
Der Sturm auf die Bastille. Phantasievolles Aquarell von J. M. Houel.
Die Bastille war ursprünglich als Festung zum Schutz von Paris 1370 mitten im Hundertjährigen Krieg gegen die Engländer erbaut worden. Das 23 Meter hohe viertürmige Gebäude verlor aber mit dem Aufkommen der Artillerie seine militärische Bedeutung. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts, unter der Herrschaft des Kardinals Richelieu, diente sie als Staatsgefängnis. In die Bastille kamen freilich keine gewöhnlichen Verbrecher; sie war ein vergleichsweise luxuriöser Internierungsort für die gehobenen Stände.
Es gab hier keine finsteren Verliese mit angeschmiedeten Gefangenen, sondern
ganz normal eingerichtete Zimmer, die nur nachts abgeschlossen wurden, quasi
ein „offener Vollzug“. Unter den Insassen befanden sich im 18. Jahrhundert
auch Leute, die ihre Schulden nicht bezahlten oder jemanden im Duell getötet
hatten. Gelegentlich erwischte es sogar Sonderlinge, wie 1749 Henri Masers
de Latude. Dieser überspannte Herr täuschte einen Anschlag auf die mächtige
Mätresse Madame Pompadour vor, "entlarvte“ ihn dann, um eine
Belohung zu kassieren und wanderte deshalb in die Bastille. Als Sträfling
benahm er sich derart aufsässig, dass man ihn 35 Jahre hinter den Mauern
verwahrte. Hier schrieb Latude seine Gefängniserlebnisse auf, besser gesagt,
er ließ seiner blühenden Fantasie freien Lauf.
Aus dem Gefängnis geschmuggelt, sorgten Latudes Gräuelmärchen für Furore.
Man glaubte ihm, obwohl sein Elaborat vor Ungereimtheiten strotzte. So
behauptete er, alle Gefangenen seien nach ihrer Ankunft sämtlicher Kleider
beraubt und in elende Lumpen gehüllt worden. Andererseits berichtete er von
seinem Fluchtversuch mittels Strickleiter, die aus mehr als 120
zusammengeknoteten Hemden bestanden habe! Dass er nach seiner Entlassung
1784 für unrechtmäßig erlittene Haft die enorme Entschädigung von 60.000
Franc kassierte, verschwieg Latude tunlichst.
Als im Juli 1789 schwere Unruhen in Paris ausbrachen, befahl König Ludwig
XVI., den Großteil der Pulvervorräte aus dem städtischen Arsenal in die
Bastille zu verlagern. Für das Volk war dies Anlass, die „Zwingburg des
Despotismus“ zu stürmen. Am Vormittag des 14. Juli zog eine bewaffnete Menge
vor den Festungsgraben und begehrte Einlass. Der Bastille-Kommandant de
Launay zeigte sich kompromissbereit, auch weil er nur über 114 Soldaten
verfügte, davon 82 kaum kampftaugliche Invaliden. Er verhandelte mit den
Aufständischen und ließ zur Warnung nur einen einzigen Kanonenschuss in die
Luft abfeuern. Einige Gewehrschüsse forderten Opfer auf beiden Seiten,
führten aber nicht zu dem später kolportierten Blutbad. Schließlich
schleppten die Pariser auch Geschütze herbei und feuerten auf die Bastille,
aber so dilettantisch, dass dabei mehrere Wohnhäuser zerstört wurden.
Gegen die Zusicherung freien Abzugs kapitulierte de Launay am Nachmittag,
wurde aber, als er die Bastille verließ, von der Menge in Stücke gehauen.
Ein Fleischergeselle schnitt ihm den Kopf ab und spießte ihn auf eine Lanze.
Auch sechs Soldaten erlitten ein ähnliches Schicksal.
Nachdem das Volk dieserart seinen Mut gezeigt hatte, ging es daran, die
zahlreichen in Ketten schmachtenden Gefangenen zu befreien und erlebte eine
peinliche Enttäuschung. In der riesigen Bastille befanden sich ganze sieben
wohlgenährte Häftlinge: ein gefährlicher Schwerverbrecher, vier Männer, die
wegen Geldfälschung in Untersuchungshaft saßen sowie zwei offensichtlich
Geistesgestörte, die von ihren Familien abgeschoben worden waren. Da mit
solchen Gefangenen nur wenig Eindruck zu machen war, präsentierte man dem
Volk wenigstens ein „fürchterliches mechanisches Folterinstrument“ im Keller
der Bastille. Wie sich später herausstellte, war es eine altertümliche
Druckerpresse.
Der Sturm auf die Bastille wurde für einen Mann zum Millionengeschäft – Pierre Francois Palloy. Dieser umtriebige Bauunternehmer erschien bereits am späten Nachmittag des 14. Juli an der Spitze von 500 Tagelöhnern in den Festungsgräben. Mit Spitzhacken und Schlaghämmern rückten sie dem Gebäude zu Leibe. Nach zwei Tagen erhielt der „Patriot“ Palloy den öffentlichen Auftrag zum Abriss der Bastille. Er verkaufte Steinquader Stück für Stück, teilweise mit Inschriften, als Souvenir an Parisbesucher. Nicht nur die „Kruste von den schrecklichen Gewölben“ brachte ihm Gewinne. Palloy sicherte sich auch das Monopol auf Wachs- und Holzmodelle der Bastille, die im ganzen Land verkauft wurden.
Für Frankreichs Monarchie war der 14. Juli 1789 der Anfang vom Ende. König Ludwig XVI. notierte unter diesem Datum in seinem Tagebuch „Nichts“. Dieser Eintrag wird in vielen Abhandlungen über die Französische Revolution als Beweis seiner Ignoranz zitiert. Tatsächlich führte er gar kein Tagebuch im klassischen Sinn. Er verzeichnete darin vor allem seine Jagdbeute, also was er wann geschossen hatte. Am historischen 14. Juli war keine Jagd angesetzt, demnach geschah in dieser Hinsicht „nichts“. Eine Bewertung, die man auch den Legenden um die Pariser Bastille beimessen muss.
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