Free Web Hosting | free host | Free Web Space | BlueHost Review

Churchill - Ende einer Legende

von Karl Aschenberger (VffG 1998)

Die 1993 in London erschienene Biographie Churchill - The End of Glory von John Charmley erschien im Juni 1997 endlich auch in deutscher Sprache. Der heute 49jahrige Autor ist Fachhistoriker und bezeichnet sein Buch als das Ergebnis fünfzehnjähriger Studien. Auf Interviews mit Zeitzeugen habe er verzichtet, weil nach seinen Feststellungen so gut wie jeder Angehörige der Kriegsgeneration vom »Bazillus des Churchill-Mythos« befallen sei. Grundlage seiner 700 Seiten umfassenden Arbeit waren Archivakten, Privatpapiere verschiedener Personen, die Schriften Churchills selbst und »die Veröffentlichungen anderer«.

Aus Churchills Jugendzeit berichtet Charmley von Schulproblemen und von Schwierigkeiten bei der Aufnahmeprüfung in die Armee. Winstons Leistungen reichten nicht für die Infanterieklasse, sondern nur für die weniger angesehene Kavallerieklasse, und das auch erst im dritten Anlauf und mit Hilfe eines »Einpaukers«. Der Vater schrieb ihm: »Du könntest nicht extravaganter sein, wenn du ein Millionär wärst«. Die Großmutter empfahl gegen seinen halsstarrigen Eigensinn eine »strenge Hand«.

Charmley schildert ausführlich die Karriere des jüngeren Churchill und zeigt dann, wie er in den dreißiger Jahren mit seiner Skepsis gegen Deutschland politisch völlig alleine stand. Die »Appeaser« hatten alle wirtschaftlichen, moralischen und politischen Gründe auf ihrer Seite. Auch als Premier verkörperte Churchill den Widerstand gegen Deutschland fast alleine.

Hier kommt Charmley zu seiner Hauptthese, daß Churchill den Krieg früher beenden oder ganz vermeiden und damit das Empire hätte retten können. Die »größte Stunde« für einen Kompromißfrieden bot sich vielleicht 1940 in den Monaten Mai und Juni. Obwohl das Kabinett darüber auch ausführlich beriet, würden die diesbezüglichen Akten immer noch geheimgehalten, was einem »vielsagenden Stillschweigen« gleichkomme (S. 397).

Die Interessen seines Landes habe Churchill auch 1941 nicht wahrgenommen. Zugeständnisse hätte er Hitler wie Stalin abringen können. Faustpfand wäre die zweite Front im Westen gewesen, die der eine fürchtete und der andere herbeisehnte. In seiner Fixierung auf Deutschland habe Churchill den Aufstieg Sowjetrußlands »übersehen«. Als er 1943 diesen Fehler erkannte, war es zu spät (S. 439). Den Bolschewismus hätte man schon »bei seiner Geburt erdrosseln« müssen, gab Churchill in der Unterhausdebatte vom 26.1.1949 zu. Auf den Einwand des Abgeordneten Cocks, daß England dann den Krieg verloren hätte, antwortete Churchill: »Nein, es hätte den letzten Krieg verhindert« (H.M. Stat. Office, T. 460, Nr. 46).

Recht offen stellt Charmley den Ausverkauf des Empires an die USA dar. Roosevelt ließ sich für seine Rüstungslieferungen britische Stützpunkte überschreiben und kassierte gnadenlos alle im Dominion aufspürbaren Vermögenswerte ein. Dabei mußte sich Churchill, der angeblich in den Krieg gezogen war, um die Ehre seines Landes zu verteidigen, eine Demütigung nach der anderen gefallen lassen.

Charmley machte zahlreiche Zugeständnisse an das offizielle Churchill-Bild, wozu ihn vermutlich seine Stellung als englischer Professor zwang. So verschwieg er Churchills frühere Mussolini-Verehrung und machte zur Katynfrage nur unverbindliche Aussagen. Die heimtückische Ermordung Sikorskis und dessen Tochter (S. 502) übergeht er stillschweigend. Beim Thema Pearl Harbor (S. 447) vermittelt Charmley den Eindruck, als hätte Churchill damit nichts zu tun. Folgerichtig wird auch Churchills Weigerung, Coventry rechtzeitig vor dem deutschen Luftangriff zu warnen, ganz ausgespart. Diese Defizite erkennt, wer auch Historiker wie Taylor, Hoggan, Kunert, Franz-Willing, Nicoll, Hughes und andere hinzuzieht, deren hochrangige Arbeiten Charmley offenbar aber meidet.

Während Charmleys Buch in der Londoner Times von dem Militärhistoriker Alan Clark zustimmend besprochen wurde, bekam es in Deutschland negative Kritiken (FAZ, 6.1.1993 und Spiegel, 2/1993). Das dürfte aber nicht nur an der Hauptthese Charmleys gelegen haben, sondern auch an einigen anderen, nicht in jedes Geschichtsbild passenden Informationen. So wenn Lloyd George während der Norwegendebatte angemerkt haben soll, »daß die Alliierten den Deutschen gegenüber als erste das Vertrauen gebrochen hätten« (S. 391). Wertvoll ist auch die Erwähnung des 18B-Gesetzes, über das bisher nur Nicoll geschrieben hatte (Englands Krieg gegen Deutschland, S. 211). Churchill peitschte es 1940 im Unterhaus binnen einer Stunde durch, um die Gegner seiner rigorosen Kriegspolitik inhaftieren zu können. Rechtliches Gehör wurde nicht gewährt. Unter den ersten, die ins Gefängnis wanderten, befanden sich der Flottenadmiral Ramsay und der englische Nationalist Oswald Mosley mit Gattin (S. 400). Die meisten Biographen übergehen Churchills Verbindung zur Gruppe »Focus« mit Schweigen. Charmley bildet eine rühmliche Ausnahme, auch wenn er nur das Notwendigste mitteilt. Die Gruppe hatte Beziehungen in die USA, legte großen Wert auf Diskretion und war in den dreißiger Jahren Churchills einziger Rückhalt, als er in die politische Isolation geriet. Ihr ursprünglicher Name lautete »Überkonfessioneller Anti-Nazi-Rat zur Verteidigung der Menschenrechte« und wurde 1936 auf Wunsch Churchills in »The Focus« abgeändert. Aus Focus-Kreisen kam auch finanzielle Hilfe, als Churchill 1938 »in Schulden« geraten war. Er hatte schon Chartwell, den 32 Hektar umfassenden herrschaftlichen Landsitz seiner Familie in Kent, zum Verkauf ausgeschrieben, als sich der Industrielle Henry Strakosch erbot, drei Jahre lang für seine Schulden aufzukommen (S. 314). Da Strakosch ein in Mähren geborener und in Südafrika lebender Jude war, diskutiert Charmley die Frage: »War Churchill also von einer jüdischen Lobby [...] angeheuert worden?«

Wegen der Unterjochung Polens durch Stalin mußte sich Churchill am Ende des Krieges ausgerechnet vom parlamentarischen Privatsekretär Chamberlains den Vorwurf des Appeasements gefallen lassen.

Eden sprach 1945 von dem »traurigen Wrack« britischer Außenpolitik (S. 590). Der von Churchill geführte Krieg hatte offenbar weniger Großbritannien als anderen Kräften genützt. Von diesen und von den USA sei England »in den Krieg getrieben« worden, teilte Chamberlain am 10.9.1939 seiner Schwester brieflich mit. Auf das ganze Zitat muß angesichts der Rechtslage in Deutschland verzichtet werden. Es sei nur auf die Forrestal-Diaries, S. 121, oder hilfsweise auf A.J.P. Taylors Die Ursprünge des zweiten Weltkrieges, Seite 342, hingewiesen.

Im 2. Weltkrieg ging es weniger um das Schicksal der kleinen Länder als um das, worüber 1939/40 während des »Sitzkrieges« im Westen Geheimverhandlungen geführt wurden: Rückkehr Deutschlands zum Goldstandard. Erst als Hitler von seiner erfolgreichen Arbeitswährung nicht lassen wollte, trat der Krieg in seine heiße Phase.

Charmley stößt bis zu diesen Einsichten freilich nicht vor, dennoch ist sein Buch anregend genug, um gelesen zu werden.


weiter zu Der Niedergang

zurück zu Churchill

heim zu Politiker

heim zu Reisen durch die Vergangenheit