Eine Foto-Ausstellung zeigt 25 Jahre nach dem Aufstand in Soweto Dokumente des langwierigen Kampfs um Gleichberechtigung in Südafrika
Aus dem Dunst taucht ein Strommasten auf. Schwer hängt der
Morgennebel über Sträuchern, Hütten und Verteilerkästen. In der Ferne
stehen Männer am Straßenrand. Im Vordergrund preist unübersehbar ein
Werbeplakat das Waschmittel Omo für kaltes Wasser an. Ein Junge
geht eilig daran vorüber. In Santu Mofokengs komponierter Fotografie
bildet das Lineare, das wirbelnde Logo der Reklame und der Schritt des
Jungen, das Sfumato der Landschaft und die Wartenden am Rand von Soweto
einen eigentümlichen Kontrast: Stagnation und Aufbruch. Das Foto aus dem
Jahr 1989 gehört zu den eindrücklichsten Arbeiten einer als
Wanderausstellung bis zum November in mehreren Stationen in der
Bundesrepublik und in Südafrika gezeigten Fotoausstellung, die Annette
Braun und Bongi Dhlomolo-Mautloa aus Anlass des Schüleraufstandes in
Soweto vor fünfundzwanzig Jahren zusammengestellt haben. Sie dokumentiert
die Geschichte und das Leben einer Stadt, die Synonym für Ausgrenzung,
Repression, aber auch zum Symbol für den Widerstand gegen die
Apartheidspolitik und schwarzes Selbstbewusstsein geworden ist.
Die Touristen machen einen Bogen um Soweto und seit jüngstem auch
um Johannesburg - der Millionenmoloch gut sechzig Kilometer südlich des
Regierungssitz Pretoria sei zu unsicher geworden. Das Zentrum verwaist
nach Geschäftsschluss, nur wenige sind noch nach sechs Uhr in den
Straßenschluchten unterwegs. Die Touristenhotels in der City sind
mittlerweile mangels Nachfrage alle geschlossen. So ist es auch für Eric
schwerer geworden, Kunden für seine Sunny-Tours zu gewinnen, die
mit seinem kleinen Toyotabus einen Tagestrip nach Soweto unternehmen
wollen. Zehn Jahre nach der Freilassung Nelson Mandelas, dem Beginn der
Aufhebung der Apartheid, die endgültig 1994 erfolgte, ist auch bei
Optimisten Nüchternheit eingekehrt. "Viele Hoffnungen haben sich nicht
erfüllt und die alten Ängste und Vorurteile sind auf beiden Seiten wieder
da", meint Eric. Aber, so fügt er hinzu, es habe sich viel getan, so seien
in den letzten Jahren viele Elendsquartiere mit dem Nötigsten -
Kanalisation, Wasser, Strom - versorgt worden.
Täglich strömen
Tausende auf der Flucht vor Arbeitslosigkeit und Armut vom Land in die
Städte. Um die mit der Apartheid nach dem zweiten Weltkrieg dekretierten
Townships am Rand der Städte herum hat sich heute ein Ring von dicht an
dicht geschachtelten Holz- und Wellblechhütten gezogen, in denen
Toilettenplastikboxen und ein Fernseher in einem improvisierten
Barbiergeschäft als Luxusgüter herausragen. Dies gilt für Kapstadt wie für
Durban aber auch für Provinzstädte wie Butterworth oder Seymour in der
Transkei, wo die Blechdächer vermeintlich idyllisch-silbern neben dem
große See in der Abendsonne glänzen.
Das bereits 1923 erlassene
"Gesetz über Städte und die Eingeborenen" übertrug die hysterische
Rassenideologie der Apartheid auf alle Städte, die sich nun dem ländlichen
Muster der Trennung von Herrenhaus und Gesindekate zu unterwerfen hatten.
Von Weißen, Schwarzen und Indern gleichzeitig bewohnte Viertel und
Vorstädte verschwanden - wie zum Beispiel Sophiatown in Johannesburg,
dessen quirlig-buntes Leben in der Ausstellung ebenso dokumentiert wird,
wie dessen sang- und klangloser Untergang. Von Bulldozern plattgewalzt
wich es der gesichtslos-einfältigen Burenvorstadt Triomf. Die schwarze
Bevölkerung wurde in die South-Western-Townships - kurz "SoWeTo", mit
heute rund 2,5 Millionen Einwohnern zweitgrößte Stadt in Südafrika -
zwangsumgesiedelt.
Als im Sommer 1976 die weiße Regierung das
verhasste Afrikaans als allgemeine Unterrichtssprache an den Schulen
einführen wollte, kam es hier zu einem Schülerprotest, der am 16. Juni
blutig niedergeschlagen wurde. Die Ausstellung setzt Fotos von
ausgelassenen Jugendlichen in Schuluniformen gegeneinander: hier der lange
Zug der schwarzen Schüler fotografiert von Sam Nzima, dort die weißen
High-school-boys aufgenommen von Jürgen Schadeberg. Ihnen folgen zwei
Bilder Peter Magubanes, der wegen seiner Arbeiten mehrfach im Gefängnis
saß - auf der einen Seite euphorisch johlende Demonstranten, auf der
anderen die Polizei im Wartestellung. Dann das Bild des ersten Opfers des
Aufstandes: der tote dreizehnjährige Hector Petersen, auf dem Arm eines
aufgelösten Mitschülers, die verzweifelte Schwester daneben. Sam Nizmas
Karriere als Fotograf war nach der internationalen Veröffentlichung dieser
Aufnahme, die zur anklagenden Ikone gegen das Apartheidsregime wurde,
beendet. Repressionen ausgesetzt und von der Polizei verfolgt, zog er sich
in eine Kleinstadt bei Durban zurück.
Der Schüleraufstand weitete
sich zu landesweiten bürgerkriegsähnlichen Zuständen aus, die mit ihrer
Wucht und Energie letztlich das Ende des Apartheidsregierung einläuteten -
nach der rückblickenden Einschätzung Nelson Mandelas ein
"Schlüsselereignis auf dem Weg zur Befreiung".
So zeigen die
expressiven schwarz-weißen Bilder aus dem Juni 1976 die Polizei im
Einsatz, Trauer, Tränen, die geballte Faust eines Priesters, das Gesicht
einer ratlos-müden Alten. Es ist dick mit Wollshawls umwickelt, von denen
einer mit der Aufschrift "Love" durchwebt, von einer Utopie kündet.
25 Jahre später trifft man in Johannesburg auf Menschen wie
Goodwin Mda, der noch bis vor kurzem in Soweto lebte, nun aber in eines
der ehemals weißen Villenvororte umgezogen ist - dort sei es sicherer. Mit
Kollegen, schwarzen und weißen Managern eines staatlichen Unternehmens,
feiert er in einer Bar. Darauf angesprochen, in welcher Sprache man sich
denn unterhalte, gibt er lachend Auskunft: "Englisch, Afrikaans und -
Xhosa", und man verstehe sich bestens, aber das sei schon ein besonderer
Haufen hier, "nein, selbstverständlich ist das nicht in diesem Land!"
Wo die Grenzen fließend geworden sind, grenzt man sich ab. Vor
allem die reportageartigen Bilder Jürgen Schadebergs werden zur Chronik
der Übergänge und Gegensätze, die heute noch das Land bis zum Zerreißen
spalten, doch es sind vor allem die kompromisslos nahen Bilder einer Jodi
Bieber oder Ruth Matau, die von der Wiedereroberung der Stadt Johannesburg
durch die Ärmsten der Armen erzählen, von einem Leben in der Enge und vom
Müll, oder in ein anderes Bild gefasst: ein Leben als täglicher
Drahtseilakt, wie ihn Themba Hadebe ganz buchstäblich im letzten Foto der
Ausstellung zur Anschauung bringt.
Soweto -
Ein südafrikanischer Mythos. Bis 31.8 in der Evangelischen Akademie
Bad Boll; 20.9.-12.10. im Leo-Lippmann-Saal, Cultur Cooperation/Eine Welt
Netzwerk Hamburg; 2.11.-30.11. im Stadthaus Bonn.
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