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Wilhelm Canaris
(1887 - 1945)
Tabellarischer Lebenslauf
zusammen gestellt von
Nikolas Dikigoros
1887
1. Januar: Wilhelm Franz Canaris wird in
Aplerbeck bei
Dortmund als drittes und jüngstes Kind
des Ingenieurs und Pionier-Officiers (OLt d.R.) Carl Canaris (1852-1904) und dessen Ehefrau
Auguste Amélie (geb. Popp) geboren. Die Familie seines Vaters stammt aus Italien, die seiner
Mutter aus Schlesien.
1892
Die Familie zieht nach
Duisburg um, wo bald der größte
Binnenhafen Europas entsteht.
Auf einer Griechenland-Reise erfährt Canaris von einem entfernten Verwandten, Admiral
Konstantin Kanaris, der sich in den Befreiungskriegen gegen die Türkei ausgezeichnet hatte.
Daraufhin beschließt Canaris, Berufsoffizier in der Marine zu werden.
1905
1. April: Nach dem Abitur tritt Canaris in die Kaiserliche Marine ein. Er absolviert seine
Grundausbildung an der Marineschule in
Kiel und auf einem alten Segelschiff, der
Kreuzercorvette Stein.
1907
Canaris wird zum Fähnrich z.S. befördert und als Rekrutenausbilder auf den Kleinen Kreuzer
Bremen abkommandiert.
1908
Canaris wird zum Leutnant z.S. befördert. Eine Südamerikafahrt der Bremen inspiriert
ihn, Spanisch zu lernen.
1909
Die Bremen ist Teil der internationalen Blockadeflotte gegen Venezuela; wegen seiner
Sprachkenntnisse nimmt Canaris an den Verhandlungen mit dem neuen Präsidenten Gomez
teil.
Mai: Gomez verleiht Canaris den Bolivar-Orden (V. Klasse). Er wird Adjutant des neuen
Kommandanten der Bremen, Kapitän z.S. Hopmann.
1910
Januar: Canaris wird II. Wachoffizier auf dem Torpedoboot "V 162".
Juni: Canaris wird I. Wachoffizier auf dem Torpedoboot "S 145".
1911
Dezember: Canaris wird zum Oberleutnant z.S. befördert und als Artillerieoffizier auf den
Kleinen Kreuzer Dresden abkommandiert.
1913
April: Während des Zweiten Balkankriegs operiert die Dresden auf Beobachterposten im
östlichen Mittelmeer. Canaris erhält seinen ersten Spionage-Auftrag: Er soll den Fortschritt
der mit deutschem Kapital finanzierten Bauarbeiten an der
Bagdad-Bahn
auskundschaften.
Dezember: Nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Mexiko wird die Dresden an die Ostküste
Mittelamerikas abkommandiert. Das Schiff nimmt einige deutsche, vor allem aber ca. 2.000
US-amerikanische Bürgerkriegsflüchtlinge auf.
1914
Juli: Die Dresden bringt den gestürzten Ex-Präsidenten von Mexiko, Viktor Werter
("Victoriano Huerta"), ins Exil nach Jamaika.
August: Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird die Dresden nach Südamerika beordert, vor
dessen Küsten sie Kaperkrieg führen soll.
Dezember: Der Kommandeur des deutschen Ostasien-Geschwaders, Admiral Graf Spee, der im
Vormonat bei Corrientes (südlich Valparaiso/Chile) ein englisches Geschwader besiegt hatte,
riskiert einen Angriff auf weit überlegene britische Seestreitkräfte bei den Falkland-Inseln
und geht mit Mann und Maus unter. Allein die Dresden entkommt um Kap Hoorn
in chilenische Gewässer.
1915
März: Im Hafen der chilenischen Insel "Mas a Tierra" wird die Dresden von überlegenen
britischen Kräften gestellt, unter Verletzung der chilenischen Neutralität zusammen
geschossen und daraufhin von der eigenen Besatzung versenkt. Die Besatzung wird auf der
chilenischen Insel Quiriquina interniert.
August-Oktober: Canaris gelingt die Flucht nach Argentinien; auf einem niederländischen
Frachter segelt er nach Amsterdam und kehrt von dort nach Deutschland zurück.
November: Canaris wird zum Kapitänleutnant befördert und zum deutschen
Marine-Nachrichtendienst nach Madrid versetzt.
1916
Oktober: Canaris flieht unter abenteuerlichen Umständen auf einem deutschen U-Boot aus
Spanien - wofür ihm das EK I verliehen wird - und wird an die U-Boot-Schule in
Eckernförde abkommandiert.
1917
September: Canaris wird dem deutschen U-Boot-Kommando im Mittelmeer zugeteilt und Kommandeur
des Transport-U-Boots UC 27.
1918
Januar: Canaris wird kommissarischer Kommandant des Kampf-U-Boots U 34.
August: Canaris wird Kommandant des U-Boot-Kreuzers U 128, der jedoch nicht mehr zum
Einsatz kommt.
November: Canaris wird in Kiel vom Ausbruch der
Revolution überrascht, die zunächst hauptsächlich von meuternden
Matrosen getragen wird, die nach Wilhelmshaven und Kiel auch Lübeck, Hannover,
Braunschweig, Köln, Breslau, Dresden und Darmstadt besetzen.
Nach Ausrufung der Republik durch
Philipp Scheidemann erklärt sich Reichswehrminister
Gustav Noske (SPD) bereit, den "Bluthund" zu geben (ein Beiname, den
seine Gegner begierig aufgreifen) und läßt zur Niederschlagung der Revolution Bürgerwehren,
Freikorps, Marinebrigaden und vor allem die "Garde-Kavallerie-Schützen-Division" (GKSD)
aufstellen. Canaris wird zunächst Verbindungsoffizier zwischen Hauptmann Pabst, dem I.
Generalstabsoffizier der GKSD, und Noske, später Adjutant Noskes.
1919
Januar: In Berlin rufen die jüdischen Kommunisten
Karl Liebknecht und
Rosa Luxemburg die "Spartakisten" der USPD/KPD zum Aufstand auf.
Zu ihren Forderungen gehört u.a. die Aburteilung aller höherer Offiziere durch
"Revolutionstribunale". Noske läßt die GKSD den Aufstand in Berlin niederschlagen, die
beiden Rädelsführer verhaften und töten.
Canaris wird Beisitzer des Kriegsgerichts, das die Hintergründe des Todes von Liebknecht und
Luxemburg weniger aufzuklären als zu vertuschen versucht. Canaris sorgt für milde Strafen
und verhilft anschließend dem Hauptangeklagten zur Flucht aus dem Gefängnis. Er handelt
dabei im Konsens mit der überwältigenden Mehrheit der Deutschen. Selbst die SPD-Zeitung
Vorwärts schreibt über Liebknecht und Luxemburg: "Sie haben sich selbst bekannt als
Bürgerkriegshetzer, als Proletariermörder, Brudermörder, und ewig muß ihnen das furchtbare
Wort in den Ohren gellen: Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden." (Erst Jahrzehnte
später, in der BRD, wird ihr Andenken von Kommunisten und Sozialisten, später auch von
Sozial-"Demokraten", verklärt, und sie werden zu armen Opfern der "reaktionären" und
"anti-semitischen" Militärs hoch stilisiert.)
November: Canaris heiratet die Fabrikantentochter Erika, geb. Waag. Aus der Ehe gehen
zwei Kinder hervor.
Juli: Canaris wird als Admiralstabsoffizier in der Ostseeflotte Erster Offizier auf dem
Kreuzer Berlin.
1924
Canaris wird in die Marineleitung berufen.
1927
Der jüdische Kommunist
Carl v. Ossietzky wird Chefredakteur der Weltbühne, die
sich - durch Ossietzky persönlich und durch Gregory Oliver - mehr und mehr auf Canaris
einschießt wegen seiner Rolle bei der Tötung von Liebknecht und Luxemburg und beim
"Kapp-Putsch". Canaris ist in der Marineleitung bald nicht mehr zu halten.
1928
Canaris wird Erster Offizier auf dem Linienschiff Schlesien.
1930
Canaris wird Chef des Stabs der Nordseestation.
1932
Canaris übernimmt als Kapitän das Kommando über die Schlesien.
1933
30. Januar: Canaris begrüßt die
Machtübernahme der Nationalsozialisten; er hofft insbesondere auf eine
Revision des Diktats von Versailles.
1934
Canaris erhält als Festungskommandant von Swinemünde einen so genannten
Verabschiedungsposten.
1935
Überraschend wird Canaris zum Konteradmiral befördert und zum Chef der Abwehrabteilung im
Reichskriegsministerium ernannt. Als solcher gerät Canaris zunehmend in Konkurrenz und
Gegensatz zum
Sicherheitsdiensts (SD), obwohl er zu dessen Chef
Reinhard Heydrich, den er einst selber zum
Nachrichtenoffizier ausgebildet hatte, ein freundschaftliches Verhältnis pflegt.
1938
Nach der
Fritsch-Blomberg-Affäre und den Rücktritten von
Werner
von Blomberg (wegen seiner Heirat mit einer Prostituierten) und
Werner
Freiherr von Fritsch (wegen vermeintlicher Homosexualität) nutzt Canaris seine Stellung
zur Organisation von
Widerstand in der Wehrmacht. Er deckt die Widerstandsaktivitäten seines
Stabschefs
Hans
Oster, fördert die Oppositionshaltungen von
Ludwig
Beck und gibt mehreren Widerstandsgruppen Informationen für einen
Staatstreich. Seine Oppositionsaktivitäten werden durch seine vermeintlichen Erfolge in
der Spionageabwehr lange Zeit verdeckt.
1939
In Verkennung der alliierten Kriegsabsichten - für den Chef der Spionageabwehr unverzeihlich
- und in dem naiven Glauben, der Krieg gehe alleine von
Hitler aus, versucht Canaris dessen Vertraute im
In- und Ausland vor einem Krieg zu warnen. Auf seinen Einfluß ist es wahrscheinlich zurück
zu führen, daß der italienische Duce
Benito Mussolini zunächst seine
"nonbelligerenza" erklärt und daß der spanische Caudillo
Francisco Franco deutschen Truppen den Durchmarsch
zur Eroberung Gibraltars verweigert, was den Krieg aller Voraussicht nach beendet hätte,
bevor es zum Rußlandfeldzug und zum Holocaust gekommen wäre. Canaris wird damit zu einer
Schlüsselfigur für die Verlängerung des Krieges, seine Ausweitung zum Zweiten Weltkrieg,
die Zerstörung des Deutschen Reiches, die Entmachtung Europas und den weltweiten Aufstieg
des Kommunismus. An seinen Händen klebt das Blut von Millionen Menschen. Wenn jemals der
Tucholsky-Satz "Soldaten sind Mörder" auf einen Soldaten zutraf, dann auf ihn.
1940
Canaris wird zum Admiral befördert.
1941-1944
Nach Beginn des
Rußlandfeldzugs und mit zunehmendem Zweifel an der Handlungsbereitschaft
der Generalität gegen Hitler verringern sich Canaris' Widerstandsaktivitäten. Er beschränkt
sich auf Proteste gegen die Erschießung sowjetischer Partisanen und Fluchthilfe für
politisch Verfolgte.
1943
April: Nach der Verhaftung seiner Mitarbeiter
Hans
von Dohnanyi,
Dietrich Bonhoeffer und Josef Müller gerät auch Oster selber in Verdacht
und wird beurlaubt. Allerdings gelingt es Canaris, die Ermittlungen zu behindern, so daß
den Betroffenen bis zum 20. Juli 1944 nichts weiter geschieht.
1944
Februar: Nachdem ein Agenten-Ehepaar mit Canaris' Hilfe über die Türkei zu den Briten
übergelaufen ist, wird er seines Postens enthoben. Die Abwehrabteilung im
Reichskriegsministerium wird vom
Reichssicherheitshauptamt (RSHA) übernommen.
Juli: Canaris wird drei Tage nach dem Attentat vom
20. Juli - dem er in einem merkwürdigen Verständnis von "Verrat" oder
"nicht Verrat" ablehnend gegenüber stand - verhaftet, nachdem man bei Angehörigen von
Widerstandsgruppen belastendes Material über ihn gefunden hat.
1945
9. April: Canaris wird gemeinsam mit Oster und Bonhoeffer im
Konzentrationslager (KZ)
Flossenbürg (Oberpfalz) wegen Hochverrats durch den Strang
hingerichtet.
* * * * *
1948
Horst Falkenhagen veröffentlicht seine "Gespräche mit Canaris".
1949
Die Canaris-Biografie ("Patriot und Weltbürger") des aus dem "Lande arimasen" [Japan] heim
gekehrten Karl Heinz Abshagen erscheint.
1950
Die Canaris-Biografie ("Zwischen den Fronten") von Heinz Kiel erscheint.
1951
Die Canaris-Biografie des britischen Journalisten und vormaligen Berlin-Korrepondenten
Ian Colvin erscheint mit verschiedenen Untertiteln ("Master Spy", "Chief of Intelligence",
"Our Secret Ally"). Darin wird die These vertreten, daß Canaris von Anfang an auf Seiten
der Alliierten gestanden habe und u.a. die Pläne für die Operation "Seelöwe" an England
verriet.
1954
Der Film
"Canaris", von Alfred Weidenmann nach einem Drehbuch des
Krimi-Autors Herbert Reinecker gedreht, kommt in die Kinos. Er beruht allerdings weniger
auf Fakten als auf Fantasie; er vermeidet vor allem eine Auseinandersetzung mit der
Frage, ob Canaris ein Verräter war oder nicht.
1955
Januar: Der Film "Verrat an Deutschland" von Veit Harlan - der sich hauptsächlich mit den
Vorgängen in Japan befaßt - wird verboten. Damit zeichnet sich eine Wende in der offiziellen
Politik der BRD ab: Bis dahin galt es als Verrat an Deutschland, gegen Deutschland
gearbeitet zu haben; fortan wird dies als verdienstvoller "Widerstand gegen das
Hitler-Regime" hingestellt; eine Biografie wie die Abshagens, die Canaris' Tätigkeit gegen
Deutschland bestreitet, gilt von nun an als kontraproduktiv und wird nicht wieder
aufgelegt.
1957
Die Canaris-Biografie von Ian Colvin erscheint in einer erweiterten Neuauflage mit dem
Untertitel "Hitler's Secret Enemy".
1962
April: Im Nachrichtenmagazin Der
Spiegel bekennt sich der mittlerweile 82-jährige und todkranke Waldemar Papst
unter dem Titel "Ich ließ Rosa Luxemburg richten" freimütig zur Rolle der GKSD bei Tode
von Liebknecht und Luxemburg.
1969
Die Canaris-Biografie von Heinrich Fraenkel und Roger Manvell ("Spion im Widerstreit")
erscheint.
1973
Die Canaris-Biografie von Ian Colvin wird erneut aufgelegt mit dem Untertitel "Patriot or
Traitor". Bei dem "oder" geht es freilich nicht mehr um das Factum, daß Canaris gegen
Deutschland arbeitete, sondern nur noch darum, wie dies zu werten sei: als Verrat oder als
"patriotische" Tat.
1974
Die Canaris-Biografie von André Brissaud - von Ian Colvin heraus gegeben - erscheint.
1976
"Patriot im Zwielicht", die differenzierte Canaris-Biografie des "Totenkopf"-Autors Heinz
Höhne, erscheint. Eine überzeugende Erklärung der Motive des zwielichtigen Admirals wird
allerdings nicht gegeben.
1987
Zu Canaris' 100. Geburtstag wird er in der BRD offiziell als "antifaschistischer
Widerstandskämpfer" und früher Gutmensch dargestellt.
1996
Die Canaris-Biografie von Ian Colvin wird in Ungarn neu aufgelegt.