Lascaux, Altamira oder Les Trois Frères: Die Macht der Bilder war schon vor Jahrtausenden
bekannt. Wie immer die steinzeitlichen Höhlenmalereien zu verstehen sind · sie sind wohl
mehr als das Ergebnis bloßen Zeitvertreibs. Bilder waren nicht nur die ersten dauerhaften
Informationsträger, aus ihrer sukzessiven Stilisierung entwickelten sich auch die ersten
Schriften wie die sumerische Keilschrift oder die ägyptischen Hieroglyphen. Bildschriften
leben auch heute · etwa im Chinesischen · fort und erleben in den westlichen Industriekulturen
in Form von Piktogrammen eine Renaissance. Über die reine Informationsübertragung hinaus wird
Bildern eine beschwörende und magische Funktion zugeschrieben: So werden die Darstellungen
von Wildtieren in den französischen und spanischen Höhlen gemeinhin als Zeugnisse eines
Jagdzaubers interpretiert.
Das Bild eines Wesens zu besitzen · so der Glaube · verleiht Macht über dieses Wesen; dies
erklärt wohl, wieso viele Religionen verbieten, sich ein Bild Gottes zu machen.
Zerstörung der Erinnerung
Auch lange nach Erfindung einer auf Grundlauten basierenden und bilderlosen Schrift büßten
Bilder nichts von ihrer Wirkung ein: Schon im Altertum ließen Potentaten ihre Gesichtsprofile
auf Münzen prägen, um dem Volk ständig vor Augen zu führen, wer das Sagen im Staate hatte.
Verständlich, daß nach Staatsstreichen eine wesentliche Maßnahme zur Festigung der Macht darin
bestand, alle Bildnisse des gestürzten Herrschers zu beseitigen. Münzen wurden eingeschmolzen,
Bilder und Skulpturen vernichtet. "Damnatio memoriae", die Zerstörung der Erinnerung, nannten
die Römer diesen Vorgang, dessen Grundgedanke, "Aus den Augen, aus dem Sinn" auch heute noch
Allgemeingut ist. Als "imagines detrahere", Bilder zerstören, umschrieb Tacitus folgerichtig,
was eigentlich ein Militärputsch war.
Seit Jahrtausenden lassen sich Fürsten und Kleriker in Stein und schillernden Farben abbilden,
um sich schon im Diesseits zu verewigen. Die Erfindung des Künstlerbegriffs in der Zeit Leonardo
da Vincis und der fast zeitgleiche erste Aufstieg einer Mittelschicht brachten auch Künstler und
Kaufleute auf die Leinwand. Auch zu Propagandazwecken wurde die Malerei früh eingesetzt.
Schlachtengemälde wurden von staatlich angestellten Spezialisten ausgeführt und Eugène Delacroix'
gut acht Quadratmeter großes Bild "Die Freiheit führt das Volk auf die Barrikaden" gilt als Ikone
nicht nur der Julirevolution von 1830. Doch auch eine gewisse Skepsis gegenüber der Abbildung der
"Wirklichkeit" durch Künstler war vorhanden.
"In bunten Bildern wenig Klarheit / Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit", läßt Goethe die
"Lustige Person" in "Faust" sagen, und der Prinz in Lessings "Emilia Galotti" stellt fest:
"Ihr Bild ist doch nicht sie selber". Ein Gemälde, das war offensichtlich, stellte nur ein
durch den Künstler vermitteltes · und somit möglicherweise verfälschtes · Abbild der Realität
dar.
Anfang des 19. Jahrhunderts begannen allmählich die technischen Mittel zu reifen, die eine
unmittelbare Darstellung der Wirklichkeit zulassen sollten. Schon 1816 berichtete Joseph
Nicéphore Niépce von ersten Versuchen, das Licht der Außenwelt auf ein Medium zu bannen.
Weiterentwicklungen unter anderem von William Henry Fox Talbot und Louis Jacques Mandé Daguerre
führten 1839 zur "offiziellen" Erfindung der Fotografie, eines Mediums, das all die
Unzulänglichkeiten der Malerei überwinden zu können schien. "Fotos liefern Beweismaterial.
Etwas, wovon wir gehört haben, woran wir aber zweifeln, scheint bestätigt, wenn man uns
eine Fotografie zeigt", beschreibt Susan Sontag in ihrem grundlegenden Werk "Über Fotografie"
die suggestive Wirkung des Mediums. Schließlich mußte das, was auf der Platte oder dem Negativ
abgebildet war, einmal existiert haben und vom Objektiv der Kamera eingefangen worden sein.
Zweifellos hat sich der amerikanische Sezessionskrieg (1861 bis 1865) nicht nur deshalb bis
heute ins öffentliche Bewußtsein geprägt, weil er berühmte Chronisten wie Mark Twain oder
Ambrose Bierce hatte, sondern weil er der erste fotografisch ausführlich dokumentierte Krieg war.
Neben der Dokumentation erhielt die Fotografie schon früh eine weitere Bedeutung: Schon 1871
wurde die Pariser Kommune von der regimetreuen Polizei fotografisch überwacht.
Ehrliches Medium?
War also mit der Fotografie das ultimate Mittel gefunden, um · zumindest die optische ·
Realität unverfälscht wiederzugeben? Bekenntnisse vieler Künstler und
Philosophen deuten darauf hin, daß sie zumindest vorgaben, davon überzeugt
zu sein. László Moholy-Nagy, einer der wichtigsten "Bauhaus"-Künstler,
schwärmte 1925, "in dem fotografischen Apparat das verläßlichste
Hilfsmittel zu Anfängen eines objektiven Sehens" zu besitzen. Damit sei
die "Bild- und Vorstellungssuggestion aufgehoben, die unserem Sehen von
einzelnen hervorragenden Malern aufgeprägt worden ist". Ist diese
Sichtweise auch inhaltlich richtig, so zeugt sie doch auch von jener
Euphorie, die über die wenig offensichtlichen und eben deshalb um so
gefährlicheren Möglichkeiten der Manipulation hinwegsehen läßt. Edward
Weston, der neben Ansel Adams, Imogen Cunningham, Edward Steichen, Alfred
Stieglitz und Paul Strand in der Zwischenkriegszeit die künstlerische
Fotografie zu einem Höhepunkt führte, meinte gar: "Nur mit Mühe kann man
die Kamera zum Lügen zwingen. Im Grunde ist sie ein ehrliches Medium." Die
Gleichung "Foto ist gleich Leben" war auch die Basis für die Gründung der
reich bebilderten Zeitschrift "Life" im Jahr 1936, die einen
Meilenstein des Fotojournalismus darstellte.
Dasselbe Vertrauen in den dokumentarischen Charakter der Fotografie hatte auch die
amerikanische "Farm Security Administration", die in der Depression der dreißiger Jahre
die dramatischen Lebensumstände der verarmten Farmer von Fotografen wie
Dorothea Lange und Walker Evans festhalten ließ. Beeindruckende Bilder,
die zweifellos zum Besten gehören, was die Fotografie hervorgebracht hat,
waren das Ergebnis. Bilder, die das Elend der Bevölkerung unmittelbar,
ohne jeglichen künstlerischen Eingriff, wie es schien, zeigen. Doch
wurden, wie Susan Sontag bemerkt, von einem Motiv oft Dutzende Fotos
gemacht, bis die Fotografen mit dem Ergebnis zufrieden waren. Obwohl also
das Filmmaterial nicht manipuliert wurde, ist in diesen Bildern das
soziale und künstlerische Selbstverständnis der Fotografen ebenso
festgehalten wie die "Wirklichkeit" an sich.
Auch ohne explizit zu
fälschen bietet die Fotografie einige dem Medium immanente Möglichkeiten,
die Eindrücke des Beobachters zu steuern. Wie in jedem Anfängerhandbuch
zur Fotografie beschrieben wird, hinterlassen unterschiedliche
Brennweiten, Kontraste, Körnungen und Filmmaterialien ebenso wie die Wahl
der Perspektive und des Bildausschnitts sehr unterschiedliche Eindrücke.
Eine Methode, die wohl kaum mehr als "künstlerische Freiheit" verstanden
werden kann, ist das Nachstellen historischer Szenen. Als General McArthur
bei seiner sehr fotogenen Rückkehr (er watete die letzten Meter durch den
Ozean an Land) auf seinen Lieblingsfotografen verzichten mußte, ließ er
die Szene kurzerhand nachstellen und nachfotografieren. Und auch das
berühmte Foto "Die Eroberung von Iwo Jima" von Joe Rosenthal (Soldaten
bringen eine Fahnenstange mit den Stars and Stripes in die Senkrechte) ist
keine originale, sondern eine nachgestellte Aufnahme, ebenso wie das Bild
des fahneschwenkenden sowjetischen Soldaten auf dem Berliner Reichstag. [Und ebenso das des "historischen Treffens" amerikanischer und sowjetischer Truppen in Torgau, das sich einige politisch-korrekte Gutmenschen nicht entblöden, alljährlich beim so genannten "Elbe Day (Elbetag)" nachzufeiern, Anm. Dikigoros]


Politische Retuschen
Einen Schritt weiter gingen die Diktatoren Europas: So ließ Adolf Hitler eine Zeit lang Josef
Goebbels aus Bildern heraus retuschieren, unter anderem aus einem, in dem der Propagandaminister
zwischen Hitler und Leni Riefenstahl stand. Zur Jahrzehnte lang geübten Methode wurde die
Bildmanipulation aber in den Staaten des sowjetischen Einflußbereichs, vor allem in der UdSSR
selbst und in der CSSR. War ein Funktionär oder Politiker in Ungnade gefallen, wurden keine
Bilder mehr von ihm veröffentlicht. Für westliche Geheimdienste war das Studium der in der
"Prawda" veröffentlichten Fotos ein wichtiger Hinweis auf bevorstehende Veränderungen in der
politischen Oligarchie. Einige tausend Personen, unter ihnen Berija, Malenkow, Molotow, Bulganin
und Chruschtschow, wurden Opfer dieser "Damnatio memoriae". Und da die jeweils herrschenden
Helden der Sowjetunion keinesfalls mit Konterrevolutionären und anderen Verrätern in Zusammenhang
gebracht werden wollten, wurden diese aus älteren Fotos kurzerhand herausretuschiert. Trotzki
war eines der prominentesten Opfer dieser Manipulationen, Sergej Eisenstein mußte aus seinem
Film "Oktober" (1927) alle Szenen herausschneiden, auf denen Trotzki zu sehen war. Auf einem Foto
aus dem Jahr 1920, das Teilnehmer am 2. Kongreß der Kommunistischen Internationale zeigt,
überlebten nur Lenin und Gorki, während Radek, Bucharin und Sinowjew auch fotografisch eliminiert
wurden. Diese Korrektur der Geschichte bringt George Orwell in dem Roman "1984" auf den Punkt,
indem er beschreibt, wie ältere Ausgaben der (fiktiven) "Times" jeden Tag auf die jeweils
herrschenden Machtverhältnisse umgeschrieben werden.
Blüten trieb die politische Retusche auch in der Tschechoslowakei: Meist aus Gründen der Ästhetik
wurden Dutzende Fotos retuschiert, die den Nachkriegspremier Clemens
Gottwald zeigten. Mal störte ein namenloser Offizier die imposante Szene,
mal eine nachlässige Handhaltung beim Salutieren. Berühmt ist auch das
Foto, das Staatspräsident Swoboda auf einer Kundgebung zeigt: ganze Häuser
wurden um des Eindrucks willen verschoben, die Figur des Präsidenten
relativ zu den anderen Personen vergrößert und vor allem Alexander Dubcek
herausretuschiert. Die für diese Zwecke eingesetzten Spezialisten,
darunter inhaftierte Banknotenfälscher, leisteten aber nicht immer ganze
Arbeit: in diesem Fall etwa vergaßen sie, die Fußspitze Dubceks ebenfalls
heraus zu retuschieren.
Obwohl die Möglichkeiten zur Manipulation von
Fotografien der Öffentlichkeit bekannt waren, büßte das Medium kaum etwas
von seinem Nimbus ein, Realität zu dokumentieren. Bilder des
Vietnam-Krieges, etwa das auf den Fotografen und damit den Betrachter
zulaufende und mit Napalm übergossene Kind oder die Exekution eines
Vietcong durch einen südvietnamesischen Offizier mitten in Saigon
erschütterten die Welt und trugen wesentlich zum wachsenden Widerstand
gegen diesen Krieg bei. Zweifellos bewirkten solche Bilder weit mehr als
jedes rhetorische oder militärische Manöver.

Neue Dimensionen
Noch immer ist das Vertrauen in die Fotografie mehr oder weniger intakt, obwohl
die Digitaltechnik der Bildmanipulation völlig neue Dimensionen eröffnet
hat. Digitale Bilder bestehen aus Tausenden bis Millionen Einzelpunkten,
sogenannten "Pixels". Zu jedem Pixel wird dessen Farbe und Helligkeit
gespeichert. Moderne Bildverarbeitungsprogramme erlauben es, auf jedes
einzelne dieser Pixel zuzugreifen, es zu verändern und somit die perfekte
Fälschung zu schaffen. Selbstverständlich muß der Anwender dieser
Programme nicht jedes Pixel einzeln verändern, im Gegenteil: Zahlreiche
Funktionen ermöglichen es, in kurzer Zeit großflächige Veränderungen
vorzunehmen und auch wieder rückgängig zu machen. Durch die PC- und
Software-Revolution der vergangenen Jahre sind Bildverarbeitungsprogramme
mittlerweile so verbreitet, daß wir mit einer nie dagewesenen Flut
gefälschter Fotografien konfrontiert werden. Selbst Medien, deren guter
Ruf bei Lesern oder Zusehern Vertrauenswürdigkeit suggeriert,
veröffentlichen manipulierte Bilder. Geschieht dies manchmal mit voller
Absicht (vor allem in der Regenbogenpresse), so häufen sich auch jene
Fälle, in denen renommierte Zeitungen und Fernsehsender nicht
authentisches Bildmaterial veröffentlichen, etwa weil für die Überprüfung
zu wenig Zeit bleibt. "Time" etwa manipulierte ein Titelbild von O. J.
Simpson, um ihn dämonischer erscheinen zu lassen. Und Günter Zint, der im
Auftrag der deutschen IG Medien Bildmanipulationen sammelt, berichtet, daß
die eher linke Berliner "Tageszeitung" dem CDU-Politiker Voscherau die
Mundwinkel herunterzog. Auf ein Bild des Touristen-Massakers von Luxor,
auf dem Wasser zu Blut wurde, fiel nicht nur das Boulevardblatt "Blick"
herein, sondern auch der Schweizer Fernsehsender "SRG". Laut einer Meldung
der "Neue Zürcher Zeitung" veröffentlichte "Sky News" 1996 ein gefälschtes
Video über Prinzessin Diana.
Besonders unverfroren gehen jene Medien
ans Werk, deren Hauptinteresse dem Privatleben Prominenter gilt. Als
Prinzessin Caroline von Monaco ihr Baby nicht termingerecht bekam,
veröffentlichten mehrere Zeitschriften montierte Fotos mit Prinzessin und
Baby im Arm. Die Idee lag offenbar in der Luft, sodaß Caroline mit · je
nach Zeitschrift · unterschiedlichen Babys zu sehen war. Die technischen
Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung zeigt am eindrucksvollsten der
Spielfilm: Was Woody Allen in "Zelig" schon 1983 mit vergleichsweise
prähistorischen Mitteln vorzeigte · das Hineinmontieren einer Person in
historisches Filmmaterial ·, trieben Filme wie "Forrest Gump" (Tom Hanks
bei John F. Kennedy) oder "In the Line of Fire" (Clint Eastwood bei John
F. Kennedy) zur Perfektion.
Einen Quantensprung in der Entwicklung der
Bilder, vergleichbar jenem von der Malerei zur Fotografie, illustriert die
rennende Saurierherde in Steven Spielbergs "Jurassic Park". Dank digitaler
Animationstechnik konnte auf jede reale Vorlage, selbst auf
Miniaturmodelle verzichtet und dennoch die Illusion Dutzender Tiere mit
natürlich erscheinenden Bewegungsabläufen erzeugt werden. Der Schritt von
der Manipulation zur Synthetisierung von Bildern entkoppelt diese
endgültig von dem, was wir gemeinhin als "Wirklichkeit" bezeichnen. Eine
Entwicklung, die über das hinausgeht, was der deutsche Regisseur Wim
Wenders schon vor Jahren voraussah: "Wir nähern uns einer Epoche, in der
niemand mehr sagen kann, ob ein Bild echt oder falsch ist."
Aufgehelltes Augenweiß
In keinem Bereich ist die Manipulation von
Bildern · in diesem Zusammenhang von "Fälschung" zu sprechen wäre nicht
angebracht · so verbreitet wie in der Werbung. Bei nahezu jedem Werbefoto,
sagt Andreas Fitzner von "Vienna Paint", einer Spezialfirma mit inzwischen
20 Mitarbeitern, werde der Natur ein wenig nachgeholfen. Manchmal ist dies
offensichtlich, etwa wenn das Matterhorn aus Emmentaler Käse besteht oder
die Freiheitsstatue im achten Monat schwanger ist. Nicht sofort erkennbar
sind Manipulationen, um ohnehin schon "schöne" Models und Schauspieler
noch attraktiver erscheinen zu lassen. Das Intensivieren der Augenfarbe
und das Aufhellen des Augenweiß gehören zur selbstverständlichen Routine.
Auch bildende Künstler haben sich die Welt der digitalen Bilder zu
eigen gemacht: Gut in Erinnerung mögen dem Beobachter heimischer
Plakatwände jene zwölf Gesichter sein, die "Austrian Airlines" als Sponsor
gemeinsam mit "Museum in progress" und "Gewista" vor etwa drei Jahren
präsentierte. Rosemarie Trockel, die den deutschen Pavillon bei der
diesjährigen Biennale in Venedig gestaltet, kreierte die Portraitserie
"Beauty" als Ergebnis ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem
Schönheitsbegriff im digitalen Zeitalter. Obwohl die dargestellten
Gesichter völlig natürlich erscheinen, ist keines von ihnen echt.
Augenbrauen wurden nachgebessert, die Augen auf eine Linie gebracht,
Münder verformt, Zähne geweißt. Obwohl "Vienna Paint" regelmäßig · zum
Beispiel im Rahmen von "Museum in progress" · mit Künstlern
zusammenarbeitet, werden etwa 90 Prozent des Auftragsvolumens von
Werbeagenturen gestellt. Den verbleibenden Anteil teilen sich andere
Kunden, darunter Zeitschriften, die auf ihren Titelseiten zum Beispiel
eine zerbrechende oder in den Boden versinkende Wiener Börse präsentieren
wollen.
Die Geschichte von "Vienna Paint", einem Marktführer im
Bereich digitaler Bildbearbeitung in Österreich, spiegelt die Entwicklung
dieser computerunterstützten Technik wider. 1988 kauften sich Albert
Winkler und Andreas Fitzner um 10 Mill. Schilling das führende
Spezialgerät zur Bildbearbeitung, eine "Paintbox" der britischen Firma
"Quantel". Trotz des kleinen österreichischen Marktes war der Erfolg der
neuen Firma so groß, daß kurz darauf eine zweite "Paintbox" angeschafft
wurde. Neun Jahre lang waren die teuren Apparate state of the art, bis die
Computer-Revolution auch über sie hinweg rollte und durch vergleichsweise
billige Apple-Macintosh-Computer und die einige Tausende Schilling teure
"Fotoshop"-Software ersetzte.
Leben wir also schon in der von Wim
Wenders prognostizierten Epoche, in der echte Bilder von gefälschten nicht
mehr zu unterscheiden sind? Die Verfälschung analogen, d. h. herkömmlichen
Grundmaterials, in dem chemische Prozesse Bilder entstehen lassen, ist mit
digitalen Mitteln selbst bei sehr hoher Auflösung, d. h. vielen Pixels,
schwierig. Meist verraten eigentlich analoge Charakteristika · wie etwa
die Körnung · die Fälschung, weil sie digital erzeugt nicht natürlich
erscheinen. Anderseits, sagt Andreas Fitzner, ist es auch hier im
wesentlichen eine Frage des Aufwands und der Erfahrung, um ein Bild
entstehen zu lassen, dessen Verfälschungen nicht nachweisbar sind.
Viel einfacher und klarer ist die Frage bei digitalem Basismaterial zu
beantworten. Da hier das fotografische Medium und das Bearbeitungswerkzeug
auf der gleichen Technologie beruhen, bieten sich nicht nachweisbare
Nachbearbeitungen geradezu an. Noch ist die Auflösung digitaler
Fotografien nicht ausreichend, um sie etwa in der Mode- und
Werbefotografie extensiv einsetzen zu können. In den Nachrichtenmedien
aber, die den Inhalt von Meldungen gerne mit Bildern "beweisen", spielt
die Digitalfotografie schon eine gewichtige Rolle. Und um eine Wasserlache
in einen Blutsee zu verwandeln, bedarf es nur weniger Mausklicks.
Versiegelte Bilder
Die Möglichkeit, digitale Fotos zu verfälschen, ohne verräterische Spuren zu hinterlassen,
führt dazu, daß solche Fotos vor Gericht nicht beweiskräftig sind. Ein Problem, das auch
der britischen Polizei bewußt ist, die für die Verkehrsüberwachung gerne Digitalkameras
einsetzen würde. Um digitale Fotografien gerichtstauglich zu machen, hat die britische Firma
"Signum" das Software-Verfahren "VeriData" entwickelt. Gemäß einem benutzerspezifischen Code
werden die Bilder mit einem Checksum, einer Art mathematischem Siegel, versehen. Manipulationen
können auf diese Weise leicht aufgedeckt werden, weil der Fälscher, der den benutzerspezifischen
Code nicht kennt, das Siegel bricht, aber nicht wiederherstellen kann. Noch besteht eine
Schwachstelle im Konzept: Die Versiegelung erfolgt erst nach der Aufnahme, in der Zwischenzeit
kann das Bild nach wie vor manipuliert werden. Die Lösung bestünde darin, die Versiegelung
automatisch bereits in der Kamera durchführen zu lassen, was laut "New Scientist" in einer
Kooperation mit "Agfa" realisiert werden soll.
Was bei Rechtsstreitigkeiten die Echtheit von Bildern nachweisen kann, wird im täglichen
Journalismus wohl keine Rolle spielen, schließlich hat der Leser und Seher im allgemeinen
keinen Zugriff auf die Mittel, die zur Analyse eines versiegelten Bildes notwendig sind.
Was ihm bleibt, ist den Bildern mit ähnlichem Mißtrauen zu begegnen, wie es bei Erfindung der
Fotografie der Malerei galt. Und letztendlich ist Foto-Journalismus zu dem geworden, was die
Übermittlung von Nachrichten seit jeher war: Eine Frage des Vertrauens.
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