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DAS BANGKOK EUROPAS

Die Prostitution prägt das Image der lettischen Hauptstadt Riga

von Hannes Gamillscheg (FR, 27. Oktober 2006)

[Riga - Fotomontage]

Kevin hat sich das T-Shirt über den Kopf gezogen und lässt die Hüften kreisen, dass der weiße Bauch über den Gürtel wabert. Über den Jeans trägt er einen Damenslip, Type G-String. Ästhetische Bedenken hat der Alkohol längst weggespült. Seine Kumpels stehen im Halbkreis um ihn herum und feuern ihn an. Die Musik dröhnt, die Disco-Lichter zucken. Auf dem Laufsteg schmiegt sich eine junge Frau an die Tanzstange und entledigt sich routiniert ihrer Kleidungsstücke.

Als auch das Oberteil fliegt, rückt Kevin näher. Die Tänzerin windet sich vor ihm, bis er einen Geldschein aus der Tasche zieht und ihr in die letzten Fäden steckt, die sie noch am Leib trägt. Sie fährt ihm zum Dank einmal durchs Haar und entschwindet. Als Kevin Anstalten macht, auf den Steg zu krabbeln und ihr zu folgen, weist ihn ein Wächter barsch zurück, und seine lahme Beteuerung, dass er ja bezahlt habe, wird abgewimmelt. Die Banknote in ihrem Höschen war "tipping", Trinkgeld, nicht Bezahlung, und wenn der Abgeblitzte eine "private" Tanzshow im Chambre séparée möchte, muss er nochmals tief in die Tasche greifen.

Er lässt es bleiben, die Nacht ist noch jung. Wenige Stunden zuvor sind er und seine Kameraden aus Liverpool eingeflogen, um hier in Riga ihre "Stagparty" zu feiern: den Junggesellenabschied. Wer heiraten soll? Niemand, grölen sie und freuen sich über den gelungenen Scherz: feiern kann man auch im Voraus. Vor allem, wenn es so billig ist wie in der lettischen Hauptstadt. In der schmucken Innenstadt sind sie von Pub zu Pub gezogen, das Bier fließt in Strömen, ein Lat - umgerechnet 1,30 Euro - für eine Halbe ist kein Geld für die Touristen aus dem Westen. Wenn Alkoholspiegel und Mut steigen, wollen sie auch Mädchen anbaggern, denn die sind hier, hat Kevin sich sagen lassen, "so preiswert wie das Saufen".

"Die glauben, sie können für zehn Euro die halbe Stadt kaufen!" Normands hält nicht viel von dieser Art Besucher, obwohl er als Taxifahrer sein Geld mit ihnen verdient. Hotels und Nachtclubs arbeiten eng zusammen, und Chauffeure bekommen Provision, wenn sie Gäste rankarren. Die "Sex- und Sauftouristen", wie Normands sie nennt, haben stark zugenommen, seit Billigflieger Riga auf ihre Karte setzten. Allein Ryanair hat im Vorjahr 427 000 Passagiere eingeflogen. Die Zahl der Reisenden auf dem Flughafen hat im Vorjahr um 77 Prozent zugenommen und sich in zwölf Jahren versechsfacht. Das sind nicht nur Besucher der einschlägigen Art: Kultur- und Erholungsreisende, Geschäftsleute und vor allem die Letten, die zum Arbeiten ins Ausland gegangen sind, spielen in den Statistiken die gewichtigere Rolle. Doch der Sex-Tourismus hat ein solches Ausmaß erreicht, dass selbst Staatspräsidentin Vaira Vike-Freiberga vor der "Aufdringlichkeit" der Prostitution warnte und Maßnahmen forderte, um Lettlands "wenig schmeichelhaftes Image" zu korrigieren.

Das Plakat mit der überlebensgroßen Stripperin, das die Gäste schon auf dem Flughafen begrüßte, ist seither verschwunden. Die Straßenprostitution ist zurückgedrängt. Offene Werbung für Nachtklubs und Bordelle hat der Stadtrat verboten. Doch allein stehende Männer müssen nicht lange durch die Straßen ziehen, ehe sie Flyers zugesteckt bekommen mit der geflüsterten Frage: "little fun? lidt sjov? bisschen Spaß?" Kevins Gruppe beißt an. Spaß? Klar! Deshalb sind sie ja da. Und wenn der Klub auch noch mit freiem Eintritt lockt! Diesmal geht es in eine Kellerspelunke, auf deren Bühne sich eine Animierdame das Mieder aufknöpft. "You want company?", fragt eine Kollegin, nachdem sie erkundet hat, ob die Neuen auf englisch oder russisch angemacht werden wollen, und als diese ihr einen Drink spendieren, beginnt der Zähler zu ticken, der aus einem erhofft billigen Spaß einen sehr teuren Abend machen kann. "Das Reinkommen kann gratis sein, das Rauskommen ist es selten", warnt eine Broschüre der Stadtverwaltung vor den Fallen des Nachtlebens.

Dass so viele Touristen wegen des Sexgewerbes kämen, sei "keine große Ehre für die Stadt", sagt Rigas Bürgermeister Aivars Aksenoks. Doch was soll er tun? "Würden wir Prostitution verbieten, würde es die Leute, die deswegen kommen, auch nicht abschrecken", ist er überzeugt. Das ist die Haltung, die Nikola Dzina auf die Palme treibt. Sie ist Projektleiterin des Frauenzentrums Marta, wo man Prostituierten und Opfern von Menschenhandel zurück in ein normaleres Leben helfen will. "Für die Verantwortlichen ist die Sex-Industrie ein Geschäft wie jedes andere", wettert sie, und da verhindern Schmiergelder, Seilschaften und Drohungen, dass die "an sich guten Gesetze" auch umgesetzt werden. Das fällt auch Normands auf: "Polizisten sieht man immer, wenn man falsch parkt. Im Nachtleben nie. Zumindest nicht in Uniform." Wenn der Monatslohn eines Polizisten dem billigsten Schampus in einer miesen Strip-Bar entspricht, ist der Bestechlichkeit Tür und Tor geöffnet.

"Es ist schon etwas dran am Image als Bangkok Europas", sagt Laura Bulmanis, die Sozialchefin der Stadtverwaltung. Die niedrigen Einkommen sind ein Anreiz für Prostitution. Für das, was eine in einer Stunde mit einem Touristen verdient, muss eine andere zwei Wochen im Supermarkt an der Kasse sitzen. "Wir kämpfen hart darum, das Ausmaß zu dämpfen", sagt Bulmanis und reiht neue Vorschriften für Casinos und Sexklubs auf: keine aggressive Werbung, keine Etablissements in Nachbarschaft von Schulen oder Kindergärten. "Wir sind auf dem richtigen Weg, das Sex-Geschäft zu kontrollieren. Doch wo es eine Nachfrage gibt, wird es immer auch ein Angebot geben."

In Riga ufert die Nachfrage aus. "In der Hauptsaison kann man kaum noch in die Altstadt gehen", erregt sich Anete, die tagsüber studiert und abends gerne durch die Lokale zieht. "Kaum setzt man sich in eine Bar, kommt schon einer und fragt ganz ungeniert, ob man mit ihm schlafen will und was das kostet." Doch sie weiß auch, dass es Mädchen gibt, die sich gerne einen Abend lang von einem Touristen aushalten lassen, weil diese das Geld haben, das ihnen selbst fehlt, und die meinen, sie müssten dann auch mit ins Hotel, als Bezahlung für die vielen Drinks. "Sex-Cowboys" nennt Normands diese Männer, "sie sehen all die schönen Frauen und glauben, sie können sie alle kaufen."

Er glaubt, dass diese Art des Fremden-Verkehrs in "fünf, sechs Jahren" überwunden sein wird, wenn vom Aufschwung, den Lettland erlebt, auch die Ärmeren profitieren. Heute schon, sagt er, gibt es "zur Alternative Straße die Alternative Irland": Wer mit den heimischen Hungerlöhnen nicht zurecht kommt, kann ins Ausland gehen. Für Leute wie Kevin und seine Crew bleibt dann immer noch der Alkohol als Lockmittel. Sie sind in eine Disco weitergezogen, doch mit dem Tanzen ist es nicht mehr weit her. Einer liegt mit fahlem Gesicht auf der Theke, und es ist nicht zu sehen, ob er in dem Höllenlärm schläft oder ohnmächtig wurde. Ein Barkeeper wischt angewidert weg, was er erbrochen hat. Dann schleppen ihn die anderen ab. Am nächsten Tag latschen die jungen Männer wieder durch die Altstadt, nicht mehr so großmäulig, nicht mehr mit Bierdosen in der Hand, sondern mit riesigen Wasserflaschen, um den verkaterten Durst und die rasenden Kopfschmerzen zu dämpfen.


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