Seit Joseph Conrads "Herz der Finsternis" gilt der Kongo als
Synonym für Afrika, dessen sprichwörtliche Dunkelheit das
Licht der Aufklärung nicht zu erhellen vermag. Wie sonst nur
der Amazonas steht der von Stromschnellen durchzogene Fluss
für ungezähmte Natur und für eine von keiner Zivilisation
beleckte Kultur, deren Primitivität weiße Besucher das
Fürchten lehrt. Dass es sich dabei um ein ideologisches
Konstrukt handelt und dass die Afrikaner unsere älteren Brüder
sind, die Europa zwecks besserer Unterwerfung zu Primitiven
erklärte, spricht sich, auch 50 Jahre nach der
Entkolonialisierung, nur zögernd herum, weil die politische
Aktualität alle Negativklischees zu bestätigen scheint:
Bürgerkriege, Massaker und Völkermord, Kindersoldaten und
Warlords, Hungersnöte und Flüchtlingselend, Dürre, Hochwasser,
Ebola-Fieber und Aids - Stichworte, die den Schluss nahe
legen, dass die Entkolonialisierung gescheitert und Afrika
nicht mehr zu retten sei.
Eine die Regel bestätigende
Ausnahme bildet Südafrika, der einzige moderne Industriestaat
des Kontinents, der dank seines weisen Führers
Mandela
noch nicht im Chaos versunken ist. Aber selbst Länder wie Liberia
und Äthiopien, die nie oder nur für kurze Zeit Kolonialgebiete
waren, sind heute von Stammeskriegen und vom Zerfall jedweder
Autorität bedroht - der Zentralstaat existiert, ähnlich wie
die Nation, vielerorts nur noch auf dem Papier.
Der
Umschlag von Euphorie in Depression, von Befreiung in
Unterdrückung lässt sich besonders gut studieren am Schicksal
des Kongo, der auf der gleichnamigen Konferenz in Berlin 1885
Belgien zugesprochen wurde und seitdem als Paradebeispiel gilt
für die aus dem Kolonialismus resultierenden Grundübel
Afrikas: Ineffizienz, Bürokratie und Korruption, gepaart mit
Stammesdenken und Brutalität. Dabei war der Kongo keine
klassische Kolonie, sondern ein rohstoffreiches, aber schwer
zugängliches Urwaldgebiet in Zentralafrika, das die belgische
Königsfamilie als ihren Privatbesitz betrachtete. Bis zur
Unabhängigkeit im Jahr 1960 kümmerte sich außer Priestern und
Missionaren niemand um Schulbildung und Gesundheit der
Bevölkerung, ein Umstand, den schon
Mark Twain
geißelte.
Der Protest des amerikanischen
Schriftstellers unterschied sich kaum von dem, was Jean-Paul
Sartre ein Menschenalter später zur Ermordung von Patrice
Lumumba schrieb, der nicht nur die Hoffnungen der Kongolesen,
sondern die Sehnsucht aller Afrikaner nach einem dritten Weg
verkörperte: "Die Belgier, die Franzosen, die Engländer, die
großen Konzerne und Herr Hammarskjöld
haben Lumumba ermorden lassen durch ihre Handlanger: Kasavubu,
Mobutu,
Tschombé - und das puritanische Nordamerika hat seine Augen abgewendet, um das Blut nicht zu sehen. (...) Der
Imperialismus schert sich wenig um Menschenleben: aber konnte
er sich nicht, da er ohnehin Sieger war, den Skandal ersparen?
Nein, das konnte er nicht; darin liegt das Geheimnis dieser
schmutzigen Kombinationen: Lumumba war der Mann des
Augenblicks, als die Macht ausgehandelt wurde; danach hatte er
zu verschwinden."
Ähnlich wie Che Guevara avancierte
Patrice Lumumba durch seinen gewaltsamen Tod zum Märtyrer.
Obwohl der demokratisch gewählte Präsident sich an die USA um
Hilfe wandte, als die Sezession der Kupferprovinz Katanga das
Land spaltete und seine Macht untergrub, und obwohl er als
ehemaliger Missionsschüler dem Christentum näher stand als dem
Marxismus, wurde Lumumba als kommunistischer Demagoge
diffamiert, gefangen genommen und später ermordet - unter den
Augen der Vereinten Nationen, deren Truppen sich an der
Destabilisierung des Kongo beteiligten. Unter nie ganz
geklärten Umständen kam UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld
bei einem Flugzeugabsturz
ums Leben, und wie in einem Königsdrama von Shakespeare wurden
die Drahtzieher der Verschwörung, Kasavubu und Tschombé,
sukzessive entmachtet und gestürzt, bis Armeechef Mobutu im
November 1965 die Macht ergriff. Die Mohren hatten ihre
Schuldigkeit getan.
Korruption ist ein zu schwaches
Wort - Kleptokratie ist angemessener zur Charakterisierung des
Systems, mit dessen Hilfe Mobutu 30 Jahre lang sein Volk
ausplünderte und gleichzeitig die natürlichen Ressourcen des
Landes dem Profitstreben internationaler Konzerne überließ. Im
Namen der authenticité, der Rückkehr zu den Ursprüngen, hatte
Mobutu den Kongo in Zaire umbenannt und die Anrede Herr oder
Frau durch Bürger oder Bürgerin ersetzt. Passend dazu wurde
nach seinem Staatsbesuch in Peking eine für alle Zairer
obligatorische Einheitskleidung eingeführt: der Abacost (von
französisch "à bas le costume" - nieder mit dem europäischen
Anzug!), eine Art Parteiuniform mit hochgeschlossenem Kragen,
die für das Klima am Äquator völlig ungeeignet war.
Selbstverständlich gehörte die Abacost-Fabrik Mobutus
Familienclan.
Als ich Mitte der 80er Jahre in Kinshasa
landete, wurde ich vom Protokollchef des Flughafens, ohne die
sonst übliche Pass- und Zollkontrolle, durch die Küche des
Flughafenrestaurants ins Freie geführt, wo er mir im Beisein
der Polizei geschmuggelte Diamanten zum Verkauf anbot. Später,
beim Abendessen im vormals belgischen Offizierskasino,
forderte der Kulturminister, ein Oberst mit Stammesnarben im
Gesicht, einen Schriftsteller auf, ein Gedicht zu deklamieren,
und drohte ihm scherzhaft mit dem Finger, als dieser kleinlaut
erwiderte, er schreibe nur Prosa: "Beim nächsten Mal will ich
ein Gedicht von dir hören, ist das klar!" Der Oberst hatte am
Morgen von Mobutus Putsch am 26. November 1965 die
Radiostation besetzt und eine vorbereitete Erklärung verlesen;
seitdem galt er als Medienexperte und war vom Pressesprecher
zum Minister für Kultur und Information aufgestiegen. Er
beschwor ein Tropengewitter herauf mit dem Satz, kein Orkan
könne Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu Wa Za Banga, den Leoparden
von Zaire, vom Erdboden wegfegen.
Zehn Jahre später,
als Mobutus Gegenspieler Kabila an der Spitze seiner
Rebellenarmee in Kisangani einzog, verbreitete sich unter den
jubelnden Massen das Gerücht, Kabila und Mobutu seien ein- und
dieselbe Person, weil beide mit zweitem Vornamen Désiré
hießen. Wie so oft enthielt der Aberglaube einen rationalen
Kern, denn der vermeintliche Befreier regierte ebenso
repressiv wie sein Vorgänger, nur ohne dessen folkloristischen
Touch. Unter Kabilas Herrschaft wurde der Kongo, wie
Deutschland im 30-jährigen Krieg, zur Beute gieriger
Nachbarstaaten, die sich nun um die Uran-, Kupfer- und
Diamantenminen streiten.
Als ich Kabila im Frühjahr 1997 fragte, ob er sich dem Erbe von Lumumba und Che Guevara
verpflichtet fühle, an deren Seite er einst gekämpft hatte,
antwortete er ausweichend: Seine Politik orientiere sich an
den gegenwärtigen Bedürfnissen der Bevölkerung, und das
Herumstochern in der Vergangenheit trage nichts zur Befreiung
des Volkes bei. Die Frage kam ihm denkbar ungelegen, denn
seine von Vietnam und Kuba inspirierte Rebellenarmee wurde, in
einer bizarren Ironie der Geschichte, vom CIA unterstützt.
Ähnlich wie Mobutu besetzte er Führungspositionen mit
Familienangehörigen und Mitgliedern seines Clans, was seine
Verbündeten, die Tutsi-Soldaten von Ruanda, gegen ihn
aufbrachte. Schon Che Guevara hatte, in einem Brief an
Fidel Castro,
Kabila einen "Scheißkerl" genannt, weil dieser Politik und Geschäft vermenge: Während Che im Kampf gegen Exilkubaner
und südafrikanische Söldner sein Leben riskierte, profitierte
Kabila vom illegalen Elfenbeinexport. Noch vor der Einnahme
der Hauptstadt Kinshasa lief Mobutus graue Eminenz, der
belgische Diamantenhändler Malant, zu ihm über. Im Januar 2001
wurde Laurent Kabila von einem Leibwächter erschossen; seitdem
wird das wieder in Kongo umbenannte Land von seinem ältesten
Sohn regiert.
Ist Afrika am Ende, und gibt es keinen
Ausweg aus der Sackgasse, die jeden Befreiungsversuch in
Unterdrückung einmünden lässt? Ist der schwarze Kontinent reif
für eine als "humanitäre Intervention" getarnte Neuauflage des
Kolonialismus? Wer so argumentiert, vergisst, dass die
Kolonialherrschaft am Anfang aller Fehlentwicklungen stand.
Das heißt nicht, dass sich Afrikas Misere auf eine einzige
Ursache zurückführen lässt und dass der antikoloniale Diskurs
nicht auch der Ablenkung von hausgemachten Übeln dient. Die
Entkolonialisierung ist nicht gescheitert - sie blieb nur
unvollendet, und Lumumbas poetische Vision ist auch heute
aktuell: "Sobald du die Ketten zerbrichst, die schweren
Fesseln / vergehen die blutigen Zeiten, um nie mehr
wiederzukehren. / Ein freies und schönes Kongo wird erstehen
aus schwarzer Erde / herrliche schwarze Blüte aus schwarzer
Saat."
Der Autor schrieb mehrere Reportagen über afrikanische Bürgerkriege und veröffentlichte zuletzt den Roman "Kain und Abel in Afrika" (Verlag Volk & Welt). Im Berliner Martin-Gropius-Bau läuft noch bis 22. Juli die Ausstellung "The Short Century", ein Panorama der neueren Geschichte Afrikas.