JEDE ZEIT HAT IHRE KOFFER
Zum 90. Geburtstag des Schriftstellers Joachim Fernau
(von Burkhart Berthold)
Joachim Fernau ist ein Autor, dem man möglichst früh begegnen sollte.
Seine rhetorische Brillanz, sein Temperament und seine Sympathie für junge
Leute empfehlen ihn der Jugend. Außerdem kann man mit ihm sehr gut die
Lehrer ärgern. Dem "Frühling in Florenz" stellte er das Lessing-Zitat
voran: "Es ist Arznei, nicht Gift, was ich Dir reiche." Das gilt fürs
Gesamtwerk. Daß es sich dabei um mitunter recht bittere Medizin handelt,
soll nicht schrecken: Sie bleibt gewiß nicht frei von Risiken und
Nebenwirkungen, aber sie stärkt den Geist und schärft die Kritikfähigkeit.
Häufig macht sie Spaß, denn Fernau war ein Meister der Ironie. Diese
Meisterschaft trug ebenso zu seinem Erfolg bei, wie zu seinem Verdruß an
diesem Erfolg: Es sieht so aus, als habe Fernau recht mannhaft all die
Anwürfe ertragen, die unabhängiges Denken so mit sich bringt, aber gelobt
zu werden, als wäre er der Spaßvogel der Nation, das ging ihm gegen den
Strich.

Joachim Fernau war ein vielgestaltiger Autor. Am meisten Erfolg
brachten ihm seine historischen Bücher. Er schrieb zunächst über die
Deutschen ("Deutschland, Deutschland über alles...", 1952), dann, voller
Begeisterung, über die alten Griechen ("Rosen für Apoll",1961),
schließlich über die Römer ("Cäsar läßt grüßen", 1971).

Später wandte sich Fernau den USA zu: "Halleluja" (1977) wurde zu einer fulminanten Anklage, in
der sich linke und rechte Amerika-Kritik zu einem Ausbruch von Abneigung
und apokalyptischer Vision vereinten. Danach erholte er sich bei einem
Thema, das er liebte: "Sprechen wir über Preußen. Die Geschichte der armen
Leute" (1982). Seine Bewunderung gilt Friedrich dem Großen - weniger dem
Schlachtensieger denn dem alten Mann, der gegen Ende seines Lebens alle
Eitelkeit und jeden Ehrgeiz überwunden hatte.
Daneben stehen Romane und Erzählungen, die kaum unterschiedlicher sein
könnten: 1953 schrieb er die Novelle "Hauptmann Pax". Eine Gruppe
deutscher Soldaten versucht, sich aus Rußland nach Ostpreußen
durchzuschlagen. Lakonisch und ungeheuer spannend schildert Fernau, wie
einer nach dem anderen den Strapazen und Gefahren zum Opfer fällt. Wenn es
den Kriegsroman schlechthin gäbe, wäre es "Hauptmann Pax".
Dieser harten Welt folgt 1960 der Roman "Die jungen Männer": Zwei
Freunde erleben Berlin unmittelbar vor 1933, ergründen Gott und die Welt
und ein wenig auch die Frauen. Fernau schöpft aus seiner Biographie und
aus seinem politischen Denken, das erfrischend reaktionär ist: So
leidenschaftlich er die Freiheit des einzelnen verteidigt, so kompromißlos
attackiert er gleichmacherische Tendenzen einer parlamentarischen
Demokratie: "Wir leben in einer Zeit, die das beständige Gerede über
Freiheit zum Ersatzglück der Menschen gemacht hat. Tatsächlich ist unsere
geistige Freiheit so erbärmlich wie nur noch in wenigen Epochen (…) Das
Wachs für die Ohren des Odysseus wird heute jedem Bürger mit dem
Stimmzettel, dem Schnuller unserer Zeit, mitgeliefert. Die Hälfte der
Nation sitzt beim Schweinebraten und hat die Fensterläden geschlossen, die
anderen sind, wie immer, Büttel, der Rest Trappisten (…)", so heißt es im
Vorwort.
Die Verwunderung, daß ein so kluger Kopf so harte Sachen sagen konnte,
wird nur noch vom Erstaunen übertroffen, daß er sie sagen durfte. Auf
jeden Fall entging Fernau damit der Gefahr, jemals in Sonntagsreden
zitiert zu werden oder in die Schullektüre aufgenommen zu werden. Und
dabei können gerade "Die jungen Männer" jungen Männern helfen, sich in
dieser Welt zurechtzufinden: Das Buch ist alles andere als ein Traktat,
sondern eine spannende, auch erotisch reizvolle Erzählung mit klugen
Empfehlungen zum Reis-Kochen, Zigarren-Rauchen und Erwachsen-Werden,
geprägt von Menschlichkeit und Anstand.
Ganz ins humoristische Fach fällt "Ein Frühling in Florenz" (1973). In
diesem Buch nimmt Fernau Urlaub von allem, was ihm das Leben schwer
machte, und schreibt eine Liebesgeschichte: Voller Zuneigung zu seinen
Romangestalten, witzig und lebensfroh. Daß man nebenbei viel lernt über
Italien
und Italienerinnen sowie über die Kunst, die Uffizien zu
überleben, merkt man erst später. Diesem wunderbaren Roman am nächsten
kommen "Weinsberg oder die Kunst der stachligen Liebe" (1963), in dem ein
motorradfahrendes Pärchen eine romantisch-verschlafene Kleinstadt unsicher
macht, und "Die treue Dakerin" (1973), eine menschenfreundliche Variation
auf ein Thema des eisigen Henri de Montherlant, den Fernau sehr schätzte:
Eine Leserbriefschreiberin nähert sich ihrem Großen Meister. In die Nähe
zu Fontanes Gesellschaftsromanen fällt "Ein wunderbares Leben" (1975),
eine Geschichte über die lebensspendende Kraft von Liebe und lllusion.
Fernau lag gerade diese Erzählung am Herzen; unter der eher verhaltenden
Aufnahme, die sie fand, scheint er gelitten zu haben.
Joachim Fernau beherrschte die schwere Kunst des leichten Schreibens.
In einer Zeit, in der literarischer Anspruch sich nicht zuletzt in einer
Abkehr von Lesbarkeit manifestiert, war er erfreulich unzeitgemäß. Fernau
war ein Meister des Dialogs, der Verkürzung und des Paradoxen. Wenn der
arme Teufel ein Linker gewesen wäre, hätte unsere Gesellschaft das
Füllhorn ihrer Preise über ihn ausgeschüttet, und wir Rechten würden ihn
dennoch lesen, denn wir ziehen allemal gute Prosa der guten Gesinnung vor.
In seinen Geschichtsbüchern gelingen ihm geradezu geniale Formulierungen.
Ein Beispiel aus "Rosen für Apoll" mag seinen Stil, den er "rhetorisch"
nannte, zeigen: Im Jahr 594 v. Chr. hatte Solon für Athen eine Verfassung
entworfen. Die Volksversammlung akzeptierte sie und versprach zugleich,
sie nie zu ändern, ohne Solon vorher gefragt zu haben. Fernau schreibt,
effektvoll am Schluß eines Kapitels: "Solon ging nach Hause, packte die
Koffer und verließ, um nicht gefragt werden zu können, Athen. Und hier
nun, meine Freunde, wollen wir uns nicht länger beherrschen, sondern
gestehen, daß uns der blasse Neid packt. Nicht jede Zeit - das wissen wir
- kann einen Solon haben, aber jede Zeit hat Koffer."
Von geradezu genialer Prägnanz ist seine Beschreibung des Thebaners
Epaminondas: "Ein Napoleon aus Luxemburg." Sie ersetzt beliebige Mengen
wissenschaftlicher Literatur - und erklärt deshalb auch, weshalb deren
Verfasser ihren "unseriösen", weil witzigen Kollegen Fernau wenig
schätzten.
Fernaus Herz schlägt für die Unterliegenden: Leonidas an den Thermopylen,
Hannibal und
Spartacus,
Sulla, als er sich aus der Politik zurück zieht, und Cäsar, als die Mörder ihm gegenüber
stehen.
In seiner Interpretation des Nibelungenliedes ("Disteln für Hagen", 1966) bemüht sich Fernau nach
Kräften, Hagen zu verabscheuen, als aber die Saalschlacht beginnt, kann er sich der Magie
des Untergangs nicht entziehen. In solchen Szenen legt er alle Ironie ab, und es gelingen
dichterische Momente, die der Leser nicht mehr vergißt.
Joachim Fernau starb am 24. November 1988 in Florenz. Eine Woche später wurde er in
München-Bogenhausen beigesetzt.
![[Fernaus Grabstein auf dem Bogenhauser
Friedhofd]](fernaugrab3.jpg)
Am 11. September 1999 wäre Fernau 90 Jahre alt geworden. Unvergessen bleibt er als wunderbarer
Autor, als Kenner und mutiger Deuter der Geschichte und, nicht zuletzt: als aufrichtiger und
warmherziger Beantworter von Leserbriefen.
Nachtrag Dikigoros: Die Attentäter auf das World Trade Center in New York City und das
Pentagon in Washington D. C. wählten im Jahre 2001 - zufällig? - den Geburtstag des
großen USA-Hassers als Datum für ihre Anschläge.

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