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Politische Hampelmänner sind eine absonderliche Spezies. Sie tauchen urplötzlich in der
Weltgeschichte auf, spielen ihre Rolle ohne zu murren, um endlich sang
und klanglos in der Versenkung zu verschwinden.
Der
hohe Ast, auf dem der US-Häuptling Bush saß, von dem aus er die Welt zu
überblicken und dirigieren gedachte, ist längst vom imperialen Baum
abgebrochen und beide, Geäst und Kletterer, nähern sich dieser Tage mit
rasender Geschwindigkeit dem texanischen Staub.
Unvermeidbar,
dass der Möchtegern-Imperator am Potomac seine Marionetten, hüpfen sie
nun in Beirut, Kabul, Bagdad vor und hinter den Kulissen herum, mit in
die Tiefe reißt.
Fragt sich unsereiner heute, aus
welchem Holz derart Gestalten geschnitzt sind, damit sie einst dem
mächtigsten Männlein auf amerikanischer Erde, ein Kriegsverbrecher par
excellence, zum politischen Spiele gereicht werden konnten? Eine
„Begutachtung“ zweier Auslaufmodelle liefert erste, allerdings
unvollständige Aufschlüsse. Das „Erste Puppenspiel - Washingtons
Ziehsohn auf dem Thron von Beirut“ war dem USAID-Markenartikel Fouad
Siniora gewidmet. Im zweiten Puppenspiel übernimmt GucCIA-Präsident –
Verzeihung: Gucci-Präsident - Hamid Karzai die
Hauptrolle.
Zweites Puppenspiel
“Der Durrani-Spross auf dem Thron von Kabul“
In
Afghanistan kursieren verschiedene Beinamen für den Präsidenten Hamid
Karzai. Für die einen ist er eine „Marionette der USA“, für andere der
„Bürgermeister von Kabul“ oder auch der „Gucci-Präsident“ – frei nach
Tom Ford, Chefdesigner der Edelmarke, der ihn als den „schicksten Mann
des Planeten“ bezeichnete.
Obwohl Karzai wie der geborene
Diplomat zwischen Weißem Haus, Downing Street, Rom, Peking oder Tokio
wandelt, haben seine Landsleute Gründe, dem smarten Mann nach wie vor
zu misstrauen. Den durch viel Leid gebeutelten Menschen am Hindukusch
kommt der hoch gewachsene, beinahe kahlköpfige Beatles-Fan mit dem
sorgfältig gestutzten Bart, der Rolex am Handgelenk, den italienischen
oder englischen Schuhen, dem britisch geschnittenen Jackett unter
langem grünen Seidenumhang wenig afghanisch vor. Das hat gute Gründe:
Pakistan,
Oktober 1984: Ein C-141 Starlifter landete auf der Militärbasis südlich
von Islamabad. An Bord William Casey, Direktor des amerikanischen
Auslandsgeheimdienstes Central Intelligence Agency (CIA). Grund
der Geheimvisite: Abgleichen der Kriegsstrategie gegen die Sowjets in
Afghanistan mit dem pakistanischen Geheimdienst Inter Service Intelligence Agency
(ISI). Steve Coll, Washington Post, kommentierte 1992: „Caseys Besuch
war das Vorspiel für eine geheime Entscheidung der
Reagan-Administration im März 1985 die verdeckten US-Aktionen in
Afghanistan zu verstärken.“
Sayed Hamid Karzai zählte damals
26 Jahre. Ahmed Bashir, Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes
ISI erinnerte sich: „Ich habe ihn 1984 unserem Geheimdienstchef Akhtar
Abdur Rahman Khan vorgestellt. Der stellte Karzai dem damaligen
CIA-Chef William Casey vor.“ Der indische Journalist Preetam Bora
schrieb seinerzeit in Sapra India: „Die Verbindungen der
Familie Karzai zum ISI gehen bis in die frühen achtziger Jahre zurück,
als Hamid Karzai und sein Vater Abdul Ahad Karzai mit Offiziellen des
ISI befreundet waren.“
Flucht nach Pakistan, Studium in Indien
Die
Familie Karzai gehört dem ältesten afghanischen Königsclan an, dem Clan
der Popalsoi. Mit 500 000 Mitgliedern ist er der zweitgrößte
Paschtunenstamm Afghanistans. Dessen Begründer, der legendäre
Kommandeur der persischen Armee Ahmed Schah Durrani, hatte im Jahre
1747 Kandahar erobert und wurde erster afghanischer König. Karzais
Großvater diente dem letzten König Mohammad Zahir Shah als Präsident
des Nationalrates, der Vater, Abdul Ahad Karzai, als Senator und
Parlamentssprecher, ehe eine Militärrevolte die Monarchie im Jahre 1973
endgültig beseitigte.
Der ethnische Paschtune und moderate
Muslim Hamid Karzai wurde am Weihnachtsabend 1957 in diese Familie, die
in Kandahar ein großes Anwesen mit Hof - „groß genug, um darin mit
einem Pferd zu reiten“ - besaß, hineingeboren. Die Kindheit verlebte
der Knabe in Kars, wo er mit dem Cousin Cricket und Baseball übte. Der
junge Karzai besuchte hernach das Kabuler Habibia-Gymnasium, wo
Sibghatullah Mudschaddidi lehrte, ein Theologe, der bereits in den 60er
Jahren wegen Widerstandes gegen den vermeintlich pro-sowjetischen Kurs
der Regierung im Gefängnis saß. Hamid Karzai schrieb sich nach
Abschluss der Schulausbildung 1978 an der Hamachal Pradesh University in Simla in das Fach Politikwissenschaft ein. Der damals langhaarige, Glockenhosen tragende Student, der dort in der Young Men s Christian Association (YMCA) tätig wurde, legte bereits 1983 das Masterexamen in „Internationalen Beziehungen“ ab.
Während
er in Indien studierte, putschten marxistische Offiziere im Jahre 1978
den afghanischen König Mohammed Daoud hinweg. Als nach der
Machtübernahme der Demokratischen Volkspartei Afghanistans
Präsident Taraki 1979 gestürzt wurde und die Sowjetarmee daraufhin
einmarschierte, floh die Familie Karzai nach Pakistan. Viele junge
Afghanen blieben im Land und kämpften als Mudschaheddin einen
Guerillakrieg gegen Regierungsarmee und Sowjets.
Die USA
reagierten auf die Situation: „Am 3. Juli 1979 genehmigte Jimmy Carter
insgeheim 500 Millionen Dollar, um eine internationale
Terroristenbewegung zu kreieren, die Zentralasien mit Islamischen
Fundamentalisten überzieht und die Sowjetunion destabilisiert,“ so
Zbigniew Brzezinski, ehemals Nationaler Sicherheitsberater des
Präsidenten Carter. In den darauf folgenden Jahren investierte die CIA
4 Milliarden Dollar in die so genannte „Operation Cyclone“:
„Spezialisten“ vermittelten den Kämpfern „Sabotage – Fertigkeiten“
sowohl in pakistanischen Trainingslagern als auch im CIA-Trainingscamp
im US-Bundesstaat Virginia.
1980
schloss sich auch Hamid Karzai dem Kampf gegen die „prokommunistische
afghanische Regierungsarmee und die Sowjettruppen“ an. Aus dem
pakistanischen Exil heraus agierte er als Sprecher einer
Mudjahedeen-Gruppe, und 1982 wurde er Director of Operations der Afghan National Liberation Front (ANLF), eine Partei, die 1979 von Professor Sibghatullah Mudschaddidi gegründet wurde.
In
diese Zeit fallen erste Kontakte der Familie Karzai mit dem
pakistanischen Geheimdienst ISI, eine Behörde, die einst von Vater
Bushs alten CIA-Kumpanen kreiert worden war und die nach Meinung des
2006 verstorbenen investigativen US-Journalisten und TV-Moderators
Sherman H. Skolnick noch immer vom amerikanischen Spionageunternehmen
dominiert wird. „Der ISI soll in der Vergangenheit ... Teile des
Opiumanbaus in Pakistan ... Afghanistan als auch die Heroinproduktion
kontrolliert haben. Mit amerikanischer Rückendeckung ermunterte er in
den achtziger Jahren die Afghanen, Opium auf ihren Feldern anzubauen.
Ziel ... war es, Geld für Waffen zu erwirtschaften, mit denen die
afghanischen Mudjahedeen ihr Land von sowjetischer Vorherrschaft
befreien sollten,“ schrieb der deutsche Geheimdienstexperte Udo
Ulfkotte seinerzeit in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Milt Bearden, Außendienstchef der CIA von 1986 bis 1989 in Pakistan,
ein Mann der dreißig Jahre lang im Dienst des Geheimdienstes stand,
hatte die afghanischen Kämpfer gegen die Sowjets rekrutiert und diese
Kampfeinheiten aufgebaut. Bearden offenbarte Jahre später, dass die USA
und Saudi Arabien 3,5 Milliarden Dollar in den Jihad, den heiligen
Krieg, nach Afghanistan und Pakistan gepumpt hatten. Jihad, Waffen und
Drogen waren damals sowieso „die bedeutendsten Geschäfte in der
Region“, schrieb das Monatsmagazin Kashmir Sentinel.
Afghanistan Pages
wusste, dass „Karzai (damals) gemeinsam mit amerikanischen Helfern
Nachschublinien errichtete, um die Mudjahedeen zu unterstützen.
Spätestens ab Mitte der 80er Jahre fungierte er als Hauptkontaktmann
zwischen verschiedenen Gruppen der Mudjahedeen, der US-Regierung und
der CIA, um Waffenlieferungen zu regeln und zu sichern“. Kurzum: Der
pakistanische Geheimdienst kaufte mit Drogengeldern Waffen, Karzai
baute Nachschublinien auf, regelte und sicherte die Waffenlieferungen
an die Mudschaheddin. Der investigative US-Journalist Wayne Madsen
behauptete sogar: „Karzai hielt enge Beziehungen zum CIA-Direktor
William Casey, Vize-Präsident George Bush und dem pakistanischen ISI
...während des Mudjahedeen-Krieges aufrecht.“
Was kaum bekannt
war: Zu Zeiten des Krieges gegen die Sowjets war Karzai einige Jahre
lang eng mit der amerikanischen Journalistin Nancy deWolf Smith liiert.
Die damals bei Radio Free Europe/Radio Liberty, mit Sitz im
deutschen München, beschäftigte Redakteurin deckte den
sowjetisch-afghanischen Krieg von ihrer Basis in Islamabad in Pakistan
„journalistisch“ ab. DeWolf Smith war auch für die Voice of America tätig; sämtlich Sender, die bekanntermaßen zum Einflussbereich der CIA gehören. 1995 wurde deWolf Smith dann Redakteurin bei The Asian Wall Street Journal; seit Ende 1999 arbeitet sie für The Wall Street Journal.
1988
hatte die UNO einen Friedensplan für Afghanistan vorgelegt, doch der
Bürgerkrieg fand kein Ende. Im Februar 1989 trafen sich nun die
Mudjahedeen in Rawalpindi, Pakistan, und wählten dort ihre
Exilregierung. Jener Professor Sibghatullah Mudschaddidi, in dessen Afghan National Liberation Front (ANLF) Karzai als Director of Operations wirkte, wurde zum Exil-Präsidenten gewählt.
Als
die Sowjetarmee Anfang 1989 aus Afghanistan abzog und das
linksnationalistische Regime unter Dr. Mohammad Najibullah zurückließ,
zeigte sich der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA erkenntlich und
finanzierte den Umzug von Hamid Karzai und einigen seiner Brüder in die
USA; das hatte der amerikanische Journalist Norman D. Livergood
ermittelt. Dort machten sie ihren „amerikanischen Traum“ wahr, wurden
„erfolgreiche“ Geschäftsleute und Akademiker. Drei der Brüder
promovierten an den Universitäten John Hopkins, Georgetown und Oxford,
zwei wurden Eigner der Restaurant-Kette The Helmand in Boston, San Francisco, Baltimore.
Hamid
Karzai selbst war eine Zeit lang in Amerika, wo er seine
Jura-Ausbildung abrundete und sich einen makellos englischen Akzent
antrainierte; er beherrscht ebenso Französisch, Urdu und Paschtu;
insgesamt sechs Fremdsprachen. Offenbar wurde er auch am
Familienunternehmen The Helmand beteiligt. „Mit einem Familienrestaurant in den USA machte er Geld,“ schrieb die deutsche Tageszeitung Die Welt.
1992
trat der „pro-kommunistische“ afghanische Präsident Najibullah zurück.
Die Mudjahedeen nahmen nun Kabul und setzten den Exilpräsidenten
Professor Sibghatullah Mudschaddidi, Führer der ANLF in Amt und Würden.
„Frühere pakistanische ISI- Offizielle erinnern sich heute stolz, wie
sie ihren Einfluss bei Professor Sibghatullah Mudschaddidi nutzten, dem
höchsten Kopf der Mudjahedeen-Regierung in Afghanistan, um Hamid Karzai
als Stellvertretenden Außenminister in dessen Regierung einzuführen;“
berichtet The News International.
Als unter der
Folgeregierung von Prof. Burhannudin Rabbani Machtkämpfe ausbrachen,
lokale Kriegsfürsten das Land in Schutt und Asche legten, erschienen
die Taliban auf dem politischen Tableau und griffen – von den Saudis
finanziert, von ISI, CIA beraten und logistisch unterstützt – in die
Kämpfe ein. Sie baten Karzai um Hilfe. Der beschaffte den Koranschülern
Geld, Waffen und politische Legitimation. Karzai quittierte allerdings
1994 den Posten als Stellvertretender Außenminister. 1996 nahmen die
Taliban Kabul, Mullah Omar deklarierte den islamischen Gottesstaat und
bot Karzai das Botschafteramt bei den Vereinten Nationen an; wegen
seiner „guten Beziehungen“ zum Westen.
Auf der Gehaltsliste einer UNOCAL-Tochter
Karzai
lehnte ab, der anfängliche Enthusiasmus für die Gotteskrieger war
abgeflaut. Allerdings verhehlte nie, dass er die Taliban anfangs
unterstützt hat. Für ihn, der sich mehr als „Politiker, denn Kämpfer“
betrachtete, waren sie die Alternative zu den zerstrittenen
Kriegsherren der Mudjahedeen. „Karzai sah (auch) keinen Widerspruch
zwischen seinen Verbindungen zu den Amerikanern und seiner
Unterstützung für die Taliban seit 1994, als die Amerikaner - geheim
und vermittels der Pakistani - die Machtübernahme durch die Taliban
unterstützten ... Zu der Zeit arbeitete Karzai als Berater für die
riesige US-Öl-Gruppe Union Oil of California (UNOCAL), welche
die Taliban-Bewegung unterstützte und danach trachtete, eine Pipeline
für den Transport von Öl und Gas aus den Islamischen Republiken
Zentralasiens zu bauen", schrieb die saudische Tageszeitung Al-Watan.
Allerdings waren die Taliban „eine Schöpfung des pakistanischen
Geheimdienstes und werden vermutlich von der CIA und Saudi-Arabien
finanziert. Es wird sogar behauptet, dass UNOCAL zusammen mit dem
saudischen Partner Delta Oil beim 'Einkauf' örtlicher Kommandanten eine große Rolle gespielt hat", wusste Pierre Abramovici von Le Monde Diplomatique.
Im Jahre 1995 startete UNOCAL nun Verhandlungen über den Bau der so genannten CentGas-Pipeline
von Turkmenistan nach Pakistan. Abramovici: „Während der Verhandlungen
über die afghanische Öl-Pipeline war Karzai Berater für UNOCAL“. Teresa
Covington, die für Internationale Kommunikation zuständige Managerin
jenes Ölgiganten, behauptete Anfang 2002 jedoch: „Nein, er nicht. Weder
als Beschäftigter noch als Berater. Wir senden Le Monde eine
Note, damit die das berichtigen“. Die Note blieb bis heute aus, und
Wayne Madsen konkretisierte: „Hamid Karzai war der Top-Berater von El Segundo, der in Kalifornien beheimateten UNOCAL Corporation.“
Der
pakistanische Geheimdienst ISI „arrangierte“ nun 1996, dass das
„religiöse Mandat der Taliban“ nachträglich internationale Anerkennung
fand; die Taliban wurden somit „regierungstauglich“. UNOCAL, das darauf
gewartet hatte, wurde sofort aktiv und schloss mit den Taliban am 23.
Juli 1997 in Islamabad einen Vertrag über den Bau einer 1500 km langen
Erdgasleitung von Turkmenistan über Kandahar nach Quetta und Multan in
Pakistan ab. Im November 1997 lud UNOCAL dann einige Führer der Taliban
in die Raffinerien nach Houston in Texas ein. Die Company deutete an,
15 Cents pro 1000 Kubikfuß Gas zu zahlen, welches durch das befreite
Afghanistan fließen würde. Die Taliban wurden königlich im dortigen
Vorort Sugarland, in Bush's Residenz und an anderen Plätzen in Houston
empfangen und mit ausgewählten Weinen und vorzüglichen Speisen
bewirtet.
Der Konzern UNOCAL, der große finanzielle Interessen
der Familie Bush vertritt, erhielt nun den Auftrag, Afghanen im Bau
dieser Pipeline auszubilden. Im Dezember 1997 wurde zu dem Zweck ein
Ausbildungszentrum an der Universität von Omaha in Nebraska eröffnet,
das 137 Afghanen unterrichtete. UNOCAL „investierte“ aber auch indirekt
in der südafghanischen Stadt Kandahar, um dort die für den Pipelinebau
benötigten Techniker weiterbilden zu können.
Zwischen 1995 und
1998 unterstützte die US-Regierung das Pipeline-Projekt der Firma
UNOCAL rückhaltlos. Washington erlaubte den Taliban sogar, ein
diplomatisches Büro in Queens, New York zu betreiben. Die Amerikanerin
Laila Helms, stand den Taliban als PR-Frau zur Seite und assistierte
bei sämtlichen Verhandlungen. Was für ein Zufall: Helms ist aber auch
die Nichte des ehemaligen CIA-Direktors Richard Helms und mit dessen
Neffen verheiratet. Und ein noch größerer Zufall: Laila Helms ist
ebenso verwandt mit dem afghanischen Ex-König Zahir Schah; zugleich ist
sie die Enkelin von Faiz Mohammed Zikira, letzter afghanischer
Außenminister unter diesem König. Sayed Hamid Karzai hat also bei den
UNOCAL-Verhandlungen einem Abkömmling aus dem eigenen Clan gegenüber
gesessen.
Während der Verhandlungen reiste Karzai
mehrmals in die USA und besprach sich mit hochrangigen CIA-Leuten,
Offiziellen im Außenministerium und der Regierung. Auch wenn er
meistens in Afghanistan oder im Exil in Pakistan blieb, so diente
Karzai doch den Interessen der Agentur (CIA), wie auch denen der
Bush-Familie und deren Öl-Freunde während der Verhandlungen über den
CentGas-Deal, schrieb die pakistanische The News International.
1998
ließ UNOCAL das Projekt „offiziell“ fallen: Feministische Gruppen und
Bürgerrechtsbewegungen in den USA hatten scharfe Kritik am engen
Verhältnis zu den Taliban geäußert; außerdem, so nahm man an, hatten
die Leute von Osama bin Laden zwei US-Botschaften in Ostafrika in die
Luft gesprengt. Inoffiziell blieb man jedoch ungerührt: Noch im ersten
Halbjahr 2001 weilten prominente Vertreter der Taliban in den USA und
fanden offene Türen bei Behörden und Medien. Sogar bis wenige Wochen
vor dem 11. September 2001 wurde verhandelt. Unterhändlerin für die
Regierung war Christina Rocca, Sonderbeauftragte für Südostasien im
Außenministerium. Mit Afghanistan kannte sie sich aus: Das Land fiel
zwischen 1982 und 1987 in ihren Zuständigkeitsbereich beim Directorate
of Operations der CIA.
Wie berichtet, Ende 1995 entfremdete sich
Karzai von den Taliban, als Osama bin Laden und Al Qaida zunehmend
Einfluss auf die Politik Mullah Omars gewannen. „Seine anfängliche
Begeisterung schwand mehr und mehr dahin, als er feststellte, dass die
Taliban von ausländischen Geheimdiensten infiltriert wurden.“
Vom
pakistanischen Quetta aus kontaktierte er ab 1997 afghanische Exilanten
und die Nordallianz, die Hauptkraft innerhalb Afghanistans gegen die
Taliban, um Unterstützung für die Wiedereinsetzung von König Zahir Shah
zu erheischen. Mehrmals flog er in die USA, um mit hochrangigen Leuten
der CIA, des State Department und der Regierung die Planungen für eine
groß angelegte verdeckte Operation voranzutreiben, die einen
Volksaufstand gegen die Taliban in Afghanistan provozieren sollte. 1999
versuchte er, paschtunische Stammesfürsten für dieses Ziel zu gewinnen.
Die Taliban bekamen davon Wind und übten Rache: Im Juli 1999 wurde
Karzais Vater, der auch über gute Kontakte nach Washington verfügte, in
Quetta auf dem Rückweg vom Abendgebet erschossen. Der Mörder entkam auf
einem Motorrad. Der Reporter Humayun Akhtar von Pakistan Link vermutete einen Auftragsmord des Taliban-Führers Mullah Mohammed Omar.
Als
die »Antiterror-Koalition« unter Führung der USA als Reaktion auf den
11. September 2001 die Taliban und Al Qaida am 7. Oktober 2001 in
Afghanistan angriff, gaben Verteidigungsminister Rumsfeld und
CIA-Direktor Tenet grünes Licht, das Karzai mit drei Männern die Grenze
zu Südafghanistan überschreiten solle, um paschtunische Fürsten zum
bewaffneten Volksaufstand gegen die Taliban zu ermutigen und deren
Zustimmung für den früheren König Zahir Shah einzuholen. Angeblich
wurde die Gruppe von hunderten Taliban attackiert und USA-Hubschrauber
hätten Karzai, „den Mann, der in extremen Umständen kühlen Kopf
bewahrt, in letzter Sekunde herausgeflogen“.
In den Kabuler
Teestuben witzelt man über die Story. Karzai, der sich in seiner
Luxusvilla in Pakistan verkrochen hatte, wo er mit unzufriedenen
Emigranten grantelte, grünen Tee schlürfte und süße Mandeln naschte,
sei nie ein Kämpfer gewesen. Offenbar nur eine
James-Bond-Räuberpistole, um den Exilanten mit einem Touch 007
beschmieren zu können, damit sich die „heldenhafte Marionette“, die
angeblich ihr hölzernes Leben ganz uneigennützig für die „Befreiung“
Afghanistan eingesetzt hatte, politisch werbewirksamer vermarkten lässt.
Unter
enormem Druck von UNO und USA einigte sich die Afghanistan-Konferenz
auf dem Petersberg bei Bonn am 5. Dezember 2001 gegen den Willen vieler
Konferenzteilnehmer auf Hamid Karzai als Chef der Übergangsregierung.
Als der am 22. Dezember 2001 tatsächlich in das Amt gehievt wurde,
hagelte es Kritik. Der Stammesführer Jabbar Ahmed Khan schimpfte: „Er
ist doch nur eine Marionette der USA. Wir Afghanen wollen ihn nicht. Er
hat auch nicht aktiv gegen die Taliban gekämpft“. Und Gulbuddin
Hekmatjar, der Ex-Premier behauptete zurecht: „Die Amerikaner haben uns
diese Regierung aufgedrängt. Die Vereinten Nationen haben damit wenig
zu tun gehabt.“
Ein
halbes Jahr später, im Juni 2002, wurde Sayed Hamid Karzai auf der Loya
Jirga, der Großen Ratsversammlung der Afghanen, zum Staatsoberhaupt
gewählt. Peter Symonds vom Centre for Research on Globalization
(CRG) berichtete, dass Druck auf den ehemaligen König Zahir Schah und
den Ex-Präsidenten Burhanuddin Rabbani ausgeübt worden war, damit die
sich nicht widersetzten, den von den USA bevorzugten Karzai zum
Staatsoberhaupt zu küren. Heftig wurden auch das antidemokratische
Verfahrens, die Manipulation durch ausländische Beobachter und die
Schikanen durch regionale Kriegsherren und Geheimdienstoffiziere in
Zivil kritisiert. Enttäuscht, misstrauisch ob des „ausländischen
Einflusses“ und verärgert über die Drohungen und Einschüchterungen
stürmte ein Großteil der Delegierten am 17. Juni 2002 aus der
Versammlung. Der Delegierte Mullah Abdul Karim: „Ich selbst wurde unter
Drohungen dazu gebracht, Karzai zu unterstützen, obwohl mein
bevorzugter Kandidat der ehemalige König war.“ Karzai war nie geplant,
die Amerikaner hatten ursprünglich auch den paschtunischen
Stammesführer Abul Haq bevorzugt. Den aber hatten die Taliban
geschnappt, gefoltert und hingerichtet. Vielleicht ist das der Grund
für die schnelle Metamorphose des noch im Jahre 2000 Rauschebart und
Turban tragenden Muslim Karzai zum weltmännischen und modebewussten
Politiker.
Karzai ist – wie jede Marionette - abhängig von der
politischen und wirtschaftlichen Unterstützung der Großmächte. Daher
tanzt er nach deren Pfeife. Afghanistan ist faktisch durch US-Truppen
samt ihren „Mittätern“ besetzt, und in Kabul ist eine Regierung
installiert, die sich an der Politik der Vereinigten Staaten
orientiert. In der engen Bindung an die USA sah Karzai von Beginn an
das wesentliche Element seiner Politik. Im Interview mit der Washington Post im Dezember 2001 äußerte er, sein Land werde den USA ein „vertrauensvoller Alliierter und Freund sein“.
Aus
der Verbundenheit heraus grenzt es nicht an ein Wunder, dass die
US-Botschafterin in Pakistan, Wendy Chamberlain, ehemals Directorate of
Operations bei der CIA, im Januar 2002 den pakistanischen Ölminister
Usman Aminuddin „traf“ und mit ihm die Pläne für die CentGas-Pipeline
und den Bau eines pakistanischen Öl-Terminals am Arabischen Meer
„besprach“. Wenige Tage danach, am 9. Februar 2002, gab dann auch die Irish Press
bekannt, dass „der pakistanische Präsident Musharraf und der
afghanische Interimspräsident Hamid Karzai gestern darüber überein
stimmten, dass ihre beiden Länder die beabsichtigte Gas-Pipeline von
Zentralasien nach Pakistan via Afghanistan realisieren“. Anfang März
2002 tourte Karzai dann pflichtgemäß zum Staatsbesuch nach Aschabad, um
das US-Projekt mit Saparmurad Niyazov, dem „Führer aller
Turkmenen“, ein Irrer, der sein Land unter dem Slogan „Ein Volk, ein
Vaterland, ein Führer“ regiert, der die Monatsnamen nach sich und
seinen Familienmitgliedern umbenannt hatte, zu „diskutieren“. Niyazow
verstarb vor wenigen Tagen.
Ein halbes Jahr nach Amtsantritt konnte Karzai denn auch Vollzug melden; Faraz Hashmi von The Dawn Group of Newspapers,
Islamabad, schrieb am 30. Mai 2002: „Pakistan, Turkmenistan und
Afghanistan unterzeichneten am Donnerstag ein trilaterales Abkommen für
eine Multimilliarden Dollar Gas-Pipeline, die von den
Daulatabad-Gasfeldern in Turkmenistan nach Gwadar in Pakistan führt.“
Unterzeichner waren der pakistanische Präsident Musharraf, die
turkmenische Einmann-Regierung Niyazov und Karzai. Kommentar Musharraf:
„Dieses Mega-Projekt lag viele Jahre auf Eis, es konnte aufgrund der
Instabilität Afghanistans nicht verwirklicht werden.“ Amerikanische
Bomben und Karzai haben das Geschäft gerichtet.
Bewacht von den DynCorp-Bodyguards
Und amerikanische Waffen schützen die Präsidentenmarionette auch heute noch: Er wird von Bodyguards der USA-Sicherheitsfirma DynCorp bewacht,
die zwar verschiedene Anschläge verhindern konnten, aber im Oktober
2004 bei einem damaligen Wahlkampftrip Karzais sehr alt aussahen. Nach
einem Raketenanschlag auf das Flugfeld von Gardez konnte der
Präsidentenhelikopter gerade noch entweichen, damit der
GucCIA-Präsident wenige Tage später von den Afghanen per Daumenabdruck
und abwaschbarer Tinte – ein Daumen wählt einundvierzig mal -
wiedergewählt werden konnte.
Der „Anspruch“ Karzais, das
Land am Hindukusch zur „Demokratie“ zu führen, der zu dem Zweck im
Westen ausgebildete Exilafghanen um sich schart, stößt bei seinen
Landsleuten auf Ablehnung; sie fühlen sich von diesen „Ausländern“
nicht vertreten. Karzais Machtbereich beschränkt sich sowieso nur auf
Kabul und wenige Provinzen; Islamisten, mächtige Warlords, süd- und
ostafghanische Führungspersönlichkeiten, die ungenügend in
Regierungsaufgaben eingebunden sind, hatten sich ihm längst verweigert
oder rebellierten. Und der Süden des Landes ist mittlerweile zum
Alptraum der „Anti-Terror-Koalition“ geworden.
Kurz vor der Wahl von George Bush junior schrieb Condoleezza Rice in Foreign Affairs:
„Das Militär ist keine zivile Polizei. Es ist kein politischer
Schiedsrichter. Und es ist ganz bestimmt nicht dazu da, eine
Zivilgesellschaft aufzubauen.“ Wie die Zeit so spielt: Rice wurde unter
Bush zur Oberaufseherin des nation-building. Ihr Amt als Sicherheitsberaterin trat sie 2001 mit dem Schlachtruf der Vietnamkriegs-Gegner an und münzte ihn auf den Balkan: „Bring the boys home.“ Ihr Spruch ist heute aktueller denn je in punkto Afghanistan und Irak. Ob der dann auch für den „boy“ Hamid
Karzai gilt, mag man fast annehmen: Kamran Khan, ein pakistanischer
Afghanistan-Experte, ist sich sicher: „Karzai ist seit Jahren der Mann
der CIA und des pakistanischen Militärgeheimdienstes ISI.“
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