder gar geschmacklos, liebe Leser, daß Dikigoros sich vor allem an den Preis alkoholischer Getränke erinnert? Aber in jungen Jahren war er halt noch kein halber Anti-Alkoholiker - und damals schmeckte das alles auch noch nicht so nach genormtem Einheitsgebräu mit genau festgelegten Alkohol- und Zuckergehalt, Farb- und Konservierungs-Stoffen, Flaschenform und -größe -, und wenn er am Ende irgend einer Reise auf irgend einem Flughafen auf irgendeine verspätete Maschine wartete, dann war das einzige, wofür man sein Geld dann noch ausgeben konnte, meist ein Getränk zu überhöhten Preisen, zu denen man "draußen" ein vielfaches davon hätte verzehren können - ein weiterer Grund, weshalb er es lieber mit nach Hause nahm. Exkurs Ende.

(...)

(Fortsetzungen folgen)