Auch im Angesicht der Revolution kann man auf Kuba den einen oder anderen Dollar los werden.
"Wo Kommunisten leben, sterben die Probleme." Ein schöner Satz ist das,
er stammt von Che Guevara höchstselbst. Der Satz prangt auf einer Tafel
an der Strasse, die von Havanna zu den Hausstränden der Hauptstadt
führt, den Playas del Este. Überall auf der Strecke stehen junge Frauen
und winken. Die meisten sind Prostituierte, «Jineteras». Am Strand gibt
es stundenweise Zimmer zu mieten. Mit einer Matratze drin und manchmal
einem Waschbecken, für 20 oder 25 Dollar. Die Jineteras bieten ihren
Körper für denselben Preis an. Am späten Nachmittag, wenn das Geschäft
bis dahin schlecht gelaufen ist, auch schon mal für die Hälfte.
«Was soll ich denn sonst machen?», fragt eine Neunzehnjährige zurück,
von der wir wissen wollen, warum sie sich prostituiert. Sie möchte
etwas Schönes zum Anziehen kaufen für sich und ihr anderthalbjähriges
Kind, das tagsüber von den Grosseltern versorgt wird. Mit den 200
kubanischen Pesos, die sie früher als Krankenschwester verdient hat,
ging das nicht. Die Pesos liessen sich zwar in Dollars umtauschen, doch
der Wechselkurs steht bei 1:20. Und die Preise in den neuen Läden, wo
es die schicken Klamotten gegen Dollars zu kaufen gibt, sind nicht
ohne.
Prostitution ist in Kuba verboten. Gelegentlich fährt die Polizei mit
Lastwagen an den Playas del Este und in den anderen Touristengebieten
vor. Die Polizisten überprüfen die Personalien aller mutmasslichen
Prostituierten. Wer bereits als Prostituierte registriert ist, muss mit
Gefängnis rechnen. «Oder die Polizisten bestechen», sagt die junge
Frau. Pesos und Perspektivlosigkeit, Prostitution und Polizei – Schuld
an der ganzen Misere, das ist für die Neunzehnjährige klar, hat die
Regierung. Vor allen anderen natürlich «El Barbudo», der Bärtige. Der
Tag war lang, und sie hat noch nichts verdient.
Jorge ist ganz anderer Ansicht. Verantwortlich für die zugegebenermassen noch nicht bewältigte ökonomische Krise sind
die Yankees und ihr verfluchter Wirtschaftsboykott.
«Basta.» Fidel versuche sein Bestes und werde die Karre aus dem Dreck
ziehen. In letzter Zeit sei es auch viel besser geworden. Stromsperren
zum Beispiel gebe es kaum noch, auch mit dem Wirtschaftswachstum gehe
es voran. Jorge ist Angestellter des kubanischen Staats. Er betreibt
eine aus Brettern und Balken zusammengezimmerte Kneipe am Playa Paraíso
auf Cayo Largo, einer Ferieninsel vor der kubanischen Südküste. Früher
eine Militärbasis, wurde Cayo Largo vor zwanzig Jahren für den
internationalen Tourismus erschlossen. Playa Paraíso liegt weitab der
Hotels, dafür gehört der Strand allen.
Allen – das heisst auch
Jorge. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn zu den Hausstränden
der Hotels auf Cayo Largo hat er keinen Zutritt. Ausser den
TouristInnen dürfen sich nur Kellnerinnen, Zimmermädchen und
lizenzierte Souvenirverkäufer im Bereich der Ferienanlagen aufhalten.
Die Regierung rechtfertigt den Ausschluss der Einheimischen von vielen
Stränden mit dem Kampf gegen Prostitution und Kriminalität.
Anton aus Tirol
«Seine erste grosse Niederlage in Lateinamerika erlitt der
Imperialismus in Playa Girón.» So steht es geschrieben auf einem
grossen Transparent in der Schweinebucht. Am 17. April 1961 waren an
mehreren Stellen 1500 schwer bewaffnete Exilkubaner gelandet. Die
Truppe sollte in den umwegsamen Zapata-Sümpfen einen Brückenkopf
bilden, nach ein paar Tagen würde eine von der CIA zusammengestellte
Exilregierung einfliegen. Kubanische Milizen schlugen die Angreifer
unter hohen eigenen Verlusten zurück. 1200 Gefangene wurden später
gegen Arzneien und Lebensmittel ausgetauscht.
Der Ort Playa Girón besteht aus ein paar heruntergekommenen Häusern und
einer Hotelanlage mit Bungalows. Vor allem UrlauberInnen aus
Deutschland und Österreich tummeln sich hier. Das Essen ist schlecht,
Bier und Rum werden in Styroporbechern ausgeschenkt. Zur abendlichen
Animation versammeln sich die Gäste auf der Freifläche am Pool. Zu
Anfang spielt eine kubanische Combo, dann wird ein Theaterstück
gegeben. Am Schluss ist Disco, das Sauflied «Anton aus Tirol» dröhnt
plötzlich durch die Bucht.
Zehn Millionen TouristInnen
Die Kolonialstadt Trinidad ist so schön wie im Reiseführer beschrieben,
jedenfalls das mit Unesco-Geldern herausgeputzte Stadtzentrum. Die
Häuser haben kleine Erker und Gitter aus Holz oder Eisen vor den
Fenstern, nicht zur Abschottung, sondern als Öffnung nach draussen.
Bleichgesichtige Touristen mit kurzen Hosen und langen Objektiven
schnaufen kurzatmig durch die Gassen und fotografieren ohne zu fragen
die Menschen in ihren Wohnzimmern. In den Aussenbezirken ist die Armut
erdrückend. Aus einigen Hütten quellen Fäkalien. Auf einem Hügel am
Stadtrand sitzen Frauen vor einer verrammelten Kirche. Eine bietet
Ketten aus vertrockneten Samen feil, die andere verschrumpelte
Kokosnüsse. Sie würden nicht viel los hier oben, klagen die beiden.
Unten im Zentrum profitierten alle vom Tourismus, doch hierher
verirrten sich die Gringos nicht. Eine Tochter der Frau mit den
Kokosnüssen schleppt sich den Berg hoch. Sie habe Grippe oder Fieber,
sagt die Mutter und fragt, ob wir nicht zufällig Medikamente
dabeihätten.
Die Preise im schicken staatlichen Restaurant im Zentrum von Trinidad
grenzen an Wucher. Neun Dollar kostet eine kleine Portion Crevetten,
zwei Dollar eine Dose Bier, ein Dollar eine Minipackung vertrockneter
Salzkekse. Auch im Museum und im Botanischen Garten wird heftig
abkassiert. Die kubanische Regierung will, dass 2010 zehn Millionen
TouristInnen auf die Insel kommen. Im vergangenen Jahr waren es knapp
1,8 Millionen UrlauberInnen; die Verantwortlichen hatten mit zwei
Millionen gerechnet. Wirtschaftsminister Carlos Lage führt externe
Gründe wie den schwachen Euro oder Dumpingangebote anderer Reiseländer
dafür an, dass die Entwicklung den Plänen hinterherhinkt. Die hohen
Preise, den teilweise miserablen Service in den staatlichen Hotels und
Restaurants nennt er nicht.
Die Familie, die uns beherbergt, klagt über die hohen Steuern, die
registrierte Betreiber von Privatunterkünften und -restaurants
unabhängig vom real erwirtschafteten Umsatz zahlen müssen. 500 Dollar
im Monat zieht der Staat von den «Paladares» – kleinen
Familienrestaurants mit begrenztem Platzangebot und eingeschränkter
Speisekarte – ein, hundert Dollar pro Zimmer von den Herbergen. Wer
Frühstück und Abendessen serviert, muss auch dafür Steuern zahlen.
Werbung auf einem Schild an der Haustür oder auf Visitenkarten kostet
extra.
Der Gendarm wird geschlagen
In unserem Leihwagen sind wir sofort als TouristInnen zu erkennen.
Schon auf der Einfallstrasse nach Camagüey heftet sich ein halbes
Dutzend jugendliche Radfahrer an unser Fahrzeug. Für die Vermittlung
ausländischer Gäste erhalten sie von Pensions- oder Restaurantbesitzern
eine Provision: in der Regel einen Dollar, manchmal aber auch mehr. So
viel verdienen Beschäftigte in vielen staatlichen Fabriken oder
Krankenhäusern an einem ganzen Tag nicht.
Aus den geöffneten Fenstern dringt Unterrichtslärm. Der Schulbesuch ist
kostenlos, auch für Bücher und Uniformen brauchen die Eltern nichts zu
bezahlen. Bei der Aufzählung der revolutionären Errungenschaften in
Kuba darf der Hinweis auf das Bildungssystem nicht fehlen. Tatsächlich
ist der Analphabetismus so gut wie ausgerottet. Das allgemeine
Bildungsniveau ist gleichwohl niedrig. Ausserhalb der Schulen und
Universitäten findet Volksbildung kaum statt. Wohl gibt es in vielen
Städten öffentliche Büchereien, doch sie sind schlecht ausgestattet.
Die ökonomische Krise hat die kubanische Buchproduktion praktisch zum
Erliegen gebracht, gedruckt werden nur noch Schulbücher. Ein
Presseangebot ist nicht vorhanden. Ausserhalb Havannas und einiger
Grossstädte sind noch nicht einmal die lausigen Parteiblätter «Granma»
und «Juventud Rebelde» erhältlich. Das Kinoprogramm in der Provinz ist
dürftig. In Camagüey bietet das «Casa de Video» ein täglich wechselndes
Programm an – drei von sieben Filmen sind Gewaltstreifen wie «Rambo 3»,
ein weiterer ist ein Sexfilm.
In der Salsadiskothek Varan geht nach Mitternacht die Post ab. Tanz,
Anmache, Geschiebe und Gedrängel. Auf der Tanzfläche entwickelt sich
eine Eifersuchtsschlägerei. Der einzige uniformierte Polizist im Lokal
will schlichten, doch plötzlich richten sich die Aggressionen der
Beteiligten gegen den Gendarmen. Er wird heftig geschlagen und unter
lautem Gejohle nach draussen gedrängt. So etwas lassen sich
PolizistInnen in keinem Land der Welt bieten, denken wir und warten auf
die Fortsetzung. Es gibt aber keine, die Polizei kommt nicht zurück.
Schwarz und gut drauf
Hinter der Ortschaft Media Luna sind die Stellen, an denen Juan Almeida
und Raúl Castro am 16. und 17. Dezember 1956 mit ihren auseinander
gesprengten Guerillagrüppchen die Strasse überquert und sich in die
Sierra Maestra abgesetzt hatten, mit Tafeln markiert. Zwei Wochen
vorher waren sie mit ihrem Schiff, der «Granma», bei Los Colorados
gelandet, nur fünfzehn der rund neunzig Insassen überlebten den
Hinterhalt der Truppen des damaligen Diktators Batista. Mitte Januar
war die kleine Rebellenarmee schon wieder auf 32 Mann angewachsen. Ihre
erste offensive Aktion unternahm sie gegen einen kleinen
Armeestützpunkt in den südlichen Ausläufern der Sierra, an der Mündung
des Rio de la Plata. Wo die Kaserne stand, erinnert heute ein kleines
Museum an die Schlacht. Wir sind seit über einer Woche die ersten
BesucherInnen. Die drei Angestellten des Museums räumen ein, dass das
mangelnde Interesse mit dem Fehlen von Hinweistafeln an der Strasse zu
tun haben könnte. Bislang hat aber noch niemand angeordnet, dass ein
Schild aufgestellt werden soll.
Rastas und Strassenmusiker, schöne Frauen und Männer mit Sonnenbrillen,
die meisten schwarz und gut drauf, alle tanzen, und die AusländerInnen
beobachten von der Terrasse des Hotels Casa Grande aus das Treiben. Das
ist der erste Eindruck von Santiago de Cuba. Der zweite ist: Bis auf
den zentralen Platz – den Parque Céspedes mit Kathedrale und Rathaus,
von dessen Balkon Fidel am 1. Januar 1959 den Sieg der Revolution
verkündete und Santiago vorübergehend zur Hauptstadt ernannte – und bis
auf ein paar Seitenstrassen und Aussenbezirke ist Kubas zweitgrösste
Stadt ziemlich heruntergekommen.
In den Vierteln zwischen Zentrum und Hafen hausen die Menschen in
düsteren Verschlägen auf Hinterhöfen und in Ruinen. Das Abwasser steht
knöchelhoch in den Gassen, im Rinnstein liegen tote Ratten. Die breite
Promenade am Wasser, die Avenida Jesús Menendez, verbreitet düstere,
gewalttätige Stimmung. Klapperdürre Pferde mühen sich mit voll
besetzten Kutschen ab und kriegen, wenn sie nicht schnell genug laufen,
die Peitsche übergezogen. An der Strasse stehen verfallene
Lagerschuppen und ein paar zwielichtige Kneipen mit nicht minder
zwielichtigem Publikum. Ein Leben in Würde, wie es die Revolution den
KubanerInnen versprochen hat, ist zumindest hier nicht möglich.
Das Restaurant El Caribean wird ganz offensichtlich illegal betrieben.
Aussen gibt es keine Reklame und kein Licht, die Rekrutierung der Gäste
erfolgt mehrere Strassenecken entfernt, ein paar Halbwüchsige
kontrollieren den Einlass. Die Crevetten in Tomatensauce sind
exzellent, das Bier ist eiskalt, der Sitzplatz auf einer Dachterrasse
und unter dem Sternenhimmel bietet einen Rundumblick über das
erleuchtete Santiago. Nachts kühlt es kaum ab, viele Menschen sind auf
den Strassen unterwegs. Auf der Dachterrasse des «Casa Grande», im
«Casa de la Trova», im «Casa del Arte» und in anderen Kneipen spielen
Bands. Unbeschränkten Einlass haben auch hier nur TouristInnen. Teils
wegen der hohen Eintrittspreise, teils wegen «Überfüllung» müssen
kubanische Männer draussen bleiben. Die kubanischen Frauen drücken sich
die Nasen an den vergitterten Fenstern platt, klimpern mit den
getuschten Wimpern und hoffen, dass einer der Gringos sich erweichen
lässt und sie mit hineinnimmt.
In einer kleinen Seitenstrasse finden wir doch noch einen Saal, in den
alle dürfen. Eine aus ganz alten und ganz jungen Männern
zusammengesetzte Son-Combo heizt mächtig ein, der Trompeter spielt
atemberaubend. Hier haben sich viele Prostituierte eingefunden, auch
die Rastaleute sind da und betteln um Getränke, Zigaretten und Münzen.
Das Abschlussbier trinken wir in einer staatlich betriebenen, düsteren
Eckkneipe, in der Betrunkene über den schmutzigen Tischen eingeschlafen
sind und abgerissene Männer letzte Geschäfte machen wollen.
Brieftaubenzüchter in Baracoa
Das Dorf am Strand scheint letzte Gelegenheit für eine Rast zu bieten,
bevor es die Passstrasse «La Farola» hinauf und weiter nach Baracoa
geht. Im einzigen Café des kleinen Ortes bekommen wir ohne Probleme ein
Glas Wasser. Bier oder Limonade gibt es aber nur in Verbindung mit
Poulet. Es ist unglaublich heiss, wir haben keinen Hunger, und Poulet
wollen wir schon gar nicht essen. Also bekommen wir hier auch kein
Bier, sagt die Wirtin, tut ihr Leid.
Eingebettet in eine schöne Landschaft aus Palmenhainen, Regenwald,
Bananen- und Kakaoplantagen, Hügeln und Flüssen mit kristallklarem
Wasser ist Baracoa so etwas wie das letzte Paradies auf Kuba. Die Stadt
mit den 40 000 EinwohnerInnen wirkt geschäftig, aber nicht hektisch.
Der knapp zwanzig Kilometer entfernte Strand Maguana ist wunderschön
und – abgesehen von einem idyllischen Vierzimmerhotel – noch unverbaut.
Die Strategen des Tourismusministeriums, hören wir, haben das Gelände
aber schon vermessen. Durch ein geöffnetes Fenster werden wir eines
Abends Augen- und Ohrenzeugen der Sitzung eines der
berühmt-berüchtigten Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR).
Vielleicht tagt hier auch nur die örtliche Parteiorganisation. Egal,
wir erleben kubanische Basisdemokratie pur. Es wird leidenschaftlich
diskutiert, die Redner unterbrechen, Stimmen überschlagen sich, immer
wieder ertönt das Wort «comida». Steht womöglich eine Hungerrevolte
bevor? Es dauert einige Minuten, bis wir merken, dass wir einer
Zusammenkunft der Brieftaubenzüchter-Vereinigung von Baracoa beiwohnen.
zurück zu Kubaner küssen besser
heim zu Avez-vous Bourbon?
heim zu Reisen durch die Vergangenheit