IDI AMIN
Forest Whitaker spielt die Rolle seines Lebens
Nicht, dass Forest Steven Whitaker in jungen Jahren schon von der
Schauspielerei geträumt hätte. Der Enkel eines Romanautors (ebenfalls
Forest Whitaker) und eines Baptisten-Pfarrers, Sohn von
Versicherungsmann Forest Whitaker Sr. und Laura Francis Smith, die
neben der Betreuung ihrer vier Kinder noch zwei
Universitätsstudiengänge mit Abschluss absolvierte und später als
Sonderschullehrerin die Familie versorgte, schlug erst einmal den
damals typischen Weg einer "gelungenen" afro-amerikanischen
Sozialisation ein. Doch er wurde weder Profi-Footballer noch Absolvent
der Militärakademie West Point, so wie es sich die Eltern eigentlich
gewünscht hatten.
Forest,
am 15. Juli 1961 im texanischen Nest Longview geboren, zu einer Zeit,
als der einzige schwarze Schauspieler von Rang und Namen Sidney Poitier
hieß, wurde wegen seines ungewöhnlichen Vornamens als "kleiner Strauch"
gehänselt. Doch für ihn sollte der Name zum Lebensmotto werden: "Forest
zu heißen, half mir, meine Identität zu finden. Ich versuche, wie ein
Wald zu sein, belebend und ständig wachsend", erzählt Whitaker im
Gespräch. Gewachsen ist der auch in seiner Körperlichkeit raumgreifende
Mann tatsächlich. Erfolgreich arbeitet er mittlerweile als
Schauspieler, Regisseur und Produzent, daneben auch noch als Leiter
eines Digitalfilm-Festivals.
Den ersten weißen Menschen sah der
kleine Forest im Alter von acht Jahren im Fernsehen. Da lebte er mit
seiner Familie bereits im kalifornischen Carson in der Nähe von Los
Angeles. Die ehrgeizige Mutter sorgte dafür, dass er auf die elitäre
Palisades Highschool kam. Ein Privileg, für das er lange Fahrwege auf
sich nahm. Seine große sportliche Begabung brachte ihm ein
Football-Stipendium für das Studium an der California State Polytechnic
University ein. Die Begeisterung für den Sport hielt allerdings nicht
lange an. Eine Rückenverletzung tat ihr Übriges und Whitaker schlug
einen ganz anderen Weg ein: Über die Ausbildung als klassischer Tenor
am Konservatorium der University of Southern California - Whitaker sang
seit seiner Kindheit in einer Rhythm and Blues Band und bekam aufgrund
seiner stimmlichen Begabung wieder ein Stipendium - näherte er sich
schließlich seiner eigentlichen Berufung, der Schauspielerei, und wurde
in der Theater-Abteilung seiner Universität aufgenommen.


Für seine
Darstellung des ugandischen Diktators Idi Amin in "Der letzte König von
Schottland" bekam Forest Whitaker den Oscar als bester männlicher
Hauptdarsteller. Den Golden Globe hat er schon in der Tasche, ebenso
wie den britischen BAFTA-Award und neben zahlreichen anderen
Auszeichnungen auch den Best Actor Award von Cinema for Peace, der ihm
am 12. Februar in Berlin überreicht wurde. Hier treffen wir ihn zum
Gespräch.
Forest Whitaker ging einige Umwege, bis er zur
Schauspielerei fand: Er hatte erst ein Footballstipendium, was er
aufgrund einer Verletzung aufgeben musste, und wurde auch zum
Tenorsänger ausgebildet.
Seine schauspielerische Ausbildung
erhielt der 45-jährige Familienvater in Los Angeles und London.
Highlights seiner Karriere sind seine Rollen in " Crying Game", "Bird",
"Ghost Dog", "Mary" und jetzt "Der letzte König von Schottland". Der
Schauspieler produziert auch und führt Regie.
Als überzeugter
Vegetarier und Peta-Aktivist betreibt Forest Whitaker in Los Angeles
ein vegetarisches Rohkost-Restaurant. Zur Zeit tourt er durch Europa
und Afrika, wo auch "Der letzte König von Schottland" gedreht wurde.
Der
Film erzählt die Beziehung zwischen dem (fiktiven) schottischen Arzt
und Entwicklungshelfer Nicholas Garrigan und dem Diktator Idi Amin.
Auch am Berkeley-Ableger des Drama Studio London erweiterte er das
Repertoire seiner schauspielerischen Techniken, was ihm den Vorteil
einbrachte, über zwei unterschiedliche methodische Ansätze verfügen zu
können. "Ich nutze beide Seiten", erklärt Whitaker, "ich bin im
klassisch amerikanischen Methode Acting ausgebildet, man kann auch
sagen: in dieser klassischen russischen ,innerlichen' Art, aber auch in
dem eher von ,außen' kommenden Ansatz, der eher zur britischen
Tradition gehört." Angesprochen auf seine Rolle als Idi Amin in
Der letzte König von Schottland,
ergänzt der Schauspieler noch, dass ihm hier die "Einfühlung" in einen
fremden Charakter kaum geholfen habe, "ich denke nicht wirklich: Oh,
lass mich eine echt schlechte Erfahrung aus meiner Kindheit entdecken,
die im Zusammenhang mit Idi Amin steht."
"Ich musste Akkordeon spielen lernen, um Idi Amin zu verstehen"
Nach der Schauspielausbildung folgten Auftritte auf der Bühne, etwa in
Hamlet,
Romeo und Julia und
Jesus Christ Superstar. 1982 wurde Whitaker schließlich für die ihm vertraute Rolle eines Football-Spielers in dem Film
Fast Times at Ridgemont High (
Ich glaub', ich steh' im Wald)
entdeckt, in dem auch Sean Penn and Jennifer Jason Leigh mitspielten.
Von da an ging es zügig voran, und die renommiertesten Regisseure
öffneten ihm die Türen mit Rollenangeboten, die teilweise gar nicht für
einen Afro-Amerikaner angelegt waren.
So beeindruckte Whitaker
durch viele kleine, subtil tragende, bis hin zu markanten Nebenrollen,
unter anderen als Vietnam-Soldat in Oliver Stones
Platoon, als Billard-Spieler in Martin Scorseses
The Color of Money und als Fahrer in Barry Levinsons
Good Morning Vietnam. Dann, 1988 der große Durchbruch in Clint Eastwoods Drama
Bird
um die Jazz-Legende Charlie Parker. In dieser Rolle konnte er endlich
sein großes musikalisches und darstellerisches Talent ausspielen. Eine
Golden-Globe-Nominierung war der Lohn sowie der Preis als bester
Hauptdarsteller bei den Filmfestspielen in Cannes.
In den Jahren
danach nahm Forest Whitaker immer wieder im Wechsel Rollen in
Hollywood-Produktionen, in Independent-Filmen und Fernseh-Serien an.
Mal hauchte er als Nebendarsteller den Schlüsselfiguren auf seine
unaufdringlich komplexe Art Leben ein, mal füllte er die Hauptrollen
mit all seiner Kraft und Sensibilität auch in Extremen aus, in jedem
Fall immer sehenswert: als plastischer Chirurg in Walter Hills
Johnny Handsome
an der Seite von Mickey Rourke, als von der IRA gekidnappter britischer
Soldat mit origineller sexueller Vergangenheit in Neil Jordans
Meisterwerk
The Crying Game, als hartnäckig sanft nachforschender Versicherungsvertreter in
Consenting Adults (
Gewagtes Spiel), als schwuler Modemacher in Robert Altmans
Prêt-à-Porter, als amüsierend naiv-religiöses Muttersöhnchen in der all-black-cast von Bill Dukes
A Rage in Harlem…
Forest Whitaker hat in insgesamt 60 Filmen kaum eine schauspielerische
Facette ausgelassen. Irgendwie scheint ihm alles zu gelingen. Kaum
überraschend, dass er sich nun an eine so monströse Gestalt wie den
ugandischen Diktator herantraute. Doch auch hier gibt er sich, mit
einigem Understatement, ganz pragmatisch, eher äußerlich: "Technisch
war das eine schwierige Sache. Ich musste eine neue Sprache lernen,
einen neuen Akzent, musste eine Kultur verstehen, die sehr verschieden
von meiner, der westlichen Welt, ist. Ich musste außerdem Akkordeon
spielen lernen, mich mit der Geschichte des Mannes und des Ortes
auseinandersetzen. Das sind eine Menge Dinge, die es zu verstehen gilt,
um diesen Charakter zu spielen."
Auf
die Nachfrage, dass damit aber noch nicht das Böse Idi Amins erklärt
wäre, gibt Whitaker eine überraschende, durchaus eigenwillige Antwort:
"Dass Idi Amin dann irgendwie verrückt wurde, hatte damit zu tun, dass
er ein geselliger Typ war." Wie das? "Er hat Akkordeon gespielt, ein
geselliges Instrument, das nimmt man, um Partys zu feiern. Er spielte
Rugby, er war Schwergewichtsmeister seines Landes, und alle Soldaten
liebten ihn. Das ist der entscheidende Punkt: Er wollte gemocht werden;
als er im Amt war, hat er genau das versucht. Doch dann zerstritt er
sich mit den Briten, weil die ihm vorschreiben wollten, was er zu tun
hatte; er verwies sie kurzerhand des Landes. Von da an isolierte er
sich zunehmend und plötzlich stand er alleine da. Idi Amin begann, nur
noch als Soldat zu denken, er fühlte sich von Feinden umzingelt und
befürchtete, man wolle ihn umbringen."
Ob er denn den Eindruck
hat, Idi Amin wäre nicht zur Unperson geworden, wenn nur die Umstände
andere gewesen wären. "Es hat definitiv mit den Umständen zu tun! Im
Kern war er ein Soldat, und er war nicht darauf vorbereitet, ein
Politiker zu sein." Eine klare Ansage. Forest Whitaker wirkt mitunter
wie ein Kerl, der jede Menge blutige Steaks verdrücken könnte. Doch
dann vermittelt er mit seinem hängenden linken Augenlid, seinem
wiegenden Schritt und der bärig-harmlosen Art wieder den Eindruck, dass
er keiner Fliege etwas zu Leide tun könnte. Das ließ Regisseur Kevin
Macdonald anfangs zweifeln, ob er überhaupt die richtige Besetzung für
die Rolle des Idi Amin sei. Und doch, jetzt spielt der überzeugte
Veganer und Tierschutz-Aktivist einen der brutalsten afrikanischen
Diktatoren.
Dass sich Forest Whitaker für Der letzte König von Schottland
Kishuaeli und Idi Amins ostafrikanischen Akzent aneignete, führte zu
einigen Problemen. Nicht nur stieg er während der Vorbereitungs- und
der Drehzeit nicht mehr aus seiner Rolle aus, was einige Unruhe bei den
Kollegen und der Regie auslöste, sondern wollte einer amerikanischen
Zeitschrift ein Interview ausschließlich mit seinem neuen Amin-Akzent
geben. Plötzlich stand die Befürchtung im Raum, Whitaker könne zu viel
Empathie mit "seinem Diktator" vermitteln. Und tatsächlich erzählt er,
dass er nach seinen Recherchen überrascht war, wie charmant,
umgänglich, humorvoll und charismatisch Idi Amin gewesen sei: "Ich habe
einfach versucht, ihn in seinen extremen Leidenschaft zu verstehen: Er
liebt Suppe, dann liebt er sie auch total; er hasst Eiscreme, dann
hasst er sie absolut. Im Film sagt Nicholas Garrigan (ein junger weißer
Arzt und fiktiver Weggefährte Amins; Anm. der Red.), dass Idi Amin ein
Kind ist. Das ist tatsächlich wahr in Bezug auf die Naivität, mit der
er sein Land regierte."
Und diese Naivität führte geradewegs zum
Verbrechen? Nein, so einfach will Whitaker es dann auch nicht sehen.
Die Macht und noch etwas ganz anderes könne sehr verführerisch sein:
"Idi Amin stellt sich vor 2000 Leute und ruft ,Uganda, Oyé!', und die
Leute schreien - das ist mächtig, das ist eine Rede, an die man selbst
glaubt. Dann hat er noch die Tänzer hinter sich und die begeisterten
Menschen vor sich: Hey, die Welt, dein Stamm, jeder würde von seinem
Gefühl davon getragen, es ist einfach überwältigend."

"Der letzte König von Schottland": Idi Amin erschreckend nah
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Copyright © FR online 2007
Dokument erstellt am 14.03.2007 um 16:16:02 Uhr
Letzte Änderung am 15.03.2007 um 12:48:27 Uhr
Erscheinungsdatum 15.03.2007
