DAS BANGKOK EUROPAS
Kevin hat sich das T-Shirt über den Kopf gezogen und lässt die Hüften
kreisen, dass der weiße Bauch über den Gürtel wabert. Über den Jeans
trägt er einen Damenslip, Type G-String. Ästhetische Bedenken hat der
Alkohol längst weggespült. Seine Kumpels stehen im Halbkreis um ihn
herum und feuern ihn an. Die Musik dröhnt, die Disco-Lichter zucken.
Auf dem Laufsteg schmiegt sich eine junge Frau an die Tanzstange und
entledigt sich routiniert ihrer Kleidungsstücke.
Als
auch das Oberteil fliegt, rückt Kevin näher. Die Tänzerin windet sich
vor ihm, bis er einen Geldschein aus der Tasche zieht und ihr in die
letzten Fäden steckt, die sie noch am Leib trägt. Sie fährt ihm zum
Dank einmal durchs Haar und entschwindet. Als Kevin Anstalten macht,
auf den Steg zu krabbeln und ihr zu folgen, weist ihn ein Wächter
barsch zurück, und seine lahme Beteuerung, dass er ja bezahlt habe,
wird abgewimmelt. Die Banknote in ihrem Höschen war "tipping",
Trinkgeld, nicht Bezahlung, und wenn der Abgeblitzte eine "private"
Tanzshow im Chambre séparée möchte, muss er nochmals tief in die Tasche
greifen.
Er lässt es bleiben, die Nacht ist noch jung. Wenige
Stunden zuvor sind er und seine Kameraden aus Liverpool eingeflogen, um
hier in Riga ihre "Stagparty" zu feiern: den Junggesellenabschied. Wer
heiraten soll? Niemand, grölen sie und freuen sich über den gelungenen
Scherz: feiern kann man auch im Voraus. Vor allem, wenn es so billig
ist wie in der lettischen Hauptstadt. In der schmucken Innenstadt sind
sie von Pub zu Pub gezogen, das Bier fließt in Strömen, ein Lat -
umgerechnet 1,30 Euro - für eine Halbe ist kein Geld für die Touristen
aus dem Westen. Wenn Alkoholspiegel und Mut steigen, wollen sie auch
Mädchen anbaggern, denn die sind hier, hat Kevin sich sagen lassen, "so
preiswert wie das Saufen".
"Die glauben, sie können für zehn
Euro die halbe Stadt kaufen!" Normands hält nicht viel von dieser Art
Besucher, obwohl er als Taxifahrer sein Geld mit ihnen verdient. Hotels
und Nachtclubs arbeiten eng zusammen, und Chauffeure bekommen
Provision, wenn sie Gäste rankarren. Die "Sex- und Sauftouristen", wie
Normands sie nennt, haben stark zugenommen, seit Billigflieger Riga auf
ihre Karte setzten. Allein Ryanair hat im Vorjahr 427 000 Passagiere
eingeflogen. Die Zahl der Reisenden auf dem Flughafen hat im Vorjahr um
77 Prozent zugenommen und sich in zwölf Jahren versechsfacht. Das sind
nicht nur Besucher der einschlägigen Art: Kultur- und
Erholungsreisende, Geschäftsleute und vor allem die Letten, die zum
Arbeiten ins Ausland gegangen sind, spielen in den Statistiken die
gewichtigere Rolle. Doch der Sex-Tourismus hat ein solches Ausmaß
erreicht, dass selbst Staatspräsidentin Vaira Vike-Freiberga vor der
"Aufdringlichkeit" der Prostitution warnte und Maßnahmen forderte, um
Lettlands "wenig schmeichelhaftes Image" zu korrigieren.
Das
Plakat mit der überlebensgroßen Stripperin, das die Gäste schon auf dem
Flughafen begrüßte, ist seither verschwunden. Die Straßenprostitution
ist zurückgedrängt. Offene Werbung für Nachtklubs und Bordelle hat der
Stadtrat verboten. Doch allein stehende Männer müssen nicht lange durch
die Straßen ziehen, ehe sie Flyers zugesteckt bekommen mit der
geflüsterten Frage: "little fun? lidt sjov? bisschen Spaß?" Kevins
Gruppe beißt an. Spaß? Klar! Deshalb sind sie ja da. Und wenn der Klub
auch noch mit freiem Eintritt lockt! Diesmal geht es in eine
Kellerspelunke, auf deren Bühne sich eine Animierdame das Mieder
aufknöpft. "You want company?", fragt eine Kollegin, nachdem sie
erkundet hat, ob die Neuen auf englisch oder russisch angemacht werden
wollen, und als diese ihr einen Drink spendieren, beginnt der Zähler zu
ticken, der aus einem erhofft billigen Spaß einen sehr teuren Abend
machen kann. "Das Reinkommen kann gratis sein, das Rauskommen ist es
selten", warnt eine Broschüre der Stadtverwaltung vor den Fallen des
Nachtlebens.
Dass so viele Touristen wegen des Sexgewerbes
kämen, sei "keine große Ehre für die Stadt", sagt Rigas Bürgermeister
Aivars Aksenoks. Doch was soll er tun? "Würden wir Prostitution
verbieten, würde es die Leute, die deswegen kommen, auch nicht
abschrecken", ist er überzeugt. Das ist die Haltung, die Nikola Dzina
auf die Palme treibt. Sie ist Projektleiterin des Frauenzentrums Marta,
wo man Prostituierten und Opfern von Menschenhandel zurück in ein
normaleres Leben helfen will. "Für die Verantwortlichen ist die
Sex-Industrie ein Geschäft wie jedes andere", wettert sie, und da
verhindern Schmiergelder, Seilschaften und Drohungen, dass die "an sich
guten Gesetze" auch umgesetzt werden. Das fällt auch Normands auf:
"Polizisten sieht man immer, wenn man falsch parkt. Im Nachtleben nie.
Zumindest nicht in Uniform." Wenn der Monatslohn eines Polizisten dem
billigsten Schampus in einer miesen Strip-Bar entspricht, ist der
Bestechlichkeit Tür und Tor geöffnet.
"Es ist schon etwas dran
am Image als Bangkok Europas", sagt Laura Bulmanis, die Sozialchefin
der Stadtverwaltung. Die niedrigen Einkommen sind ein Anreiz für
Prostitution. Für das, was eine in einer Stunde mit einem Touristen
verdient, muss eine andere zwei Wochen im Supermarkt an der Kasse
sitzen. "Wir kämpfen hart darum, das Ausmaß zu dämpfen", sagt Bulmanis
und reiht neue Vorschriften für Casinos und Sexklubs auf: keine
aggressive Werbung, keine Etablissements in Nachbarschaft von Schulen
oder Kindergärten. "Wir sind auf dem richtigen Weg, das Sex-Geschäft zu
kontrollieren. Doch wo es eine Nachfrage gibt, wird es immer auch ein
Angebot geben."
In Riga ufert die Nachfrage aus. "In der
Hauptsaison kann man kaum noch in die Altstadt gehen", erregt sich
Anete, die tagsüber studiert und abends gerne durch die Lokale zieht.
"Kaum setzt man sich in eine Bar, kommt schon einer und fragt ganz
ungeniert, ob man mit ihm schlafen will und was das kostet." Doch sie
weiß auch, dass es Mädchen gibt, die sich gerne einen Abend lang von
einem Touristen aushalten lassen, weil diese das Geld haben, das ihnen
selbst fehlt, und die meinen, sie müssten dann auch mit ins Hotel, als
Bezahlung für die vielen Drinks. "Sex-Cowboys" nennt Normands diese
Männer, "sie sehen all die schönen Frauen und glauben, sie können sie
alle kaufen."
Er glaubt, dass diese Art des Fremden-Verkehrs in
"fünf, sechs Jahren" überwunden sein wird, wenn vom Aufschwung, den
Lettland erlebt, auch die Ärmeren profitieren. Heute schon, sagt er,
gibt es "zur Alternative Straße die Alternative Irland": Wer mit den
heimischen Hungerlöhnen nicht zurecht kommt, kann ins Ausland gehen.
Für Leute wie Kevin und seine Crew bleibt dann immer noch der Alkohol
als Lockmittel. Sie sind in eine Disco weitergezogen, doch mit dem
Tanzen ist es nicht mehr weit her. Einer liegt mit fahlem Gesicht auf
der Theke, und es ist nicht zu sehen, ob er in dem Höllenlärm schläft
oder ohnmächtig wurde. Ein Barkeeper wischt angewidert weg, was er
erbrochen hat. Dann schleppen ihn die anderen ab. Am nächsten Tag
latschen die jungen Männer wieder durch die Altstadt, nicht mehr so
großmäulig, nicht mehr mit Bierdosen in der Hand, sondern mit riesigen
Wasserflaschen, um den verkaterten Durst und die rasenden Kopfschmerzen
zu dämpfen.
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