Alles in der Geschichte wiederhole sich, behauptete einer meiner
Geschichtslehrer ständig, um uns zu mehr Aufmerksamkeit zu motivieren. Meistens
gelang es ihm sogar. Neulich ging mir der Satz wieder durch den Kopf. Als ich
beim Geschichtsbuchaufschlagen zufällig auf die Oktobertage 1789 in Paris stieß,
entdeckte ich diverse Ähnlichkeiten zum derzeit aktuellen Theater um den Umzug
der deutschen Hauptstadt.
Bühne frei: 1789 lebten in Paris 600.000 Menschen, die allesamt ziemlich unzufrieden waren
mit der Politik. Diese wurde von Ludwig XIV. gemacht. Er war ein absolutistischer Monarch und
lebte außerhalb von Paris im kleinen Versailles in einem immensen Schloß. Nicht zuletzt für
den Bau des Schlosses hatte er die Staatskassen geleert und seinen Untertanen gewaltige
Schulden aufgehalst. Um seine Untertanen kümmerte er sich nämlich herzlich wenig. Er unternahm
nichts gegen die in Paris herrschende Hungersnot.
Die hungernden Bürger von Paris wußten sich nicht zu helfen. Weil sie in Paris nicht erhört
wurden, zogen 6.000 (10 %) von ihnen nach Versailles. Dort gab man ihnen etwas zu essen und
das Versprechen, Brot nach Paris zu schicken, sobald dies möglich sei.
Die Demonstranten ließen sich jedoch nicht mit Versprechen abspeisen. Die Nacht verbrachten sie
in Versailles und beschlossen, den König am darauffolgenden Morgen mit nach Paris zu nehmen.
Ludwig XIV. fürchtete um sein Leben. Er ließ seine Armee, die Garde Nationale, kommen, um sich
schützen zu lassen. Die Demonstranten stürmten das Schloß trotzdem. Sie wurden von den Soldaten
in den Hof gedrängt, wo sie immer wieder riefen: „Le roi à Paris!“ – „Den König nach Paris!“
Der König willigte schließlich ein. Er und seine Familie zogen, von den Demonstranten begleitet,
in die Tuilerien mitten in Paris, unter die Augen der Pariser und ihre Kontrolle.
Heute haben wir natürlich eine Demokratie. Anstatt um ihr Leben fürchten die Regierenden um
die nächsten Wahlen. Doch auch sie leben außerhalb der Hauptstadt im kleinen Bonn – mit nur
geringen sozialen Problemen. Der Umzug nach Berlin ist zwar schon lange beschlossene Sache,
doch wird er immer weiter hinausgezögert. Er soll eigentlich – nach den Bundestagswahlen – im
Frühjahr 1999 stattfinden. So hat es das Parlament 1996 beschlossen. Bis dahin soll der
Reichstag fertig gestellt sein.
Doch nicht nur der Reichstag ist Regierungsgebäude. Neue Bürobauten kommen hinzu und sind bis
zum Umzug noch nicht fertigzubekommen. Über vorläufige Provisorien wird unzulänglich diskutiert.
Sie treiben die Umzugskosten nämlich zusätzlich in die Höhe (von 50 bis über 200 Milliarden Mark
ist hier die Rede). Viele Provisorien sollen nicht nur vorläufig hergerichtet, sondern gleich
für die Ewigkeit renoviert werden. Das ließe die Renovierung neben den höheren Kosten allerdings
auch so lange dauern, daß die Provisorien gar nicht mehr als solche dienlich sein könnten.
Je länger der Umzug nach Berlin dauert, um so länger müssen in Bonn weiterhin Mieten etc. gezahlt
werden. Das ist auch insofern interessant, als daß seit der Wiedervereinigung auch in Bonn
Provisorien existieren. Diese sollen nun eventuell ausgebaut und renoviert werden, anstatt daß
die Politiker gleich nach Berlin ziehen. Leerstehende und für die Bonner freigehaltene Gebäude
gibt es hier jede Menge, bereits heute steht in Berlin für jeden Abgeordneten ein Büro zur
Verfügung. Doch es soll noch weiter gebaut werden. Die Politiker hantieren im fernen Bonn mit
Milliarden, wobei der Durchblick im einzelnen verloren geht. In Berlin wären sie unter den
Augen und der Kontrolle der Berliner und überhaupt der Menschen, die sie regieren.