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Enteignete Körper und Seelen

Die ehemalige Sprinterin Ines Geipel kämpft immer weiter
um Hilfe für die Opfer des DDR-Dopingsystems

von JUTTA HEEß (FR, 28.11.2005)

Es hätte nicht viel gefehlt, und der Rekord wäre nicht zustande gekommen. Am 2. Juli 1984 sprintet Ines Schmidt als Startläuferin der 4x100-Meter-Staffel für den SC Motor Jena und übergibt das Staffelholz an Bärbel Wöckel. "Der Stab flog eine Weile in der Luft, da Bärbel Wöckel sehr früh gestartet war", erinnert sich die ehemalige Sprinterin. Es ist eine Momentaufnahme des Rekords, der am Ende auf der Anzeigetafel stand und heute noch Gültigkeit hat: 42,20 Sekunden. Aufgestellt von Ines Schmidt, Bärbel Wöckel, Ingrid Auerswald und Marlies Göhr. Kein Vereins-Quartett weltweit konnte diese Zeit seitdem unterbieten. Der fliegende Stab. Und vier lachende Frauen-Gesichter. Das sind die beiden Eindrücke die Ines Schmidt, die heute Ines Geipel heißt, lebhaft im Gedächtnis geblieben sind.

Schöne Erinnerungen, möchte man meinen, Erinnerungen an einen erfolgreichen Augenblick im Leben einer Sportlerin. Doch Ines Geipel hat im Juli den Deutschen Leichathletik Verband (DLV) gebeten, ihren Namen aus der Rekord-Staffel zu streichen. Denn die jungen Frauen waren damals so schnell, weil sie in einem Sportsystem trainierten, das seine Athleten mit Doping zu Sportmaschinen machte. "Ich hätte den Rekord gerne aus mir selbst heraus gelaufen", sagt Ines Geipel in einem Café in Berlin Kreuzberg. In der selben Minute tagt in Frankfurt das Präsidium des DLV. Ines Geipel wollte ihren Standpunkt dort noch einmal vor allen Mitgliedern erläutern. Es gebe nicht den gebührenden Raum für sie, war die Antwort. Später vielleicht. Nach der Sitzung bot DLV-Präsident Clemens Prokop Ines Geipel ein persönliches Gespräch in Berlin an. "Ich möchte, dass junge Athleten heute wieder Rekorde laufen können", erklärt sie. Und natürlich weiß sie, dass so ein Akt zugleich Prävention und ein Stück Aufarbeitung bedeutet, des DDR-Systems, das nicht nur viele Medaillen, sondern vor allem viele schwer geschädigte Menschen produziert hatte. Der DLV reagierte erst ablehnend auf ihr Ansinnen und verlangte eine Selbstbezichtigung ihrerseits, die klar beweist, dass sie bei jenem Rennen gedopt war.

Eine höhnische Forderung, denn Ines Geipel trägt schon seit Jahren zur Aufklärung der DDR-Sportvergangenheit bei: Sie war eine der Nebenklägerinnen im Berliner Doping-Prozess, aus ihren Akten geht klar hervor, dass ihr Oral-Turinabol verabreicht wurde. Einfühlungsversäumnisse wirft Geipel dem DLV vor, der nun immerhin eine Kommission ins Leben gerufen hat, um sämtliche nationale Rekorde zu überprüfen. Ein Ergebnis ist nicht vor Anfang nächsten Jahres zu erwarten. "Der DLV muss endlich etwas tun. Die Schmerzgrenze ist erreicht."

Von Schmerz spricht Ines Geipel öfter, von Brucherfahrungen, aber auch von einem befreienden Weg zurück ins eigene Leben. 1960 wurde sie in Dresden geboren, mit 17 kam sie zum Leistungssport, war erfolgreich im Sprint und im Weitsprung. "Laufen hat die statische DDR-Welt größer gemacht", sagt sie. Anfangs hatte sie keine Ahnung von der Sport-Struktur und den Pillen, später wuchs die Skepsis. Sie wollte in den Westen, wurde 1985 aus dem Leistungssport rausgeschmissen, kurz nach einer harmlosen Blinddarmoperation. Nach der Wende las sie in ihrer Akte, dass man sie "strategisch vernichten" wollte und die Operation endlich eine "Möglichkeit ist, sie auf Eis zu legen". Menschen seien zu Objekten gemacht worden, sagt Ines Geipel. 1989 gelang ihr die Flucht über Ungarn.

Heute ist sie Schriftstellerin und Professorin für Verssprache an der Berliner Schauspielschule. Nach den Berliner Doping-Prozessen hat sie ein Buch geschrieben, in dem sie sechs Doping-Geschädigte porträtiert. "Verlorene Spiele" zeigt nachdrücklich die Nebenwirkungen des Erfolgs: Krebs, Stimmvertiefungen, Verlust der Fruchtbarkeit. Ines Geipel selbst litt zwölf Jahre unter Bulimie und starken Depressionen. "Unsere Körper und Seelen sind vollkommen enteignet worden", beschreibt sie die Doping-Praxis.

Ines Geipel ist alarmiert. Nicht nur über die Zögerlichkeit des DLV im Umgang mit Doping-Rekorden, sondern auch über das Nationale Olympische Komitee (NOK) und über Jenapharm (siehe untenstehenden Artikel). "Es muss endlich den Bruch mit dem DDR-System geben, sonst werden die Lügen nur verlängert", sagt sie zur abwehrenden Haltung der Sportorganisationen und des Pharmaunternehmens gegenüber Entschädigungsforderungen. Sie möchte vermitteln und will ein großes Hearing, damit Politik, Wirtschaft und Sportverbände sich zu einer nachhaltigen Hilfe für die bis zu 600 schwer Geschädigten entschließen. "Eine Rente muss drin sein. Diese Menschen sollen aufgefangen werden." Sie gibt sich kämpferisch: "Ich bin keine Rumschreierin, aber ich spiele dieses Spiel nicht mehr mit. Im Grunde hat sich seit der Wende an der Haltung der Verantwortlichen nichts geändert. Sie setzen sich über eine längst geklärte Geschichte und die Dimension des Missbrauchs an den DDR-Sportlern hinweg."

Für die ehemaligen Top-Athleten sei die Emanzipation von dieser Geschichte sicherlich besonders prekär. "Erfolg zwingt offenbar zum Schweigen. Den eigenen Missbrauch zu realisieren, könnte eine Befreiung werden. Aber die Saga vom großen Erfolg wäre passé. Im Grunde hätten die Verantwortlichen die Pflicht, über ein sensibles Erlösungsmoment bei dieser Zwangsgeschichte nachzudenken. Aber das bräuchte Einfühlung. Die sehe ich nicht." Auch nicht bei erfolgreichen Ex-Sportler wie Kristin Otto, Heike Drechsler oder Katharina Witt: "Sie schauen erbarmungslos weg, wenn es um die Geschädigten geht. Dabei könnten gerade ihre Stimmen die Phalanx gegen die so nötigen Hilfen zum Bröckeln bringen."

Ines Geipel hat sich in ihr Leben zurückgeholt. "Ich freue mich auf neue Themen", sagt sie, lacht und erzählt, dass es ihr am besten gehe, wenn sie schreibe. Neben zwei Romanen hat sie unter anderem Bücher über DDR-Autorinnen und den Amoklauf des Schülers Robert Steinhäuser in Erfurt verfasst. Der nächste Roman ist gerade im Anlauf. "Es geht ums Helle", sagt sie, "um unsere Leben, das eigene wie das der anderen Geschädigten". Aber eine gute Zukunft für die Betroffenen gibt es nur, wenn die andere Seite mitspielt. "Ein Fairplay der Erinnerung", fordert Ines Geipel.


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