Eine Bahnverbindung von Europa über Kleinasien nach Bagdad
und Basra am Schatt el-Arab! Von dort ist es über den Persischen Golf nur
noch ein Katzensprung nach Indien. Um wie viel schneller, sicherer und
bequemer wäre ein solcher Reiseweg gegenüber der herkömmlichen
Schiffsreise rund um Afrika!
Seit den dreißiger Jahren des 19.
Jahrhunderts wälzten die Engländer derartige Pläne, doch als 1869 der
Suezkanal eröffnet wurde, verloren sie aus verständlichen Gründen das
Interesse.
Es war nun das Osmanische Reich, das die strategische und
wirtschaftliche Bedeutung eines Bahnnetzes für die Entwicklung des Landes
erkannte. Jedoch war die finanzielle Situation des Staates katastrophal
und ließ die Verwirklichung derartiger Pläne nicht zu.
Die "Anatolische Bahn"
1875 war das Osmanische Reich bankrott, sämtliche Schuldenzahlungen wurden eingestellt. Der
Krimkrieg und diverse innere Verwicklungen hatten den "kranken Mann am Bosporus" die letzten
Ressourcen gekostet. Es war daher völlig unmöglich, Investoren für den
Bahnbau aufzutreiben. Erst als ein internationales Gremium, dem sogar die
Verfügung über Tabak-, Salz- und Spirituosensteuern sowie einige
Zolleinnahmen übertragen wurde, die finanziellen Belange in die Hand nahm,
besserte sich die Lage, und das Vertrauen potentieller Geldgeber wurde
größer. Sultan Abdul Hamid II. konnte nun seine Bahnprojekte wieder
aufnehmen. Vorerst ging es nur um die "Anatolische Eisenbahn", die das
westliche Anatolien von Konstantinopel bis Ankara bzw. Konya erschließen
sollte.
Zunächst erhielt, mangels anderer Interessenten, die Deutsche
Bank im Jahr 1888 von Sultan Abdul Hamid eine Konzession für den Bau einer
Bahn von Izmit (von Konstantinopel bis Izmit gab es bereits eine kurze
Bahnlinie) nach Angora (Ankara). Dieser Konzessionsvergabe waren lange
Überlegungen und schwere Bedenken der Bank, insbesondere des
Vorstandssprechers Georg von Siemens, über das damit verbundene
finanzielle und politische Risiko vorausgegangen. Eine Kilometergarantie
der türkischen Regierung sollte das finanzielle Risiko des Betriebs der
Bahn minimieren.
Riskantes Unternehmen
Als zusätzliche Sicherheit verpfändete der Sultan die Getreidesteuereinnahmen ganzer
Regionen an die Deutsche Bank. Diese zahlreichen Verpfändungen von Staatseinnahmen an das
Ausland ließen die Einnahmen des Sultans empfindlich schrumpfen, ohne dass dieser bereit
gewesen wäre, seine Ausgabenpolitik zu überdenken.
Bezüglich Mitbeteiligungen namhafter anderer Institute an der
riskanten Sache wurde die Deutsche Bank aber weitgehend enttäuscht. Carl
Fürstenberg, ein potentieller Financier und Chef der Berliner
Handelsgesellschaft, schrieb nach einer Erkundung der Lage, er hoffe, an
dem Ort, an dem die alte Karawanenstraße, die die Bahn ersetzen sollte,
das Meer berührte, "einen fortgesetzten Zug von umfangreichen Karawanen
eintreffen zu sehen. Ich musste aber einige Zeit warten, bis auch nur die ersten
vereinzelten Kamele mit ihren Warenballen sichtbar wurden. Das alles
machte auf mich einen so weltentlegenen und von europäischen
Wirtschaftsbegriffen so weit abweichenden Eindruck, dass der (. . .)
Enthusiasmus stark abflaute".
Carl Fürstenberg kombinierte diese
Erkundungsmission übrigens mit seiner Hochzeitsreise. Was seine Frau dazu
sagte, ist nicht überliefert.
Trotz dieser wenig ermutigenden
Vorzeichen wurde mit dem Bau 1890 begonnen. Erkrankungen, Seuchen und
Raubüberfälle machten den Arbeitern der ausführenden Firma Holzmann schwer
zu schaffen.
Der Anführer einer der Räuberbanden wurde in einer
verzweifelten Aktion zum Vorsteher einer Station ernannt, worauf die
Überfälle in dieser Region schlagartig aufhörten. Der volkswirtschaftliche
Nutzen für Deutschland stellte sich jedoch bald als beachtlich heraus:
Zwei Drittel der Baustoffe sowie der Großteil des rollenden Materials
kamen aus Deutschland. Ende 1892 wurde Ankara erreicht, bis 1896 erfolgte
der Weiterbau eines Abzweigers nach Konya.
Noch vor Fertigstellung der
Anatolischen Bahn zeigte die türkische Seite großes Interesse an einem
Weiterbau der Bahn nach Bagdad, einerseits zur besseren Erschließung des
eigenen Landes, andererseits aus militärischen und auch aus politischen
Gründen, um durch Schaffung eines Transitweges über Bagdad nach Indien dem
englisch dominierten Seeweg Konkurrenz zu machen. Wieder wurden zunächst
die Deutschen angesprochen, die sich vorerst zierten, war doch dieses
Unterfangen das weitaus größere und risikoreichere. Schließlich
entschlossen sie sich aber doch zum Weiterbau.
Bis zur
Konzessionsvergabe war es aber noch ein mühevoller Weg. Wieder mussten
finanzielle Garantien gegeben, technische Probleme, die das Gelände
stellte, gelöst und diplomatische Verwicklungen aus der Welt geschafft
werden. Russland war mit einem Weiterbau über Ankara und Ostanatolien nach
Mesopotamien nicht einverstanden und drohte mit der sofortigen
Einforderung der türkischen Kriegsschuldzahlungen aus 1877/78.
Das
Geld dafür war natürlich nicht vorhanden, daher musste die Bahn über
Südanatolien von Konya weiter nach Adana gebaut werden. Hier galt es
wieder französische und britische Bedenken auszuräumen, da Firmen aus
diesen Ländern in diesem Raum kleinere Stichbahnen zur Küste betrieben.
Erst als sich Wilhelm II. höchstpersönlich für das Vorhaben erwärmte,
konnte 1903 der Bau ab Konya fortgesetzt werden. Allerdings gingen die
Arbeiten nur schleppend voran, weil im Taurus schwieriges Terrain
durchquert werden musste und finanzielle Schwierigkeiten den Bau immer
wieder verzögerten. Da die Türkei praktisch nichts mehr zu verpfänden
hatte, konnte der Staat keine Garantien mehr übernehmen.
1908 brachte
der Aufstand der "Jungtürken", die gegen den Bahnbau mit ausländischem
Kapital eintraten, eine zweijährige Verzögerung mit sich, schließlich
wurde aber doch weitergebaut.
Bei Nusaybin an der heutigen
türkisch-syrischen Grenze, die im Jahr 1918 erreicht wurde, war allerdings
Endstation, weil Mesopotamien im englischen Einflussbereich stand. Auch
der Eintritt der Türkei in den Ersten Weltkrieg sowie davor die Kriege
gegen Italien und auf dem Balkan wirkten sich sehr negativ auf den
Baufortschritt aus, weil die Rekrutierung von Arbeitern und das Auftreiben
von Kapital immer schwieriger wurden. Da die türkische Seite ihren
finanziellen Verpflichtungen zeitweise nicht nachkommen konnte, hatte die
Baufirma des öfteren Probleme, die Löhne der Arbeiter zu zahlen. Prompt
gab es Aufstände der Bauarbeiter, und deutsches Aufsichtspersonal musste
evakuiert werden. Immer schwieriger gestaltete sich auch der Nachschub von
Baumaterial. 1915 wurde die Bahn als militärisches Mittel benutzt, um
durch Truppentransporte und Deportationen den Völkermord an den Armeniern
zu beschleunigen.
Mühsam ausgehandelte Vereinbarungen mit den
Engländern, die schließlich mit einem Weiterbau bis Basra, aber nicht
weiter zum Golf (um eine englische Flussschifffahrtsgesellschaft zu
schützen) einverstanden waren, wurden durch den Ersten Weltkrieg zunichte
gemacht. Gegen Ende des Kriegs brachen die vorrückenden Engländer einen
Teil der von Bagdad nach Norden gebauten Bahntrasse sogar wieder ab.
Schließlich war gegen Ende des Kriegs die Betreibergesellschaft der
Bahn in einer kritischen finanziellen Lage, weil zugesagte türkische
Zahlungen nicht geleistet wurden, nach Bagdad noch 300 km fehlten und die
Bahn ein Spielball internationaler Politik wurde.
An den Staat verkauft
Diese Entwicklung war nicht dazu angetan, die Einnahmen zu
steigern und internationalen Warenverkehr anzuziehen. 1928 wurde die
Bahngesellschaft an den Staat verkauft, der den Kaufpreis in 73
Jahresraten bis ins Jahr 2002 hätte abzahlen sollen. 1944 stellte die
Türkei jedoch die Zahlungen ein, um sie nie wieder aufzunehmen. Die
irakischen Streckenabschnitte gingen 1932 entschädigungslos in den Besitz
des Iraks über, der in den Jahren 1936 bis 1940 die noch verbliebene Lücke
schloss. Der "Taurus-Express" konnte nun direkt von Bagdad nach Istanbul
fahren. In Agatha Christies "Mord im Orient-Express" kam dieser Zug durch
seinen berühmten Fahrgast Hercule Poirot, der damit nach Istanbul reiste,
zu literarischen Ehren.
Die Idee aus der Mitte des 19. Jahrhunderts,
die von den Engländern geboren und von den Deutschen aus höchst
unterschiedlichen Motiven ausgeführt wurde, fand so nach etwa 100 Jahren
ihren Abschluss. Während sich die Deutsche Bank aus reinem
Rentabilitätsdenken in der Sache engagiert hatte, förderte das
Wilhelminische Deutschland aus politischen Gründen das Vorhaben.
Konkurrent Suezkanal
Finanziell gesehen konnte die Bagdad-Bahn die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen.
Durch die späte Fertigstellung wurde sie im internationalen Personenverkehr bald vom
Flugverkehr überholt, denn die Fahrt von Istanbul nach Basra dauerte etwa
drei Tage. Für den Warentransport war der Wasserweg billiger und für
Transporte von Post oder Gütern nach Indien fehlte die Unterstützung der
Engländer, die den Schiffsweg durch den Suezkanal favorisierten.
Allerdings brachte die Bahn durchaus lokale Entwicklungsimpulse mit
sich, etwa die Aufwertung der Häfen Iskenderun oder Mersin durch den
Baumwollexport. Verkehrsströme innerhalb der Türkei wurden etwas
beschleunigt, eine Achse der Industrialisierung wie in Europa wurde die
Bahn aber nie.
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