Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros
1863
12. März: Gabriele d'Annunzio wird als drittes von fünf Kindern des wohlhabenden Bauern
Francesco Paolo d'Annunzio (geb. Rapagnetta, Namensänderung 1851 durch Adoption) und dessen
Frau Luisa (geb. de Benedictis) in Pescara geboren. [Das Geburtshaus ist heute ein
Museum.]
1874
D'Annunzio besucht das Collegio Cicognini in Prato (bis 1881) und entwickelt frühe
dichterische Neigungen.
1879
D'Annunzio veröffentlicht eine Ode an König Umberto.
1880
D'Annunzio legt die Reifeprüfung mit Auszeichnung ab.
1881
D'Annunzio nimmt ein Filologie-Studium in Rom auf.
1882
D'Annunzio veröffentlicht eine Gedicht- und eine Novellensammlung.
1883
D'Annunzio heiratet Maria Hardouin, Herzogin di Gallese, mit der er drei Kinder hat.
D'Annunzio und seine Frau beziehen die luxuriöse Villa Mammarella in Francavilla bei
Pescara.
1884
D'Annunzio wird Redakteur der Zeitschrift "Tribuna" in Rom.
1885
D'Annunzio behält von einem Duell eine Narbe auf dem Kopf zurück, die sein persönliches
Markenzeichen wird.
1889
D'Annunzio veröffentlicht den Roman "Lust", der seinerzeit als patriotisch und heute als
"chauvinistisch" angesehen wird.
1889/90
D'Annunzio leistet verspätet seinen Militärdienst ab. Letzter Dienstgrad: Sottotenente
(Secondelieutenant).
1891
D'Annunzio wird Redakteur der Tageszeitung "Il Mattino" in Neapel.
1895
D'Annunzio lernt auf einer Reise nach Griechenland die Schauspielerin
Eleonora Duse
kennen.
1896
D'Annunzio veröffentlicht den Roman "Die Jungfrauen vom Felsen", der unter dem Einfluß der
Filosofie Friedrich Nietzsches steht (Idee des
"Übermenschen").
1897
D'Annunzio wird als Kandidat der Konservativen Partei in die italienische Abgeordnetenkammer
gewählt. Er beginnt, sich selber als einen geistigen Führer Italiens zu sehen.
1898
D'Annunzio übersiedelt nach La Capponcina in der Nähe von Florenz.
1901-1904
D'Annunzio besetzt die Hauptrollen seiner Dramen mit Eleonora Duse, was zu beiderseitigem
Erfolg führt.
1903/04
D'Annunzio veröffentlich die "Gesänge"; er wird als großer Lyriker gefeiert.
1910
D'Annunzio verläßt La Capponcina und Italien, um in die französische Hauptstadt Paris
überzusiedeln.
1911
Italien besetzt Tripolitanien und die Cyrenaica (später 'Libyen'), die bisher zum
Osmanischen Reich gehörten. D'Annunzio nimmt das zum Anlaß für die nationalistischen
"Gesänge der Taten jenseits der Meere".
1914
Nach Ausbruch des Ersten
Weltkriegs besucht d'Annunzio französische Fronttruppen und schreibt darüber
in Berichten für den Figaro und das Pariser Journal, später auch für den
Mailänder Corriere della sera.
1915
Mai: D'Annunzio kehrt nach Rom zurück und hetzt zum Kriegseintritt auf Seiten der Entente,
obwohl Italien offiziell mit den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn verbündet
ist. Berühmt-berüchtigt wird seine "Orazione per la sagra dei Mille", in der er die
1.000-köpfige Räuberbande Garibaldis verherrlicht, die für ein "größeres Italien" gekämpft
habe. [Es ist offensichtlich, daß d'Annunzio in Garibaldi so etwas wie ein Vorbild sieht,
dessen Heroïsierung nicht zuletzt sein "Verdienst" ist.]
24. Mai: Nachdem Italien den Mittelmächten den Krieg erklärt hat, meldet sich d'Annunzio,
obwohl mit 52 nicht mehr wehrdienstpflichtig, freiwillig und wird als tenente [Oberleutnant]
der Reserve Kampfflieger.
August: D'Annunzio überfliegt erstmals Triest.
1916
Januar: Bei einer Notlandung rammt sich d'Annunzio ungeschickt das eigene Maschinengewehr
ins rechte Auge und ist seitdem nicht mehr nur im übertragenen Sinne halbblind; er wird
dafür mit der silbernen Kriegsmedaille ausgezeichnet.
September: D'Annunzio kehrt nach neunmonatigem Lazarettaufenthalt in Venedig an die Front
zurück.
Oktober/November: D'Annunzio nimmt an der 8. und 9. Isonzo-Schlacht teil und wird zum
capitano [Hauptmann] der Reserve befördert.
1917
Januar: D'Annunzio wird mit dem Kriegsverdienstkreuz (dem deutschen Eisernen Kreuz
entsprechend) ausgezeichnet.
August: Bei mehreren Bombenangriffen auf den österreichischen Hafen Pola führt d'Annunzio
als großartige Neuerung den Schlachtruf "Eia, eia, alalà" ein; er wird dafür zum maggiore
[Major] der Reserve befördert und mit dem Ritterorden von Savoyen augezeichnet.
Da es in Italien für jeden längeren Feindflug, von dem man heil zurück kehrt, eine
Kriegsmedaille gibt, hat d'Annunzio bald eine Unmenge davon angesammelt; er wird zum
höchstdekorierten italienischen Flieger des Ersten Weltkriegs, ohne einen einzigen
Feindabschuß geschafft zu haben.
Oktober: Nach der Schlacht von Caporetto (Karfreit, heute Kobarid) bricht die italienische
Isonzo-Front zusammen; die italienischen Truppen ziehen sich an die Piave zurück.
Dezember: Gegen die Bestrebungen der italienischen Regierung, einen Separatfrieden mit
Österreich-Ungarn zu schließen, wird von Abgeordneten aller Parteien der "Fascio
parlamentare di difesa nazionale [Palamentarische Bund zur nationalen Verteidigung]", kurz
"Fascio nazi", gegründet, der sich die Weiterführung des Krieges zum Ziel setzt -
und dies auch erreicht.
1918
August: Nach mehreren gescheiterten Versuchen gelingt es d'Annunzio, bis nach Wien zu fliegen.
Dort wirft er einen Nachttopf mit Exkrementen und 40.000 Flugblätter ab - mit einem selbst
verfaßten italienischen Text, von dem er offenbar glaubt, daß ihn die Österreicher verstehen.
In Wien trägt ihm das eine Lachnummer ein, in Italien einen weiteren Ritterorden und eine
goldene Kriegsmedaille.
24. Oktober: Drei Tage nach der Auflösung Österreich-Ungarns beginnt die tapfere italienische
Armee eine Offensive gegen dessen nunmehr unverteidigte Grenze. D'Annunzio ist dabei und wird
mit weiteren Kriegsmedaillen und der Beförderung zum tenente colonello [Oberstleutnant] der
Reserve belohnt.
4. November: Österreich-Ungarn kapituliert (italienischer Nationalfeiertag - "anniversio
della vittoria" - bis 1977). Wiewohl im Lager der Sieger stehend, ist Italien wirtschaftlich
ruiniert.
1919
Januar-August: D'Annunzio verkündet in zahlreichen blutrünstigen Reden und Zeitungsartikeln
(berühmt-berüchtigt wird vor allem sein Gedicht "Geruch des Blutes") seine Annexionswünsche:
Das Trentino, Südtirol, Julisch-Venetien, Istrien mit Triest und Fiume (heute Rijeka) - dem
wichtigsten Mittelmeerhafen Österreich-Ungarns, der eine italienische Bevölkerungsmehrheit
hatte - und ganz Dalmatien (das bis heute stark italienisch geprägt ist) müssen an Italien
fallen, ferner als "Protektorate" Albanien und Süd-Anatolien ("türkische Riviera").
10. September: Im Frieden von St. Germain werden Italien auf Betreiben des US-Präsidenten
Wilson Fiume, Teile Dalmatiens, Albanien und Süd-Anatolien vorenthalten, während England,
Frankreich, Japan und die USA die deutschen Kolonien unter sich aufteilen. D'Annunzio
spricht daher von einem "verstümmelten Sieg [vittorila mutilata]".
11./12. September: D'Annunzio besetzt mit einer Freischärlertruppe
("Gli arditi [die
Kühnen]" - den deutschen Freikorps zu vergleichen) von 2.000 Mann Fiume.
[Damals gilt, aller Propaganda und allen "Abstimmungen" zum Trotz, das Gesetz des Stärkeren:
Auch in Schlesien und im Baltikum entscheiden damals die Waffen der Freischärler über die
künftige Staatszugehörigkeit weiter Gebiete.]
Die italienische Regierung tut offiziell nichts, um den selbst ernannten Stadtkommandanten
zu unterstützen, unternimmt aber auch nichts gegen ihn, angeblich weil sie es nicht wagt,
ihrem populärsten Kriegshelden in den Rücken zu fallen, tatsächlich, weil sie Fiume schon
gerne annektieren würde.
1920
10. August: Im Frieden von Sèvres erhält Italien einen kleinen Streifen Süd-Anatoliens an der
"türkischen Riviera" um Antalya, während England und Frankreich die arabischen Gebiete des
zerschlagenen Osmanischen Reiches unter sich aufteilen und Griechenland und Armenien große
Gebiete Kleinasiens erhalten.
11./12. November: Im Vertrag von Rapallo mit dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen
verzichtet Italien vorläufig auf Fiume, das - ähnlich wie Danzig - eine "Freie Stadt" wird.
D'Annunzio wird aufgefordert, dieselbe zu räumen, was er indes ablehnt.
16. November: Italienische Truppen greifen d'Annunzios Freischärler an, um sie aus Fiume zu
vertreiben.
28. Dezember: Nach letzten Kämpfen während der "Natale di sangue [Blutweihnacht]" kapituliert
d'Annunzio.
1921
Januar: D'Annunzio zieht sich unbehelligt nach Italien zurück. Er bezieht die "beschlagnahmte"
Villa "Vittoriale" des deutschen
Künstlers Heinrich ("Henry") Thode, eines der vielen Narren, die ihr Geld im
Ausland investiert haben und sich nun wundern, entschädigungslos enteignet zu werden.
5. April: D'Annunzio empfängt erstmals Benito
Mussolini, einen anderen Journalisten und "Hardliner", den er bisher als Konkurrenten
betrachtet hatte, und verabredet mit ihm ein gemeinsames Vorgehen gegen das dekadente und
korrupte parlamentarische System.
1922
August: Die Türkei unter ihrem neuen Führer Mustafa
Kemal (später "Atatürk") vertreibt nach den griechischen und armenischen auch die
italienischen Truppen aus Anatolien, was die Unzufriedenheit in Italien weiter schürt.
(Nachdem die USA im Mai den "Emergency Quota Act" erlassen haben, ist das Ventil der
Auswanderung - seit Kriegsende waren über eine Million Italiener in die USA emigriert -
verstopft.)
D'Annunzio und Mussolini agitieren als Paar ("Il Duce ed il Vate [Der Führer und der
Dichter-Profet]") für eine Machtergreifung der Fascisten.
Oktober: D'Annunzio verletzt sich, als er sturzbesoffen aus dem Fenster seiner Villa stürzt,
und kann daher am "Marsch auf Rom" nicht teilnehmen.
1924
15. März: D'Annunzio wird nachträglich von König Viktor Emanuel III offiziell für die Besetzung Fiumes belobigt und
mit dem erblichen Titel eines "Fürsten von Nevoso" in den Adelsstand erhoben.
1926/27
D'Annunzio wird durch die Gründung je eines National-Instituts für seine Schrift- und seine
Theaterwerke geehrt.
1927
21. April: D'Annunzios Idee eines korporativen Ständestaates findet Eingang in die "Carta
del Lavoro [Arbeits-Charta]", das erste italienische Betriebsverfassungsgesetz.
1935
D'Annunzio verfaßt für den Abessinien-Feldzug eine letzte patriotische Gedichtesammlung.
1937
D'Annunzio wird Präsident der Accademia d'Italia.
1938
1. März: Gabriele d'Annunzio stirbt an einer Gehirnblutung.
D'Annunzio erhält ein Staatsbegräbnis. Mussolini persönlich hält die Trauerrede.