Der Einsturz des Weltfinanzsystems hat die Bundeshauptstadt erreicht. Die Beinahe-Pleite der
Berliner Bankgesellschaft infolge windiger Geschäfte mit aussichtslosen Immobilienprojekten
reißt den Haushalt des Bundeslandes mit in den Abgrund.
Wenn spekulative Blasen platzen, dann muß der Steuerzahler bluten. Getreu diesem Prinzip hat
die japanische Regierung in den vergangenen zehn Jahren ein Rettungspaket nach dem anderen
für die gescheiterten Privatbanken des Landes verabschiedet und dabei eine derart gigantische
Staatsschulden aufgehäuft, daß zusätzlich zu den Banken nun auch der japanische Staat am Rande
des Bankrottes steht. Besonders schlechte Karten hat der Steuerzahler dann, wenn die Regierung
selbst Milliarden mit Fehlspekulationen in den Sand setzte. So mußte die kalifornische
Landgemeinde Orange County im Dezember 1994 Konkurs anmelden, nachdem sie 2 Mrd. Dollar aus
einem Fonds für Schulen, Wasserversorgung und öffentliche Nahverkehrsunternehmen bei
Spekulationen mit Finanzderivaten verzockte.
Jetzt hat es Berlin getroffen. Die Berliner Bankgesellschaft, mit einer Bilanzsumme von 400
Mrd. DM die zehntgrößte Bank Deutschlands, steht wegen fauler Immobilienkredite vor dem
Zusammenbruch. Um ein Haar wäre am 31. Mai bereits die größte Bankenpleite Deutschlands in
der Nachkriegszeit eingetreten: Nachdem die Berliner Bankgesellschaft zwischen 1994 und 1999
schon 7 Mrd. DM an Krediten abgeschrieben hatte, mußte sie in diesem Jahr weitere 5 Mrd. DM an
Krediten als "beobachtungswürdig" einstufen. Daraufhin drohte das Bundesaufsichtsamt für das
Kreditwesen (BA-Kred) mit der Schließung der Bank zum 31. Mai, weil ihr Eigenkapital infolge
der Abschreibungen auf weit weniger als das gesetzlich vorgeschriebene Minimum von 8% des
Kreditvolumens zusammengeschmolzen war. Dabei wären nicht nur 16000 Arbeitsplätze vernichtet
worden, sondern auch der größte Kreditgeber der Berliner Wirtschaft.
Nur durch eine förmliche Garantie des Berliner Senats am 22. Mai, binnen weniger Wochen die
Milliardenlöcher bei der Berliner Bankgesellschaft zu stopfen, konnte die Pleite einstweilen
verhindert werden. Wieviel Steuergelder das Land jetzt in die Bank, an der es zu 56% beteiligt
ist, hinein pumpen muß, steht noch gar nicht fest. Mitte April hatte der Vorstandsvorsitzende
der Bankgesellschaft, Wolfgang Rupf, den Fehlbetrag beim Eigenkapital der Bank auf 2 Milliarden
DM geschätzt. Finanzsenator Peter Kurth sprach dagegen am 22. Mai von "mindestens vier Milliarden
DM", während andere Mitglieder der Berliner Landesregierung eher mit 5 Mrd. DM rechnen. Und bis
zum Abschluß der Sonderprüfung durch die Aufsichtsbehörden Anfang Juni wird dieser Betrag wohl
noch weiter ansteigen. Beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband kursiert bereits die Zahl von
8 Mrd. DM.
Der Berliner Immobilienboom unmittelbar nach der Wiedervereinigung fand im Jahr 1994 ein jähes
Ende. Während die Berliner Industrie abgewickelt wurde, ergoß sich ein riesiger Kreditstrom in
den Bau unzähliger Büropaläste, die dann niemand haben wollte. Anstatt ständig weiter zu steigen,
kollabierten die Immobilienpreise, und heute stehen 1,3 Mio. Quadratmeter Bürofläche in Berlin
leer. Das Platzen der Berliner Immobilienblase hinterließ Spuren im Bankensektor, welche man dann
nach Kräften zu verwischen versuchte. So wurden im Jahre 1994 die bereits schwer angeschlagene
Berliner Bank und die Berliner Hyp mit der Landesbank Berlin zur Bankgesellschaft Berlin
verschmolzen. Um mit den Großbanken in Frankfurt gleichzuziehen, wurde das Kreditvolumen weiter
aufgestockt. Und da es in Berlin nun einmal kaum noch industrielle Investitionen gab, floß das
meiste wiederum in den Bausektor. Neben dem Kreditgeschäft florierte das Fondsgeschäft. Die zur
Landesbank Berlin gehörende IBG stieg zum größten deutschen Emissionär von Immobilienfonds auf,
indem sie 70.000 zahlungskräftigen Anlegern großzügige Garantien versprach.
Unterdessen gingen immer mehr Kredite zu Bruch, was die mit der Berliner Regierung verquickten
Vorstände der Bankgesellschaft zu bizarren Verschleierungsbemühungen veranlaßte. Beispielsweise
wollte die Führung der Bankgesellschaft Ende 1999 den Totalverlust von Krediten in Höhe von 660
Mio. DM an die Aubis-Gruppe auf derart abenteuerliche Weise kaschieren, daß die Kreditabteilung
der Berlin Hyp sich geschlossen geweigert hatte, bei dem Deal mitzumachen. Er wurde dennoch
durchgeführt.
Besondere Kreativität bewiesen die Manager der Bankgesellschaft auch bei dem Versuch, Anfang
dieses Jahres im Komplott mit der US-Investmentbank J.P. Morgan die Tochter IBG zu "verkaufen".
Zu diesem Zweck fand man einen "Käufer" im Steuerfluchtparadies der Cayman-Inseln, eine
Finanzgruppe namens Greico. Diese hatte freilich keine Lust, die IBG mit eigenem Geld zu
erwerben, sofern sie denn überhaupt welches besitzt. Statt dessen sollte J.P. Morgan dem windigen
Unternehmen 300 Millionen Dollar leihen, und für den Rest des Betrages sollte der "Verkäufer",
die Bankgesellschaft Berlin, einen Kredit an Greico ausstellen. Wegen Einspruchs der deutschen
Aufsichtsbehörden kam das Scheingeschäft allerdings nicht zu Stande.
Inzwischen hat die Berliner Staatsanwaltschaft 23 Ermittlungsverfahren gegen Manager der
Bankgesellschaft wegen des Verdachts krimineller Tätigkeiten aufgenommen.
Bis die Machenschaften, die zu den Milliardenverlusten bei der halbstaatlichen Berliner
Bankgesellschaft führten, alle aufgeklärt sind, wird noch einige Zeit vergehen. Ganz
unmittelbar droht aber der finanzielle Kollaps der Stadt Berlin. Am 28. Mai gestand der
Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen ein, daß für die kurzfristige Rettung der
Bankgesellschaft, zu der man sich am 22. Mai verpflichtet hat, und zur Deckung von
Einnahmeausfällen aus dem zur Zeit nicht möglichen Verkauf von Anteilen an der
Bankgesellschaft, Berlin in diesem Jahr dreimal so viel neue Schulden machen muß wie geplant,
9,6 Mrd. DM statt 3,6 Mrd. DM.
Dabei befand sich Berlin auch ohne die Bankenkrise schon in extrem prekärer Finanznot. Selbst
wenn man die Bankgesellschaft fallen ließe, so heißt es jetzt in der Berliner Finanzverwaltung,
wäre Berlin dennoch spätestens im Herbst zahlungsunfähig und könnte Beamtengehälter und die
Rechnungen von Bauunternehmen und Lieferanten nicht mehr zahlen. Trotz massiver Haushaltskürzungen
in den vergangenen Jahren sind die Schulden Berlins auf 65,4 Mrd. DM angestiegen. Am Jahresende
wären es dann schon 75,0 Mrd. DM. Von den für nächstes Jahr erwarteten Steuereinnahmen in Höhe
von 17,1 Mrd. DM werden 4,6 Mrd. DM gleich wieder für Zinszahlungen an die Banken abfließen.
Allein schon die Aufbringung der zusätzlichen 300 Mio. DM pro Jahr an Zinsen (für die 6 Mrd. DM
zusätzlicher Neuverschuldung) durch Ausgabenkürzungen der Berliner Bezirke hätte katastrophale
Folgen. Der Bezirksbürgermeister für Berlin-Mitte Zeller erklärte: "Dann würden bei uns keine
Straßen mehr ausgebessert, auf den unbepflanzten Grünanlagen könnten Gärtner nur noch Staub
zusammenfegen, an den Schulen gebe es von der Tafelkreide bis zum Schulbuch nichts mehr, und
auch die Jugendeinrichtungen bekämen kein Geld." Bezirksbürgermeister Klett von Marzahn-Hellersdorf
betonte, wenn sein Bezirk nach den dramatischen Einsparungen der vergangenen Jahre nun noch
einmal 25 Mio. DM einsparen müßte, "dann können wir alle Schulen dicht machen, denn das ist
genau die Summe, die uns für die Ausstattung und Erhaltung der Schulen zur Verfügung steht".
So weit darf es nicht kommen. Berlin muß jetzt die finanzielle Notbremse ziehen und bis zur
Klärung der Lage nötigenfalls ein Schuldenmoratorium erklären. Berlin erfüllt längst die beiden
Kriterien, die das Bundesverfassungsgericht im Mai 1992 für die Feststellung einer "extremen
Haushaltsnotlage" angab: Erstens liegt die Kreditfinanzierungsquote, also der Anteil der
öffentlichen Ausgaben, die über Kredite finanziert werden, über dem Doppelten des
Bundesdurchschnitts. Tatsächlich übertrifft Berlin hier mit 9,3% sogar mehr als das Dreifache
des Bundesdurchschnitts von 3,0%. Und zweitens liegt auch die Zins-Steuer-Quote, das Verhältnis
von Zinsausgaben zu Steuereinnahmen, weit über dem Bundesdurchschnitt. In Berlin werden 24,5%
der Steuereinnahmen für Zinsausgaben verbraucht, im Bundesdurchschnitt sind es 11%.
Bei einem Schuldenstand in Berlin von 19400 DM pro Einwohner, doppelt so hoch wie im
Bundesdurchschnitt, und einem Pro-Kopf-Steueraufkommen, das noch nicht einmal ein Drittel so
hoch ist wie in Hamburg, ist offensichtlich, daß die Bundeshauptstadt unter den gegenwärtigen
Bedingungen nicht in der Lage ist, ihren Verpflichtungen ohne zusätzliche Hilfen von außen
nachzukommen. Aber mit ein paar weiteren Milliarden pro Jahr vom Bundesfinanzminister ist es
nicht getan.
Das Problem der verfehlten Wirtschaftspolitik des vergangenen Jahrzehnts muß grundsätzlich
angegangen werden. Statt brutaler Sparpolitik, die wie im Falle Berlins am Ende nur noch mehr
Schulden produziert, muß jetzt die Reindustrialisierung des Berliner Umfelds voran getrieben
werden, die wiederum nur im Rahmen eines längst überfälligen transeuropäischen Wiederaufbau-
Programms stattfinden kann.
zurück zu Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!
heim zu Reisen durch die Vergangenheit