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Die 1993 in London erschienene
Biographie Churchill - The End of Glory von John Charmley erschien im Juni 1997 endlich
auch in deutscher Sprache. Der heute 49jahrige Autor ist Fachhistoriker
und bezeichnet sein Buch als das Ergebnis fünfzehnjähriger Studien. Auf
Interviews mit Zeitzeugen habe er verzichtet, weil nach seinen
Feststellungen so gut wie jeder Angehörige der Kriegsgeneration vom
»Bazillus des Churchill-Mythos« befallen sei. Grundlage seiner 700
Seiten umfassenden Arbeit waren Archivakten, Privatpapiere
verschiedener Personen, die Schriften Churchills selbst und »die
Veröffentlichungen anderer«.
Aus Churchills Jugendzeit berichtet Charmley von Schulproblemen und von
Schwierigkeiten bei der Aufnahmeprüfung in die Armee. Winstons
Leistungen reichten nicht für die Infanterieklasse, sondern nur für die
weniger angesehene Kavallerieklasse, und das auch erst im dritten
Anlauf und mit Hilfe eines »Einpaukers«. Der Vater schrieb ihm: »Du
könntest nicht extravaganter sein, wenn du ein Millionär wärst«. Die
Großmutter empfahl gegen seinen halsstarrigen Eigensinn eine »strenge
Hand«.
Charmley schildert ausführlich die Karriere des jüngeren Churchill und
zeigt dann, wie er in den dreißiger Jahren mit seiner Skepsis gegen
Deutschland politisch völlig alleine stand. Die »Appeaser« hatten alle
wirtschaftlichen, moralischen und politischen Gründe auf ihrer Seite.
Auch als Premier verkörperte Churchill den Widerstand gegen Deutschland
fast alleine.
Hier kommt Charmley zu seiner Hauptthese, daß Churchill den Krieg
früher beenden oder ganz vermeiden und damit das Empire hätte retten
können. Die »größte Stunde« für einen Kompromißfrieden bot sich
vielleicht 1940 in den Monaten Mai und Juni. Obwohl das Kabinett
darüber auch ausführlich beriet, würden die diesbezüglichen Akten immer
noch geheimgehalten, was einem »vielsagenden Stillschweigen«
gleichkomme (S. 397).
Die Interessen seines Landes habe Churchill auch 1941 nicht
wahrgenommen. Zugeständnisse hätte er
Hitler wie
Stalin
abringen können. Faustpfand wäre die zweite Front im Westen gewesen, die der
eine fürchtete und der andere herbeisehnte. In seiner Fixierung auf
Deutschland habe Churchill den Aufstieg Sowjetrußlands »übersehen«. Als
er 1943 diesen Fehler erkannte, war es zu spät (S. 439). Den
Bolschewismus hätte man schon »bei seiner Geburt erdrosseln« müssen,
gab Churchill in der Unterhausdebatte vom 26.1.1949 zu. Auf den Einwand
des Abgeordneten Cocks, daß England dann den Krieg verloren hätte,
antwortete Churchill: »Nein, es hätte den letzten Krieg verhindert«
(H.M. Stat. Office, T. 460, Nr. 46).
Recht offen stellt Charmley den Ausverkauf des Empires an die USA dar.
Roosevelt
ließ sich für seine Rüstungslieferungen britische Stützpunkte
überschreiben und kassierte gnadenlos alle im Dominion aufspürbaren
Vermögenswerte ein. Dabei mußte sich Churchill, der angeblich in den
Krieg gezogen war, um die Ehre seines Landes zu verteidigen, eine
Demütigung nach der anderen gefallen lassen.
Charmley machte zahlreiche Zugeständnisse an das offizielle
Churchill-Bild, wozu ihn vermutlich seine Stellung als englischer
Professor zwang. So verschwieg er Churchills frühere
Mussolini-Verehrung
und machte zur Katynfrage nur unverbindliche
Aussagen. Die heimtückische Ermordung Sikorskis und dessen Tochter (S.
502) übergeht er stillschweigend. Beim Thema Pearl Harbor (S. 447)
vermittelt Charmley den Eindruck, als hätte Churchill damit nichts zu
tun. Folgerichtig wird auch Churchills Weigerung, Coventry rechtzeitig
vor dem deutschen Luftangriff zu warnen, ganz ausgespart. Diese
Defizite erkennt, wer auch Historiker wie Taylor, Hoggan, Kunert,
Franz-Willing, Nicoll, Hughes und andere hinzuzieht, deren hochrangige
Arbeiten Charmley offenbar aber meidet.
Während Charmleys Buch in der Londoner Times von dem Militärhistoriker
Alan Clark zustimmend besprochen wurde, bekam es in Deutschland
negative Kritiken (FAZ, 6.1.1993 und Spiegel, 2/1993). Das dürfte aber
nicht nur an der Hauptthese Charmleys gelegen haben, sondern auch an
einigen anderen, nicht in jedes Geschichtsbild passenden Informationen.
So wenn Lloyd George während der Norwegendebatte angemerkt haben soll,
»daß die Alliierten den Deutschen gegenüber als erste das Vertrauen
gebrochen hätten« (S. 391). Wertvoll ist auch die Erwähnung des
18B-Gesetzes, über das bisher nur Nicoll geschrieben hatte (Englands
Krieg gegen Deutschland, S. 211). Churchill peitschte es 1940 im
Unterhaus binnen einer Stunde durch, um die Gegner seiner rigorosen
Kriegspolitik inhaftieren zu können. Rechtliches Gehör wurde nicht
gewährt. Unter den ersten, die ins Gefängnis wanderten, befanden sich
der Flottenadmiral Ramsay und der englische Nationalist Oswald Mosley
mit Gattin (S. 400). Die meisten Biographen übergehen Churchills
Verbindung zur Gruppe »Focus« mit Schweigen. Charmley bildet eine
rühmliche Ausnahme, auch wenn er nur das Notwendigste mitteilt. Die
Gruppe hatte Beziehungen in die USA, legte großen Wert auf Diskretion
und war in den dreißiger Jahren Churchills einziger Rückhalt, als er in
die politische Isolation geriet. Ihr ursprünglicher Name lautete
»Überkonfessioneller Anti-Nazi-Rat zur Verteidigung der Menschenrechte«
und wurde 1936 auf Wunsch Churchills in »The Focus« abgeändert. Aus
Focus-Kreisen kam auch finanzielle Hilfe, als Churchill 1938 »in
Schulden« geraten war. Er hatte schon Chartwell, den 32 Hektar
umfassenden herrschaftlichen Landsitz seiner Familie in Kent, zum
Verkauf ausgeschrieben, als sich der Industrielle Henry Strakosch
erbot, drei Jahre lang für seine Schulden aufzukommen (S. 314). Da
Strakosch ein in Mähren geborener und in Südafrika lebender Jude war,
diskutiert Charmley die Frage: »War Churchill also von einer jüdischen
Lobby [...] angeheuert worden?«
Wegen der Unterjochung Polens durch Stalin mußte sich Churchill am Ende
des Krieges ausgerechnet vom parlamentarischen Privatsekretär
Chamberlains den Vorwurf des Appeasements gefallen lassen.
Eden sprach 1945 von dem »traurigen Wrack« britischer Außenpolitik (S.
590). Der von Churchill geführte Krieg hatte offenbar weniger
Großbritannien als anderen Kräften genützt. Von diesen und von den USA
sei England »in den Krieg getrieben« worden, teilte Chamberlain am
10.9.1939 seiner Schwester brieflich mit. Auf das ganze Zitat muß
angesichts der Rechtslage in Deutschland verzichtet werden. Es sei nur
auf die Forrestal-Diaries, S. 121, oder hilfsweise auf A.J.P. Taylors
Die Ursprünge des zweiten Weltkrieges, Seite 342, hingewiesen.
Im 2. Weltkrieg ging es weniger um das Schicksal der kleinen Länder als
um das, worüber 1939/40 während des »Sitzkrieges« im Westen
Geheimverhandlungen geführt wurden: Rückkehr Deutschlands zum
Goldstandard. Erst als Hitler von seiner erfolgreichen Arbeitswährung
nicht lassen wollte, trat der Krieg in seine heiße Phase.
Charmley stößt bis zu diesen Einsichten freilich nicht vor, dennoch ist sein Buch anregend genug, um gelesen zu werden.
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