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EIN FESTE BURG IST UNSER GÖTZE

EIN KAPITEL AUS DIKIGOROS' WEBSEITE
REISEN DURCH DIE VERGANGENHEIT
GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE
Eigentlich ist Dikigoros ja kein großer Freund von Vorreden. Aber in diesem Fall ist er es seinen Lesern schuldig, bevor er sie auf eine mühselige und alles andere als erfreuliche Reise schickt, von der sie aufgrund der Überschrift vielleicht etwas ganz anderes erwarten und von der sie am Ende womöglich enttäuscht wären, wenn er ihnen nicht von Anfang an reinen Wein einschenkt. Diese Reise handelt weder von Martin Luder alias Martinus Lutherus noch vom Protestantismus noch von seinem GötzenGott. Sie handelt auch nicht in erster Linie von festen Burgen, denn dies ist kein Spaziergang durch die Militärgeschichte oder auch nur zu bestimmten Kapiteln derselben. Gewiß, es gab immer wieder Festungen, um die erbittert gekämpft wurde, was viele Menschen das Leben kostete und manchmal sogar Kriege (mit) entschied. Aber Dikigoros will Euch nicht mit nach Sewastopol, Verdun, Lemberg oder ähnlich "wichtige" Orte nehmen - da hätte er viel zu tun; und ein Menschenleben würde wohl nicht ausreichen, um sie alle zu bereisen. Es wäre ja doch immer mehr oder weniger das gleiche: Festungen werden belagert und verteidigt, erobert oder auch nicht; wenn die Belagerer zu schwach sind, dann werden sie früher oder später abziehen; wenn sie zu stark sind, werden die Belagerten früher oder später kapitulieren; denn niemand, der rationell handelt - auch nicht der vernageltste Kommißkopp - wird eine Festung bis zum letzten Steintrümmer, bis zur letzten Patrone und bis zum letzten Blutstropfen verteidigen, wie es die Herren Politiker - die ja für gewöhnlich nicht mitkämpfen und -sterben müssen - immer wieder von ihnen fordern. Wenn Ihr also so etwas sucht, liebe Leser, dann lest hier bitte nicht weiter. Auch dann nicht, wenn etwa die Aussage, daß religiöser Glauben rationellem Handeln oftmals entgegen steht, Eure christlichen, jüdischen oder sonstigen Gefühle verletzen könnte. Dikigoros weiß nicht, ob Luther wußte, welch zweideutigen Satz er da geschrieben hatte. Vielleicht meinte er nur, daß der Glaube an Gott eine feste Burg sei; und mit dem "Reich", das uns bleiben muß, meinte er vielleicht "nur" das Himmelreich; aber rein sprachlich gesehen könnte es auch bedeuten, daß man eine Burg zum Götzen erhoben hat, indem man an ihre Unbezwingbarkeit glaubt, vielleicht qua Gottes Fügung. (Obwohl der bekanntlich meist auf der Seite der stärkeren Bataillone steht :-) Jedenfalls haben das viele später so ausgelegt. Aber es gab auch diejenigen, die sich zwar in durchaus irdischen Festungen verschanzten, aber nicht, um sie aus militärischer ratio zu verteidigen, bis es keinen Sinn mehr hatte, sondern auch noch darüber hinaus, um ihres Glaubens willen, dessen Aufgabe sie den Tod vorzogen. Es gibt offenbar Religionen und Ideologien (wenn man das denn so trennen kann, wie die Christen - aber eigentlich nur die Christen - das heutzutage tun), deren Anhänger dazu bereit waren - und sind? Nein, liebe Leser, die Ihr jetzt von Dikigoros eine neuerliche Suada gegen die Muslime erwartet (oder befürchtet :-) - der Islām eignet sich für diese Art des Glaubens-Bekenntisses nicht. Denn hier geht es nicht um Selbstmord-Anschläge zur Vernichtung der Feinde unter Aufopferung des eigenen Lebens, sondern um kollektive Selbstmord-Aktionen, die nicht dem Feind schaden können, sondern nur den Akteuren selber, die ihren Glauben nicht aufgeben wollen, und das ist dem Muslim verboten; statt dessen gebietet ihm Allah "Tāqija" oder einfach die Flucht; deshalb haben sie sich die besten Gelegenheiten, in diese Geschichte einzugehen - 1492 in Granada und 1881 in Göktepe - entgehen lassen. (Geholfen hat es ihnen nichts; denn die Scheinkonvertierten von Granada wurden durch die Spanier später ebenso nieder gemacht wie die Geflohenen von Göktepe durch die Russen :-) Und als Schauplatz solcher radikalen Demonstrationen eines "festen Glaubens" eignen sich offenbar "feste Burgen" besonders gut.
Einige der in der Überschrift genannten Orte werden Euch, liebe Kinder des 20. Jahrhunderts, nichts oder nicht viel sagen, oder Ihr werdet sie für olle Kamellen halten, die sozusagen verjährt sind. Aber täuscht Euch nicht - Dikigoros hat die Paarungen nicht umsonst so zusammen gestellt, daß deutlich wird, wie die Erinnerung über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende erhalten geblieben ist und Wiederholungen inspiriert hat, wobei er einen Fall oben ausgelassen hat, weil ihm "von Xánthos zu Xánthos" zu einfallslos geklungen hätte - er wird ihn Euch aber unten nicht vorenthalten.
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Wir schreiben das Jahr 1826. Mitten im Sumpf steht die gleichnamige Festung, in der allmählich die Lebensmittel knapp werden - die Türken haben den Insassen die Zufuhr abgeschnitten. Wofür sie hier kämpfen wissen die barfüßigen, zerlumpten "Kleften [Räuber]" selber nicht so genau, d.h. sie wußten es bis vor kurzem nicht. Den Griechen - zumindest ihrer Ober- und Mittelschicht - ging es im Osmanischen Reich eigentlich so gut wie nie zuvor: Zusammen mit den Armeniern und den Juden kontrollierten sie weitgehend die Wirtschaft, und das war ja das, worauf es ankam - auf die schlecht bezahlten und gefährlichen Jobs in Militär und Verwaltung konnte man gut und gerne verzichten. Aber dann waren kluge Leute aus dem fernen Evrópi gekommen, sie sich "Philhellenen [Freunde der Griechen]" nannten und ihnen von einer neuen Errungenschaft erzählt hatten, die es seit der französischen Revolution von 1789 gab: dem "Nationalismus". Einer dieser klugen Freunde war sogar ein waschechter Lord aus England, Wírωn hieß er. (Er selber nannte sich penetrant "Mpairon", weil er nicht wußte, wie sich ein griechisches Wita und ein griechisches I-psilon richtig aussprechen; aber die Griechen lassen ihm das bis heute nicht durchgehen :-) Wie und warum er seine Freundschaft für Griechenland entdeckt hatte? Nun, erstens war er schwul, und das war in Griechenland - anders als in den meisten anderen Ländern der Welt - nicht strafbar, und zweitens war er aus England, Frankreich und Italien verjagt worden, weil er überall "Volks-Aufstände" anzuzetteln versucht hatte, denn künftig sollte ja jedes Volk einen eigenen Staat haben, also auch die von den Türken unterdrückten Griechen. (Nicht aber die von den Engländern unterdrückten Schotten, Waliser und Iren, versteht sich, ebenso wenig die von den Franzosen unterdrückten Bretonen, Flamen, Elsässer und Basken.) Als gebildeter Mann hatte Lord Byron (wie ihn die Angelsachsen schreiben - und die Deutschen, die ihnen ja immer alles nachmachen müssen :-) Altgriechisch und Lateinisch gelernt und auch einige antike Autoren gelesen, u.a. einen gewissen Diodorus Sicilus, der wiederum einen gewissen Ktesias gelesen hatte, der wiederum einen ungewissen Perser oder Meder gelesen hatte, der von einem König "Sardanapalos" berichtet hatte... Gähn, unsere guten Kleften waren schon wieder eingeschlafen, und auch in Europa sollte es noch lange dauern, bis dieses langweilige Theaterstück, das Byron anno 1821 zusammen geschmiert hatte, aufgeführt wurde. (Für alle, die es interessiert: 1869 in Wien.)
![[Der tote Lord Byron - Gemälde von Odevaere]](byrontot.jpg)
Nun war Wírωn also tot, gestorben an einer simplen Erkältung, genauer gesagt an der Roßkur, die ihm die Kurpfuscher in der Festung Mesolóngi zu deren Behandlung hatten angedeihen lassen. Ordentliche Ärzte und andere anständige Leute beteiligten sich nämlich nicht an jenem
"Freiheitskampf".
Was war das denn für eine Freiheit? Die Freiheit der Räuber, noch mehr zu rauben? Von einer anderen, "politischen" Freiheit wußten sie nichts, es interessierte sie auch nicht. Aber nun erinnerten sich einige doch wieder an die Geschichte, die ihnen der Tote erzählt hatte, denn aus ihrer Froschperspektive machte es keinen großen Unterschied, ob eine Weltstadt wie Ninive belagert wurde oder eine Provinzfestung in "Griechenland", jenem ärmsten und schmutzigsten Zipfel des Osmanischen Reichs.
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Wäre Byron etwas sattelfester in griechischer und römischer Geschichte gewesen, dann hätte er vielleicht statt auf die wenig gesicherte Erzählung von Ninive und "Sardanapalos" (bis heute streiten die Historiker, wer damit wohl gemeint sein könnte? Vielleicht Assurbanipal? Dikigoros weiß es nicht) auf
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Xanthos - Xanthos
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Mäzada - Gesera Wien 1420/21
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Chittaurgarh - Bali 1906/08
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(Fortsetzungen folgen)


Anhang I: von Numantia nach Toledo 1937 - der verhinderte Heldentod
Anhang II: Demmin 1945
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