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Wider den Afro-Optimismus

von Reinold E. Thiel (DSE, 12. März 2001)

Afrikas Pro-Kopf-Einkommen ist heute niedriger als Ende der 60er Jahre, und es sinkt weiter. Von 1998 auf 1999 ist das Brutto-Inlandsprodukt um ein Prozent auf durchschnittlich 492 Dollar pro Kopf und Jahr gefallen. In 24 Ländern beträgt es weniger als 350 Dollar. Für Burundi werden 120 Dollar genannt, für die DR Kongo 110, für Äthiopien 100. Auch wenn diese Statistiken (der Weltbank) eher Schätzungen sind, sie spiegeln die katastrophale Realität.

In einer zunehmenden Anzahl von Ländern zerfällt die staatliche Ordnung, ist Politik durch Bandenkriege verdrängt worden - die zuletzt in die Liste Aufgenommenen sind Côte d'Ivoire, das lange als Muster an Stabilität galt, und Guinea-Conacry, auf das Banden aus den Nachbarländern übergreifen. Jeder fünfte Afrikaner lebt in einem der zahlreichen von blutigen Konflikten erschütterten Länder. Afrikas Anteil am Welthandel sinkt kontinuierlich, vor zwanzig Jahren betrug er noch rund fünf Prozent, heute weniger als ein Prozent.

Lange Zeit hat die Politik der Länder des Nordens auf diese Entwicklung in Afrika völlig unangemessen reagiert. Jede kleinste Steigerung des BIP, die man glaubte messen zu können, wurde als Zeichen der Hoffnung gedeutet, auch wenn sich angesichts höherer Wachstumsraten in anderen Weltteilen der Abstand ständig vergrößerte. Eine Handvoll Länder, die den Ratschlägen des Internationalen Währungsfonds Folge leisteten, wurden gelobt, auch wenn die Armut in diesen Ländern zunahm. Eine Gruppe junger und energischer Politiker, die in einigen Staaten die Macht übernahmen, wurden zum Bild einer "afrikanischen Renaissance" hochstilisiert, bis die meisten von ihnen sich kurz darauf in neue blutige Kriege verwickelten. Das Rezept, das man allen afrikanischen Ländern verschrieb, war einfach: Sie müssten nur die Rahmenbedingungen für eine freie Wirtschaft schaffen, müssten internationale Investitionen ermutigen, dann werde sich Entwicklung von selbst einstellen. Im Übrigen, sagte Edward Jaycox, Vizepräsident der Weltbank für Afrika, gebe es zu viele Weiße in Afrika, man müsse endlich die Afrikaner machen lassen.
In Deutschland fand - nur ein Beispiel - im Oktober 1997 eine Konferenz "wider den Afro-Pessimismus" statt. Ein Staatsminister aus dem Auswärtigen Amt verstieg sich zu der Formel von den Kleinen Löwen“, die demnächst die "Asiatischen Tiger" einholen würden, und ein Staatssekretär aus dem BMZ sprach von den "Hoffnungsträgern", deren Prognosen "von denen für einige der vielgepriesenen asiatischen Wachstumsländer nicht mehr so weit entfernt sind" (E+Z 1998:1,22). Gesundbeterei. Wie können Politiker so realitätsfern sein?

Aber hat sich etwas verändert? Ja, alle sind heute sehr besorgt, weil die Hoffnungen sich nicht erfüllt haben. Die Weltbank produziert eine neue Studie, in der das Desaster beschrieben wird: "Can Africa Claim the 21st Century?" Aber wieder bleibt am Ende der Ton der selbe: "The new century offers a window of opportunity to reverse the marginalization of Africa’s people" - welche "opportunity" denn bitte, die neu wäre? Die Weltbank sagt, unter vier Voraussetzungen könnten die Staaten Afrikas sich künftig schneller entwickeln als bisher; sie müssten

Sicher, wenn alle diese Bedingungen erfüllt wären, gäbe es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es Afrika besser ginge. Aber das ist eine Leerformel, nicht hilfreicher als frühere. Der Arzt verschreibt seine Standardtherapie, macht sich aber nicht die Mühe, vorher eine Diagnose zu stellen.

In dieser Situation hat eine Gruppe deutscher Afrika-Wissenschaftler (Ulf Engel, Robert Kappel, Stephan Klingebiel, Stefan Mair, Andreas Mehler, Siegmar Schmidt) ein "Memorandum zur Neubegründung der deutschen Afrikapolitik" veröffentlicht, dessen wichtigster Satz lautet: "Realistische Afrikapolitik benötigt realistische Analysen." Das heißt: Es ist ziemlich einfach und ziemlich nutzlos, im Think Tank solche Bedingungen zu formulieren wie das die Weltbank tut. Es ist ziemlich schwer, aber dringend erforderlich, in der gesellschaftlichen Realität herauszufinden, was ihre Verwirklichung verhindert. Ehe Konzepte formuliert werden können, wie Afrika zu helfen sei, muss verstanden werden, warum es erfolglos geblieben ist. Entwicklungsstrategien können hier nicht helfen, gebraucht wird eine Scheiternstheorie.

Kritiker des Memorandums (und des Artikels, den Robert Kappel im Dezember-Heft von E+Z geschrieben hat) haben eingewandt, man könne nicht, wie Kappel das tut, statistische Werte über Jahrzehnte hochrechnen, das sei nicht seriös, nicht wissenschaftlich. Recht haben sie. Sie übersehen nur, dass das nicht Kappel getan hat, sondern die Weltbank, die schreibt: "Halving severe poverty by 2015 will require annual growth of more than 7 percent, along with a more equitable distribution of income" - und die das dann als "new opportunity" ausgibt.
Die Weltbank führt solche Rechnungen seit Jahrzehnten vor, in allen ihren Publikationen - Kappel hat sie nur beim Wort genommen, um sie ad absurdum zu führen. Es ist gut, dass das endlich einmal jemand tut.
Natürlich ist das nicht die realistische Analyse, die die Memorandums-Autoren selbst fordern, und ich unterstelle, dass sie das wissen. Statistik ist immer ein zweifelhaftes Analyse-Instrument, weil es dazu verleitet, Korrelationen für Ursache-Wirkung-Beziehungen zu halten, ein Fehler, in den die Mainstream-Ökonomen allzu leicht verfallen. Aber die empirischen Analysen, die die Mechanismen aufdecken, durch die in Afrika ökonomische, gesellschaftliche und politische Prozesse gesteuert werden, gibt es auch, wenngleich in zu geringer Zahl. Mehr solcher Untersuchungen werden gebraucht, von Wissenschaftlern und Praktikern aus dem Süden wie aus dem Norden, und auf ihnen aufbauend realistische Scenarien, die die Wirklichkeit Afrikas nicht ignorieren, die innerhalb dieser Wirklichkeit verlässliche Strukturen schaffen, die ähnlich wie in den Wachstumsstaaten Asiens gut qualifizierten Planungsgremien Verantwortung übertragen, und die das Wohl des Volkes anstreben und nicht nur die Konten der Machthaber.

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Reiseschriftsteller des 20. Jahrhunderts