Es hätte nicht viel gefehlt, und der Rekord wäre nicht zustande
gekommen. Am 2. Juli 1984 sprintet Ines Schmidt als Startläuferin
der 4x100-Meter-Staffel für den SC Motor Jena und übergibt das
Staffelholz an Bärbel Wöckel. "Der Stab flog eine Weile in der Luft,
da Bärbel Wöckel sehr früh gestartet war", erinnert sich die
ehemalige Sprinterin. Es ist eine Momentaufnahme des Rekords, der am
Ende auf der Anzeigetafel stand und heute noch Gültigkeit hat: 42,20
Sekunden. Aufgestellt von Ines Schmidt, Bärbel Wöckel, Ingrid
Auerswald und Marlies Göhr. Kein Vereins-Quartett weltweit konnte
diese Zeit seitdem unterbieten. Der fliegende Stab. Und vier
lachende Frauen-Gesichter. Das sind die beiden Eindrücke die Ines
Schmidt, die heute Ines Geipel heißt, lebhaft im Gedächtnis
geblieben sind.
Schöne Erinnerungen, möchte man meinen,
Erinnerungen an einen erfolgreichen Augenblick im Leben einer
Sportlerin. Doch Ines Geipel hat im Juli den Deutschen Leichathletik
Verband (DLV) gebeten, ihren Namen aus der Rekord-Staffel zu
streichen. Denn die jungen Frauen waren damals so schnell, weil sie
in einem Sportsystem trainierten, das seine Athleten mit Doping zu
Sportmaschinen machte. "Ich hätte den Rekord gerne aus mir selbst
heraus gelaufen", sagt Ines Geipel in einem Café in Berlin
Kreuzberg. In der selben Minute tagt in Frankfurt das Präsidium des
DLV. Ines Geipel wollte ihren Standpunkt dort noch einmal vor allen
Mitgliedern erläutern. Es gebe nicht den gebührenden Raum für sie,
war die Antwort. Später vielleicht. Nach der Sitzung bot
DLV-Präsident Clemens Prokop Ines Geipel ein persönliches Gespräch
in Berlin an. "Ich möchte, dass junge Athleten heute wieder Rekorde
laufen können", erklärt sie. Und natürlich weiß sie, dass so ein Akt
zugleich Prävention und ein Stück Aufarbeitung bedeutet, des
DDR-Systems, das nicht nur viele Medaillen, sondern vor allem viele
schwer geschädigte Menschen produziert hatte. Der DLV reagierte erst
ablehnend auf ihr Ansinnen und verlangte eine Selbstbezichtigung
ihrerseits, die klar beweist, dass sie bei jenem Rennen gedopt
war.
Eine höhnische Forderung, denn Ines Geipel trägt schon
seit Jahren zur Aufklärung der DDR-Sportvergangenheit bei: Sie war
eine der Nebenklägerinnen im Berliner Doping-Prozess, aus ihren
Akten geht klar hervor, dass ihr Oral-Turinabol verabreicht wurde.
Einfühlungsversäumnisse wirft Geipel dem DLV vor, der nun immerhin
eine Kommission ins Leben gerufen hat, um sämtliche nationale
Rekorde zu überprüfen. Ein Ergebnis ist nicht vor Anfang nächsten
Jahres zu erwarten. "Der DLV muss endlich etwas tun. Die
Schmerzgrenze ist erreicht."
Von Schmerz spricht Ines Geipel
öfter, von Brucherfahrungen, aber auch von einem befreienden Weg
zurück ins eigene Leben. 1960 wurde sie in Dresden geboren, mit 17
kam sie zum Leistungssport, war erfolgreich im Sprint und im
Weitsprung. "Laufen hat die statische DDR-Welt größer gemacht", sagt
sie. Anfangs hatte sie keine Ahnung von der Sport-Struktur und den
Pillen, später wuchs die Skepsis. Sie wollte in den Westen, wurde
1985 aus dem Leistungssport rausgeschmissen, kurz nach einer
harmlosen Blinddarmoperation. Nach der Wende las sie in ihrer Akte,
dass man sie "strategisch vernichten" wollte und die Operation
endlich eine "Möglichkeit ist, sie auf Eis zu legen". Menschen seien
zu Objekten gemacht worden, sagt Ines Geipel. 1989 gelang ihr die
Flucht über Ungarn.
Heute ist sie Schriftstellerin und
Professorin für Verssprache an der Berliner Schauspielschule. Nach
den Berliner Doping-Prozessen hat sie ein Buch geschrieben, in dem
sie sechs Doping-Geschädigte porträtiert. "Verlorene Spiele" zeigt
nachdrücklich die Nebenwirkungen des Erfolgs: Krebs,
Stimmvertiefungen, Verlust der Fruchtbarkeit. Ines Geipel selbst
litt zwölf Jahre unter Bulimie und starken Depressionen. "Unsere
Körper und Seelen sind vollkommen enteignet worden", beschreibt sie
die Doping-Praxis.
Ines Geipel ist alarmiert. Nicht nur über
die Zögerlichkeit des DLV im Umgang mit Doping-Rekorden, sondern
auch über das Nationale Olympische Komitee (NOK) und über Jenapharm
(siehe untenstehenden Artikel). "Es muss endlich den Bruch mit dem
DDR-System geben, sonst werden die Lügen nur verlängert", sagt sie
zur abwehrenden Haltung der Sportorganisationen und des
Pharmaunternehmens gegenüber Entschädigungsforderungen. Sie möchte
vermitteln und will ein großes Hearing, damit Politik, Wirtschaft
und Sportverbände sich zu einer nachhaltigen Hilfe für die bis zu
600 schwer Geschädigten entschließen. "Eine Rente muss drin sein.
Diese Menschen sollen aufgefangen werden." Sie gibt sich
kämpferisch: "Ich bin keine Rumschreierin, aber ich spiele dieses
Spiel nicht mehr mit. Im Grunde hat sich seit der Wende an der
Haltung der Verantwortlichen nichts geändert. Sie setzen sich über
eine längst geklärte Geschichte und die Dimension des Missbrauchs an
den DDR-Sportlern hinweg."
Für die ehemaligen Top-Athleten
sei die Emanzipation von dieser Geschichte sicherlich besonders
prekär. "Erfolg zwingt offenbar zum Schweigen. Den eigenen
Missbrauch zu realisieren, könnte eine Befreiung werden. Aber die
Saga vom großen Erfolg wäre passé. Im Grunde hätten die
Verantwortlichen die Pflicht, über ein sensibles Erlösungsmoment bei
dieser Zwangsgeschichte nachzudenken. Aber das bräuchte Einfühlung.
Die sehe ich nicht." Auch nicht bei erfolgreichen Ex-Sportler wie
Kristin Otto, Heike Drechsler oder Katharina Witt: "Sie schauen
erbarmungslos weg, wenn es um die Geschädigten geht. Dabei könnten
gerade ihre Stimmen die Phalanx gegen die so nötigen Hilfen zum
Bröckeln bringen."
Ines Geipel hat sich in ihr Leben
zurückgeholt. "Ich freue mich auf neue Themen", sagt sie, lacht und
erzählt, dass es ihr am besten gehe, wenn sie schreibe. Neben zwei
Romanen hat sie unter anderem Bücher über DDR-Autorinnen und den
Amoklauf des Schülers Robert Steinhäuser in Erfurt verfasst. Der
nächste Roman ist gerade im Anlauf. "Es geht ums Helle", sagt sie,
"um unsere Leben, das eigene wie das der anderen Geschädigten". Aber
eine gute Zukunft für die Betroffenen gibt es nur, wenn die andere
Seite mitspielt. "Ein Fairplay der Erinnerung", fordert Ines
Geipel.
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