Coolidge-Effekt
an allem schuld?
Doch es ist auch für die Männer selbst eine der
grausamsten Erfahrungen des Lebens, dass die atemberaubenden Momente
sexueller Erregung durch den schäbigen Gewohnheitseffekt zu einer
leidenschaftslosen Routine verkommen können. Jetzt hat wenigstens in der
realen Welt die Erforschung des Coolidge-Effekts einen Sprung nach vorne
gemacht. Tief im Gehirn der männlichen Ratte konnten Wissenschaftler
tatsächlich den Mechanismus dingfest machen, der die Schuld für die
Abstumpfung der maskulinen Libido trägt.
Wer war Calvin
Coolidge?
Bei allen nur erdenkbaren Tierarten, die daraufhin
untersucht wurden, dämmt der wiederholte Geschlechtsverkehr mit dem
gleichen Weibchen den sexuellen Appetit des Männchens ein. Doch die
Präsentation einer »frischen« Sexualpartnerin bringt schlagartig die
eingeschlafene Libido wieder auf Trab. Das Phänomen heisst
Coolidge-Effekt, nach dem 30. US-Präsidenten Calvin Coolidge (1872-1933).
Nach einer auch in der Fachliteratur kolportierten, aber nie
authentifizierten Anekdote besuchte Mr. Coolidge einst mit seiner Gattin
eine Farm, wo Mrs. Coolidge auf einen Hahn aufmerksam wurde, der gerade
eine Henne bestieg. Als man ihr mitteilte, der Hahn vollzöge diesen Akt
bis zu zwölfmal am Tag, soll sie geantwortet haben: "Sagen Sie das meinem
Mann!" Als der Präsident von den Wundertaten erfuhr, fragte er: "Immer mit
der gleichen Henne?" Nachdem ihm versichert wurde, es sei jedesmal eine
andere, entgegnete er: "Sagen sie das meiner Frau!"
Basis für"
Kuhhandel" aufgedeckt
Aus der Sicht der Evolutionsbiologie stellt
der Coolidge-Effekt eine rationale Strategie zur Steigerung der
genetischen Fitness dar: Weil die Männchen ihren Fortpflanzungserfolg
durch den wiederholten Sex mit dem gleichen Weibchen nicht mehren können,
existiert in ihrem Gehirn ein Mechanismus, der ihre Libido nach einer
Weile auf eine lukrative Alternative - die neue Kuh - umlenkt. In einem
Experiment, das in Fachkreisen weltweit für Aufsehen sorgte, hat der
Psychologe Dennis F. Fiorino von der kanadischen Universität Vancouver
jetzt die biochemische Basis für diesen "Kuhhandel" aufgedeckt (The
Journal of Neuroscience, Bd.17, S.4849).
Vergnügungszentrum
produziert Dopamin
Die Arbeit beruht auf der Erkenntnis, dass die
sexuelle Lust - ebenso wie alle andern Formen der Wonne - einem
"Vergnügungsviertel" in der Tiefe des Gehirnes entspringt. Die
Rotlichtzone besteht aus einem Nervenstrang, der sich von der
Ventral-Tegmentalen-Area (VTA) einem wichtigen Ballungszentrum im
primitiven Mittelhirn, über das Zwischenhirn bis zum "Nucleus Accumbens"
im Limbischen System erstreckt. Wann immer ein Tier - oder ein Mensch -
eine angenehme Erfahrung macht, schütten die Nervenzellen im Lustzentrum
ihr Glücksdroge "Dopamin" aus. Auch alle Rauschgifte und euphorisierenden
Drogen setzten den Hebel an dieser Stelle an.
Teflonschläuche im
Gehirn
Dass Sex das Dopamin hochtreibt, haben Forscher in der
letzten Zeit mit Hilfe der "Mikrodialyse" aufgezeigt, bei der Tiere eine
Sonde in die kritische Region des Gehirnes gepflanzt bekommen. Mit feinen
Teflonschläuchen, die die Beweglichkeit nicht einschränken, werden dann
ständig Proben der Gehirnflüssigkeit abgeleitet und in rascher Abfolge
analysiert. Die Gegenwart einer empfängnisbereiten Rättin liess den
Dopamin-Spiegel der Männchen um 90 Prozent emporschiessen. Bei der
anschliessenden Kopulation kletterte der Pegel um weitere zehn
Prozent.
Ständig "Frischfleisch" zur Verfügung
Fiorino
mass nun kontinuierlich den Dopamin-Spiegel männlicher Ratten, die sich
mit einer Rättin »austoben« durften. Nachdem ihr sexueller Elan via
Coolidge-Effekt zum Erliegen kam, wurde ihnen eine neue Partnerin mit
unverbrauchtem Sex-Appeal beigesellt. Bei der Ansicht des
»Frischfleisches« kehrte schlagartig die erlahmte Manneskraft zurück, und
die Tiere warfen sich für mehrere neue Runden Sex ins Zeug.
Aufschlussreich war indes der Blick auf den Dopamin-Ausstoss. Bei der
Gegenüberstellung mit der ersten Partnerin ging der Spiegel der
Glücksdroge steil in die Höhe, um während der Kopulation einen weiteren,
leichten Kick zu erfahren. Doch mit der abnehmenden Begeisterung flaute
auch die Konzentration des Lustmoleküls mächtig ab und fiel nach und nach
auf den Ausgangswert zurück. Als dann das neue Weibchen auf der Bildfläche
erschien, machte das Dopamin wieder einen steilen Höhenflug. Und dann
spulte sich der gleiche Zyklus mit mechanischer Präzision wieder und
wieder ab.
Kann Viagra nicht helfen?
Für die
Wissenschaftler stellt sich nun die Frage, ob im Gehirn der gleiche
Mechanismus abläuft, wenn andere Wonnen des Alltags durch Wiederholung
ihren Kick verlieren, zum Beispiel Nahrungsmittel. Ausserdem soll geklärt
werden, ob sich der Schwund von Wonne und Dopamin durch biochemische
Blocker bremsen lässt. Eins scheint nach Lage der Dinge jetzt schon sicher: Viagra wird
diesen Wunsch auf keinen Fall erfüllen. Denn die Potenzpille schlägt
"unten" nur an, wenn "oben" im Kopf bereits eine sexuelle Erregung
vorhanden ist.
Auch die Coolidge-Expertin Goodall hat am Ende ihrer Forschungen kein Patentrezept gegen den männlichen Triebstau parat. Doch die Lektüre eines evolutionsbiologischen Klassikers gibt ihr eine gewisse Genugtuung: "Das Weibchen sucht sich nicht das Männchen aus, das ihr am besten gefällt, sondern das, das sie am wenigsten abstossend findet", meinte schon Charles Darwin.
Rolf Degen
MT-Online 20/08/1999